Jeanette Biedermann und die Brandstifter

Meine Mama hatte einen Traum. In diesem Traum waren in ihrer Wohnung an allen erdenklichen Stellen Brandmelder angebracht. Meine Mama dachte sich in ihrem Traum zunächst nichts dabei. Hatte sie letztes Weihnachten selbst veranlasst, die Brandmelder zu installieren? Für den Fall, dass sie und mein Papa einschlafen sollten, während die Kerzen am Christbaum herunterbrennen und zunächst den Baum, dann die Wohnung, dann das ganze Haus sowie die angrenzenden Häuser in Schutt und Asche legen würden? Das wäre denkbar. Oder waren die Brandmelder einfach schon immer in der Wohnung gewesen? Im Traum wusste sie es nicht. Das mit den Brandmeldern schien jedenfalls zunächst so seine Richtigkeit zu haben. Doch dann sprach sie ein Mann auf der Straße an. Meine Mama kann sich nicht erinnern, wie er aussah. Gut möglich, dass er zu jener Art von Traumgestalten gehörte, die gar kein erkennbares Aussehen haben, was einen im Traum fast nie stört und erst nach dem Erwachen, falls man sich an ihre Handlungen noch erinnern kann, irritiert. Der Mann warnte meine Mama vor den Brandmeldern in ihrer Wohnung. Manche davon seien ja wirklich ganz harmlose Brandmelder, aber eben bei weitem nicht alle. Er würde annehmen, dass mehr als die Hälfte der vermeintlichen Brandmelder getarnte Überwachungskameras seien. Besonders die Brandmelder an den helleren Stellen der Wohnung seien verdächtig, weil man dort naturgemäß die besten Bilder bekäme. An dieser Stelle verliert sich der Traum meiner Mama im Nebel eines anderen Traums, der ihr nicht im Gedächtnis geblieben ist. Ob sie die falschen Brandmelder gefunden hätte? Was sie dann wohl weiter getan hätte? Sie zerstören? Beim Innenministerium eine Beschwerde einreichen? Oder sich besser ganz ruhig verhalten, so als wäre gar nichts geschehen, und vielleicht in Zukunft die helleren Ecken der Wohnung meiden? Und ob ihr beim Nachdenken darüber, was nun zu tun sei, auch wieder eingefallen wäre, wer die Brandmelder einmal in der Wohnung installiert hatte und aus welchem Grund?

Christian S. war in der Wortspielhölle gewesen (nur zu Besuch) und hatte mir von dort die Überschrift dieses Artikels mitgebracht. Christian S. gehört zu den letzten Menschen unserer westlichen Wertegemeinschaft, die sich ihren Kopf weitgehend freigehalten haben von überflüssigem Wissen. Deshalb überraschte es ihn, beim Googlen nach einem bekannten Theaterstück nicht von Dürrenmatt, sondern von diesem anderen Schweizer da, als allererstes auf den Namen einer Soapdarstellerin und Sängerin zu stoßen, von der er zuvor noch nie etwas gehört hatte. Die Kombination von ihrem Namen und dem Titel des bekannten Dramas von diesem Schweizer, dessen Zeug man in der Schule immer lesen musste, wenn man nicht gerade den Kram von dem anderen Schweizer namens Dürrenmatt las, übte einen eigentümlichen Reiz aus auf Christian S. Vage und verschwommen stand ihm ein neues Drama mit dem modifizierten Titel vor Augen, zunächst einmal reichte aber der fantastische Klang dieses Titel aus, um ein Glücksgefühl in ihm hervorzurufen: Jeanette Biedermann und die Brandstifter …

Was, denke ich mir nun, wenn man den Traum meiner Mutter und diesen Titel kombinieren könnte? Nehmen wir einmal an, meine Mutter hieße Jeanette – also nicht meine richtige Mutter, sondern meine Mutter, wie sie im Traum meiner richtigen Mutter gewesen war. Dann könnte man dem feinen Wortspiel noch einen weiteren Dreh verpassen, der es auf eine andere Ebene versetzen würde, vom ersten Kreis der Wortspielhölle in den zweiten gewissermaßen: Jeanette Biedermann und die Brandmelder. Ja, das könnte etwas werden.

Nun muss ich zu meiner nur geringen Überraschung feststellen, dass mir der Inhalt des ursprünglichen Dramas nicht mehr präsent ist, obgleich ich mir sicher bin, es mindestens einmal nicht bloß gelesen, nein, sogar so richtig unterrichtsmäßig durchgenommen zu haben. Ein kurzes Nachschauen bei Wikipedia fördert Erstaunliches zutage: Die Frau Biedermann im Stück heißt mit Vornamen Babette. Das hört sich ja fast genauso an wie Jeanette. Könnte es sein, dass vor einigen Jahren eine junge Frau – vielleicht hieß sie Johanna Müller? – auf der verzweifelten Suche nach einem Künstlernamen, gerade als im Deutschunterricht „Biedermann und die Brandstifter“ durchgekaut wurde, eine Eingebung hatte? Vielleicht stellte sie sich vor, sie, also Jeanette, und Babette seien eineiige Zwillingsschwestern. Äußerlich zum Verwechseln ähnlich, aber von entgegengesetztem Charakter. Von Babette Biedermann heißt es bei Wikipedia, dass Max Frisch sie als eine passive, schwache Figur gezeichnet habe, Jeanette dagegen wäre aktiv und stark. In Situationen, in denen Babette nicht mehr weiter wusste, würde Jeanette beherzt eingreifen und die Dinge für sie in Ordnung bringen. Da niemand – auch Herr Biedermann nicht – die beiden auseinanderhalten konnte, würde es auch nie jemandem auffallen, wenn die Zwillingsschwestern wieder einmal die Rollen tauschten. Genau so muss es sich die junge Frau, als sie sich den Künstlernamen Jeanette Biedermann gab, vorgestellt haben. Und in ihrer Vorstellung ging auch die Geschichte mit den Brandstiftern ganz anders aus, weil sie sich nicht von denen einschüchtern ließ. Diese Fantasie wollen wir in unser noch zu schreibendes Drama übernehmen. Am besten schon im Titel: „Jeanette und Babette Biedermann und die Brandmelder“ Das ist zwar sehr lang, aber es klingt verdammt gut. (Es hat auch so einen sympathischen Anklang an Hanni und Nanni, der, wo es um Jeanette Biedermann geht, gar nicht verkehrt sein kann.)

