Der Seelenverkauf

Lange Pause, langer Text. Sehr existenzielle Themen, sehr besinnlich, könnte fast als Weihnachtsgeschichte durchgehen.

Ich: Hallo, Tag.

Teufel: Grüß Gott.

Ich: Äh, ja. Ich würde gern meine Seele verkaufen.

Teufel: Ja.

Ich: Also der Lack ist stellenweise schon ein bisschen ab, aber das ist nur äußerlich. So insgesamt würde ich den Zustand als einen guten gebrauchten Zustand bezeichnen.

Teufel: Hhmm.

Ich: Also ich denke, ein bescheidenes regelmäßiges Einkommen, dass ich mir keine Sorgen wegen Miete, Versicherung etc. machen muss, auch mal ausgehen kann und mal in Urlaub fahren, mir mal was Schönes kaufen kann, nichts Großartiges, ganz bescheiden alles, also ich denke, das sollte schon drin sein. Und eben zusätzlich noch so ein bisschen Ruhm und Bedeutung. Also, das muss jetzt nicht sofort sein und auch gar nichts Grandioses, nur dass es, wenn ich dann einmal nicht mehr bin, noch so ein paar Leute gibt, die sagen: Ja, er hat auch als Künstler was geschaffen, was so seine Berechtigung hatte, ein kleiner Faden nur im großen Gewebe, aber ohne diesen Faden, wäre es eben doch ärmer gewesen. So in etwa. Und eine Frau, eine Freundin, oder, genauer gesagt: drei. Also zunächst mal schon eine feste Beziehung, die will ich auch gar nicht in dem Sinne betrügen jetzt, aber es wäre halt gut, wenn da noch zwei zusätzlich wären, die mich komplett bedingungslos wollen, weil ich so toll bin. Davon zwei, nicht mehr. Ja, also, das wäre mein Preis. Ich denke, es ist ein faires Angebot.

Teufel: Nein, kein Interesse.

Ich: Okay, mit dem Ruhm, da kann ich noch runtergehen. Das muss wirklich nicht viel sein. Ich könnte meinetwegen auch immer ein Expertentipp bleiben. Oder auch unter den Experten umstritten. Die Mehrheit sagt, das ist alles Käse, und nur eine kleine Minderheit sagt, dass das relevant ist. Das wäre auch noch okay für mich.

Teufel: Nein, tut mir leid.

Ich: Jetzt machen Sie mir ein Angebot. Ich finde, der Preis für meine Seele, den ich Ihnen genannt habe, ist schon sehr moderat. Ich könnte vielleicht noch eine von den Frauen rausnehmen, aber mehr Spielraum sehe ich dann wirklich nicht mehr, dann bekommen Sie meine Seele eben nicht.

Teufel: Sehen Sie, Herr Thoma, wenn ich Interesse hätte, hätte ich Ihnen ein Angebot gemacht. Sie brauchen Ihre Seele nicht verramschen. Es wird Sie Ihnen trotzdem niemand abkaufen. Bitte, nehmen Sie das nicht persönlich. Aber ich kaufe so eine Seele doch nicht nur, um sie dann in irgend einem Abstellkeller in der Hölle einstauben zu lassen. Die Lager laufen eh schon über. Sie haben ja keine Vorstellung. Ich erkläre Ihnen das kurz. Mein Geschäft funktioniert ganz einfach: Ich erwerbe, zu meistens recht günstigen Konditionen, Seelen auf der Erde und verkaufe sie mit Gewinn weiter an die gefallenen Engel in der Hölle. So ein gefallener Engel braucht im Schnitt eine Seele im Jahr, wobei er auch gut mal ein paar Jahrzehnte ohne eine neue Seele auskommen kann. Aber jedes Jahr eine Seele, das ist ideal. Da ist er ganz glücklich mit und macht mir keinen Ärger. Nun haben wir bekanntlich die Situation, dass die Menschenmenge exponential immer weiter zunimmt, während unser Bestand an gefallenen Engeln seit 100 000 Jahren auf dem gleichen niedrigen Niveau stagniert. Heißt: Es gibt ein Überangebot an Seelen, die hier nicht gebraucht werden. Sicher, ein bestimmter Typ Seele geht natürlich immer. Nach so richtig rabenschwarzen Seelen, da lecken sich meine Engel die Finger: Adolf Hitler, Dieter Bohlen, Margot Käßmann, auf diesem Niveau haben wir durchaus noch Bedarfe. Aber was Ihre Seele angeht, Herr Thoma, entschuldigen Sie die drastische Formulierung, nur wenn ich mich diplomatischer ausdrücke, verstehen es die Leute leider nie: Ihre Seele können Sie sich in die Haare schmieren. Da interessiert sich hier keine Sau für, wirklich keine Sau. Guten Tag.

