Stefan (Teil 1)

Aus marketingtechnischen Überlegungen veröffentliche ich die folgende Erzählung hier in zwei Teilen. Dieses ist der erste:

Es war vor vielen, vielen Jahren.

Stefan will uns die Pistole vorführen. Er ist ganz hibbelig – das ist er immer –, freudig erregt, stolz und angespannt. Die Anspannung hat sich längst auf mich und meinen besten Freund Dominic übertragen. Wir wollen bei Stefan in den Hauseingang, aber er geht vorbei. Die Waffe sei natürlich nicht in der Wohnung, er habe sie versteckt. Tatsächlich holt er ungefähr 100 Meter weiter eine weiße Plastiktüte unter einem Busch hervor. Er lässt uns vorsichtig reingucken und anfassen, und da ist sie: schwarz und schwer und gar nicht so groß, passend auch für unsere Kinderhände. Er sagt, sie gehöre seinem Vater oder seinem großen Bruder, ich kann mich nicht mehr erinnern, wer es war.

Ob Vater oder Bruder, heute weiß ich nur noch, einmal bin ich ihm begegnet, als Stefan mich auf dem Rückweg von der Schule zu sich in die Wohnung lotste, was im übrigen etwas war, das man eher unwillig über sich ergehen ließ, wenn einem keine gute Ausrede einfiel, denn eigentlich wollte niemand Stefans Freund sein; es war nicht cool, und es brachte einem auch sonst nicht viel, außer sehr wahrscheinlich Ärger. Sein Vater oder Bruder war stiernackig, hatte einen Bürstenhaarschnitt und eine kleine ovale Brille mit relativ dicken Gläsern. Er zeigte keinerlei Interesse an mir, was ich bei Eltern von Schulfreunden noch nie erlebt hatte. Er machte mir Angst. So in etwa die Angst, die mich stets befiel, wenn ich einem Hausmeister oder einem Busfahrer gegenüberstand. Die beiden, Stefan und sein Bruder/Vater, gingen ins Badezimmer und pinkelten mir was vor. Nicht in die Kloschüssel, sondern in die Wanne. Hier misstraue ich meiner Erinnerung. Es scheint mir viel plausibler, dass es Stefan allein war, an einem der anderen Tage, ohne Vater oder Bruder in der Wohnung. Aber da ist dieses Bild bei mir im Kopf, wie sie beide nebeneinander stehend in die Badewanne pissen. Mich ekelte das sehr. Doch ich weiß auch noch, wie ich nach einem vernünftigen Argument gegen das ekelerregende Verhalten suchte und auf die Schnelle keins fand; vermutlich spart es ja auch Wasser, dachte ich. Es schien mir grundverkehrt, aber der Gedanke, dass es vielleicht in vielen Familien ganz normal war, ließ mich nicht los. Da war eine Unsicherheit: Sollte ich mich für Stefan schämen, weil er eklig war oder am Ende doch eher für mich, weil ich mich ekelte. Der Spitzname, den Stefan bei den weniger freundlichen Mitschülern hatte, fiel mir ein. Wenn sie ihn nicht gerade Spasti nannten, dann nannten sie ihn Piss Lee, weil er angeblich immer nach Pisse stank. Mir war das nie aufgefallen, falls es wirklich so war, hat es mich wohl nicht weiter gestört. Aber in dem Moment dachte ich mit Abscheu daran. Stefans Vater/Bruder bin ich nur einmal kurz begegnet, eigentlich habe ich keine Erinnerung an ihn.

Stefan schließt die Tür zu der kleinen Neubauwohnung mit den niedrigen Decken auf, in der er wohnt. Ein Schlüsselkind, die sind anders als ich und mein bester Freund, das wissen wir alle. Wir legen unsere Jacken ab, und Stefan schafft es dabei, die Pistole keinen Augenblick aus der Hand zu geben. Schon auf der Straße hat er sie vorgeführt: Er hat uns gezeigt, wie man entsichert und wie man durchlädt. Er hat das Magazin rausgenommen und wieder eingesetzt und erklärt, dass die Patronen mit den grünen Kappen Schreckschuss- und die mit den gelben Tränengasmunition seien. Jetzt stehen wir da in seiner Wohnung. Ich habe Stefan nichts zu sagen, habe ich nie, und Dominic wahrscheinlich auch nicht. Die Waffe hat er uns schon gezeigt, wir könnten gleich wieder gehen. Das tun wir aber nicht. Da muss jetzt noch was kommen.

