Ich brauche einen neuen Namen

Ich brauche einen Benutzernamen. War ja klar, dass das mit dem Blogaccount viel schwieriger werden würde, als gedacht. Das ist doof, sich da jetzt gleich entscheiden zu müssen. So ein Name hängt einem doch ewig an. (Oder kann man den ändern? Keine Ahnung.) Bei meinem richtigem Namen konnte ich nicht selbst entscheiden und war trotzdem immer ganz zufrieden. Wie die Menschen in Nordkorea ja auch ganz zufrieden sein sollen damit, dass sie wirklich gar nichts entscheiden dürfen. So sagt man zumindest. („Man“ steht hier für Arian B., vor mehreren Monaten, in einer Kneipe, unter nur mäßigem Alkoholeinfluss. – Liebe Freunde, manchmal merke ich mir die unwichtigsten Sachen, die ihr so von euch gebt, aber die wirklich wichtigen vergesse ich. Naturgemäß kann ich mich nicht erinnern, je etwas vergessen zu haben, aber die ganzen [möglicherweise] vergessenen Dinge bleiben als ein Gefühl von etwas Vergessenem. Melancholie?) Aber Genaues weiß man nicht. (Dieses „man“ referiert auf eine größere Gruppe von Individuen. Denksportaufgabe: Ist die Gruppe der Individuen, die Genaues nicht wissen, identisch mit der Gruppe der Individuen, die nur Ungenaues wissen? Lösung: Sie ist es.) Könnte ich meinen richtigen Namen nehmen? Wäre das gerade gut oder gerade schlecht? (Unabhängig von der Qualität meines Namens.) Ich werde nicht meinen richtigen Nahmen nemen (absichtlicher doppelter Orthografiefehler ohne Hintersinn, nur aus Albernheit).

Nennt mich Ismael.

Warum? Darum:

„Der blasse Hilfsschulmeister – zerschlissen an Rock, Leib, Herz und Hirn – ich [Ismael; Anm. d. Bloggers] seh ihn jetzt vor mir. Ewig war er dabei, seine alten Lexika und Grammatiken mit einem seltsamen Taschentuche abzustauben, das wie zum Hohne geschmückt war mit all den fröhlichen Flaggen aller Nationen der Welt. Er liebte es, seine alten Grammatiken abzustauben; es erinnerte ihn irgendwie sanft an die eigene Sterblichkeit.“

Ismael hat begonnen, jedem Leichenzug hinterherzutrotten. Ismael ängstigt die Vorstellung, ein Hilfsschulmeister zu werden. Ismael heuert auf einem Walfangschiff an. Irgendwie toll.

Nazis und Inglourious Basterds

Der erste richtige Eintrag ins weblog handelt vom Kino. Und von anderen Dingen. Er ist wütend. Es war sinnlos, ihn zu schreiben, denn ich weiß nicht, mit wem ich da eigentlich kommunizieren möchte. Deshalb ein typischer Kandidat für das Raushau-Blog. Es muss raus.

Bye, bye Opferrolle. Seit Uma Thurman als die Braut in Kill Bill – buchstäblich Rachegöttin von den Zehen- bis in die Fingerspitzen – ein paar hundert männliche Schwertträger zermetzelte, sollte eigentlich jedem klar sein, dass Tarantino auf seine Art ein politischer Regisseur ist. Die Kill Bill der Braut – Tarantino haut es seinem Publikum mit der ihm eigenen Subtilität aufs Auge – ist als die gesellschaftliche Rechnung zu verstehen, die die Frauen mit dem Patriarchat noch offen haben.

Im Mittelpunkt von „Inglourious Basterds“ steht wieder die fantasierte Rache einer starken kämpfenden Frau, doch diesmal geht es darüber hinaus um Rache die Juden an Nazis üben. Es geht um die Selbstermächtigung der Opfer, die nicht in der für sie vorgesehenen Opferrolle bleiben, und es geht um die Macht des Kinos, ihnen alternative Bilder und Geschichten zu geben. Nicht in einem Film, der wie ein reinrassiges Heldenepos daherkommt, sondern in einem coolen Bastard von Film, einem echten Tarantino eben. Die Nazis von heute können das nicht kapieren – wenn sie die Würde und Schönheit eines Bastards erkennen würden, wären sie wohl keine Nazis –, aber dass sie gerade eine volle Breitseite abbekommen haben, das merken sie natürlich. Und das tut ihnen weh, den armen Schweinen.

