Heute vor 21 Jahren (und übermorgen)

Am 1. Oktober 1988 gibt der damals sehr populäre Deutschrocker Rio Reiser ein Konzert in der Seelenbinder-Halle (Berlin Ost). Das Konzert wird um ein Drittel gekürzt auch im DDR-Fernsehen gezeigt. Hier ein Ausschnitt, der nicht gesendet wurde:

Jetzt kommt ein gähnender Abgrund, der sich anfühlt wie 1000 Jahre.

Übermorgen, zum Tag der deutschen Einheit, geben die aktuell beliebtesten Deutschrockbands ein Konzert vor dem Brandenburger Tor. Präsentiert wird die Veranstaltung von einem namhaften Hersteller süßlich-klebriger Softdrinks. Hauptact des Abends ist die Deutschrockgruppe Silbermond. Hier ihr Auftritt bei der Echo-Verleihung 2009 (übertragen im Ersten Deutschen Fernsehen):

Und alle so Yeaahh.

Angela und Guido ante Portas

Humor wäre, wenn man trotzdem lachen könnte.

In der Elefantenrunde sah ich zwei Wahlgewinner, die erstaunlich schlecht gelaunt wirkten. Als wären sie überzeugt, gerade einen Pyrrhussieg errungen zu haben. Ich würde es ihnen wünschen, sehe aber eigentlich nichts, was darauf hindeutet. Irgendwie schienen sie neben der großflächigen Verbreitung von Nebelschwaden, die ja schon im Wahlkampf funktioniert hatte, bemüht, allen Zuschauern glaubwürdig zu vermitteln, dass sie, was sie vor 4 Jahren wollten, aber nicht konnten, jetzt, obwohl sie es könnten, nicht mehr wollen würden, nämlich so richtig brutalstmöglich neo-con-liberal „durchregieren“ (A. Merkel 2005). Man versuchte, um das Vertrauen derjenigen zu werben, die einen mit gutem Grund nicht gewählt hatten. Nichtsdestotrotz: Wenn ich Vertrauen zu verschenken hätte, ich würde es lieber ihm (dem sympathischen Python) geben:

Sinnvolle Tötungsdelikte

Es ist ja wieder mal ein Schüler, wie es dann immer heißt: Amok gelaufen. Wenn ich von so was höre, befällt mich stets eine gewisse Schwermütigkeit. Ach ja, Amoklauf, denke ich mir dann, das wäre auch was gewesen, damals, als du noch jung warst, aber jetzt, nee, also jetzt bringt das nichts mehr, für so was bist du inzwischen einfach zu alt. Es gibt doch nichts Öderes, Uninteressanteres, Unsexieres, als einen alten Mann, der Amok läuft. Natürlich, in die Zeitung kommst du da schon auch noch, wenn du als Pensionär mit einer Schrotflinte um dich schießend durch eine Fußgängerzone läufst oder mit einem Beil deine Tochter und ihre Familie zerstückelst. Aber reden die Leute noch wochenlang über dich? Gibt es aufgeregte Diskussionen, was gegen die zunehmende Altersgewalt zu unternehmen wäre? Gibt es öffentliche Expertenrunden, die über dein verschissenes Leben Gericht sitzen? Nichts da. Kannst du alles vergessen. Wenn du erst mal in meinem Alter bist, wirst du es niemals mehr zu einem Symbol für nicht mal die klitzekleinste gesellschaftliche Fehlentwicklung bringen, da kannst du machen, was du willst. Das macht traurig und wütend zugleich, auch ein Stück weit fassungslos. Aber vor allen Dingen eben schwermütig. So werde ich nun in meinem Geiste ein wenig Amoklaufen. Interessiert zwar auch keinen, aber ein bisschen wichtig fühle ich mich dann hinterher, und das reicht mir ja schon, mehr braucht man doch gar nicht mehr in meinem Alter.

Ich hatte ja vor ein/zwei Wochen in einem Nebensatz über die Gefährlichkeit von Wespen berichtet. Ich schreibe es hier noch mal ausdrücklich: Wespen und Bienen sind die mit Abstand gefährlichsten Tiere in Deutschland. Geht einfach mal davon aus, dass der Sibirische Tiger bei der Dezimierung der Menschheit eine nicht halb so gute Arbeit abliefert. Auch in den tiefsten Tiefen der Taiga nicht, wo er noch unbestrittener König ist und sich die nackten, wilden Menschen zitternd hinter ihren wuchernden Schamhaaren zu verstecken versuchen, wenn sein Brüllen durch den dunklen Wald hallt. Ich kam neulich auf das Wespenthema zu sprechen, als ich und Björn He. mit einer Gruppe Journalisten und PR-Leuten wartend vor einem Gebäude standen und sich eine Wespe zu uns gesellte. Ich wollte für ein bisschen Unterhaltung sorgen. Ich versprach mir nicht allzu viel davon, aber wer weiß, dachte ich mir, vielleicht kriegt ja einer Panik, rennt kreischend davon und wird von einem Auto überfahren. Das wäre eine Nachricht geworden, die einen Schmunzeln lässt, wenn man sie beim sonntäglichen Frühstück auf der letzten Seite der Tageszeitung liest. Die Panikreaktion blieb aus, aber ein Kollege stieg gleich auf das Thema ein. Wespen seien nicht nur die gefährlichsten Tiere Deutschlands, wie ich behauptet hatte, sie seien sogar die gefährlichsten Tiere der Welt. Da er zudem keinen Nutzen für die Menschheit in diesen Tieren erkennen könne, wäre er dafür sie auszurotten. Er wisse, dass es nicht ökologisch korrekt sei, nur den Nutzen für die Menschen als Kriterium dafür zu nehmen, wie man sich einer Tierart gegenüber verhalte, aber das sei ihm scheißegal. Es sei möglicherweise auch schwer vorauszusagen, ob die Ausrottung der Wespen wirklich umsetzbar sei und wenn ja, ob sich eventuell doch negative Folgen für das Ökosystem einstellen könnten, die im Endeffekt auch dem Menschen schaden würden, aber im speziellen Fall der Wespen, hielte er es für nicht verkehrt, es einmal auf den Versuch ankommen zu lassen. An der Stelle warf ich zur Verteidigung der Wespen ein, dass sie meines Wissens durchaus nützlich seien, da sie Schädlinge vertilgen würden wie zum Beispiel die Miniermotte, also jenes Tier, das unseren gesamten Rosskastanienbestand ruiniert (zugegeben: sonderlich erfolgreich scheinen die Wespen in diesem Fall nicht zu sein). Er meinte, das sei ja interessant, das würde er mal recherchieren. Ein flächendeckender Einsatz von Flammenwerfern gegen Wespen bliebe seiner Ansicht nach aber in jedem Fall ein bedenkenswertes Mittel. Ich regte an, dann wenigstens eine die Maßnahme begleitende Studie durchzuführen, die auch die tödlichen Unfälle durch unsachgemäßen Flammenwerfergebrauch nicht außer Acht lasse. Hierin stimmte er mir zu. Ich hatte also einen schwachen Kompromiss für die Wespen erzielen können, der sie, wie ich leider zugeben muss, keineswegs aus der Schusslinie nahm. Ich hatte nicht gewagt, mich als großer Freund dieser Tiere zu outen, weil meine Begründung, fürchtete ich, Befremden ausgelöst hätte. Und Befremden hatte ich für heute schon genug ausgelöst. Meistens bin ich derjenige, an dem diese undankbare Aufgabe hängenbleibt, weil sich sonst offensichtlich keiner zuständig fühlt, und irgendwann reicht es mir dann halt. Die Wahrheit ist: Ich war ein bisschen feige oder sagen wir: konfliktscheu. Das liegt mir im Magen, darum reiche ich die Begründung jetzt nach.