Es ist eine 2-Zimmerwohnung: Stefans winziges Kinderzimmer und ein größeres Wohnzimmer, etwas größer als das Kinderzimmer, das ich mir mit meiner Schwester teile, kleiner, als das von Dominic und seinem Zwillingsbruder. Im Wohnzimmer hängt Stefan in DIN/A3 an der Wand. Es ist kein schönes Foto. Das ist nicht die Schuld des Fotografen, es liegt am Motiv. Ein sehr schmales Gesicht mit fleckiger Haut, untypisch für ein Kind, fettige blonde Haare, wässrig blaue Augen, die nur so da sind, so, als würde niemand durch sie blicken. Neben dem Foto hängt – fast gleich groß und ebenfalls gerahmt – ein Spruch, der in etwa besagt, dass Geld nichts sei und Zeit, Liebe und Zuwendung alles. Gegenüber steht ein für damalige Verhältnisse großer Fernseher, den Stefan sofort einschaltet. Er sagt, dass er Stubenarrest habe und den Nachmittag also in der Wohnung bleiben sollte, als wenn wir ihn eingeladen hätten, zu irgendwas mitzukommen. Es läuft eine japanische Zeichentrickserie mit aggressiven Robotermenschen. Stefan guckt kaum hin, doch ich kann meinen Kopf nicht abwenden, verstehe nichts, bin aber verängstigt durch die Bilder. Wie ein Kleinkind. Ich schäme mich und hoffe, dass niemand etwas bemerkt. Bei mir zuhause gibt es keinen Fernseher. Ich weiß, meine Eltern hätten mir – für mich ausreichend plausibel – erklärt, warum diese Zeichentrickserie schlecht ist und warum ich sie nicht sehen möchte, und ich selbst hätte mit einem guten Gefühl den Fernseher ausgeschaltet. Ich würde jetzt gern das ganze Zimmer hier ausschalten. Es scheint mir einzig den Zweck zu haben, Stefan zu verhöhnen, und wenn ich wüsste, dass er auch so empfindet, dann hätte ich Mitleid. Aber ich weiß es halt nicht.

Stefan ist was eingefallen. Hat er vorhin die Pistole mit vollem Magazin durchgeladen oder nicht? Das ist die Frage. Wenn ja, dann wäre da jetzt eine Kugel im Lauf.

Das muss man natürlich wissen, ob eine Kugel im Lauf ist oder nicht, findet auch Dominic. Sonst löst sich noch versehentlich ein Schuss, oder so.

Also, wie war das jetzt mit dem Durchladen vorhin? Da will sich keiner von uns festlegen.

Uns wird klar, dass es nur eine Möglichkeit gibt, es herauszufinden.

Einer muss schießen.

In der Wohnung?

Ja etwa draußen?

Und wenn eine Patrone drin ist? Und wenn es Tränengas ist?

Und wer?

Der, der fragt.

Der als erstes die Idee hatte.

Der, dem die Waffe gehört.

Nein, der Gastgeber bestimmt wer.

Ching Chang Chong.

Ching Chang Chong ist fair. Ich verliere. Ich dachte, ich war schon aufgeregt, als Stefan von seiner Pistole erzählt hat. Jetzt bin ich es wirklich.

Aber das Tränengas…

Suche ich da etwa nach Ausreden?

Und vom Knall könntest du taub werden, fällt Dominic noch ein, und ich weiß nicht, will er mich raushauen oder will er sich weiden an meiner Angst.

Stefan hat was Tolles gefunden. Es sieht fast so aus wie echte Ohrenschützer vom Schießstand. Es sind aber nur Ohrenschützer gegen die Kälte: Ein weißer Plastikreif und zwei Plüschkreise in Regenbogenfarben. Kleine Mädchen tragen so etwas. Aber ich fühle mich nicht in meiner nicht vorhandenen Männlichkeit verletzt, als Stefan sie mir aufsetzt, denn gleichzeitig drückt er mir die Knarre in die Hand, und das macht es mehr als wett. Oder würde es. Voraussetzung ist, dass ich schieße. Sonst stehe ich da mit meinen lächerlichen Plüschohren. Normalerweise – das weiß jeder Grundschüler – ist das Leben ja fürchterlich kompliziert. Aber dann gibt es hin und wieder Stellen, da wird es plötzlich erschreckend einfach. Das hier ist so eine. Es gibt genau zwei Möglichkeiten, wie ich hier rauskomme, entweder als Held oder als Clown.

Aber was, wenn es Tränengas ist?

Wir machen das Fenster im Kinderzimmer ganz weit auf.

Dann hört man es ja überall.

Ist egal. Weiß ja keiner woher.

Und wenn du schießt, und es ist Tränengas, dann schnell raus und die Tür vom Kinderzimmer zu.

Ich lasse mich überzeugen. Ich erhalte noch wertvolle Tipps. Dann kann es losgehen. Vorsichtshalber machen Dominic und Stefan die Tür schon mal gleich hinter mir zu. An der Wand hängt ein Poster von Michael Keaton in Batmangestalt. Stefan ist Fan. Ich habe den Film nicht gesehen, denn meine Eltern schätzen die Vorgaben der FSK, und ich schätze meine Eltern. Sie sind vernünftig. Beide, FSK und Eltern. Ich richte die Pistole auf Michael Keatons Plastik-Brustkorb. Ich bin gerade nicht vernünftig. Hinter der Tür wispert es. Sie schließen bestimmt Wetten ab, ob ich es durchziehe oder ob ich versage. Ich könnte behaupten, ich hätte es getan und nichts wäre passiert, also keine Patrone im Lauf. Aber am Ende drückt dann Stefan ab. Ich halte die Pistole mit beiden Händen, es fühlt sich nicht schlecht an. In dem Moment, in dem ich meine Finger fest auf den Abzug drücke, kommt mir der Gedanke, dass Stefan ganz genau weiß, dass das Ding geladen ist.

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