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niederwertig vs. widerwärtig

Manchmal höre ich seltsame Dinge, die so nie gesagt wurden. Zum Beispiel letzten Samstag in den Nachrichten: Roland Koch über Hartz-IV-Empfänger. Für die solle es einen Arbeitszwang geben; ein Hartz-IV-Empfänger müsse im Zweifelsfall auch zur Übernahme einer widerwärtigen Arbeit verpflichtet werden können. So habe ich die Nachrichtensprecherin verstanden und mir überhaupt nichts weiter dabei gedacht, außer vielleicht: Ja, das ist nur logisch, das macht Sinn aus der Sicht vom Koch, eine voll normale Aussage für seine Verhältnisse.

Ich hatte an dem Tag sehr lange das Radio laufen wegen – das ist jetzt etwas peinlich, aber ich will hier nichts verschweigen – Hertha. Es war der Sender Inforadio, der seine Nachrichten alle 20 Minuten wiederholt. Erst beim sechsten Durchlauf der Meldung fiel mir auf, dass Koch ja gar nicht von widerwärtigen, sondern von niederwertigen Tätigkeiten gesprochen hatte. Ich war irritiert. niederwertig was für ein ungewöhnliches Kompositum! Widerwärtig ist zweifellos viel geläufiger. Unter einer widerwärtigen Tätigkeit kann ich mir auch sofort etwas vorstellen. Zahnarzt von Roland Koch zum Beispiel. Aber was wäre eine niederwertige Tätigkeit? Gemeint ist wahrscheinlich eine Arbeit, die nicht einfach nur schlecht bezahlt, sondern die zurecht schlecht bezahlt ist, weil sie eine bessere Bezahlung gar nicht wert wäre. Genau genommen könnte es sogar eine Arbeit sein, die wenig wert ist, aber aus irgendwelchen Gründen trotzdem gut bezahlt. Also im Prinzip jede Tätigkeit, wenn man sie nur schlecht genug ausführt, zum Beispiel auch die als Ministerpräsident eines Bundeslandes. Demnach hätte Koch gefordert, dass Hartz-IV-Empfänger zu einer Arbeit gezwungen werden sollen, die sie nicht gut ausführen können oder wollen und die sie deshalb so schlecht ausführen, dass sie nur wenig wert ist. Das klingt plausibel. Denn die Rechnung ist ja einfach: Immer noch besser einer macht seine Arbeit so richtig mies, als wenn er gar nicht arbeitet und nur Dinge tut, die ihm Freude bereiten. Angenommen zum Beispiel, einer hasst es, Roland Kochs Zahnarzt zu sein, wurde aber vom Job Center dazu verpflichtet, weshalb er inkompetent und übellaunig ein wahres Blutbad und Trümmerfeld in Roland Kochs Fresse Mund anrichtet. So wäre das doch viel besser, als wenn er tatenlos zuhause rumhängen und sich im Internet-Live-Stream sämtliche Plenarsitzungen des hessischen Landtags ansehen würde. Doch auch wenn diese Interpretation von Kochs Worten zunächst einleuchtend erscheinen mag, gibt es gewichtige Gründe, die dagegen sprechen. Roland Koch würde seinen Zahnarzt nämlich bestimmt sofort wechseln und sich von dem neuen ein schönes frisches Gebiss mit zwei glitzernden Diamantschneidezähnen und vier scharf geschliffenen Eckzähnen aus Edelstahl maßschneidern lassen. Dann wäre unser Hartz-IV-Empfänger wieder ohne Beschäftigung und würde, wie es nun einmal seine Natur ist, vorm Computer hängen und sich diese furchtbaren Plenarsitzungen reinziehen. Nichts wäre gewonnen. Man müsste folglich nicht nur den Hartz-IV-Empfänger in die niederwertige Zahnarzttätigkeit zwingen, man müsste auch Roland Koch dazu verpflichten, sein Patient zu bleiben. Das wäre theoretisch eine denkbare Lösung, denn in bestimmten Bereichen gibt es das ja schon, dass man sich seinen Arzt nicht selbst aussuchen darf. Aber ich bin fast sicher, dass Koch es so nicht gemeint hat.

