Nochmal Thilo S.

Der mutmaßliche Rassist Thilo S. hat die Berliner Staatsanwaltschaft öffentlich aufgefordert, die Ermittlungen wegen Volksverhetzung gegen ihn rasch einzustellen. Eine Forderung, die mir aus seiner Sicht verständlich erscheint. Es wundert mich nur, dass vor ihm nur wenige auf so eine Idee gekommen sind.

Die mutmaßlichen Ladendiebe, Straßenräuber, Kneipenschläger, Autoanzünder, jugendlichen Gewalttäter, Bankräuber X, Y und Z haben die Staatsanwaltschaft aufgefordert, die Ermittlungen gegen sie einzustellen, und zwar schnell. Das hätte bestimmt auch jeweils lustige Artikel im Tagesspiegel gegeben. Ich hätte auch gerne das Interview mit dem Kneipenschläger gelesen, der in der Wochenzeitung „Die Zeit“ die zweifellos vorhandene Naivität, mit der er auf sein Opfer einprügelte, einräumt, aber sofort im Anschluss zu bedenken gibt: „Nachdenklich sollte stimmen, dass ich offenbar ein weitverbreitetes Artikulationsbedürfnis ausgelebt habe, das von den Medien und der Politik bisher nicht bedient wurde.“

Das sollte nämlich wirklich nachdenklich stimmen. Genauso wie es ganz sicher das Bedürfnis gibt, rassistisch zu reden, zu rassistischer Politik aufzufordern, sie vielleicht sogar, wenn möglich, selbst umzusetzen, gibt es auch ganz sicher das Bedürfnis, sich durch physische Gewalt zu artikulieren. Und – ich bin ausnahmsweise mal ehrlich – als ich das Interview von Thilo S. gelesen habe, hatte ich für eine gewisse Zeit das starke Bedürfnis, mich ihm gegenüber in genau dieser Weise zu artikulieren. Ich bin allerdings – wie die meisten Menschen – durchaus fähig, einem Bedürfnis auch mal zu entsagen, wenn es mit grundlegenden moralischen Werten (in diesem Fall der hohe Wert des gewaltfreien Diskurses) kollidiert.

Mein zeitweiliges Bedürfnis, Leute wie Thilo S. zu ohrfeigen, habe ich zum Glück unter Kontrolle. Es ist auch nicht wirklich mein Wille, ihnen weh zu tun. Ich fände es nur gut, wenn ein Thilo S. und all jene, die jetzt in seinem Windschatten verbal ihre niederen Instinkte ausleben, und dann ganz groß darin sind, andere mit besonders strengen Maßstäben zu beurteilen, an ihr eigenes Verhalten einmal die ganz normalen Maßstäbe, wie sie für jeden anderen auch gelten, anlegen würden. Ich fände es auch sehr angebracht, wenn sie endlich einsehen könnten, dass ein höherer sozialer Status das Leben zwar in vielerlei Hinsicht angenehmer macht – was ich wirklich jedem gönne –, dass er aber nicht das moralische Recht einschließt, sich über Menschen zu stellen, die es in der Gesellschaft ohnehin schon schwerer haben. Ich werde einfach nie verstehen, mit welcher Nachsicht, ja Blindheit, jemand wie Thilo S., der in dem diskutierten Interview z.B. Menschen aufgrund rassistischer Kriterien aus der Solidargemeinschaft ausschließen möchte und es schon für einen inakzeptablen Vorgang hält, wenn in deutschen Parks Hammelfleisch gegrillt wird, sein eigenes Benehmen in der Öffentlichkeit betrachtet. Ganz abgesehen vom Inhalt seiner Reden und auch abgesehen von der Tatsache, dass eine öffentliche Äußerung eines Menschen mit seiner politischen Macht nie bloß ein interessantes Gedankenexperiment sein kann, sondern gerne auch mal ganz reale Folgen nach sich zieht.

Ich bin nicht geschult in der juristischen Interpretation von Texten. Und auch in anderen Formen der Textinterpretation unterlaufen mir öfter mal Fehler. Außerdem bleibt, das ist ja klar, jede Textinterpretation eine subjektive Lesart. Dennoch: Wie ich es lese, ist das an mehreren Stellen rassistisch, was Sarrazin in seinem Interview über die sozialen und wirtschaftlichen Zustände in Berlin gesagt hat. Und öffentlich geäußerter Rassismus von einer öffentlichen Person seines Ranges dürfte aus meiner laienhaften Sicht wohl den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllen. Die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft in dieser Angelegenheit überhaupt ermittelt, scheint mir ein Indiz zu sein, dass meine Lesart des Interviews nicht völlig abwegig ist. Ich bin durchaus gespannt, wie es mit den Ermittlungen gegen Sarrazin weitergeht, und ich bin immer noch ziemlich erstaunt, mit welcher Sicherheit nicht wenige behaupten, das seien alles bloß kontroverse Meinungsäußerungen in einem vielleicht etwas polemisch geratenen Tonfall.

Was machen wir bloß, wenn am Ende doch wäre, was nicht sein darf? Müsste man dann vielleicht langsam aufhören, Rassismus als ein Phänomen zu begreifen, das in Deutschland nur an den sogenannten Rändern der Gesellschaft auftritt?

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