Der allerletzte Spätsommertag

Hippies:

Am allerletzten Spätsommertag dieses Jahres, war ich noch ein allerletztes Mal im Spandauer Forst gewesen.

Jetzt regnet es schon stundenlang vor dem Fenster, und ich überlege, die Vorhänge zuzuziehen, damit das Grau nicht mehr von draußen in meine Wohnung dringt, aber ich hege Zweifel an der Wirksamkeit dieser Maßnahme. Vor einer Stunde ungefähr habe ich beschlossen, mir erst einmal einen Tee zu machen, habe das Vorhaben aber noch nicht umgesetzt. Das liegt vor allem daran, dass der Weg in die Küche zu weit ist.

Ich setze mich an den See und hole meinen Fotoapparat und meine Wasserflasche aus dem Rucksack. Ich trinke etwas und versuche, Kontakt aufzunehmen. Es ist schwierig, denn hier gibt es viel Hintergrundgeräusch. Fahrräder fahren vorbei. Menschen mit Kindern oder Hunden sind an diesem allerletzten Spätsommertag unterwegs.

Im Nachhinein ist es natürlich ganz klar: Schon in diesem Moment in der Sonne am Wasser habe ich gewusst, dass es der allerletzte Spätsommertag gewesen sein würde. Das war ja auch nur logisch, der Herbst war längst überfällig. Und doch blieb es  ein Wissen, das noch außerhalb meines Bewusstseins lag.

Später werde ich noch etwas weiter in den Wald gehen, es wird ruhiger werden, das helle Miauen der Greifvögel wird das lauteste Geräusch sein, nicht zu orten, ziemlich weit über mir. Es ist einer der schönsten Klänge der Welt.

Schon einige Wochen ist es her, dass mir die Schamanin bei den Mülltonnen begegnete. Sie betreibt unter meiner Wohnung ihren Laden und stört von dort aus mit ihren spiritistischen Unternehmungen meinen Radio- und Mobiltelefonempfang. Sie wirkte etwas abwesend. Als ich ihr die Tür aufhielt, blieb sie unschlüssig stehen, kam dann aber mit ins Haus. Sie habe nachgedacht, sagte sie in entschuldigendem Tonfall. Das war die neutrale Formulierung für jemanden wie mich, den eine ungläubige Aura umgibt, der, selbst wenn es die Erleuchtung dort umsonst gäbe, niemals an einem dieser Zusammentreffen, die sie Spiri-Kränzchen nennt, teilnehmen würde. Sie hatte nicht nachgedacht, sie hatte sich gerade zwischen den Welten bewegt. Sie kann nicht ahnen, dass auch ich mich ein bisschen auf solche Wanderungen verstehe.

Die Libellen hier am Wasser scheinen zu wissen, dass sie ohnehin bald sterben werden, sie haben jede Vorsicht abgelegt. Eine rote sitzt auf meiner Schulter, eine schwarze auf meinem Knie. Regelmäßig heben sie ab, drehen eine Runde um mich herum und fliegen dann ihren Landeplatz erneut an: die schwarze mein Knie, die rote meine Schulter. Ich mache ein paar Fotos von der schwarzen, wie sie dasitzt. Ambitioniert wäre es, sie im Anflug auf mein Knie zu fotografieren, aber ich kriege keine Untersicht hin, ich kann kein Joga. Ein paar Nordic Walker marschieren im Gleichschritt vorbei und zertackern mir mit ihren Spießen die Gehörgänge. Sie stören, aber es gibt Wichtigeres als meinen Ärger über ihren Stumpfsinn. Das Sonnenglitzern auf dem dunklen Wasser.

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schwarze Libelle auf blauer Jeans

Meine Gedanken schlängeln durchs Schilf und suchen nach Fröschen. Ich sehe einige große regungslos daliegen, doch ich lasse sie in Ruhe, ich bin gerade nicht hungrig, im Gegenteil, ich fühle mich sehr satt.

Nach einer Weile verabschiede ich die Libellen, stehe auf und mache einen Schritt nach vorne. Ein kleiner Frosch will vor mir ins Wasser fliehen, aber ich schneide ihm den Weg ab. Ich krieche vor ihm auf dem Boden und mache Fotos. Ich sehe nichts außer dem Bild im Objektiv, einen formatfüllenden Frosch auf Augenhöhe. Nur in meiner Fantasie beobachte ich mich von außen und sehe, wie die Menschen, die ich vorbeigehen höre, mich über den Boden kriechen sehen. Ich betrachte mich mit einem milde spöttischen Lächeln, das angenehm wärmt, nicht schmerzhaft brennt. Ich erröte nicht einmal. Die Vorstellung verharrt in sicherer Distanz. Ich bin jetzt in der Froschwelt, und dort habe ich keine Fressfeinde.

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kleiner Frosch

Als ich sie verlasse und ein paar Meter weitergehe, bemerke ich die Ringelnatter. Sie mich auch. Sie gleitet von der Uferböschung ins Wasser und verschwindet dort im dichten Schilf. Ich kann sie nicht fotografieren. Nur in Gedanken könnte ich ihr nach dorthin folgen, aber ich will sie nicht stören.