Im Internet sind die Nazis sehr schön sichtbar. Anonym zwar, aber dafür Schwarz auf Weiß. Wenn die Räume im Internet so real wären, wie die Nazis, die in ihnen ihre Weltsicht verkünden, man könnte sie alle abfackeln und in die Luft jagen. Sie sind es bekanntlich nicht. Wer im Sinne Funny van Dannen Gutes tun möchte, hat hier ausgiebig die Gelegenheit dazu, mit Nazis zu diskutieren. Wer darauf keine Lust hat, sieht sich nur mit einem sehr unappetitlichen Teil der gesellschaftlichen Realität konfrontiert, den er vielleicht besser nicht verdrängen sollte.

Zwei Kommentare aus der Mitte der Forengesellschaft. Stefan als Gastkommentator bei filmstarts.de ist durchaus stolz darauf, lesen und schreiben zu können, und zitiert sogar Erich Kästner, dessen Werke diejenigen, die er vehement verteidigt, verbrannt haben: „Nie sollt ihr so tief sinken von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“ Bereitwillig durch den Kakao ziehen lässt sich nach Stefans Ansicht offenbar eine ganze Nation, nämlich die Deutsche, und zwar schon seit Jahren. Im konkreten Fall darf man annehmen von den Produzenten des Films „Inglourious Basterds“, auf den Stefan mit den Worten „Machwerk“ und „antideutsche Hetze“ referiert. Wessen Kakao sonst noch in den Jahren zuvor „die Deutschen“ so bereitwillig getrunken haben sollen, führt Stefan nicht aus.

Inzwischen gibt es ja für jede noch so dämliche Denkschablone aus welcher politischen Ecke auch immer ein griffiges Wort, was die Apologeten der entsprechenden Richtung verbreiten sollen. In diesem Fall ist es das Wort „Nationalmasochismus“, das auch Stefan gebraucht. Wie immer wird im Anschluss auch von Stefan im Brustton der Überzeugung behauptet, dass in anderen Nationen (in diesem Fall den USA) etwas vergleichbar die nationale Ehre Kränkendes keinen Erfolg hätte. Was soll man dazu noch sagen? Wer als Deutscher sein persönliches Ehrgefühl ausgerechnet an den Errungenschaften des Dritten Reichs festmacht, hat natürlich ein Problem. Scharfes Nachdenken könnte vielleicht Abhilfe schaffen. Nazis allerdings denken oftmals lieber unscharf. Es scheint tatsächlich keinen neuen Nazi in Deutschland zu geben, der gerade die Kombination aus diesem Schlagwort und diesem rhetorischem Billigtrick nicht immer und immer wieder gebrauchen würde. Dabei ist nie von Individuen, sondern immer von einem ganzen Volk die Rede – das versteht sich in einer Naziargumentation von selbst. Daneben fällt auf, dass gerade die nationale Sensibilität der verhassten Amerikaner positiv(?) hervorgehoben wird: Wenn die allerdings nur halb so stark ausgeprägt wäre, wie Stefans Sensibilität bezüglich der Akteure des Naziregimes, hätten es Leute wie Francis Ford Coppola, Oliver Stone oder – Gott bewahre! – Michael Moore oder Sacha Baron Cohen nicht sehr weit gebracht.

Es ist selbstverständlich davon auszugehen, dass Stefan Erich Kästners Gedicht „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?“ auch als nationalmasochistisch beschimpfen würde. Das Kästner-Zitat, mit dem Stefan seinen Kommentar einleitet, ist offensichtlich rhetorische Strategie: Man schmückt sich mit den Worten eines ausgewiesenen Nazigegners in der Hoffnung, selbst nicht auf den ersten Blick als Nazi erkannt zu werden. Das ist perfide.