Ich bin eben ein Tierfreund. Das beinhaltet notwendig, dass ich ein Menschenfeind bin. (Umgekehrt muss nicht jeder Menschenfeind notwendigerweise auch Tierfreund sein.) Aber es ist ganz klar, dass, wer Tiere mag, Menschen nicht mögen kann, weil Menschen nun einmal die schlimmsten Feinde der Tiere sind. Was ich an Wespen mag, ist gerade die Tatsache, dass sie so vergleichsweise erfolgreich Menschen umlegen. Es ist eine höhere Gerechtigkeit in ihrem Tun. Während mein Gesprächspartner – in vollem Bewusstsein über die Bösartigkeit seines Tuns – von der Prämisse ausging, dass sich alles dem Menschen unterzuordnen habe, nicht weil das gut so sei, sondern nur weil es gut so sei für den Menschen, sehe ich die Dinge aus der übergeordneten Perspektive, der Perspektive, die ein möglicher Gott einnehmen würde, wenn man so will. „Schau mal“, würde der Gott sagen. „40 von Wespen getöteten Menschen im Jahr, stehen wie viel von Menschen getötete Wespen gegenüber? Das sind doch unglaubliche Relationen! Und von den anderen Tieren, bei denen das Verhältnis zum Teil noch viel krasser aussieht, war hier noch gar nicht die Rede. Es ist doch klar, ach was, es ist eine Binsenweisheit, dass, wenn wir auf diesem Planeten irgend eine sinnvolle Schädlingsbeseitigungsaktion durchführen sollten, sich diese nur gegen die Menschen richten kann. Alles andere wäre schlichtweg absurd. Ich möchte aber noch einen weiteren Punkt anführen“, würde der mögliche Gott fortfahren: „Auch für dich als Mensch sind die Wespen doch viel weniger gefährlich, als die anderen Menschen. Die anderen Menschen zu vernichten, das wäre eine Sache, von der man sagen könnte, sie scheint rational, es käme auf einen Versuch an.“

Da hätte der mögliche Gott natürlich vollkommen Recht, und – um wieder auf mein eigentliches Thema zurückzukommen – es verwundert schon, warum immer wieder die vermeintliche Irrationalität von Amokläufern, das sogenannte sinnlose Töten, hervorgehoben wird. Menschen töten, macht grundsätzlich Sinn. Keinen Sinn dagegen macht es beim Menschentöten, zwischen mehr oder weniger sinnvollen Tötungsdelikten zu unterscheiden. Eine solche Unterscheidung würde aufgrund persönlicher Weltbilder unternommen, die in unvertretbarem Maß absolut gesetzt werden müssten. Problematisch am Vorgehen von Amokläufern erscheinen uns in Wahrheit auch zwei ganz andere Dinge:

a)    Der Amokläufer unterlässt es im Regelfall, die Kriterien, nach denen er seine Opfer auswählt, offenzulegen. Ein solches Vorgehen wird als im höchstem Maße intransparent kritisiert. Hier ist zur Verteidigung des sogenannten Amokläufers allerdings anzuführen, dass doch gerade die Allgemeinheit des Menschenhasses die Tötungsdelikte in besonderer Weise rechtfertigt. Würde der Täter seine Opfer nach bestimmten Kriterien auswählen, wäre es kein ordnungsgemäßer Amokläufer mehr. (Deshalb bin ich im übrigen auch dafür, jenem Schüler, der bei einem sogenannten Amoklauf vor einigen Monaten ausschließlich weibliche Mitmenschen erschoss – eine Tatsache, die in den Medien erstaunlich wenig diskutiert wurde – seinen Status als Amokläufer postum wieder abzuerkennen. Ich meine, Zurückweisung durch Frauen ist ja wohl das gewöhnlichste Mordmotiv der Welt. Das versteht doch jeder!)

b)    In den meisten Fällen von sogenanntem Amoklauf entsteht zumindest der Eindruck, dass der Täter sein Vorhaben angeht, ohne eine überzeugende Exitstrategie zu haben (Steinmeier würde sagen: Er geht kopflos rein, und um wieder rauszukommen, muss er sich dann den Kopf wegschießen.) Ich denke, das ist der wunderliche irrationale Kern beim Amoklaufen. Einen Amoklauf kann man nicht gewinnen. Doch wer nichts mehr zu verlieren hat, der muss auch nicht gewinnen. Angehörige von Amokläufern sagen gerne: „Aber er hatte doch dieses und das und jenes.“ Nun, die Beweislast, dass es ihm nichts wert war, die ist erdrückend.

Ein Amokläufer – und das lieben wir an ihm – macht eine Aussage in aller Klarheit und Deutlichkeit: “Nein, das ist alles nichts wert.“ Es ist schon cool bzw. schlimm, wenn einem das so ein junger Spund vor den Latz knallt. Das hat dann so einen apokalyptischen Drive, während es von einem Alten nur der übliche billige Zynismus wäre. Einem alten Mann wie mir, bleibt da nur noch, sich bei jedem weiteren Amoklauf, den wieder ein anderer begangen hat, die Frage zu stellen: Weiß ich überhaupt, was mir etwas wert ist? Und woher eigentlich? Ich bejahe die Frage dann immer. Schließlich gibt es die Wespen. Mit solchen faszinierenden Geschöpfen die Welt und den Menschenhass teilen zu dürfen, ist ein großartiges Geschenk. So etwas wirft man nicht einfach weg, liebe Kinder.

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Die schönsten Songs zur Bundestagswahl

Vor einiger Zeit auf der Fête de la musique habe ich „Element of Crime“ gehört. Das war schön. Danach sind auf der gleichen Bühne „Virginia Jetzt!“ aufgetreten. Das war nicht so schön. „Virginia Jetzt!“ habe ich nach diesem Konzerterlebnis endgültig in der Schublade auf der „Bands, die so tun als würden sie Pop/Rock machen, dabei machen sie Schlager“ draufsteht, einsortiert. Wenn ich ihnen damit unrecht tun sollte, täte es mir auch nicht leid.

Neulich habe ich im Radio ein Interview mit Sven Regener, dem Sänger von „Element of Crime“ gehört, in dem er auf die Frage, ob eine Band Wahlkampf machen sollte, mit einer Gegenfrage antwortete: Mal angenommen, sagte er sinngemäß, ich finde eine Band so richtig scheiße und die machen Werbung für eine Partei, die ich eigentlich eher gut finde – soll ich die Partei dann nicht mehr wählen?

Einen Tag später habe ich ein Plakat der Grünen gesehen, das eine große Wahlveranstaltung ankündigte, auf der auch „Virginia Jetzt!“ auftreten werden. Da schließt sich der Kreis.