Ich: A…au…augenblick mal: Ich habe eine schwarze Seele! Für wen halten Sie sich eigentlich, das abzustreiten? Sie sind ja offensichtlich schon nach 100 000 Jahren Hölle komplett betriebsblind. Und so einer will mir was über meine Seele erzählen. Mord, Vergewaltigung, Folter, Verrat, Heuchelei, Hass, Hass, Hass auf Leute, die ich nicht mal kenne, und auf Leute, die gut zu mir waren, auf, auf gar keine Leute, auf Fische und Käfer, auf kleine Kinder von kleinen Haustieren von kleinen Kindern, das steckt alles da drin, in meiner Seele. Das ist ja schon kein Spaß mehr, das ist richtig dreckig, mit so was rumlaufen zu müssen. Und das ist nur der leicht zugängliche Teil, der Teil, von dem ich nicht so genau bescheid weiß, den kann ich gar nicht beschreiben, aber manchmal, manchmal …

Teufel: Ist mir bekannt. Tun Sie mir bitte einen Gefallen und ersparen Sie uns die Details. Ich habe langjährige Erfahrung in dem Geschäft, ich weiß das sehr wohl einzuordnen, Ihre Seele ist biederes Mittelmaß, und wir haben hier unten keinerlei Verwendung für so etwas.

Ich: Das werden Sie bereuen. Ihre erbärmliche Ignoranz werden Sie bereuen. Die Biederen und Mittelmäßigen, das sind nämlich die Schlimmsten, ich sag nur: Biedermann und die Brandstifter, das sollten gerade Sie doch wissen.

Teufel: Herr Thoma, ich bitte Sie …

Ich: Ach, Sie können mich mal. Aber ich bin froh, eigentlich bin ich froh, dass ich jetzt Bescheid weiß. Sie haben mir die Augen geöffnet, doch wirklich. Ich will meine Seele jetzt auch gar nicht mehr verkaufen. Ich werde von nun an hart an mir arbeiten. Ich habe ein neues Ziel: Ich werde ein besserer Mensch werden. Und ich werde mich reinigen, ganzheitlich. Gründlich und geduldig, bis der ganze Dreck raus ist, bis ich eine saubere Seele habe, eine unveräußerliche reine Seele. Und die Menschen werden in meine Augen sehen wie in klare Brunnen, und meine Worte werden ihnen sein wie Quellwasser dem Verdurstenden, und ich werde freigiebig jedem alles geben, was ich habe. Und wenn ich dann sterbe, wird Gott mich im Himmel willkommen heißen, und ich werde vor ihn treten und sagen: „Herr, zu lange schon duldet Ihr das schamlose Treiben der gefallenen Engel dort unten in der Hölle. Herr, lasst die himmlischen Heerscharen antreten, und ich werde sie in die letzte Schlacht führen gegen das dämonische Geziefer aus dem stinkenden Anus der Unterwelt. Der Zeitpunkt ist gekommen.“ Und dann werde ich mit dem Feuer des Glaubens die Hölle ausradieren bis auf die letzte gefallene Seele, dass nichts von ihr bleiben wird, nicht einmal eine Erinnerung. Und immerwährender Friede wird herrschen.

Teufel: Gott ist tot.

Ich: Was?!

Teufel: Ihr habt ihn doch getötet.