Danach wird es dummdreist: „Eine Geschichtslektion am Rande zur Präsenz der deutschen Wehrmacht in Frankreich: Wer bitteschön hatte denn zuvor wem den Krieg erklärt? Und die Behandlung der franz. Zivilbevölkerung war insgesamt vorbildlich und es wurden lediglich Partisanen (gemäß internationaler kriegsrechtlicher Normen) bekämpft. Man vergleiche das mit den Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee…“

Die rhetorische Strategie „Ich gebe mich faktenorientiert, aber die Fakten, die mir nicht passen, lass ich einfach mal weg“ wird von Stefan hier derartig bilderbuchhaft durchgeführt, dass ich eine Schulung bzw. Gehirnwäsche in den entsprechenden politischen Kreisen für nicht unwahrscheinlich halte. Auch die Wahl des passenden Euphemismus („Präsenz der deutschen Wehrmacht“) ist ihm hier gut gelungen, allerdings klingt das nun rein stilistisch mehr nach Franz Josef Jung als nach Goebbels. Ich glaube dennoch, dass fast jeder die ausgelassenen Fakten kennt und deshalb Stefans rhetorische Strategie nicht aufgeht. Es könnte aber lehrreich sein, sich die wichtigsten Auslassungen mal anzuschauen: Großbritannien und Frankreich erklärten Deutschland den Krieg als Reaktion auf Deutschlands Überfall auf Polen, ohne der Erklärung jedoch Taten folgen zu lassen. Möglich wäre, dass Stefan, den Angriff auf Polen nicht erwähnenswert findet, weil er als neuer Nazi die Einstellung der Nazis von damals teilt. Demnach handelte es sich nicht eigentlich um einen Krieg, sondern um Landgewinnung für das deutsche Volk, weil Polen wie Russland, und anders als Frankreich und Großbritannien, von Menschen einer wertlosen Sklavenrasse bewohnt werde. Dazu würde passen, dass Stefan eine angeblich „insgesamt“(!) vorbildliche Behandlung der französischen Zivilbevölkerung betont. Die Behandlung der jüdischen französischen Zivilbevölkerung wäre bekanntlich zutreffend mit „ohne Vorbild“ beschrieben. Wie darf man die schreiende Auslassung im Kontext eines Films, in dem es genau darum geht, nun bitteschön verstehen? Vielleicht analog zur ersten Auslassung: auch die Juden sind wegen genereller Wertlosigkeit nicht erwähnenswert.  Die dritte Auslassung wäre dann folgerichtig: Auch was die Wehrmacht in Russland angerichtet hat, ist nicht erwähnenswert. Dafür wird aber dazu aufgerufen, die Verbrechen der Roten Armee mit den Taten der deutschen Besatzer in Frankreich zu verrechnen.

Auf den Film geht Stefan nicht ein. Typisch für einen Nazi ist es, Kunst nur als Instrument politischer Propaganda zu sehen. Vielleicht schließt sein Kommentar deshalb mit der in dieser Art von Kommentaren fast obligatorischen Beschimpfung der deutschen Filmförderung („politischer Skandal“), die hier natürlich mit der Allzweckwaffe des Möchtegerndemagogen verbunden ist: der Verteilung von Steuergeldern. Niemals wird in solchen Fällen ein Vorschlag gemacht, nach welchen Kriterien man Filmförderungen vergeben sollte, obwohl das ein Mindeststandard für eine redliche Argumentation wäre, wenn man schon meint, den Punkt bringen zu müssen. Für den neuen Nazi stellt sich die Angelegenheit aber viel einfacher dar: Wenn das nationale Empfinden verletzt ist, dann muss zensiert werden. Und wer wüsste besser als die Nazis, wann das der Fall ist?