And now to something completely different:

Unter dem seltsamen Titel “Vorsicht Opposition” (Wieso „Vorsicht“? „Vorsicht Steinschlag!“ verstehe ich ja, aber wieso sollte ich mich vor einer Opposition vorsehen müssen?) schrieb vor ein paar Wochen jemand in der Wochenzeitung „Die Zeit“ in locker-flockiger Geistlosigkeit über eine weit und unscharf umrissene Gruppe aus „Internetrebellen, Nichtwählern, jungen Aktivisten“, die er zu „Vorkämpfern eines neuen politischen Bewusstseins“ erklärte. Diese Leute seien für „die Politik“, nicht aber „für die Parteien“ „zu gewinnen“. Hervorgehoben wurde dort besonders ein Lied, mit dem die Partei „Die Piraten“ Wahlkampf für sich macht. Denn:

„Der Refrain lautet: »Freiheit, Gleichheit, Demokratie, wir haben Werte und kämpfen für sie.« Wann hat man das letzte Mal junge Menschen Hymnen auf »Freiheit und Gleichheit« singen hören? Auf die »Demokratie«?“

Also ich persönlich hatte das vor ein paar Monaten erst. Es war ein prägendes Erlebnis, deshalb fiel es mir sofort wieder ein:

http://www.youtube.com/watch?v=QgfbMVuFr-s

Ja, das hat damals richtig Spaß gemacht, sich das anzuhören. Darum habe ich mir für das heutige Blog vorgenommen, mal die Wahlkampfauftritte der Parteien, die zur Bundestagswahl antreten, nach ähnlich spannendem Songmaterial zu durchforsten. Ein allerletztes Mal Spaßwahlkampf in diesem Blog. Bitte, die Laptoplautsprecher aufdrehen, tanzen und mitsingen!

http://die-violetten.de/images/stories/audio/Die_Violetten_Das_Lied.mp3

Hier präsentiert sich im Gegensatz zum inhaltsarmen und langweiligen Wahlkampf der etablierten Parteien eine politische Bewegung einmal wahrlich sprühend vor neuen Ideen und Energie. Ob die CDU da mithalten kann?

http://www.team2009.de/teamsong.html

Ich bin beeindruckt, das ist tatsächlich noch mehr brainwashed als das Lied der Violetten. Das ist die Merkel-CDU in Reinkultur. Poetischste Zeile: „Der Moment, der Weichen stellt, hier im Strom der Zeit“

Mal ehrlich: Dieser „teamdeutschland“-Schlager ist so ekelig, dass die übliche Peinlichkeit des goldigen CDU-Nachwuchses fast erholsam wirkt:

http://www.youtube.com/watch?v=_3j09mYUXnA&feature=related

Die Jungen Liberalen können’s noch besser. In musikalischer Hinsicht ganz klar mein Favorit. Unglaublich! Natürlich auch mit entsprechend irrem Text. Bitte, das müsst ihr wirklich gehört haben. Sonst glaubt ihr’s nicht.

http://www.julis-mannheim.de/index.php?id=3264

Zur Erholung jetzt erstmal sehr schön bodenständiges Liedgut. Die FDP ist halt auch kommunalpolitisch unschlagbar: „Gibt’s beim Landbau Durcheinander, fragt getrost Hans-Heinrich-Sander. / Der kennt nicht nur rote Früchtchen, nein, auch Schweinemast und Klee! / Wollt ihr Küstenschutz und Kuh, holt euch den Lübbo noch dazu – / wenn ihr fürs Land seid, wählt die FDP!“

http://www.gesine-meissner.de/Unser_Land_braucht_Liberale%5BJazz%20Edit%5D.mp3

Die FDP-Leute brauchen wirklich keine Kultursubventionen. Auch Angela Westfehling hat mich begeistert. Was für ein Refrain!

„Nur Blau-Gelb / Und die Mitte hält / Es wird weiter geh’n / Wenn wir die Farben sehn“

http://www.angela-westfehling.de/

Bei der Linken habe ich dagegen nicht viel mehr als eine sächsische Kommunalpolitikerin gefunden, die ein kurzes Lied singt. Allerdings typisch Linke, macht sie sich’s sehr einfach. Außerdem indoktriniert sie kleine Kinder.

Die Linke scheint ihr Liedgut zu DDR-Zeiten irgendwie schon verbraucht zu haben. Und wie sieht’s mit der DKP aus? Die haben einen eigenen Wahlkampfsong nicht nötig, weil sowieso alle Liedermacher in der DKP sind oder wenigstens waren. Und wenn gar nichts mehr geht, kann man sogar noch Funny van Dannens „Ich will den Kapitalismus lieben (aber ich schaff es einfach nicht)“ unter das Werbevideo legen (7:37) oder gleich zu den mitreißenden Reden tanzen (7:15):

Von den Grünen habe ich nichts gefunden. Es ist wohl schon schlimm genug, wenn „Virginia Jetzt!“ für einen aufspielen.

Schließlich zum Abschluss die ganz originelle Piraten-Bordkapelle. Bitte sehr: „Alle, die mit uns den Bundestag entern, müssen Piraten mit Werten sein. Freiheit, Gleichheit, Demokratie – wir haben Werte und wir kämpfen für sie.“ Diesen Text einfach so lange wiederholen, bis er nicht mehr hohl und beliebig klingt, wahlweise bis man’s nicht mehr aushält (ungefähr nach 1 Minute und 30 Sekunden – tatsächlich ungewöhnlich professionell von den Piraten, dass sie das Lied so kurz halten).

http://www.youtube.com/watch?v=Zzs_9suYC28

Einen hab ich noch, aber der ist außer Konkurrenz:

Dagegen haben die „Atzen“, die Komponisten des Originals („Hey das geht ab. Wir feiern die ganze Nacht.“) geklagt. Aus ihrer Sicht logisch, denn da hat mal ein anonymer Werbeprofi aus ihrem Müll, dadurch dass er ihn in den denkbar absurdesten neuen Kontext gesetzt hat, etwas gemacht, was mühelos als gute zeitgenössische Kunst durchginge. Und allein für den Zusammenschnitt der völlig debil grinsenden Parteispitze wäre ein Echo fürs beste Musikvideo fällig. Ich habe es mir gerade noch mal angehört. Das ist wirklich fantastisch. Das ist kein Wahlkampfsong für irgend eine anscheinend überflüssig gewordene Partei mit einem ideenlosen und zynischen Bürokraten als Vizekanzlerkandidaten, das ist politische Lyrik auf der Höhe der Zeit. Und apropos auf der Höhe der Zeit: Liebe Piratenpartei, so macht man das nämlich. Man scheißt aufs Urheberrecht und stellt das Zeug einfach anonym ins Netz. Als nächsten Schritt wird die SPD den Quellcode für das Programm Steinmeier online stellen.

Zigeuner auf die Giftmülldeponie

Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl nicht loswerde, ich könnte gestern mit meinem Blog an der Erzeugung eines bestimmten Eindrucks mitgewirkt haben. Ich meine den Eindruck, dass Politik egal sei, unwichtig, eine Soap mit beliebig austauschbaren Akteuren, und am Ende wird darüber abgestimmt, welcher Kandidat die stilvollste Krawattenwahl getroffen hat.