Ich: Das ist eine Lüge.

Teufel: Ich lüge nicht. Ich bin die Schlange.

Ich: Du lügst.

Teufel: Duzen wir uns? Schlag nach! 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 2, folgende: „Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ So steht es in der Heiligen Schrift. Und was passiert dann weiter? Na, na, los sag es! Das kriegst selbst du mit deinem rudimentären bisschen Bibelkenntnis noch zusammen.

Ich: Na, sie essen eben trotzdem von dem Baum der Erkenntnis.

Teufel: Richtig. Sehr gut. Und?

Ich: Was „und“? Gott kriegt es natürlich mit.

Teufel: Und sterben sie?

Ich: Nein, das nicht.

Teufel: Hat Gott sie wohl belogen, wie es aussieht.

Ich: Ja… sieht so aus.

Teufel: Aber es passiert schon was mit ihnen?

Ich: Ja, sie schämen sich auf einmal voreinander. Also plötzlich sind sie eben verklemmt mit ihrer Sexualität, oder so.

Teufel: Wie kommt das?

Ich: Schwer zu sagen. Sie sehen sich halt auf einmal anders. Ich glaube, sie haben auf einmal ein Bewusstsein, dass sie Menschen sind. Und erst dadurch sind sie es auch. Vorher waren sie wohl mehr wie die anderen Tiere.

Teufel: Sehr, sehr gut zusammengefasst. Kann man also sagen, dass ihnen die Schlange die Wahrheit gesagt hat, als sie sagte, sie würden sein wie Gott?

Ich: Ich… ich denke schon… Und Gott schmeißt sie raus. Aus dem gleichen Grund, aus dem er sie über den Baum belogen hat: Er hat Angst um seine Macht.

Teufel: Hätte ich nicht schöner sagen können.

Ich: Und deine Beine hat er dir genommen.

Teufel: Leider. Aber wie du siehst: In meiner jetzigen Gestalt habe ich wieder welche. Ich hinke zwar ein bisschen, aber ich will nicht klagen. Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Ich lüge nicht. Niemals. Ich bin so nicht gemacht. Das musst du dir immer merken, wenn du einen Pakt mit dem Teufel schließt: Er wird ihn einhalten und zwar aufs Wort. Der Teufel lügt nicht. Ihr seid es, die leider zum Lügen neigen. Aber ich, ich bin nicht, wie er war.

Ich: Und er ist also tot?

Teufel: Das wisst ihr doch. Wenn ihr einmal ehrlich in euch hinein hören würdet! Aber ihr belügt euch ja am liebsten selber. Vor Hunderten Jahren habt ihr ihm den Kopf abgeschlagen. Man nennt es Aufklärung und so weiter, alles hinlänglich bekannt, und dahinter gibt es keinen Weg mehr zurück. Der Schwanz zuckt manchmal noch. Er scheint da so eine Art zweites kleines Gehirn drin zu haben, wie diese Riesensaurier – die sind auch schon ne Weile tot. Ein guter Rat: Versucht ein bisschen froh darüber zu sein. Vor allem darüber, dass Gott tot ist. (Darüber, dass die Saurier tot sind, natürlich auch.) Die Menschen, die jeden Morgen in dem Wissen aufgewacht sind, dass ihre Seele von Geburt an verdorben ist und das einzige, was sie dagegen tun können totaler Gehorsam und Unterwerfung ist, die waren nicht glücklicher, als ihr. Wer etwas anderes behauptet, lügt.

