Sinnvolle Tötungsdelikte

Es ist ja wieder mal ein Schüler, wie es dann immer heißt: Amok gelaufen. Wenn ich von so was höre, befällt mich stets eine gewisse Schwermütigkeit. Ach ja, Amoklauf, denke ich mir dann, das wäre auch was gewesen, damals, als du noch jung warst, aber jetzt, nee, also jetzt bringt das nichts mehr, für so was bist du inzwischen einfach zu alt. Es gibt doch nichts Öderes, Uninteressanteres, Unsexieres, als einen alten Mann, der Amok läuft. Natürlich, in die Zeitung kommst du da schon auch noch, wenn du als Pensionär mit einer Schrotflinte um dich schießend durch eine Fußgängerzone läufst oder mit einem Beil deine Tochter und ihre Familie zerstückelst. Aber reden die Leute noch wochenlang über dich? Gibt es aufgeregte Diskussionen, was gegen die zunehmende Altersgewalt zu unternehmen wäre? Gibt es öffentliche Expertenrunden, die über dein verschissenes Leben Gericht sitzen? Nichts da. Kannst du alles vergessen. Wenn du erst mal in meinem Alter bist, wirst du es niemals mehr zu einem Symbol für nicht mal die klitzekleinste gesellschaftliche Fehlentwicklung bringen, da kannst du machen, was du willst. Das macht traurig und wütend zugleich, auch ein Stück weit fassungslos. Aber vor allen Dingen eben schwermütig. So werde ich nun in meinem Geiste ein wenig Amoklaufen. Interessiert zwar auch keinen, aber ein bisschen wichtig fühle ich mich dann hinterher, und das reicht mir ja schon, mehr braucht man doch gar nicht mehr in meinem Alter.

Ich hatte ja vor ein/zwei Wochen in einem Nebensatz über die Gefährlichkeit von Wespen berichtet. Ich schreibe es hier noch mal ausdrücklich: Wespen und Bienen sind die mit Abstand gefährlichsten Tiere in Deutschland. Geht einfach mal davon aus, dass der Sibirische Tiger bei der Dezimierung der Menschheit eine nicht halb so gute Arbeit abliefert. Auch in den tiefsten Tiefen der Taiga nicht, wo er noch unbestrittener König ist und sich die nackten, wilden Menschen zitternd hinter ihren wuchernden Schamhaaren zu verstecken versuchen, wenn sein Brüllen durch den dunklen Wald hallt. Ich kam neulich auf das Wespenthema zu sprechen, als ich und Björn He. mit einer Gruppe Journalisten und PR-Leuten wartend vor einem Gebäude standen und sich eine Wespe zu uns gesellte. Ich wollte für ein bisschen Unterhaltung sorgen. Ich versprach mir nicht allzu viel davon, aber wer weiß, dachte ich mir, vielleicht kriegt ja einer Panik, rennt kreischend davon und wird von einem Auto überfahren. Das wäre eine Nachricht geworden, die einen Schmunzeln lässt, wenn man sie beim sonntäglichen Frühstück auf der letzten Seite der Tageszeitung liest. Die Panikreaktion blieb aus, aber ein Kollege stieg gleich auf das Thema ein. Wespen seien nicht nur die gefährlichsten Tiere Deutschlands, wie ich behauptet hatte, sie seien sogar die gefährlichsten Tiere der Welt. Da er zudem keinen Nutzen für die Menschheit in diesen Tieren erkennen könne, wäre er dafür sie auszurotten. Er wisse, dass es nicht ökologisch korrekt sei, nur den Nutzen für die Menschen als Kriterium dafür zu nehmen, wie man sich einer Tierart gegenüber verhalte, aber das sei ihm scheißegal. Es sei möglicherweise auch schwer vorauszusagen, ob die Ausrottung der Wespen wirklich umsetzbar sei und wenn ja, ob sich eventuell doch negative Folgen für das Ökosystem einstellen könnten, die im Endeffekt auch dem Menschen schaden würden, aber im speziellen Fall der Wespen, hielte er es für nicht verkehrt, es einmal auf den Versuch ankommen zu lassen. An der Stelle warf ich zur Verteidigung der Wespen ein, dass sie meines Wissens durchaus nützlich seien, da sie Schädlinge vertilgen würden wie zum Beispiel die Miniermotte, also jenes Tier, das unseren gesamten Rosskastanienbestand ruiniert (zugegeben: sonderlich erfolgreich scheinen die Wespen in diesem Fall nicht zu sein). Er meinte, das sei ja interessant, das würde er mal recherchieren. Ein flächendeckender Einsatz von Flammenwerfern gegen Wespen bliebe seiner Ansicht nach aber in jedem Fall ein bedenkenswertes Mittel. Ich regte an, dann wenigstens eine die Maßnahme begleitende Studie durchzuführen, die auch die tödlichen Unfälle durch unsachgemäßen Flammenwerfergebrauch nicht außer Acht lasse. Hierin stimmte er mir zu. Ich hatte also einen schwachen Kompromiss für die Wespen erzielen können, der sie, wie ich leider zugeben muss, keineswegs aus der Schusslinie nahm. Ich hatte nicht gewagt, mich als großer Freund dieser Tiere zu outen, weil meine Begründung, fürchtete ich, Befremden ausgelöst hätte. Und Befremden hatte ich für heute schon genug ausgelöst. Meistens bin ich derjenige, an dem diese undankbare Aufgabe hängenbleibt, weil sich sonst offensichtlich keiner zuständig fühlt, und irgendwann reicht es mir dann halt. Die Wahrheit ist: Ich war ein bisschen feige oder sagen wir: konfliktscheu. Das liegt mir im Magen, darum reiche ich die Begründung jetzt nach.