Ich verlinke hier einen Artikel über ein wichtiges Thema. Damit wenigstens im Politikteil meines Blogs die Maßstäbe dafür, was wichtig und was unwichtig ist, nicht völlig verloren gehen. (Wenn man den Artikel bis zum Ende durchliest, kann man auch sehen, warum es im Zweifelsfall eben doch eine Katastrophe bedeuten kann, CDU zu wählen.)

http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/der-hass-auf-die-roma/

Die Größte anzunehmende Koalition

Mir ist aufgefallen, dass sehr viele Blogger, ganz anders als ich, intensiv die Tagespolitik kommentieren. Das heißt nicht zwingend, dass sie politisch informiert wären. Der beliebteste deutsche Blog bei WordPress.com ist z.B. von einem Bundesvizevorsitzenden einer Partei mit dem einprägsamen Namen „Piraten“, der von sich sagt, ein unpolitischer Mensch zu sein, und das sogar eindrucksvoll belegen kann: Vor vier Tagen hat er einer Zeitung mit dem – wie er meinte – doch eigentlich liberal klingenden Namen „Junge Freiheit“ ein Interview gegeben und zeigte sich hinterher verwundert, warum die so komische Fragen bezüglich der Zensur rechtsradikaler Internetseiten gestellt haben. (Eine kurze Google-Recherche nach der Interviewanfrage hatte er trotz doch sicher stark ausgeprägter Internetaffinität seltsamerweise nicht hingekriegt. Aber vielleicht wäre die Information, dass es sich um ein rechtsextremes Blatt handelt ja ohnehin wegen irgendwelcher Zensurgesetze unauffindbar gewesen.)

Dem Konzept des Raushau-Blogs entspricht es, Dinge zu kommentieren, ganz egal, ob man was davon versteht oder nicht. Es geht ja ums Raushauen. Also warum nicht auch mal was z.B.  zum Merkel-Steinmeier-Gespräch schreiben, wenn es halt dringend raus muss. Bei vielen Bloggern musste es raus, und auch bei mir entstand das Bedürfnis, was darüber zu bloggen. Es wurde zwar nicht direkt ausgelöst durch die Fernsehsendung, sondern durch das Gefühl, sonst irgendwie mal wieder nicht dazuzugehören, aber als Bedürfnis ist es jetzt halt mal da.

Ja gut, also ich sag mal: Das Gespräch zwischen Kanzlerin und Vizekanzlerin (nee Quatsch: Vizekanzler, wobei: „Kanzlerin und Vizekanzler“ haut jetzt so rein sprachlogisch auch nicht ganz hin, oder?), also das Gespräch zwischen der Kanzlerin und ihrem Vize verlief ja nun der politischen Sachlage entsprechend eher reibungslos. Die Kanzlerin kündigte zwar an, mit der FDP zu koalieren, weil man dann mehr Atomkraft und weniger Steuern machen könnte. Aber halt nur, wenn das denn von den Mehrheiten her gehen sollte. Wenn nicht, dann halt nicht, auch nicht weiter schlimm. Der Vizekanzler fand, es sei schlimm, wenn sie mit der FDP koalieren würde, wegen der Atomkraft und der Finanzierung der Steuersenkungen, deshalb solle man halt besser ihn wählen. Das war’s eigentlich schon. Einige Analysten fanden noch toll, dass der Vizekanzler auch mal gelächelt habe.

Ich habe mir, um mich umfassend zu informieren, auch noch das Gespräch mit den Fraktionsvorsitzenden der Opposition am darauffolgenden Tag angesehen. Hier war das Journalisten-Politiker-Verhältnis beinahe umgekehrt: Während sich Merkel und Steinmeier gleich vier Journalisten gegenüber sahen, hatte man hier mit Westerwelle, Trittin und Lafontaine drei Politiker, denen nur zwei Journalisten gegenüberstanden. Hat erstaunlicherweise aber auch funktioniert: Obwohl sie in der Überzahl waren, haben sich die Politiker anständig benommen und nicht mit Papierkügelchen geschmissen oder mit Tinte gespritzt. Die Konstellation auch dieses Gesprächs hatte etwas interessant Uninteressantes. Waren sich die Kanzlerin und ihr Vize logischerweise einig darin, alles richtig gemacht zu haben, waren sich die Vorsitzenden der Oppositionsfraktionen logischerweise einig darin, dass die das meiste falsch gemacht hatten. Man sieht, es kommen komische Ergebnisse heraus, wenn man versucht, etwas wie die Präsidentschaftskanditatendebatte aus den USA 1:1 für die BRD zu übernehmen, obwohl hier ganz andere Verhältnisse bestehen. Doch können einen solche komischen Ergebnisse auch auf interessante Ideen bringen.

Grüne, Linke und FDP hatten mehr gegen die große Koalition als gegeneinander vorzutragen. Obwohl natürlich gewisse weltanschauliche Differenzen zwischen Lafontaine und Westerwelle nicht zu übersehen waren, bestand doch in vielen Punkten durchaus Einigkeit, und die ganze Rhetorik wirkte nicht unerbitterlich konfrontativ. Westerwelle sah sich genötigt, an einigen Stellen ausdrücklich zu betonen, dass hier ein Unterschied zwischen Linkspartei und FDP bestehe, während Lafontaine wiederholt darauf bestand, dass dieser und jener – tatsächlich nicht sonderlich FDP-ähnlich klingende – Vorschlag aus dem Munde des FDP-Vorsitzenden von der Linken abgekupfert worden sei, der einzigen Partei, die schon vor der Finanzkrise gefordert habe, was jetzt mehr oder weniger alle fordern würden.

Ich werfe einen Blick auf die aktuelle Forsa-Umfrage zur Bundestagswahl. Demnach kämen CDU (35%) und SPD (21%) zusammen gerade einmal auf 56 % der Stimmen. FDP (14%), Linke (14%) und Grüne (10%) hätten zusammen immerhin 38%. Dann sind da noch 6% Sonstige. Eine erheblich geschwächte große oder eine schwarz-gelbe Koalition wären möglich. Da ist aber noch Bewegung drin, wie der Fachmann sagt. In letzter Zeit höre ich von allen möglichen Seiten, diese abstruse Partei namens „Piraten“ könne vielleicht die 5% Hürde schaffen. Ich nehme hier einfach mal an, das klappt. Weiter nehme ich an, dass sie keiner der im Bundestag vertretenen Parteien viele Stimmen wegnehmen wird, da sie sich ja als eine Bewegung der Unpolitischen versteht, und die wären sonst vermutlich gar nicht zur Wahl gegangen. Ich rechne also noch mal 5% Piraten dazu. Dann wäre eine große Koalition mit 56% zu 43 % möglich. Aufgrund des langweiligen TV-Duells zwischen Merkel und Steinmeier, nehme ich an, wird es weder CDU noch SPD gelingen, in den nächsten zwei Wochen noch zusätzliche Wähler zu mobilisieren. Ich glaube im Gegenteil, sie werden noch ein kleines bisschen mehr in der Wählergunst sinken. Steinmeier, heißt es, habe ein wenig besser ausgesehen, als Merkel, sagen wir also, die CDU verliert weitere 4%, die SPD 3%. Die CDU verliert natürlich an die FDP, die damit endlich, endlich, was haben wir darauf gewartet, ihr Projekt 18 verwirklicht hat. Die SPD auch, denn sie verliert noch ein weiteres Prozent an die Linke und 2% an die Grünen. Dann ergibt sich folgende Konstellation: CDU: 31%, SPD: 18%, FDP: 18%, Linke: 15%, Grüne: 12%, Piraten: 5%.

Damit wäre eine Koalition mit nur zwei Parteien rechnerisch nicht mehr möglich (nur eine Duldung einer solchen Koalition wäre denkbar). Jetzt würden natürlich sofort die üblichen Überlegungen einsetzen: Jamaika, Ampel oder Rot-Rot-Grün?