Da wir die Brandstifter durch Brandmelder ersetzt haben und Brandmelder im Traum meiner Mama nicht Personen sind, die einen Brand melden, sondern eben jene Artefakte, die das Wort in seiner lexikalisierten Bedeutung bezeichnet, sind uns die Antagonisten unseres Dramas verloren gegangen. Wir besorgen uns ein paar neue, indem wir einen weiteren Abstecher in die Wortspielhölle unternehmen.

Als Christian S. sein Jeanette-Biedermann-und-die-Brandstifter-Wortspiel zum besten gab, fiel mir sofort ein anderes Wortspiel ein, was sich auf die gleiche Person bezog. Ich fragte Christian S., ob ihm die Band „Wir sind Helden“ etwas sage. Wie bereits erwähnt, hat Christian S. kein überflüssiges Wissen in seinem Gehirn gespeichert, folglich kannte er diese Berliner Popgruppe nicht. Die Sängerin besagter Band hat sämtliche Kreise der Wortspielhölle mehrfach auf ihren nackten Füßen durchschritten. Daher nimmt es nicht Wunder, dass sie sich in einer Zeile des Liedes „Zieh dir was an“, um ihre Kollegin Jeanette zu dissen, folgenden Wortspiels bedient: „Dein Sex ist total bieder, Mann, total idiotisch.“

Dazu schweige ich an dieser Stelle betreten. Peinlich für mich, dass es mir sofort einfiel. Aber wenn ich gedanklich nun schon einmal hier angelangt bin, dann kann ich natürlich den Künstlernamen der Sängerin nicht auslassen. Christian, halt dich fest (der Rest der Welt weiß schon, was jetzt kommt), die Frau nennt sich Judith Holofernes.

Damit hätten wir die Antagonisten des Dramas: Einen sprechenden Männerkopf namens Holofernes und eine junge Frau namens Judith, deren Kopf allerdings vollständig verschleiert ist. Am Ende wird sich selbstverständlich herausstellen, dass beide eine Person sind. Unter dem Schleier befindet sich nämlich nichts, und der Männerkopf gehört auf den Frauenkörper. Doch so weit sind wir noch nicht.

In den ersten Akten geht es darum, dass Judith Babette davon überzeugt, in ihrer Wohnung Brandmelder zu installieren, während Holofernes Jeanette vor den Überwachungskameras warnt. Das große Finale ereignet sich schließlich am Heiligen Abend. Um die Brandsicherheit zu erhöhen, hat Babette auf Anraten Judiths die Weihnachtsbaumkerzen durch zwei vierfarbige Lichterketten ersetzt. Gleichzeitig hat Jeanette von Holofernes erfahren, wie sie die beiden Lichterketten miteinander verknoten kann, um einen Kurzschluss auszulösen, der zunächst den Baum, dann die Wohnung, dann das Haus und schließlich die umliegenden Häuser in Brand setzen wird. Holofernes rät ihr, am ersten Weihnachtsfeiertag auf diese Weise die Brandmelder zu testen: Während die echten Brandmelder pflichtgemäß Alarm schlagen würden, würden sich die falschen durch ihre schiere Untätigkeit verraten. Jeanette kann es allerdings nicht abwarten und schreitet schon am Heiligen Abend zur Tat. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Sie muss erkennen, dass sämtliche Brandmelder Kameras waren, und alle ihre Weihnachtsgeschenke werden ein Opfer der Flammen. Die Kameras jedoch haben das Drama live ins Fernsehen übertragen und Babette und Judith werden vom Publikum gerade noch rechtzeitig aus der Wohnung gevotet. Holofernes und Jeanette aber müssen verbrennen. Während Judith daraufhin ihre Kopflosigkeit entschleiert und eingesteht, dass der Versuch der großflächigen Wohnraumüberwachung mit als Brandmeldern getarnten Kameras ein bedauernswerter Fehler war, enthüllt Babette, dass in Wahrheit sie ihre Schwester Jeanette ist, die ganze Geschichte superschnell und extrabillig produziert und dabei alle guten Ideen einfach bei einem bekannten Schweizer Schriftsteller geklaut hat. Dabei kann sie im Vergleich mit Friedrich Dürrenmatt viel schlechter singen und tanzen! Das Publikum im Deutschen Theater, das nur aus Mädchen mit bauchfreien Hemden und Jungen mit modischen Strubbelfrisuren besteht, fällt daraufhin dem Wahnsinn anheim. Zusammen mit den Schauspielern singt es den Michael-Jackson-Song „Scream“ in der Version von Britney Speares, die ebenfalls anwesend ist und im Vordergrund der Bühne unter großer öffentlicher Anteilnahme verstirbt.

So in etwa.

Kurzschluss.

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5 Kommentare zu “Jeanette Biedermann und die Brandstifter

    • Nett, dass du mich bittest. Ich lass mich ja gerne bitten. Ja, ich bin voll dran mir vorzunehmen, mal auf ne Lesebühne … Das wäre dann auch ungefähr 1 Jahr gereift als Entschluss. Ich glaube, da könnte ich mal.

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