Ich gehe noch auf ein zweites Beispiel ein und dann reicht es auch, dann wird es unerträglich und redundant. Auch holzmann – ebenfalls als Gastkommentartor bei Filmstarts — gibt sich betont gebildet. Im allerschönsten falschen Fremdwortgebrauch ist von einer „Omagé an die Geschmacklosigkeit unserer Zeit“ die Rede. Die Redefigur mit der Verkommenheit der Zeiten hatten wir ja auch schon im ersten Beitrag – es ist wirklich immer der selbe Quatsch. Auch er scheint schwer verletzt. Vielleicht ist er es wirklich, der Arme. Allerdings tragen Nazis das Beleidigtsein über die Verletzung ihrer nationalen Ehre gern wie eine Monstranz vor sich her. Das ist nicht nur rhetorische Strategie, es ist leider auch eine jederzeit willkürlich einsetzbare Legitimation für überzogenes Handeln (beispielsweise Gewalttaten).

holzmann nimmt die Rolle eines enttäuschten Tarantinofans ein. Das ist höchstwahrscheinlich der unredliche Versuch, möglichst viele der bekanntlich nicht wenigen Tarantinofans vom Besuch des Films abzuhalten. Was die Nazis an „Inglourious Basterds“ wirklich ärgert, und was so besonders schön anzusehen ist, wenn man ihren Ärger liest, ist ja, dass Tarantino ein viel breiteres Publikum erreicht, als andere ihrer Lieblingsfeinde (z.B. Michael Haneke). Fan ist holzmann jedenfalls kaum. Welcher Tarantinofan – eine gewisse Rechtschreibschwäche durchaus in Rechnung gestellt – würde den Namen seines Idols schon derartig falsch schreiben: „Tarrentino“? Ausgerechnet als ein sogenannter „Tarrentino Fan“ regt sich holzmann über „perfide“, „brutale“, „realitätsferne“ Tötungsmethoden auf. Welchen echten Tarantinofan will er denn damit vom Besuch des Films abhalten? Wohl nur einen, der bisher nur die Tarantinofilme gesehen hat, in denen „perfide“, „brutale“, „realitätsferne“ Tötungsmethoden keine Rolle spielen. Welche waren das noch gleich? Hhmm?? Man muss aber sagen: In den anderen Tarantinofilmen waren eben nicht Nazis die Opfer, die hatten es also möglicherweise mehr verdient, abgeschlachtet zu werden, als sagen wir: Goebbels, Bormann und Hitler.

„Nazi“ schreibt holzmann grundsätzlich in Anführungsstrichen. Das sieht ein bisschen komisch aus und erinnert an einen klassischen Titel der Satirezeitschrift Titanic: „Schrecklicher Verdacht: War Hitler Antisemit?“ Mit „Nazis“ in Anführungsstrichen arbeitet holzmann natürlich auf einen der Lieblingssprüche der Nazis von heute hin: Schände nicht das Andenken an deinen eigenen Großvater! Bei holzmann liest sich das so:

„Wie tief sind wir eigentlich gesunken, das wir uns diese Gewaltfantasien, die gegen die Generation unserer Großväter gerichtet ist, anschauen können, ohne auch nur ein bisschen davon berührt zu werden?“

Wer sich und auf welche Weise von Gewaltfantasien gegen Großvätergenerationen berühren lässt, scheint eine Frage zu sein, die holzmann gerne mit einem kollektiven „Jawohl!“ beantwortet hätte. holzmann wird dann auf eine Weise rührselig, die man fast als niedlich bezeichnen könnte:

„Wenn ich mir vorstelle das mein Opa damals im Krieg auf solche Typen gestoßen wäre die ihn dann abgeschlachtet hätten, nur weil er (wie das ja eigentlich üblich sein sollte) die Uniform seines Landes trug und in letzter Konsequenz sein Leben auch für unsereins riskiert hat um dann zu sehen wie seine Nachkommen sich an dieser Tatsache ergötzen, dann werde ich traurig und Wütend zugleich.“

Ja, das mag man sich wirklich nicht vorstellen: Mein Opa im Krieg gegen Typen, die ihn abschlachten wollen! Ich dachte ja immer mein Opa (der zweite, der, der kein Nazi war) hat im Krieg ein Auge verloren, weil es ihm im Wald einfach so aus dem Kopf geflutscht ist, und er es unter dem ganzen Laub nicht mehr wiederfinden konnte. Aber am Ende waren da womöglich Typen beteiligt, die ihn abschlachten wollten. Nicht auszudenken! Mein Opa, der sein Auge verloren hat, wäre übrigens schon ganz gerne ohne Uniform zuhause geblieben, aber das haben sie ihm nicht erlaubt. Das war tatsächlich so üblich damals. Wenn es nach ihm gegangen wäre, das mag den holzmann vielleicht beunruhigen, hätte er sein Leben also nicht riskiert.