Die Ampel hat Westerwelle kategorisch ausgeschlossen. Allerdings könnte er bei dieser Konstellation das Kanzleramt für sich beanspruchen, denn die FDP hätte genauso viel Stimmen wie die SPD. Unter diesen Umständen, würde er es sich vielleicht noch mal überlegen, aber da die SPD ja dazu neigt, das höchste Amt selbst dann für sich zu beanspruchen, wenn sie weniger Stimmen als der Koalitionspartner hat (vgl. Schröder 2005 und jetzt Matschie in Thüringen) kann man diese Variante wohl ausschließen.

Jamaika wird am Atomausstieg scheitern. Das dürfte die allereinzigste Frage sein, die für die Grünen wirklich nicht verhandelbar ist. Umgekehrt kann man wohl ausschließen, dass Union und FDP, wenn sie zusammen regieren würden, gegen die geballte Kraft ihrer Lobbygruppen am Atomausstieg festhalten könnten.

Rot-Rot-Grün? Haha! Wäre bei dem desaströsen SPD-Ergebnis rein rechnerisch nicht möglich. Steinmeier und Münte müssten sich also keine Sorgen machen, von ihrer Partei abgesägt zu werden, damit der Weg für das Linksbündnis frei wäre.

Also was machen wir jetzt? CDU+SPD+x? x=FDP? Ausgeschlossen. Das kann sich die SPD nach der Wahlniederlage nicht antun, dann lieber Opposition. x=Linke? Im Vorfeld gleich von beiden Parteien ausgeschlossen. x=Grüne? Das könnte vielleicht gehen. Andere Möglichkeiten für die SPD? Nö. Mit 18% abgestraft und dann noch in irgendwelchen wackeligen Konstellationen, in denen auch immer noch die Linkspartei drin wäre? Das klappt nicht. Andere Möglichkeiten für die CDU? Nur unter Beteiligung der Linken oder der Piraten, da glaube ich nicht dran.

Bleibt neben Schwarz-Rot-Grün nur noch folgende reizvolle Variante, ich nenne sie die Größte anzunehmende Koalition: FDP, Grüne, Linke und Piraten. Das klingt erst mal unmöglich, aber genau so wird es kommen. Warum?

Aus der Sicht der FDP ist es klar. In dieser Konstellation würde Guido Westerwelle Kanzler werden. Dafür wird er bereit sein, die ein oder andere Kröte zu schlucken (Lafontaine als Superminister für Wirtschaft und Finanzen). Für die Grünen könnte Schwarz-Rot-Grün zunächst attraktiver erscheinen: In Rot-Grün hat man Übung, die CDU ist kein Schreckgespenst mehr, und man hätte es mit zwei Wahlverlierern zu tun, könnte also theoretisch auftrumpfen. Andererseits man käme in eine geschwächte, aber doch in eine „große“ Koalition rein, wäre da immer noch der kleinste Partner. Alle würden sagen: Die Grünen sind die Partei, die dafür sorgt, dass die abgewählte große Koalition weitermachen kann. Das klingt nicht attraktiv. Dagegen wäre die Größte anzunehmende Koalition die Koalition, die die abgewählte große Koalition auch wirklich ablösen würde. Zudem hat man mit der Linken viele programmatische Gemeinsamkeiten, und man würde in die Geschichte eingehen als eine Partei, die den ersten schwulen deutschen Kanzler mitgewählt hat. Auch wenn es leider Westerwelle wäre, das würden sich die Grünen nicht entgehen lassen. Für die Linke wird es natürlich schwieriger, Guido Westerwelle als Kanzler zu akzeptieren. Lafontaine müsste unbedingt das Superministerium für Wirtschaft und Finanzen für sich beanspruchen. Das wäre natürlich ein Déjàvu-Erlebnis. Wenn er schon unter Schröder als Kanzler hingeschmissen hat, wie sollte er es dann unter Westerwelle aushalten? Hier muss man allerdings in Rechnung stellen, dass die Zeiten sich geändert haben: Schröder war der Kanzler der Wirtschaftsblase, der als Sozialdemokrat – seinem Vorbild Tony Blair hinterherhinkend – den neoliberalen Zeitgeist in entsprechende Politik umgesetzt hat. Westerwelle könnte umgekehrt der wirtschaftsliberale Kanzler werden, der unter dem Druck des gewandelten Zeitgeistes eine Regulierung der Finanzmärkte angeht. So gesehen könnte es Lafontaine unter ihm leichter haben, als unter Schröder. Da ihm auch international der Wind nicht mehr so scharf entgegenweht, dürfte er weniger Grund für trotzige Reaktionen haben und dementsprechend auch kompromissbereiter sein. Ach ja, dann wären da noch die Mehrheitsbeschaffer von der Piratenpartei: Gebt ihnen ein Ministerium für Internet und Gedöns dann freuen sie sich einen Kullerkeks und sind ruhig. Sonst zieht sie bei den Koalitionsverhandlungen über den Tisch. Gegen euch stimmen werden sie ohnehin nicht, denn dann müssten sie mit CDU und SPD stimmen, den beiden Parteien gegen deren Politik sie angetreten sind.

Schlussstatement: Unter dem Eindruck der beiden Fernsehsendungen, dem Regierungsduett und dem Oppositionsterzett, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass eine Größte anzunehmende Koalition der drei von ihrer Herkunft und Geschichte so verschiedenen Oppositionsparteien (+ die twitternde Berufsjugend) der ultimative Konsens ist, der unser Land in den Zeiten der Krise voranbringen wird. Jenseits ideologischer Grabenkämpfe sollten sich hier verantwortungsvolle Macher und Entscheider zusammen finden und einen neuen Weg gehen. Die Chancen, dass nach dem 27. September ein wirklicher Ruck durch unser Land geht, sind größer, als manch einer vielleicht heute noch glauben mag.

Ein überfahrener Fuchs

Wenn ihr wieder einen Toten zu beklagen habt, macht euch das angst, macht euch das wütend, euch, die ihr euch immer für die Schlausten gehalten habt, weil ihr ja schließlich schon immer die Schlausten gewesen seid?

Den Luchsen, den dummen großen Katzen, haben sie im Harz einen Stein errichtet, den Luchsstein. Genau an der Stelle, wo sie den letzten Harzer Luchs erschossen haben. Das war im Jahr 1818 gewesen, ein Jahr zuvor hatten sie die letzte Wildkatze erledigt. 30 Jahre später gab es keinen Luchs mehr in Deutschland, keinen einzigen. Das Denkmal steht noch, obwohl inzwischen wieder Luchse da sind, aus dem Ausland importierte Exemplare. „Auswildern“ nennen sie das, als ob diese Wälder, in die sie sie reinsetzen, irgendwas mit Wildnis zu tun hätten.