Ich glaube vielmehr, dass Koch nach einer missratenen Zahnbehandlung viele Konsonanten nicht mehr ordentlich artikulieren konnte und sein schrecklich vernuscheltes iderärtig vom Interviewer fälschlich als niederwertig interpretiert wurde. Denn es ist doch so: Wenn man erst mal beginnt darüber nachzudenken, was etwas nur ungenau Verstandenes genau heißen könnte, fallen einem immer zuerst die abwegigen Erklärungen ein. Ich sah neulich zum Beispiel ein Schild, auf dem ich inrichtungen lesen konnte – der erste Buchstabe war verdeckt. Nach langem Nachdenken ergänzte ich ein sehr weit hergeholtes H für Hinrichtungen, dabei wäre ein E für Einrichtungen doch viel naheliegender gewesen. Bestimmt hat Koch ganz normal widerwärtig gesagt, nur dass er aufgrund einer ärztlichen Fehlleistung eben nicht eindeutig zu verstehen war. Denn das kann funktionieren: Man macht einen Menschen einfach so klein und runter und erklärt ihn für so niederwertig, dass er schließlich eine richtig widerwärtige Tätigkeit voller Demut, Freude und Dankbarkeit annehmen und sie mit vollem Einsatz, unter großen Mühen und nach bestem Wissen und Gewissen sorgfältig ausführen wird. Dann bekäme Roland Koch seine Diamantschneidezähne und seine Edelstahleckezähne zum Hartz-IV-Satz und zu seiner vollsten Zufriedenheit. Und allen wäre geholfen.

Banküberfall

In unserer Region kommen anscheinend Banküberfälle wieder in Mode. Ich finde das romantisch. Wäre doch schick, wenn das eine Massenbewegung würde, wie vor einigen Jahren das Kaufen von Telekomaktien. Oder wenigstens eine Jugendbewegung. Vielleicht könnten sich Sparkasse-Robbery-Flashmobs bilden. Und dann wird das erbeutete Geld unter den Armen verteilt, sprich: untereinander. Nur fürchte ich, sind Flashmobs nicht konspirativ genug für die Planung einer Straftat. Und die ganzen Bilder, die die jugendlichen Bankräuber nach dem Überfall in ihr Facebook hochladen würden, würden es den Ermittlungsbehörden auch ziemlich einfach machen. Besser also, wenn das mit den Banküberfällen die etwas älteren Semester übernehmen. Pensionierte Ex-Polizisten zum Beispiel. Hast du Lust, Papa? Nein, ich schlag das nicht vor, weil ich mir ausrechne, was abzukriegen von der Beute. Das Geld behalt mal schön selbst. Ich mach meine eigenen Banküberfälle. Ich glaube das ist eine Tätigkeit, die mir liegen könnte. Man hat mit Menschen zu tun und benötigt viel psychologisches Geschick im Umgang mit ihnen und ein sicheres Auftreten. Man muss belastbar sein und auch in Stresssituationen den Überblick behalten. Die Planung des Überfalls erfordert organisatorisches und logistisches Geschick. Sehr gute Englischkenntnisse und die sichere Beherrschung einer weiteren Fremdsprache sind unbedingt von Vorteil. Außerdem benötigt man einen Führerschein für das Fluchtfahrzeug und natürlich einen Waffenschein, beide gern auch gefälscht. Zweifellos keine einfache Tätigkeit, die auch eine große Portion Unternehmergeist erfordert. Sie ist erwiesenermaßen riskant, und die Einkünfte sind unsicher und unregelmäßig. Dafür ist es aber auch eine sehr sinnvolle Tätigkeit, die viel Freude bereitet. Aber bitte unbedingt beachten: Man muss sich vorher überlegen, ob und wenn ja wen (Angestellte, Kunden, Sicherheitsdienst, Polizisten, alle) man ggf. erschießen möchte; vor Ort bleibt erfahrungsgemäß wenig Zeit dazu. In jedem Fall, finde ich, ist die Planung und Durchführung eines Banküberfalls eine Sache, die jeder mal gemacht haben sollte. Man lernt einfach so viel dabei, was einem in seinem weiteren Leben (vorausgesetzt es endet nicht während des Überfalls vorzeitig) von großem Nutzen sein wird, selbst wenn man sich dazu entscheidet, nicht die Karriere eines professionellen Bankräubers einzuschlagen.