Ich versuche, mir auch mal was vorzustellen: Angenommen die Generation unserer Großeltern hätte ihr Leben ein bisschen erfolgreicher „in letzter Konsequenz auch für unsereins“ riskiert, sodass letztlich „wir“ den Krieg gewonnen hätten – nein, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Ob holzmann in letzter Konsequenz eine Vorstellung hat, wie schön dann alles wäre?

Nun, wer also „ergötzt sich“ – schlimm, schlimm, schlimm! – an der Tatsache, dass in einem Film „solche Typen“ andere Typen abschlachten, unter denen – von Spielzeit und –ort der Fiktion her – auch die eigenen Großväter gewesen sein könnten? Ich eigentlich nicht. Jedenfalls nicht mehr, als an den abgeschlachteten Japanern in Kill Bill. Ich „ergötze“ mich an der Qualität des Films und an der Tatsache, dass diejenigen, die holzmann als „solche Typen“ tituliert, fast ausnahmslos Juden sind, es hier also erstmals (?) einen Revenge Movie gibt, der den Holocaust zum Thema hat. Warum unterschlägt holzmann gerade diese wichtige Tatsache? Ein möglicher Grund könnte sein: Genau das ist es, was ihn in Wahrheit so ärgert an dem Film. Daran könnte ich mich dann wiederum ergötzen.

Da Tarantino seinem brachialen Stil natürlich auch mit „Inglourious Basterds“ treu bleibt, kann holzmann den Film wenigstens als Vorwand nehmen, davon zu schwadronieren, dass die „Nachkommen des Krieges einander mit Würde und Respekt begegnen“ sollten. Unwahrscheinlich allerdings, dass der eindrückliche Appell Juden (bei holzmann wie gesagt nur als „solche Typen“ tituliert) mit einschließt. Denn obwohl es in „Inglourious Basterds“ um den Holocaust geht, spielt dieses unangenehme Thema in holzmanns rührseligen Betrachtungen ja keine Geige. Respekt würde man anders ausdrücken. Obwohl man also eine gewisse Unsicherheit bleibt, wer gemeint ist, sind holzmanns Forderungen doch recht deutlich. In einem Wort: Kein Wort mehr, Schwamm drüber („ohne erhobenen Zeigefinger die Geschichte hinter sich lassen und sich an einen Neuanfang trauen“). Man könnte hier einen Widerspruch sehen zu holzmanns ganzem Gesülze über die eigenen Großväter. Der Widerspruch ließe sich aber leicht auflösen, wenn man annehmen würde, dass für Herrenmenschen eben andere Maßstäbe gelten. Wenn die erst „neu anfangen“ (womit eigentlich noch mal?), muss man das wahrscheinlich sehr schnell lernen. Doch holzmann sagt, er glaube nicht, dass aus dem Neuanfang etwas werden wird, so lange sich die andere Seite so wenig sensibel zeigt. Weil nämlich „ich jeden verstehen kann, der sich mit Wut und Abscheu gegen diejenigen „Hollywoodjuden“ richtet, die eine solche Beleidigung, Demütigung, Verballhornung einer ohnehin besiegten Nation zu verantworten haben.“

Hat er sie zum Schluss endlich doch noch erwähnt die Juden! Und auch noch in der klassischen Rolle als die bösen Fädenzieher mit dem großen Geld. Aber Vorsicht, keine voreiligen Schlüsse! Er schreibt das in Anführungszeichnen, er selbst würde das so nicht ausdrücken, er kann die Leute nur verstehen, die das so sehen. Der holzmann ist gar kein Nazi. Er ist bloß ein Naziversteher. In den Internetforen findet man ganz wenige Nazis, aber ganz schön viele Naziversteher – ein interessantes Phänomen. „Hollywoodjude“ bleibt genauso in Anführungszeichen wie „Nazi“. Na klar, das scheint holzmanns Vorstellung von „mit Würde und Respekt begegnen“ zu sein. Ob Hitler wirklich Antisemit war, das ist genauso wenig raus, wie die Frage, ob die Saujuden unsere Brunnen vergiften. Wer einen „Neuanfang“ will, muss das natürlich ganz vorurteilsfrei neu bewerten.