Die Luchse, die Bären, die Wölfe und was weiß ich wie viele Arten noch – schon vor über 100 Jahren konnten sie sich für ihre Vernichtung feiern. Aber euch war nicht beizukommen. Ihr wart schon immer die Schlausten. Wie gerne hätten sie auch euch ausgemerzt. Sie haben es versucht über Jahrhunderte, aber sie haben es nicht geschafft. Nicht ansatzweise. Deshalb haben sie einen gewissen kranken Respekt entwickelt, schlicht dafür, dass es euch immer wieder gelang, ihrem Vernichtungswillen zu entgehen. Sie erfanden Reinecke Fuchs, sie machten euch zum Symbol für Schlauheit oder Schläue oder Cleverness, wohl auch Intelligenz – nicht für Klugheit oder gar Weisheit, das nicht –, bezeichneten euch als die schlausten aller Tiere. Und wenn es darum geht, ganz schnell zu erkennen, wie man überlebt, seid ihr das vermutlich auch. Wahrscheinlich verachteten sie die anderen Tiere dafür, dass sie sich hatten ausrotten lassen. Vielleicht war das der ganze Zweck der Massentötungsübung gewesen: ein Tier finden, das stark und schlau genug war, dem zu entgehen, ein Tier, vor dem man Respekt haben konnte. Doch sicher hätten sie sich ein größeres gewünscht. Eigentlich hätte es der Bär werden müssen. Ihr wart kein Gegner, vor dem man Angst haben musste. Doch der große Bär leider auch nicht: Der letzte starb schon vor dem letzten Luchs.

Und jetzt habt ihr wieder täglich neue Tote zu beklagen. Einen sah ich auf einer Hauptverkehrsstraße im Wedding liegen. Keinen Tag tot und schon flacher als ein Fußabtreter. Doch wahrscheinlich glaubt ihr dennoch daran, dass euch kein Mensch wird aufhalten können, wenn ihr in die Herzen der Städte vordringt. Wahrscheinlich erschreckt euch die Vorstellung kaum, dass ihr einen hohen Blutzoll werdet entrichten müssen. Das seid ihr schließlich gewöhnt. Ihr wisst noch genau, wie viele von euch in den 1970er Jahren starben, als in Deutschland die Angst vor der Tollwut durch die hohlen Köpfe der Menschen schwappte und die Behörden Gas in eure Bauten leiten ließen. Doch am Ende erwies sich die Aktion als ein einziges Desaster: Fast der gesamte Dachsbestand wurde in seinen Behausungen vergast, aber ihr wart nicht totzukriegen. Und wenn ihr täglich Hunderte auf den Straßen der Großstädte verlieren solltet, es würde euch wohl keine Angst machen. Ihr wisst, dass ihr in zehn, spätestens in 20 Jahren die großen Städte des Landes kontrollieren werdet, auf eure Art. Der Lauf der Geschichte wird nicht mehr aufzuhalten sein.

Ihr wisst auch, was mit den Wölfen geschah. Wie sie vor vielen tausend Jahren schon vor der Wahl standen, den Menschen zu dienen oder von ihnen bekämpft zu werden.

Die eine Hälfte entschied sich fürs Dienen und wurde verkümmert zu Haushunden, zu armseligen Wesen, deren Lebenszweck darin besteht, mit dem Schwanz zu wedeln, im schlimmsten Fall so verzüchtet, dass man vielleicht denken würde, jemand habe ein Meerschweinchen mit schwerem Herzfehler mit einem Grottenolm gekreuzt, aber niemals, dass sie in direkter Linie vom Wolf abstammen. Doch die Hunde leben – und wie! In Anbetracht des Schadens, den sie durch ihre schiere Anzahl verursachen, müssten die Menschen eigentlich alljährlich mit Rücksicht auf die ländlichen und die urbanen Ökosysteme die Hälfte des Hundebestands zum Abschuss freigeben. Bei jedem anderen Tier würden sie so vorgehen. Doch in diesem Fall wird das niemals geschehen. Zu wichtig sind die Hunde für die soziale Hygiene der strikt hierarchisch organisierten menschlichen Gesellschaften. Diejenigen die hauptsächlich Befehle entgegen zu nehmen haben, brauchen ein dienendes Tier, dem sie Befehle geben dürfen. Die Ventilfunktion der Hunde ist so bedeutend, dass die Menschen Verluste bei den eigenen Jungen dafür in Kauf nehmen. Jedes Jahr werden in Deutschland vier Menschenkinder von psychisch kranken Hunden getötet – nicht bloß verletzt, getötet. Gewiss: Eine lächerlich kleine Zahl, wenn man sie mit dem vergleicht, was die Menschen sich gegenseitig antun. Da müssen sie nicht mal die Bundeswehr einsetzen. Jedes Oktoberfest dürfte mehr Todesopfer fordern. Aber hier geht es um Tiere. Und da haben nur Wespen und Bienen dank der steigenden Anzahl von Allergikern inzwischen einen noch imposanteren Bodycount vorzuweisen. Unter den Tieren sind die Hunde die psychopathischen Killer. Und die holen sich die Menschen in ihre Wohnzimmer. Sie spüren die Seelenverwandtschaft – das wird es sein.

Das also geschah mit der einen Hälfte. Die andere Hälfte, die sich entschied, Wolf zu bleiben, wurde schließlich vernichtet. Auch als man den letzten Wolf erschossen hatte, feierte man sich selbst mit der Errichtung eines Denkmals.

Ihr wart nicht wie die Wölfe und auch nicht wie die Katzen, denen es ähnlich erging. Von euch wurde keiner zum Haustier und trotzdem habt ihr überlebt. Und nun geht ihr daran, die Städte einzunehmen. Doch in eurem Eroberungsfeldzug seid ihr Getriebene. Euch bleibt keine Wahl. Es waren die Städte, die euch zuerst euren Lebensraum nahmen. Ihr zogt euch zurück, aber nie zu weit. Ihr behieltet sie im Blickfeld, beobachtetet sie über Hunderte von Jahren.

Es kamen die Straßen und Kanäle und Eisenbahntrassen. Erst langsam, aber stetig, dann plötzlich mit ungeheurer Geschwindigkeit. Da war es fast, wie wenn sie ein Netz über euch und alle anderen Tiere geworfen hätten. Viele starben, aber einige überlebten in seinen engen Maschen. Allen dürfte klar gewesen sein, dass man verkümmert, wenn man zu lange in engen Maschen lebt. Doch was hättet ihr tun sollen?

Eins war seltsam: Im gleichen Moment, in dem sie das tödliche Straßennetz auswarfen, begannen die Menschen von den großen Wäldern zu träumen. Sie spürten den Verlust und dachten, wenn sie sie in ihren Träumen behalten könnten, müsste es möglich sein, ihn zu kompensieren. Sie nannten es Sehnsucht wie eine Krankheit und erklärten sich bald – mehr oder weniger freiwillig – selbst für krank, weil sie nicht anders konnten, als immer wieder in diese Träume zurückzukehren. Sie gestanden es sich nicht zu, da letzten Endes doch alles gut war, immer gemütlicher wurde. Bald war die ganze Welt zu ihrem Wohnzimmer geworden. Die Felder sahen noch entfernt aus wie Felder, aber man hatte sie chemisch reinigen lassen. Die Wälder sahen nicht einmal mehr aus wie Wälder. Und die Wiesen wurden durch sattgrüne Auslegware ersetzt. Und mit der Zeit verblassten auch die Wälder in ihren Träumen.

Zu diesem Zeitpunkt habt ihr euch aufgemacht, die Städte zu erobern. Ihr erkanntet, dass ohnehin alles Wohnzimmer der Menschen war, und ihr stelltet euch eine einfache Frage: Welcher Teil dieses Wohnzimmers kann uns am meisten bieten? Ihr gingt vorurteilsfrei und systematisch an die Frage heran und als ihr zu einem überraschenden Ergebnis kamt, erschrakt ihr nicht, sondern handeltet danach.

