Ein überfahrener Fuchs

Wenn ihr wieder einen Toten zu beklagen habt, macht euch das angst, macht euch das wütend, euch, die ihr euch immer für die Schlausten gehalten habt, weil ihr ja schließlich schon immer die Schlausten gewesen seid?

Den Luchsen, den dummen großen Katzen, haben sie im Harz einen Stein errichtet, den Luchsstein. Genau an der Stelle, wo sie den letzten Harzer Luchs erschossen haben. Das war im Jahr 1818 gewesen, ein Jahr zuvor hatten sie die letzte Wildkatze erledigt. 30 Jahre später gab es keinen Luchs mehr in Deutschland, keinen einzigen. Das Denkmal steht noch, obwohl inzwischen wieder Luchse da sind, aus dem Ausland importierte Exemplare. „Auswildern“ nennen sie das, als ob diese Wälder, in die sie sie reinsetzen, irgendwas mit Wildnis zu tun hätten.

Die Luchse, die Bären, die Wölfe und was weiß ich wie viele Arten noch – schon vor über 100 Jahren konnten sie sich für ihre Vernichtung feiern. Aber euch war nicht beizukommen. Ihr wart schon immer die Schlausten. Wie gerne hätten sie auch euch ausgemerzt. Sie haben es versucht über Jahrhunderte, aber sie haben es nicht geschafft. Nicht ansatzweise. Deshalb haben sie einen gewissen kranken Respekt entwickelt, schlicht dafür, dass es euch immer wieder gelang, ihrem Vernichtungswillen zu entgehen. Sie erfanden Reinecke Fuchs, sie machten euch zum Symbol für Schlauheit oder Schläue oder Cleverness, wohl auch Intelligenz – nicht für Klugheit oder gar Weisheit, das nicht –, bezeichneten euch als die schlausten aller Tiere. Und wenn es darum geht, ganz schnell zu erkennen, wie man überlebt, seid ihr das vermutlich auch. Wahrscheinlich verachteten sie die anderen Tiere dafür, dass sie sich hatten ausrotten lassen. Vielleicht war das der ganze Zweck der Massentötungsübung gewesen: ein Tier finden, das stark und schlau genug war, dem zu entgehen, ein Tier, vor dem man Respekt haben konnte. Doch sicher hätten sie sich ein größeres gewünscht. Eigentlich hätte es der Bär werden müssen. Ihr wart kein Gegner, vor dem man Angst haben musste. Doch der große Bär leider auch nicht: Der letzte starb schon vor dem letzten Luchs.

Und jetzt habt ihr wieder täglich neue Tote zu beklagen. Einen sah ich auf einer Hauptverkehrsstraße im Wedding liegen. Keinen Tag tot und schon flacher als ein Fußabtreter. Doch wahrscheinlich glaubt ihr dennoch daran, dass euch kein Mensch wird aufhalten können, wenn ihr in die Herzen der Städte vordringt. Wahrscheinlich erschreckt euch die Vorstellung kaum, dass ihr einen hohen Blutzoll werdet entrichten müssen. Das seid ihr schließlich gewöhnt. Ihr wisst noch genau, wie viele von euch in den 1970er Jahren starben, als in Deutschland die Angst vor der Tollwut durch die hohlen Köpfe der Menschen schwappte und die Behörden Gas in eure Bauten leiten ließen. Doch am Ende erwies sich die Aktion als ein einziges Desaster: Fast der gesamte Dachsbestand wurde in seinen Behausungen vergast, aber ihr wart nicht totzukriegen. Und wenn ihr täglich Hunderte auf den Straßen der Großstädte verlieren solltet, es würde euch wohl keine Angst machen. Ihr wisst, dass ihr in zehn, spätestens in 20 Jahren die großen Städte des Landes kontrollieren werdet, auf eure Art. Der Lauf der Geschichte wird nicht mehr aufzuhalten sein.

Ihr wisst auch, was mit den Wölfen geschah. Wie sie vor vielen tausend Jahren schon vor der Wahl standen, den Menschen zu dienen oder von ihnen bekämpft zu werden.

