Ist mir noch zu helfen?

Der neue (oder baldige? ich weiß es nicht mal) Vizekanzler Westerwelle hat gesagt, so höre ich es in den Nachrichten, dass die im Koalitionsvertrag beschlossene Politik nicht unsozial sei. Wer das finde, dem sei in seiner Hirnverbranntheit nicht zu helfen. Deutschland werde nämlich von der Mitte aus regiert.

Ich würde das gern verstehen, aber ich schaffe es nicht. Ich gehe mal davon aus, dass stimmt, dass Deutschland von der Mitte aus regiert wird. Nur weiß ich gar nicht genau, was die Mitte von Deutschland ist. Das macht das Verständnis ein bisschen schwierig. Ich muss raten, was gemeint sein könnte: Vielleicht der Mittelstand, weil die FDP ja immer damit wirbt, dass sie den Mittelstand, insbesondere mittelständische Unternehmen vertrete. Bis vor kurzem hatte ich auch keine Ahnung, was ich mir unter einem mittelständischen Unternehmen vorstellen soll. Dann habe ich in einem Artikel über Fußball, ein Thema, das mir näher liegt, als Wirtschaftspolitik, gelesen, dass Uli Hoeneß es geschafft habe, aus dem FC Bayern München ein gut gehendes mittelständisches Unternehmen zu machen. Seitdem habe ich eine etwas bildlichere Vorstellung davon, was die FDP vielleicht meinen könnte, wenn sie den Begriff ‚Mitte’ gebraucht. Außerdem habe ich irgendwann Anfang September bei einer Wahlkampfveranstaltung für Menschen mit Behinderungen fotografiert, die ein Bündnis mehrerer Sozialverbände organisiert hatte. An der Podiumsdiskussion nahmen teil: Wolfgang Thierse für die SPD, Gregor Gysi für die Linke, Christian Ströbele für die Grünen, eine Frau Vogelsang, die man in Berlin vielleicht kennen könnte, für die CDU und irgend ein Typ von der Berliner FDP, der eine Dreiviertelstunde zu spät kam. Der Typ von der FDP hatte nichts zur Diskussion beizutragen mit Ausnahme des Satzes, dass sich Arbeit wieder lohnen müsse. Sein Gesichtsausdruck changierte zwischen neutralem Desinteresse und genervter Überheblichkeit. Dadurch habe ich eine zugegeben subjektive, aber bildliche Vorstellung bekommen, was die FDP wahrscheinlich nicht meint, wenn sie von „Mitte“ spricht. Das muss reichen, um den letzten Teil von Westerwelles Aussage so einigermaßen interpretieren zu können.

Jetzt kommt aber mein zweites, schwerwiegenderes Verständnisproblem dazu: Wie soll ich den von Westerwelle offensichtlich intendierten Kausalzusammenhang herstellen? Wenn eine Regierung Politik von der Mitte aus machen würde, würde daraus doch nicht automatisch folgen, dass diese Politik nicht unsozial wäre. Genauso gut hätte Westerwelle sagen können, wir machen Politik von oben, von unten, von links, von rechts, von hinterm Mond, daher kann unsere Politik gar nicht unsozial sein. Das wäre auch nicht weniger schlüssig argumentiert gewesen. Sozial handeln heißt doch (so in etwa), dazu beitragen, die Gesellschaft als ein Gemeinwesen zu entwickeln, in dem jeder Einzelne gleiche Rechte und Chancen hat und wo die Stärkeren, die Schwächeren unterstützen und nicht unterjochen. So handeln kann ich doch, egal ob ich mich in der Mitte oder am Rand der Gesellschaft verorte bzw. dort von der Gesellschaft verortet werde. Was immer die Mitte ist, sie ist per definitionem nicht das Ganze, das ist sicher. Und es gibt zunächst mal keinen Grund anzunehmen, dass so eine Mitte per se nicht willens oder in der Lage wäre, Politik gegen die zu machen, die nicht Teil von ihr sind. Und das wäre dann unsozial. Ich verstehe Westerwelle nicht. Ich glaube, das liegt daran, dass man ihn nicht verstehen kann. Wenn eine Aussage in sich falsch ist, kann man sie nicht durch noch so angestrengtes Nachdenken richtig machen. Das glaube ich. Ist mir noch zu helfen?

Es gibt übrigens noch viel mehr, was ich nicht mal ansatzweise verstehe. Zum Beispiel was Gerd Appenzeller  im Tagesspiegel schreibt: „Nach einer alten politischen Regel sind große Probleme am besten von erfahrenen Köpfen zu lösen. Vor diesem Hintergrund dem unbestechlichen und absolut loyalen Wolfgang Schäuble die Finanzen anzuvertrauen, war eine souveräne Entscheidung Merkels.“

Warum steht da „unbestechlich“, obwohl es doch korrekt „bestechlich“ heißen müsste? Oder erinnere ich mich da jetzt falsch an die CDU-Schwarzgeldaffäre? Oder ist das ein Druckfehler? Oder ist Schwarz in Wirklichkeit Weiß und Krieg bedeutet Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Stärke? Oder muss man das alles viel differenzierter sehen, nicht so in simpel einander entgegengesetzten Kategorien, besser irgendwie postideologisch, ja am besten vielleicht postlogisch? Mein Hirn fühlt sich verbrannt an. Ist mir noch zu helfen?

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