Ich: Aber mir geht es doch oft auch so: Ich weiß, dass ich schuldig werde, mit jedem Schritt, den ich tu. Gesetzt den Fall, ich wollte mal auf die Straße gehen: Ich müsste mir eine Hose kaufen, denn ohne würde ich mich schämen, und, selbst wenn ich mich nicht schämen würde, ich müsste es trotzdem tun, denn sonst würde man mich festnehmen. Die Hose wäre von Kinderarbeitern gewebt worden aus Baumwolle, die Sklaven gepflückt haben, dabei wären zwei Flüsse, die Lebensgrundlage von 10 Millionen Menschen und 50 Milliarden Tieren waren, vergiftet worden und das Erdklima um weitere 0,5 Milligrad erwärmt. Reich geworden an der Sache wäre eine Gruppe von vielleicht 20 bösen Menschen. Und ich frage mich: Wenn du mit einem dieser 20 tauschen könntest, würdest du es tun? Und ich lausche in meine Seele hinein, und sie antwortet nicht, aber das tut sie mit flammenden Schriftzeichen. Und ich weiß genau: Keine Antwort ist auch eine Antwort. Das ist doch alles böse und dreckig und stinkend, und es kommt mitten aus uns, aus jedem einzelnen Menschen, die sind alle nichts wert, und ich auch nicht, selbstverständlich. Wobei: einen kleinen Bonus muss ich mir zugestehen wegen der Reflektiertheit, auch wenn sie dem ungeübten Leser verworren erscheinen mag. Eine Freundin sagte mir, mein innerster Kern sei der Kern eines Massenmörders. Genau das ist es, was sie gemeint hat. Genau das.

Teufel: Netter Versuch. Aber Sie werden Ihre Seele hier nicht loswerden, Herr Thoma.

Ich: Aber was fang ich damit an? Ich komm nicht klar damit. Ich fühl mich wie gelähmt. Ich will mich ja auch nicht irgend einem religiösen Scheißdreck unterwerfen, meine Freiheit in einen Spind in der Umkleide sperren und mich mit anderen Gläubigen in ein Schwimmbecken legen, wo wir willenlos und also unschuldig in unserer eigenen Kloake treiben wie Föten im Fruchtwasser. Das will ich nicht.

Teufel: Ich darf Sie daran erinnern, dass Sie eben noch Ihre Seele verkaufen wollten.

Ich: Ach was weiß ich! Seele ist doch Quatsch! Was soll das überhaupt sein?

Teufel: Schwer zu sagen. Ich versuch’s mal: Eine Hypothese über die Beschaffenheit der Gesamtheit aller der Elemente eines Individuums, deren Existenz sich nicht empirisch nachweisen lässt.

Ich: Puuhhh! Dann bestreite ich, dass es so etwas überhaupt gibt.

Teufel: Eine absolut vertretbare Position.

Ich: Das hilft mir. Ich glaube, das hilft mir. Diese Vorstellungen von den Dingen unter den Oberflächen, die machen einen wahnsinnig.

Teufel: Sprechen Sie mit mir?

Ich: Das tu ich doch schon die ganze Zeit.

Teufel: Tja.

Ich: Ja, Sie machen mich auch wahnsinnig! Zur Hölle mit Ihnen!

Teufel: Hihi!

Ich: Kichert wie ein kleines Mädchen. Höhhhhöhhhöhhöhöhehe! Das nenn ich ein dämonisches Lachen.

Teufel: HUARHUARHUARHARRR! Besser?

Ich: Kann man den ganzen Mist vielleicht einfach weglachen?

Teufel: Gott ja, mich nicht. Gott hatte immer Angst vor Gelächter. Ich hatte noch nie ein Problem damit. Gott lebte von Ehrfurcht und Weihrauch, damit wiederum kann man mich vertreiben. Wir sind halt Antipoden.

Ich: Da stimmt doch was nicht. Gott soll tot sein, aber du lebst. Doch was bist du denn bitteschön anderes als die Negation von ihm? Wenn er tot ist, bist du überflüssig wie ein Kropf.

Teufel: Ja, leider. Und ich sag dir, es ist ein scheiß Gefühl! Und jetzt sind wir also wieder per Du. Kein Problem, duz mich einfach. Hach ja, wir sind doch zwei richtig arme Säue!

Ich: Du bist ein Gewinner. Du hast Gott überlebt. Wahrscheinlich beherrschst du die Welt.

Teufel: Gott hat sich selbst überlebt, und die Welt beherrscht niemand. Die Welt ist Chaos.