Die eine Hälfte entschied sich fürs Dienen und wurde verkümmert zu Haushunden, zu armseligen Wesen, deren Lebenszweck darin besteht, mit dem Schwanz zu wedeln, im schlimmsten Fall so verzüchtet, dass man vielleicht denken würde, jemand habe ein Meerschweinchen mit schwerem Herzfehler mit einem Grottenolm gekreuzt, aber niemals, dass sie in direkter Linie vom Wolf abstammen. Doch die Hunde leben – und wie! In Anbetracht des Schadens, den sie durch ihre schiere Anzahl verursachen, müssten die Menschen eigentlich alljährlich mit Rücksicht auf die ländlichen und die urbanen Ökosysteme die Hälfte des Hundebestands zum Abschuss freigeben. Bei jedem anderen Tier würden sie so vorgehen. Doch in diesem Fall wird das niemals geschehen. Zu wichtig sind die Hunde für die soziale Hygiene der strikt hierarchisch organisierten menschlichen Gesellschaften. Diejenigen die hauptsächlich Befehle entgegen zu nehmen haben, brauchen ein dienendes Tier, dem sie Befehle geben dürfen. Die Ventilfunktion der Hunde ist so bedeutend, dass die Menschen Verluste bei den eigenen Jungen dafür in Kauf nehmen. Jedes Jahr werden in Deutschland vier Menschenkinder von psychisch kranken Hunden getötet – nicht bloß verletzt, getötet. Gewiss: Eine lächerlich kleine Zahl, wenn man sie mit dem vergleicht, was die Menschen sich gegenseitig antun. Da müssen sie nicht mal die Bundeswehr einsetzen. Jedes Oktoberfest dürfte mehr Todesopfer fordern. Aber hier geht es um Tiere. Und da haben nur Wespen und Bienen dank der steigenden Anzahl von Allergikern inzwischen einen noch imposanteren Bodycount vorzuweisen. Unter den Tieren sind die Hunde die psychopathischen Killer. Und die holen sich die Menschen in ihre Wohnzimmer. Sie spüren die Seelenverwandtschaft – das wird es sein.

Das also geschah mit der einen Hälfte. Die andere Hälfte, die sich entschied, Wolf zu bleiben, wurde schließlich vernichtet. Auch als man den letzten Wolf erschossen hatte, feierte man sich selbst mit der Errichtung eines Denkmals.

Ihr wart nicht wie die Wölfe und auch nicht wie die Katzen, denen es ähnlich erging. Von euch wurde keiner zum Haustier und trotzdem habt ihr überlebt. Und nun geht ihr daran, die Städte einzunehmen. Doch in eurem Eroberungsfeldzug seid ihr Getriebene. Euch bleibt keine Wahl. Es waren die Städte, die euch zuerst euren Lebensraum nahmen. Ihr zogt euch zurück, aber nie zu weit. Ihr behieltet sie im Blickfeld, beobachtetet sie über Hunderte von Jahren.

Es kamen die Straßen und Kanäle und Eisenbahntrassen. Erst langsam, aber stetig, dann plötzlich mit ungeheurer Geschwindigkeit. Da war es fast, wie wenn sie ein Netz über euch und alle anderen Tiere geworfen hätten. Viele starben, aber einige überlebten in seinen engen Maschen. Allen dürfte klar gewesen sein, dass man verkümmert, wenn man zu lange in engen Maschen lebt. Doch was hättet ihr tun sollen?

Eins war seltsam: Im gleichen Moment, in dem sie das tödliche Straßennetz auswarfen, begannen die Menschen von den großen Wäldern zu träumen. Sie spürten den Verlust und dachten, wenn sie sie in ihren Träumen behalten könnten, müsste es möglich sein, ihn zu kompensieren. Sie nannten es Sehnsucht wie eine Krankheit und erklärten sich bald – mehr oder weniger freiwillig – selbst für krank, weil sie nicht anders konnten, als immer wieder in diese Träume zurückzukehren. Sie gestanden es sich nicht zu, da letzten Endes doch alles gut war, immer gemütlicher wurde. Bald war die ganze Welt zu ihrem Wohnzimmer geworden. Die Felder sahen noch entfernt aus wie Felder, aber man hatte sie chemisch reinigen lassen. Die Wälder sahen nicht einmal mehr aus wie Wälder. Und die Wiesen wurden durch sattgrüne Auslegware ersetzt. Und mit der Zeit verblassten auch die Wälder in ihren Träumen.