Warum nur?

Manchmal fallen mir Sachen ein, nein, oft fallen mir Sachen ein, nein, irgendwelche Sachen fallen mir immer ein, nur sind die manchmal eben sehr einfältig (extrem dumme Wortspiele zum Beispiel). Oft schreibe ich auch Sachen auf oder nehme sie auf, versuche sie festzuhalten. Oft tu ich das auch nicht, lass den Einfall vorbei gehen, denke, wenn er gut war, wird er wiederkommen. Ob er das tut? Vielleicht. Man kann es nicht beurteilen, denn wenn er wiederkäme, käme er in veränderter Form, das ist klar. Manchmal muss das Zeug raus. Ich habe das – auch wieder so ein Einfall – einmal gleichnishaft folgendermaßen beschrieben:

„Ich hatte zu viel getrunken. Ich saß auf dem Klo, und es kam gleichzeitig aus mir raus. Hinten Durchfall und vorne ins Waschbecken gekotzt.

Dann war alles fast schon wieder gut.“

Ich dachte für einen Augenblick, das wäre doch ein guter Romananfang. Als der Augenblick vorbei war, war alles fast schon wieder ein ganz kleines bisschen besser, und ich dachte: Ja, das wäre doch ein guter Romananfang, wenn ich 14 Jahre alt wäre und Benjamin Lebert hieße. Die Crux an der Sache (ich möchte hier keine persönlichen Daten von mir nennen – das gehört zum Konzept des Raushau-Blogs – aber so viel kann ich verraten): letzteres trifft genauso wenig zu wie ersteres. Aber folgendes trifft zu: Manche Sachen möchten aufgeschrieben werden, und dann sind sie raus. Manche Sachen werden aufgeschrieben und sind trotzdem noch nicht raus. Sie sammeln sich dann als etwas an, was man aber unbedingt noch einmal durchgehen und ansehen muss, was man noch einmal überarbeiten könnte und noch einmal, und wenn man es noch einmal und noch einmal überarbeitet – und manchmal habe ich auch das schon getan – dann würde es, wenn man es danach noch einmal überarbeiten würde und dann noch mit etwas anderem kombinieren, etwas Großes werden, etwas wirklich ganz, ganz Großes. Das nervt.

Das Raushau-Blog versteht sich als Kompensationsventil (falls dieses Wort einen Sinn macht, was ich gerade ein wenig bezweifle, aber, hey, das hier ist das Raushau-Blog). Hier werden Sachen öffentlich gemacht, die das, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, nicht verdienen. So weit zumindest das provisorische Konzept, eben rausgehauen (26. Aug. 2009, abends), ich muss nur noch eine passende Software finden.

Das hier ist nicht weniger bescheuert, als wenn ich mich auf den Balkon stellen würde, um irgendwas auf die Straße hinaus zu erzählen. Irgendwas, was mich insofern beträfe, als es vorher in mir drin gewesen wäre, und was die Welt insofern beträfe, als ich ein Teil der Welt bin. Zum Beispiel: „Schweine, Schweine, alles Schweine! Haha, das glaubt ihr doch wohl selbst nicht, dass ihr damit durchkommt. Ich bin Professor für Paranekrologie magna cum laude – hören Sie! – magna cum laude, Sie Kretin!“ Oder solche Sachen oder ganz andere. Ein Raushau-Blog ist aber besser als ein Balkon, weil der ganze Scheiß für immer im Netz bleibt, und man mich eines Tages dafür zur Verantwortung ziehen wird, und dann Gnade mir Gott.

Alle weiteren Erklärungen erübrigen sich. Zur Kommentarfunktion: Ich weiß nicht, ob sie funktioniert. Ich hoffe es aber. Ausscheidungen dieser Art kommentiert man zwar nicht als erwachsener Mensch, aber ihr seid doch eh alle infantiler, als eure (möglichen) Kinder es jemals sein werden. Vor allem sind Ausscheidungen dieser Art gänzlich immun gegen Kritik. Sie sind unantastbar wie die Würde des Tieres. Doppelkreuz und Spiegelmauer.