Die Straßen sind tödlich, das ja, und ihr ernährt euch fast nur von Abfall, auch das stimmt. Aber dafür ist das Angebot an Abfall überwältigend groß, und es ist billig zu haben. Und niemand hier wird auf euch schießen. Die Menschenmassen sind euer Schutz. Euch ist schon bewusst, wie ähnlich ihr den Menschen in den Städten seid? Doch die Gefahr, dass ihr zu Hunden werden könntet, besteht nicht. Die Menschen haben genug Haustiere, zwischen denen sie auswählen können. Niemand wird seine Zeit damit verschwenden, einen Fuchs zu zähmen.

Eure zweite Invasionswelle ist in vollem Gang. Die Parks an den Stadträndern habt ihr längst verlassen und seid in die Zentren vorgerückt. Dass noch einige mehr von euch unter die Räder der Autos kommen werden, das habt ihr einkalkuliert. Wichtiger ist, dass ihr schon jetzt ein Etappenziel erreicht habt: Kaum ein Mensch ist mehr überrascht, wenn er einen von euch über den Alexanderplatz spazieren sieht. Manche fühlen sich schwach an einen Traum erinnert. In dem müssen sie in einem großen Wald gewesen sein, aber was sonst noch geschah, haben sie vergessen. Und bald werden sie unsicher, ob sie euch wirklich gesehen haben oder ob ihr nicht eher ein Teil dieses Traums wart, an den sie sich nicht mehr erinnern können. Und sie kommen zu dem Schluss, dass es so oder so eher unwichtig ist. Schließlich halten sie keine Gänse mehr, ihre Nahrung wächst in Regalen und Tiefkühltruhen. Sie sind sehr arglos geworden. Auch dass hinter euch schon die Wildschweine nachrücken, beunruhigt sie nur ganz leicht.

Die Städte sind ihre Machtzentren. Dort müsst ihr sie schlagen. Dann werden sie auch die Kontrolle über die ländlichen Gebiete verlieren. Nutzt eure Anpassungsfähigkeit für eine zermürbende Guerillataktik, verursacht Sachschaden, stört ihre Infrastruktur Und wo ihr nur könnt: Tötet ihre Haustiere. Am wichtigsten: Schafft Räume, in denen ihr unbehelligt auftreten könnt, nicht im Versteckten, sondern dort, wo viele Menschen sind. Euer größter Vorteil: Dort können sie nicht auf euch schießen, auf keinen Fall, wenn ihr in größerer Anzahl auftretet. Schafft die Möglichkeit, dass weitere Tiere anderer Arten nachrücken können. Es muss sich erst langsam steigern, aber dann müssen sie lawinenartig da sein über den Menschen in den Städten, so wie sich damals das Straßennetz über euch geworfen hat.

Wenn ihr die Menschen in ihre Höhlen zurückdrängt, dann werden ihre Wohnzimmer wieder Welt werden, in der Platz für viele Arten ist. Wenn die Menschen verschwunden sind, wird alles wieder gut. Ihr werdet ihnen keinen Gedenkstein errichten.

Dirty Dancing

Hastunichgesehn hatsu wieder Dinge gesehn, die wolltstu nie sehn. Das macht die Zeitvernichtungsmaschine YouTube. Ich habe „Dirty Dancing“ ja noch nie gesehen und dachte bislang auch immer, das sei nicht weiter schlimm. Doch jetzt bin ich auf diesen nur leicht modifizierten Trailer gestoßen und seitdem frage ich mich, ob ich vielleicht ein Meisterwerk verpasst haben könnte. Ist am Ende wieder das Patriarchat schuld? Wird „Dirty Dancing“ von der Kritik unterschätzt, weil es ein Film ist, den vor allem Frauen mochten?

Eerie.

Jeanette Biedermann und die Brandstifter

Meine Mama hatte einen Traum. In diesem Traum waren in ihrer Wohnung an allen erdenklichen Stellen Brandmelder angebracht. Meine Mama dachte sich in ihrem Traum zunächst nichts dabei. Hatte sie letztes Weihnachten selbst veranlasst, die Brandmelder zu installieren? Für den Fall, dass sie und mein Papa einschlafen sollten, während die Kerzen am Christbaum herunterbrennen und zunächst den Baum, dann die Wohnung, dann das ganze Haus sowie die angrenzenden Häuser in Schutt und Asche legen würden? Das wäre denkbar. Oder waren die Brandmelder einfach schon immer in der Wohnung gewesen? Im Traum wusste sie es nicht. Das mit den Brandmeldern schien jedenfalls zunächst so seine Richtigkeit zu haben. Doch dann sprach sie ein Mann auf der Straße an. Meine Mama kann sich nicht erinnern, wie er aussah. Gut möglich, dass er zu jener Art von Traumgestalten gehörte, die gar kein erkennbares Aussehen haben, was einen im Traum fast nie stört und erst nach dem Erwachen, falls man sich an ihre Handlungen noch erinnern kann, irritiert. Der Mann warnte meine Mama vor den Brandmeldern in ihrer Wohnung. Manche davon seien ja wirklich ganz harmlose Brandmelder, aber eben bei weitem nicht alle. Er würde annehmen, dass mehr als die Hälfte der vermeintlichen Brandmelder getarnte Überwachungskameras seien. Besonders die Brandmelder an den helleren Stellen der Wohnung seien verdächtig, weil man dort naturgemäß die besten Bilder bekäme. An dieser Stelle verliert sich der Traum meiner Mama im Nebel eines anderen Traums, der ihr nicht im Gedächtnis geblieben ist. Ob sie die falschen Brandmelder gefunden hätte? Was sie dann wohl weiter getan hätte? Sie zerstören? Beim Innenministerium eine Beschwerde einreichen? Oder sich besser ganz ruhig verhalten, so als wäre gar nichts geschehen, und vielleicht in Zukunft die helleren Ecken der Wohnung meiden? Und ob ihr beim Nachdenken darüber, was nun zu tun sei, auch wieder eingefallen wäre, wer die Brandmelder einmal in der Wohnung installiert hatte und aus welchem Grund?

Christian S. war in der Wortspielhölle gewesen (nur zu Besuch) und hatte mir von dort die Überschrift dieses Artikels mitgebracht. Christian S. gehört zu den letzten Menschen unserer westlichen Wertegemeinschaft, die sich ihren Kopf weitgehend freigehalten haben von überflüssigem Wissen. Deshalb überraschte es ihn, beim Googlen nach einem bekannten Theaterstück nicht von Dürrenmatt, sondern von diesem anderen Schweizer da, als allererstes auf den Namen einer Soapdarstellerin und Sängerin zu stoßen, von der er zuvor noch nie etwas gehört hatte. Die Kombination von ihrem Namen und dem Titel des bekannten Dramas von diesem Schweizer, dessen Zeug man in der Schule immer lesen musste, wenn man nicht gerade den Kram von dem anderen Schweizer namens Dürrenmatt las, übte einen eigentümlichen Reiz aus auf Christian S. Vage und verschwommen stand ihm ein neues Drama mit dem modifizierten Titel vor Augen, zunächst einmal reichte aber der fantastische Klang dieses Titel aus, um ein Glücksgefühl in ihm hervorzurufen: Jeanette Biedermann und die Brandstifter …

Was, denke ich mir nun, wenn man den Traum meiner Mutter und diesen Titel kombinieren könnte? Nehmen wir einmal an, meine Mutter hieße Jeanette – also nicht meine richtige Mutter, sondern meine Mutter, wie sie im Traum meiner richtigen Mutter gewesen war. Dann könnte man dem feinen Wortspiel noch einen weiteren Dreh verpassen, der es auf eine andere Ebene versetzen würde, vom ersten Kreis der Wortspielhölle in den zweiten gewissermaßen: Jeanette Biedermann und die Brandmelder. Ja, das könnte etwas werden.