Eine Schlange ist ein Tier, das man nicht alle Tage sieht. Obwohl ich kein Foto machen konnte, bin ich glücklich. Es heißt, die Schlangen werden aussterben. Aber Ringelnattern gibt es noch vergleichsweise häufig, sogar in Berlin. Es heißt auch, dass Totgesagte länger leben.  Ich bin heute optimistisch. Richtig überrascht war ich, als ich vor einem Jahr in meiner Lieblingszeitung lesen konnte, dass es in Berlin auch wieder Kreuzottern gebe, die hier ein halbes Jahrhundert oder mehr als verschollen galten. Seitdem suche ich sie. Das ist der eigentliche Grund, warum ich im Spandauer Forst bin. Ich hege keine Zweifel an der Richtigkeit der Meldung. Man soll ja nicht alles glauben, was in dieser Zeitung steht, aber in diesem Fall muss es stimmen. Niemals wären sie darauf gekommen, so etwas zu erfinden. Eine Kreuzotter, was sollte das überhaupt für ein Tier sein? Ruft der Name noch irgendetwas wach im Kopf auch nur eines einzigen Lesers? Man merkt es schon am vergleichsweise fast nicht reißerischen Tonfall des kurzen Artikels, dass sich in dieser Stadt niemand Sorgen macht, einer Schlange über den Weg zu laufen. Dass es überhaupt noch welche gibt, dürfte für einen kurzen Moment Verwunderung sorgen, ehe man den Artikel wieder vergisst.

Ich aber suche nach den paar Dutzend Kreuzottern, die hier noch irgendwo stecken müssen. Darum gehe ich weiter in den Wald hinein und dann nach dort, wo er lichter, heideartig wird. In die ländlichste Ecke Berlins, die mit den kältesten Nächten, wo es einen Ort namens Eiskeller gibt, der so heißt, weil dort früher im Winter gesammeltes Eis in großen Kellern gelagert wurde. Kreuzottern mögen die hohen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, die hier herrschen. Doch um von ein paar Dutzend Exemplaren vielleicht mal eins zu finden, suche ich zu weiträumig. Es ist ein reines Glücksspiel. Immerhin eine Ringelnatter habe ich heute gesehen, am allerletzten Spätsommertag, auch da gehört einiges Glück zu.

Ich liege in der Luft und suche den Boden ab. Ich sehe scharf und klar. Eine Kreuzotter, die sich in meinem Blickfeld in die Nachmittagssonne gelegt hat, wird mich nicht hören und nicht sehen, wenn ich auf sie herunterstürze, und sie mit meinen Klauen fasse. Aber ich bleibe liegen in der Luft und in der Sonne, ohne etwas zu tun, und mein Rufen ist mein Atmen. Miäh-mij-mij-mij-miäh.

Es ist der allerletzte Spätsommertag. Es folgt die Winterstarre der Schlangen. In klammen Unterschlüpfen hört ihr Leben auf, doch ihr Tod ist nur zu Besuch, im Frühjahr geht er wieder. Wer von der Wärme seiner Umgebung abhängig ist, muss jeden Winter sterben. Das ist logisch und so einfach, und es spart die Lebenszeit auf für die Tage, an denen es sich lohnt, zu leben. Wofür ein dickes Fell, wofür tränende Augen, rotzende Nasen und klappernde Zähne, wofür das spastische Weiterpumpen der Herzen, wenn außen herum nur Eis ist?

Ich hinterlasse die ersten Hufspuren auf der dünnen Schneeschicht, die den zugefrorenen See bedeckt. Ich springe in die Luft, die kalt ist und steril. Meine vier Hufe landen leicht zeitversetzt. Vier mal spüre und höre ich das Vibrieren des Eises unter mir. Ich gerate ins Schlittern, aber ich falle nicht. Nur dafür. Ich weiß genau, dass ich nicht genau wissen kann, ob es mich trägt.

Ich bin kein Schamane. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was die Geister von mir wollen. Meistens glaube ich, die wollen nur spielen. Ich bin ihnen nicht so wichtig, wie ihnen die Schamanin unter mir wichtig ist. Sie haben mir noch in keiner Lebenskrise geholfen. Sie behaupten, sie seien nicht zuständig, und wenn ich sie frage, „Warum dann sie? Was hat sie denn, was ich nicht habe“, dann lachen sie mich aus. Direkt ins Gesicht lachen sie mir. Aber ich bin ihnen nicht böse deshalb. Eigentlich ist es mir nämlich auch ganz recht so.

sympathischer zeitgenössischer Schamane aus England (Vera G. hat mich auf ihn hingewiesen):

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2 Kommentare zu “Der allerletzte Spätsommertag

  1. Der Text gefällt mir sehr gut. Lesebühne?
    Liebe Grüße aus dem Süden, wo es bitter kalt ist,so dass ich neidisch an die Schlangen denke, wenn ich wieder mal aus dem warmen Bett aufstehen muss.

    • Liebe Grüße zurück in den Süden. Der Norden ist ebenfalls schweinekalt und Aufstehen gerade auch so gar nicht mein Ding. Lesebühne hab ich am Dienstag mit den sinnvollen Tötungsdelikten gemacht, nächsten Dienstag will ich wieder, vielleicht dann mit diesem Text. Danke für die positive Rückkoppelung (wie man heute so sagt). Was macht dein Hörspiel?

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