Ich bin eben ein Tierfreund. Das beinhaltet notwendig, dass ich ein Menschenfeind bin. (Umgekehrt muss nicht jeder Menschenfeind notwendigerweise auch Tierfreund sein.) Aber es ist ganz klar, dass, wer Tiere mag, Menschen nicht mögen kann, weil Menschen nun einmal die schlimmsten Feinde der Tiere sind. Was ich an Wespen mag, ist gerade die Tatsache, dass sie so vergleichsweise erfolgreich Menschen umlegen. Es ist eine höhere Gerechtigkeit in ihrem Tun. Während mein Gesprächspartner – in vollem Bewusstsein über die Bösartigkeit seines Tuns – von der Prämisse ausging, dass sich alles dem Menschen unterzuordnen habe, nicht weil das gut so sei, sondern nur weil es gut so sei für den Menschen, sehe ich die Dinge aus der übergeordneten Perspektive, der Perspektive, die ein möglicher Gott einnehmen würde, wenn man so will. „Schau mal“, würde der Gott sagen. „40 von Wespen getöteten Menschen im Jahr, stehen wie viel von Menschen getötete Wespen gegenüber? Das sind doch unglaubliche Relationen! Und von den anderen Tieren, bei denen das Verhältnis zum Teil noch viel krasser aussieht, war hier noch gar nicht die Rede. Es ist doch klar, ach was, es ist eine Binsenweisheit, dass, wenn wir auf diesem Planeten irgend eine sinnvolle Schädlingsbeseitigungsaktion durchführen sollten, sich diese nur gegen die Menschen richten kann. Alles andere wäre schlichtweg absurd. Ich möchte aber noch einen weiteren Punkt anführen“, würde der mögliche Gott fortfahren: „Auch für dich als Mensch sind die Wespen doch viel weniger gefährlich, als die anderen Menschen. Die anderen Menschen zu vernichten, das wäre eine Sache, von der man sagen könnte, sie scheint rational, es käme auf einen Versuch an.“

Da hätte der mögliche Gott natürlich vollkommen Recht, und – um wieder auf mein eigentliches Thema zurückzukommen – es verwundert schon, warum immer wieder die vermeintliche Irrationalität von Amokläufern, das sogenannte sinnlose Töten, hervorgehoben wird. Menschen töten, macht grundsätzlich Sinn. Keinen Sinn dagegen macht es beim Menschentöten, zwischen mehr oder weniger sinnvollen Tötungsdelikten zu unterscheiden. Eine solche Unterscheidung würde aufgrund persönlicher Weltbilder unternommen, die in unvertretbarem Maß absolut gesetzt werden müssten. Problematisch am Vorgehen von Amokläufern erscheinen uns in Wahrheit auch zwei ganz andere Dinge:

a)    Der Amokläufer unterlässt es im Regelfall, die Kriterien, nach denen er seine Opfer auswählt, offenzulegen. Ein solches Vorgehen wird als im höchstem Maße intransparent kritisiert. Hier ist zur Verteidigung des sogenannten Amokläufers allerdings anzuführen, dass doch gerade die Allgemeinheit des Menschenhasses die Tötungsdelikte in besonderer Weise rechtfertigt. Würde der Täter seine Opfer nach bestimmten Kriterien auswählen, wäre es kein ordnungsgemäßer Amokläufer mehr. (Deshalb bin ich im übrigen auch dafür, jenem Schüler, der bei einem sogenannten Amoklauf vor einigen Monaten ausschließlich weibliche Mitmenschen erschoss – eine Tatsache, die in den Medien erstaunlich wenig diskutiert wurde – seinen Status als Amokläufer postum wieder abzuerkennen. Ich meine, Zurückweisung durch Frauen ist ja wohl das gewöhnlichste Mordmotiv der Welt. Das versteht doch jeder!)

b)    In den meisten Fällen von sogenanntem Amoklauf entsteht zumindest der Eindruck, dass der Täter sein Vorhaben angeht, ohne eine überzeugende Exitstrategie zu haben (Steinmeier würde sagen: Er geht kopflos rein, und um wieder rauszukommen, muss er sich dann den Kopf wegschießen.) Ich denke, das ist der wunderliche irrationale Kern beim Amoklaufen. Einen Amoklauf kann man nicht gewinnen. Doch wer nichts mehr zu verlieren hat, der muss auch nicht gewinnen. Angehörige von Amokläufern sagen gerne: „Aber er hatte doch dieses und das und jenes.“ Nun, die Beweislast, dass es ihm nichts wert war, die ist erdrückend.

Ein Amokläufer – und das lieben wir an ihm – macht eine Aussage in aller Klarheit und Deutlichkeit: “Nein, das ist alles nichts wert.“ Es ist schon cool bzw. schlimm, wenn einem das so ein junger Spund vor den Latz knallt. Das hat dann so einen apokalyptischen Drive, während es von einem Alten nur der übliche billige Zynismus wäre. Einem alten Mann wie mir, bleibt da nur noch, sich bei jedem weiteren Amoklauf, den wieder ein anderer begangen hat, die Frage zu stellen: Weiß ich überhaupt, was mir etwas wert ist? Und woher eigentlich? Ich bejahe die Frage dann immer. Schließlich gibt es die Wespen. Mit solchen faszinierenden Geschöpfen die Welt und den Menschenhass teilen zu dürfen, ist ein großartiges Geschenk. So etwas wirft man nicht einfach weg, liebe Kinder.

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