Small Talk

Ich unterhalte mich im Grunde gerne mit Leuten, die ganz anders sind als ich. Aber wenn ich ihnen zeige, wie anders ich bin, dann sind sie beleidigt. Oder umgekehrt. Wo etwas, was ich in meinem vermessenen Anspruch erst Gespräch nennen würde, seinen Ausgang nehmen könnte, ist es vorbei, weil es schon an diesem Punkt nicht mehr als Gespräch, sondern nur noch als Schlacht mit anderen Mitteln empfindbar ist. Es kommt vor, dass ich so etwas glaube.

Er ist vielleicht ein erfolgreicher Mann, zumindest gibt er vor einer zu sein. Ich sitze ihm in meinem ersten Anzug gegenüber, den ich mir extra für diesen Anlass gekauft habe. Ich finde, dass ich den besser sitzenden Anzug und die schönere Krawatte habe. Mit dieser still vor mich hin gehegten Meinung kompensiere ich meine Minderwertigkeitsgefühle: In meinem Alter zum ersten mal im Anzug. Wenn die das wüssten, dann wüssten sie, wie weit weg ich von jeder Art gesellschaftlicher Existenz bin.

Auf Nachfrage sage ich einigermaßen laut, dass ich eine Schriftstellerlaufbahn einschlagen möchte. Schriftsteller sind komische Gesellen, sie haben Narrenfreiheit. Wenn sie zum Beispiel nicht so gerne über ihr Schreiben reden, kein Problem. Sie lassen halt lieber ihre Texte sprechen, ihre fertigen. Und die besonders geschickten kriegen nie einen fertig und dürfen deshalb immer schweigen. Ich bin auch eher so ein Schweiger. Trotzdem wären Nachfragen wie: Was schreibst du? Hast du Vorbilder? Was ist dein Lieblingsbuch? Kann man was von dir Lesen? für mein Empfinden netter gewesen als: „Das ist aber schwierig, damit Geld zu verdienen.“

Dabei ist da nichts Böses bei. Das ist nur eine etwas andere Denkweise. Die geht so: ‚Wenn da Geld zu verdienen wäre, dann hätte ich vielleicht Schriftsteller gelernt, aber mir ist das zu unsicher. Ich habe mich dann doch für einen Berufszweig mit besserer Perspektive entschieden.’ Ich nehme zumindest an, dass er so denkt, es wäre vernünftig. Ich könnte vorsichtig nachfragen, ob ich richtig geraten habe und dann erklären: „Siehst du, so ist das bei mir nicht. Ich habe das Gefühl bekommen, dass ich das machen muss. Und dass ich unglücklich werde, wenn ich es nicht versuche. So ist das bei mir.“

Und er würde sagen: „Das dachte ich mir schon. Ich habe von solchen Menschen gehört. Aber es ist schwer, davon zu leben.“

Ich würde sagen: „Du hast es nicht verstanden: Ich kann nicht anders leben.“

Und dann wäre das Gespräch zu Ende, und er würde denken: ‚So viel Pathos und Unbedingtheit kommen mir doch sehr unreif vor. Dabei hat der bestimmt einen, der ihm das bezahlt. Wenn er sonst verhungern würde, würde er nicht mehr davon reden, wie unbedingt er Schriftsteller sein muss.’

Und ich würde erneut seine Gedanken lesen und denken: ‚Na und, dafür mach ich wenigstens keine Arbeit, die anderen Menschen schadet. Ihr seid doch alle Finanzhaie und so was. Ihr seid Schädlinge und kriegt auch noch gutes Geld dafür und denkt dann noch, dass ich wem auf der Tasche liege.’

Und er würde denken: ‚Der klingt wie ein trotziges Kind.’

Der Dialog fand nicht statt, und das ist kein Schaden.

Er erzählt jetzt – während ich mich in Gedanken im Unrecht fühle – einem anderen, wie seltsam das ist von Zürich nach Berlin gezogen zu sein und dann nicht nach Berlin Mitte, sondern in irgend so einen abseitigeren Bezirk, wie hieß er noch gleich?, na ja, anyway. In Zürich, da habe er jeden Tag auf der Straße mehrere Bekannte getroffen. Da sei er in den ICE gestiegen und schwups saß da schon ein Bekannter im Erste-Klasse-Abteil, mit dem man netzwerken konnte. Berlin Hauptbahnhof habe er kein einziges bekanntes Gesicht gesehen. Und da, wo er jetzt wohne, sei es ja ganz heillos. Er müsse wenigstens nach Mitte ziehen. Und während er so redet, passiert mir etwas, von dem ich glaube, dass ich es nicht gewollt habe: Ich grinse. Und er bemerkt es – und obwohl ich den Eindruck habe, dass er nicht ganz Alphamännchen ist, arbeitet er daran, eins zu werden, also muss er mich jetzt stellen: Warum ich denn grinse? Ich erkläre es ihm. Wenn mich einer was fragt, dann antworte ich wahrheitsgetreu, nach bestem Wissen und Gewissen. Ich kann gar nicht anders.

Ich hätte von Leuten gehört, die nach Berlin gezogen seien, gerade weil sie dort nicht ständig jemand Bekanntes auf der Straße träfen. Die Antwort ist ehrlich, aber schwach, weil sie mein Grinsen nicht entschuldigt. Nur weil ich so ein Klischee im Kopf habe, ist das noch kein Grund, über ihn zu grinsen. Er versteht aber noch nicht mal, was ich gemeint habe. Er weiß nicht, wovon ich da rede. Er zieht sich zurück. Lässt die Sache unter den Tisch fallen. Spricht nicht mehr mit mir, ehe es Streit gibt. Natürlich ist mir das recht so. Ist ja schließlich auch nicht nötig, sich mit jedem zu verstehen.

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2 Kommentare zu “Small Talk

  1. „gutes Geld“ – ehrlich? Ansonsten wieder sehr schön, am schönsten wie immer die indirekte Rede, man kann den Snob richtig hören, anyway…

    Übrigens sind nicht alle Zürcher Snobs. Nur haben hier alle Geld. Die Schriftsteller lassen sich verlegen, die Künstler arbeiten an der Uni und die Musiker schreiben Werbe-Jingles. Menschen, die ohne Geld überleben, kennt man hier nicht. Vermutlich hat er Dich deshalb so verwundert betrachtet.

  2. Na ja, „gutes Geld“ sagt „man“ so, wa. Also ich eher selten, weil mir schon klar ist, dass Geld nichts ist, was man sinnvoll mit moralischen Kategorien bewerten kann. Aber hier sollte die Redeweise im Kontrast zu den angenommenen bösen Taten gebraucht, noch mal den trotzigen Tonfall verstärken. So wars jedenfalls gedacht.
    Dass man in Zürich keine Leute kennt, die ohne Geld überleben, liegt das an den liberaleren Regelungen bei der Sterbehilfe?

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