Zu diesem Zeitpunkt habt ihr euch aufgemacht, die Städte zu erobern. Ihr erkanntet, dass ohnehin alles Wohnzimmer der Menschen war, und ihr stelltet euch eine einfache Frage: Welcher Teil dieses Wohnzimmers kann uns am meisten bieten? Ihr gingt vorurteilsfrei und systematisch an die Frage heran und als ihr zu einem überraschenden Ergebnis kamt, erschrakt ihr nicht, sondern handeltet danach.

Die Straßen sind tödlich, das ja, und ihr ernährt euch fast nur von Abfall, auch das stimmt. Aber dafür ist das Angebot an Abfall überwältigend groß, und es ist billig zu haben. Und niemand hier wird auf euch schießen. Die Menschenmassen sind euer Schutz. Euch ist schon bewusst, wie ähnlich ihr den Menschen in den Städten seid? Doch die Gefahr, dass ihr zu Hunden werden könntet, besteht nicht. Die Menschen haben genug Haustiere, zwischen denen sie auswählen können. Niemand wird seine Zeit damit verschwenden, einen Fuchs zu zähmen.

Eure zweite Invasionswelle ist in vollem Gang. Die Parks an den Stadträndern habt ihr längst verlassen und seid in die Zentren vorgerückt. Dass noch einige mehr von euch unter die Räder der Autos kommen werden, das habt ihr einkalkuliert. Wichtiger ist, dass ihr schon jetzt ein Etappenziel erreicht habt: Kaum ein Mensch ist mehr überrascht, wenn er einen von euch über den Alexanderplatz spazieren sieht. Manche fühlen sich schwach an einen Traum erinnert. In dem müssen sie in einem großen Wald gewesen sein, aber was sonst noch geschah, haben sie vergessen. Und bald werden sie unsicher, ob sie euch wirklich gesehen haben oder ob ihr nicht eher ein Teil dieses Traums wart, an den sie sich nicht mehr erinnern können. Und sie kommen zu dem Schluss, dass es so oder so eher unwichtig ist. Schließlich halten sie keine Gänse mehr, ihre Nahrung wächst in Regalen und Tiefkühltruhen. Sie sind sehr arglos geworden. Auch dass hinter euch schon die Wildschweine nachrücken, beunruhigt sie nur ganz leicht.

Die Städte sind ihre Machtzentren. Dort müsst ihr sie schlagen. Dann werden sie auch die Kontrolle über die ländlichen Gebiete verlieren. Nutzt eure Anpassungsfähigkeit für eine zermürbende Guerillataktik, verursacht Sachschaden, stört ihre Infrastruktur Und wo ihr nur könnt: Tötet ihre Haustiere. Am wichtigsten: Schafft Räume, in denen ihr unbehelligt auftreten könnt, nicht im Versteckten, sondern dort, wo viele Menschen sind. Euer größter Vorteil: Dort können sie nicht auf euch schießen, auf keinen Fall, wenn ihr in größerer Anzahl auftretet. Schafft die Möglichkeit, dass weitere Tiere anderer Arten nachrücken können. Es muss sich erst langsam steigern, aber dann müssen sie lawinenartig da sein über den Menschen in den Städten, so wie sich damals das Straßennetz über euch geworfen hat.

Wenn ihr die Menschen in ihre Höhlen zurückdrängt, dann werden ihre Wohnzimmer wieder Welt werden, in der Platz für viele Arten ist. Wenn die Menschen verschwunden sind, wird alles wieder gut. Ihr werdet ihnen keinen Gedenkstein errichten.

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