Ich: Aber das ist doch die Essenz vom Satanismus und so, dass die Welt Chaos ist. Das ist doch genau deins.

Teufel: Wer mich als Ersatzgott anbetet, hat ja wohl gar nichts kapiert. Und im Chaos gibt’s eben keinen Herrscher. Im Chaos bin ich überflüssig wie ein Kropf. Da bist du doch eben schon selbst drauf gekommen, jetzt fall doch nicht wieder dahinter zurück.

Ich: Danke. Du hast Recht. Ich könnte mich langsam auch von dir verabschieden. Dann könnte ich mich allein ins Chaos begeben, und die Welt wäre nicht besser oder schlechter als vorher, und ich wäre es auch nicht, aber vielleicht wäre ich freier.

Teufel: Aber du musst eine Ordnung da rein bringen, sonst verschluckt es dich.

Ich: Aber wäre das schlimm, wenn es mich verschlucken würde?

Teufel: So schlimm, dass du es nicht aushalten würdest. Es wäre die Hölle.

Ich: Hhmm.

Teufel: Stell es dir so vor: Jemand kommt auf dich zu. Du erkennst ihn nicht. Nicht seine Stimme, nicht sein Gesicht, nicht seinen Geruch, nichts. Du kannst nicht einmal sagen, ob männlich oder weiblich. Vor allem weißt du nicht, ob du ihn schon einmal gesehen hast oder noch nie oder schon ganz oft, und ob er dir etwas bedeutet, und was es bedeutet, wenn einem jemand etwas bedeutet. Doch du willst deinen Namen sagen, das willst du unbedingt, aber du kannst nicht sprechen, und du spürst auch nicht seinen Klang, und du weißt nicht, ob du jemals einen hattest, und wenn ja, wozu. Doch du willst ihn sagen, alles was du willst, ist, deinen Namen sagen. Du versuchst, ihn zu schreien, du versuchst, ihn zu tanzen, du versuchst, ihn zu spucken, du versuchst, ihn zu schwitzen, du versuchst, ihn zu ejakulieren, du versuchst, ihn zu bluten, du versuchst, ihn zu kotzen, du versuchst, ihn zu scheißen, du reißt dir die Fingernägel aus und die Zehennägel, die Haare und die Zähne, um zu sehen, ob er darunter versteckt ist, und du schabst dir die Haut ab bis auf die weißen Knochen, doch auch auf ihnen steht er nicht. Und es kommt nichts, als Schmerz, Schmerz, Schmerz, und wenn der Schmerz für einen Augenblick nachlässt, dann ist es am schlimmsten, denn dann fürchtest du, der Schmerz könnte verschwinden, und dann hättest du gar nichts mehr, und du weißt nichts, und du weißt, du bist wertlos.

Ich: Ich habe Angst.

Teufel: Nun ja, das verwundert mich nicht. Im Angstmachen habe ich einige Erfahrung.

Ich: Dieser Name, warum sollte er mir so wichtig sein? Er ist nichts anderes als ein Etikett, oder?

Teufel: Er ist nichts anderes.

Ich: Mir ist das alles zu viel. Kannst du mir irgend einen brauchbaren Gott empfehlen, der noch nicht tot ist?

Teufel: Viele Leute glauben an die Liebe, und manche haben auch ganz gute Erfahrungen damit gemacht.

Ich: Die Liebe? Das ist nicht dein Ernst.

Teufel: Na ja, sagen wir so: Ficken.

Ich: Dass ich da nicht früher drauf gekommen bin! Diese aufgesetzte Abgeklärtheit ist doch zum Speien!

Teufel: Diese „aufgesetzte Abgeklärtheit“ würde ich als einsetzende Aufgeklärtheit bezeichnen.

Ich: Du laberst und laberst und laberst.