Nun muss ich zu meiner nur geringen Überraschung feststellen, dass mir der Inhalt des ursprünglichen Dramas nicht mehr präsent ist, obgleich ich mir sicher bin, es mindestens einmal nicht bloß gelesen, nein, sogar so richtig unterrichtsmäßig durchgenommen zu haben. Ein kurzes Nachschauen bei Wikipedia fördert Erstaunliches zutage: Die Frau Biedermann im Stück heißt mit Vornamen Babette. Das hört sich ja fast genauso an wie Jeanette. Könnte es sein, dass vor einigen Jahren eine junge Frau – vielleicht hieß sie Johanna Müller? – auf der verzweifelten Suche nach einem Künstlernamen, gerade als im Deutschunterricht „Biedermann und die Brandstifter“ durchgekaut wurde, eine Eingebung hatte? Vielleicht stellte sie sich vor, sie, also Jeanette, und Babette seien eineiige Zwillingsschwestern. Äußerlich zum Verwechseln ähnlich, aber von entgegengesetztem Charakter. Von Babette Biedermann heißt es bei Wikipedia, dass Max Frisch sie als eine passive, schwache Figur gezeichnet habe, Jeanette dagegen wäre aktiv und stark. In Situationen, in denen Babette nicht mehr weiter wusste, würde Jeanette beherzt eingreifen und die Dinge für sie in Ordnung bringen. Da niemand – auch Herr Biedermann nicht – die beiden auseinanderhalten konnte, würde es auch nie jemandem auffallen, wenn die Zwillingsschwestern wieder einmal die Rollen tauschten. Genau so muss es sich die junge Frau, als sie sich den Künstlernamen Jeanette Biedermann gab, vorgestellt haben. Und in ihrer Vorstellung ging auch die Geschichte mit den Brandstiftern ganz anders aus, weil sie sich nicht von denen einschüchtern ließ. Diese Fantasie wollen wir in unser noch zu schreibendes Drama übernehmen. Am besten schon im Titel: „Jeanette und Babette Biedermann und die Brandmelder“ Das ist zwar sehr lang, aber es klingt verdammt gut. (Es hat auch so einen sympathischen Anklang an Hanni und Nanni, der, wo es um Jeanette Biedermann geht, gar nicht verkehrt sein kann.)

Da wir die Brandstifter durch Brandmelder ersetzt haben und Brandmelder im Traum meiner Mama nicht Personen sind, die einen Brand melden, sondern eben jene Artefakte, die das Wort in seiner lexikalisierten Bedeutung bezeichnet, sind uns die Antagonisten unseres Dramas verloren gegangen. Wir besorgen uns ein paar neue, indem wir einen weiteren Abstecher in die Wortspielhölle unternehmen.

Als Christian S. sein Jeanette-Biedermann-und-die-Brandstifter-Wortspiel zum besten gab, fiel mir sofort ein anderes Wortspiel ein, was sich auf die gleiche Person bezog. Ich fragte Christian S., ob ihm die Band „Wir sind Helden“ etwas sage. Wie bereits erwähnt, hat Christian S. kein überflüssiges Wissen in seinem Gehirn gespeichert, folglich kannte er diese Berliner Popgruppe nicht. Die Sängerin besagter Band hat sämtliche Kreise der Wortspielhölle mehrfach auf ihren nackten Füßen durchschritten. Daher nimmt es nicht Wunder, dass sie sich in einer Zeile des Liedes „Zieh dir was an“, um ihre Kollegin Jeanette zu dissen, folgenden Wortspiels bedient: „Dein Sex ist total bieder, Mann, total idiotisch.“

Dazu schweige ich an dieser Stelle betreten. Peinlich für mich, dass es mir sofort einfiel. Aber wenn ich gedanklich nun schon einmal hier angelangt bin, dann kann ich natürlich den Künstlernamen der Sängerin nicht auslassen. Christian, halt dich fest (der Rest der Welt weiß schon, was jetzt kommt), die Frau nennt sich Judith Holofernes.

Damit hätten wir die Antagonisten des Dramas: Einen sprechenden Männerkopf namens Holofernes und eine junge Frau namens Judith, deren Kopf allerdings vollständig verschleiert ist. Am Ende wird sich selbstverständlich herausstellen, dass beide eine Person sind. Unter dem Schleier befindet sich nämlich nichts, und der Männerkopf gehört auf den Frauenkörper. Doch so weit sind wir noch nicht.

In den ersten Akten geht es darum, dass Judith Babette davon überzeugt, in ihrer Wohnung Brandmelder zu installieren, während Holofernes Jeanette vor den Überwachungskameras warnt. Das große Finale ereignet sich schließlich am Heiligen Abend. Um die Brandsicherheit zu erhöhen, hat Babette auf Anraten Judiths die Weihnachtsbaumkerzen durch zwei vierfarbige Lichterketten ersetzt. Gleichzeitig hat Jeanette von Holofernes erfahren, wie sie die beiden Lichterketten miteinander verknoten kann, um einen Kurzschluss auszulösen, der zunächst den Baum, dann die Wohnung, dann das Haus und schließlich die umliegenden Häuser in Brand setzen wird. Holofernes rät ihr, am ersten Weihnachtsfeiertag auf diese Weise die Brandmelder zu testen: Während die echten Brandmelder pflichtgemäß Alarm schlagen würden, würden sich die falschen durch ihre schiere Untätigkeit verraten. Jeanette kann es allerdings nicht abwarten und schreitet schon am Heiligen Abend zur Tat. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Sie muss erkennen, dass sämtliche Brandmelder Kameras waren, und alle ihre Weihnachtsgeschenke werden ein Opfer der Flammen. Die Kameras jedoch haben das Drama live ins Fernsehen übertragen und Babette und Judith werden vom Publikum gerade noch rechtzeitig aus der Wohnung gevotet. Holofernes und Jeanette aber müssen verbrennen. Während Judith daraufhin ihre Kopflosigkeit entschleiert und eingesteht, dass der Versuch der großflächigen Wohnraumüberwachung mit als Brandmeldern getarnten Kameras ein bedauernswerter Fehler war, enthüllt Babette, dass in Wahrheit sie ihre Schwester Jeanette ist, die ganze Geschichte superschnell und extrabillig produziert und dabei alle guten Ideen einfach bei einem bekannten Schweizer Schriftsteller geklaut hat. Dabei kann sie im Vergleich mit Friedrich Dürrenmatt viel schlechter singen und tanzen! Das Publikum im Deutschen Theater, das nur aus Mädchen mit bauchfreien Hemden und Jungen mit modischen Strubbelfrisuren besteht, fällt daraufhin dem Wahnsinn anheim. Zusammen mit den Schauspielern singt es den Michael-Jackson-Song „Scream“ in der Version von Britney Speares, die ebenfalls anwesend ist und im Vordergrund der Bühne unter großer öffentlicher Anteilnahme verstirbt.

So in etwa.

Kurzschluss.