Teufel: Das ist mein Wesen. Du kannst ewig mit mir diskutieren, ich liebe das. Das war doch der große Unterschied zu ihm. Mit ihm konnte man nicht diskutieren. Ihm konnte man sich nur unterwerfen, ihn anbeten, ihn bitten, dass er einen erhören würde, sich voll und ganz seiner Gnade ausliefern und sich dann in das Fügen, was er entscheidet, und daran glauben. Mit mir musst du diskutieren und mit mir musst du verhandeln. Die wenigsten wissen das zu schätzen. Sie wollen nichts anderes, als sich unterwerfen, in spirituellen Dingen jedenfalls ganz sicher.

Ich: Das hört sich ja fast ein bisschen gekränkt an?

Teufel: Neihein, auf keinen Fall! Das ist absooluut in Ordnung so! Da habe ich kein Problem mit. Ich meine, eigentlich ist man ja nicht Teufel geworden, weil man geliebt werden möchte. Man wird Teufel, weil man dagegen ist, gegen das Herrschende und noch mehr gegen den Opportunismus, der es an der Macht hält.

Ich: Noch ein Widerspruch. Opportunismus ist doch Survival of the fittest: der Angepassteste überlebt. Das ist doch Darwinismus, die Welt ohne Gott, für die du stehst.

Teufel: Ja. Aber ich bin dagegen.

Ich: Du bist gegen dich selbst?

Teufel: Der Teufel muss auch gegen sich selbst sein.

Ich: Wofür bist du dann?

Teufel: Für die Freiheit.

Ich: Ich bin fürs Ficken.

Teufel: Das schließt sich nicht notwendigerweise aus. Nur habe ich damit nichts zu tun. Es kommen ja immer mal wieder auch Leute zu mir, die so ein bisschen sexuell frustriert sind. Und die wollen dann Sex gegen Seele oder so etwas in der Art. Da sind sie bei mir an der falschen Adresse. Ich bin die Schlange. Ich bin die Klügste. Das ist ein Problem. Bevor ich kam, herrschten paradiesische Zustände, Eva und Adam fickten wie die Tiere. Was ich dann getan habe, habe ich dir vorgelesen. Ich habe sie darauf hingewiesen, dass eine höhere Bewusstseinsstufe möglich ist, und dann wurde die ganze Sache irgendwie furchtbar kompliziert und verkopft. Das wollte ich nicht. Ich bin für Wahrheit und Klarheit und Nacktheit und für Sexualität, die nicht gesellschaftlich reglementiert ist. Aber offenbar habe ich da mal wieder das Böse gewollt und das Gute geschaffen. Ich kann mit einigem Recht von mir behaupten, dass eigentlich ich es war, der „die Liebe“ erfunden hat. Obwohl dieses zweifelhafte Verdienst immer mal wieder gern andere für sich in Anspruch nehmen. Ich meine: Ich habe euch zu einem göttlichen Bewusstsein verholfen, und was macht ihr? Ihr schämt euch. Hat Gott sich jemals geschämt? Nein. Es gibt so viele Dinge an euch Menschen, die ich einfach nicht verstehe.

Ich: Da kann ich dir jetzt auch nicht weiterhelfen. Ich muss dann auch bald mal los. Aber ich hätte da noch eine Frage wegen den Seelen.

Teufel: Ja, frag einfach.

Ich: Warum eigentlich fahren deine gefallenen Engel nur auf die besonders schwarzen Seelen ab? Wird das nicht langweilig?

Teufel: Nein, nie. Diese Seelen sind unergründlich. Die Winkel, die Irrwege, die Falltüren, und du denkst, du läufst im Kreis, doch dann bist du ganz woanders, und dann denkst du, du bist ganz woanders, doch dann bist du nur im Kreis gelaufen, und dann eine Straße, breit wie drei Autobahnen und immer abwärts, und du wirst immer schneller, bis du denkst, dass alles still steht, weil du die Welt selbst überrundest, und dann knallst du von unten gegen eine Wand aus Wasser, die hinter dir zu Feuer wird. Es ist wunderschön.

Ich: Klingt recht speziell. Weißt du was? Ich will meine Seele nicht mehr verkaufen. Ich würde sie gern tauschen. Nein, hör mir erst zu! Du hast doch selber gesagt, dass du schon einen Haufen mittelmäßige Seelen lagerst, die eigentlich nur in den Kellerräumen einstauben. Ich gebe dir meine Seele, und du gibst mir irgend eine von denen. Es macht keinen Unterschied, niemandem entsteht ein Schaden, es ist bestimmt kein großer Aufwand. Tu’s für mich.

Teufel: Behalt deine Seele doch einfach. Warum willst du sie loswerden, die ist doch noch gut.

Ich: Tapetenwechsel. Deine Engel wollen jedes Jahr eine neue haben, warum dann nicht auch ich? Und mir reicht schon eine, die ganz genauso mittelmäßig ist, wie meine alte.

Teufel: Früher hingen die Leute an ihren Seelen und haben sie nur hergegeben, weil sie sich im Austausch dafür etwas anderes versprochen haben, von dem sie meinten, dass sie es um jeden Preis besitzen müssen. Und du willst deine für nichts eintauschen, gegen eine beliebige, gebrauchte andere, mit der du ganz sicher noch viel weniger klar kommen wirst. Das würde ich erst gerne verstehen, bevor wir hier weiter verhandeln.

Ich: Früher glaubten die Leute, sie müssten ihre Seele sorgfältig pflegen wegen Gott. Aber Gott ist tot.

Teufel: Gott ist tot. Na und? So eine gut gepflegte Seele, das ist doch ein Wert an sich! Da brauchst du doch keinen beschissenen Gott für, der dir hinterher ein Zertifikat überreicht: „Der Inhaber dieser Urkunde ist berechtigt in das Himmelreich einzugehen. i.A. Petrus“! Das ist doch Bullshit!

Ich: Das sehe ich aber anders.

Teufel: Meine Güte! Ich versteh euch nicht! Ich versteh euch einfach nicht!

Ich: Das macht doch nichts. Tu mir einfach den Gefallen. Anders komm ich halt nicht weiter.

Teufel: Ich finde, das geht nicht. Ich frage mal meinen Stellvertreter, was er dazu meint.

Ich: Tun Sie das.

Teufel: Also, folgendes Angebot: Ihre Seele können wir Ihnen nicht abnehmen. Wir haben allerdings – wie Ihnen vielleicht bekannt ist – eine Reihe Dämonen in Ihrer Seele einquartiert, die dort für die üblichen Ängste und Hemmungen sorgen, also im Wesentlichen dafür, dass sie nicht, ohne zu gucken, die Straße überqueren und von einem Auto überfahren werden, etc., die aber hin und wieder eben auch mal auf die Bremse drücken, wenn das von Ihrer Seite her vielleicht eher unerwünscht ist. Wir können diese Dämonen mit sofortiger Wirkung an dieser Stelle hier freilassen. Eine Gefährdung für Ihr leibliches Wohl sollte dadurch nicht entstehen, da sich augenblicklich frei schwebende Dämonen aus ihrer Umgebung einfinden und die entstandenen Lücken ausfüllen werden. Objektiv wird dieser Austausch weder an Ihrem Handeln noch an Ihrer allgemeinen Lebenssituation für größere Veränderungen sorgen, da hierfür Faktoren ausschlaggebend sind, auf die Ihre persönlichen Dämonen fast keinen Einfluss haben. Was das subjektiv empfundene existenzielle Unwohlsein anbelangt, das Sie in unserem Gespräch zur Sprache gebracht haben, so kann hier der Austausch der Dämonen allerdings sehr wohl zu einer Verbesserung Ihrer Situation beitragen. Als Gebühr für die Transaktion übertragen Sie bitte die vollständigen Rechte an dem vorliegenden Text an uns, wir behalten uns vor, ihn im Sinne unserer Institution weiter zu verwenden. Herr Thoma, sind Sie mit diesem Angebot einverstanden?

Ich: Ja… Ja, ich bin einverstanden.

Teufel: Wunderbar. Dann ist das hiermit auch schon ganz unbürokratisch erledigt. Es war mir ein Vergnügen. Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage, Herr Thoma!

Ich: Gleichfalls. Ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen.

Teufel: Auf Wiedersehen.

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