Für den folgenden Link sind gute Türkischkenntnisse von Vorteil:

Weiß

„[…] Or is it, that as in essence whiteness is not so much a colour as the visible absence of a colour, and at the same time the concrete of all colours; is it for these reasons that there is such a dumb blankness, full of meaning, in a wide landscape of snows — a colourless all-colour of atheism from which we shrink?“

Link

Abschließend noch eine „Moby-Dick“-Rezension von

Reviewer: hikinandbikin – – January 11, 2008
First off if you know you like the story Moby Dick you should download this. […] Also, this review is for the common reader not a literary critic.
However, If you have always heard about how great Moby Dick is but never read it, save yourself the time. Moby Dick is the kind of book that rambles through a massive string of jarring storytelling shifts to the point of being utterly frustrating. As the story progresses you soon discover that about every other chapter does nothing to advance the plot but is rather a complete change of subject to some highly detailed minutia that while loosely tied to the book add nothing to the story. It is like a Kevin Costner movie but worse. [Hervorhebung von ismael2] After I finished the book, which was a complete let down, I was left wondering how in the world Melville became known as a master. Perhaps I just don’t get 20 century literature.

Das Uhärgh!-Blog

Schon ewig nichts mehr gebloggt. Das kann so nicht weiter gehen. Das Jahr hat noch gar nicht richtig angefangen und ich bin kreativitätsmäßig schon Flasche leer. Sprachlich sieht es nicht besser aus, wie man sieht. Es ist wie damals in der Schule, Weihnachten ist vorbei, und man fragt sich: Wann kommen endlich die Winterferien? Sandra R., die Lehrerin ist, hat gestern genau dieses Gefühl beschrieben. In der Schule herrscht da also Einigkeit zwischen Lehrern und Schülern. Aber zwischen mir und mir herrscht da gerade leider gar keine Einigkeit. Denn ich habe ja so unglaublich viel vor und so viel Energie, es anzugehen, und dazukommt, dass ich mir es auch überhaupt nicht leisten kann, wenig vor und wenig Energie zu haben. (Fühlt sich außerdem kacke an.) Ich dagegen bin häufig müde, tu viel zu wenig, und was ich tu, macht mich nur noch unzufriedener mit mir, denn es ist Murks. In der Schule war aber auch nicht alles Gold. Da kamen auch gerade in dieser Zeit gern noch besonders fiese Klassenarbeiten. Natürlich konnte man darauf spekulieren, dass alle anderen Schüler auch schlecht waren und, damit der Schnitt wieder hinkam, alles insgesamt hochgewertet werden musste. Aber schön war das auch nicht. Ich will die Zeit nicht verklären. Und es waren ja auch nicht nur die Klassenarbeiten, die Scheiße waren. Sondern alles. Und im Januar nur besonders, im April aber schon auch. Statt hier irgendwas schnell hinzuschreiben, könnte ich auch einen alten Text, der bei mir auf Halde liegt, posten. Ginge noch schneller und wäre wahrscheinlich weniger schlecht. Aber bei Texten, die zu lange liegen, muss ich erst stundenlang überlegen, ob sie noch relevant sind. Bei diesem Text hier ist schon alles egal. Ich habe gerade halt Wichtigeres zu tun, als noch einen Blogtext zu verfassen. Außerdem seid ihr ja verwöhnt, liebe Leser. Ja, genau euch zwei meine ich! Braucht gar nicht auf unschuldig tun und in die andere Richtung gucken! Ihr seid hier verwöhnt mit langen Texten, wo andere Autoren Geld für nehmen würden. Bewaffnete Autoren, meine ich: „Hier ist mein Text. Kannste haben. Aber gib mir dein Geld, oder ich schieß dich tot!“ würden sie sagen. Doch früher oder später kriegt man sie alle, und dann sterben sie in ihrem schwarzen GTI im Kugelhagel. Das haben sie dann davon. Am Ende kriegt jeder das, was er verdient. Und wer sich mies benimmt zu Zeiten, wo er eine Knarre hat, der wird auch mies behandelt werden, wenn einmal die anderen die Knarre haben. Ich dagegen bin lieber immer freundlich und mache auch mal so tolle Sachen, wie Pakete für die Nachbarin annehmen und ganz ungeöffnet aushändigen. Wenn alle Menschen so wären, dann wäre die Welt geheilt und ein besserer Platz für dich und für mich. Wo war ich stehen geblieben? Ich weiß es nicht. Es ging um Blogtexte. Meine sind immer so lang und so voller Seele und what’s best – it’s completely free! Die meisten anderen sind doch meistens voll kurz und außerdem abgeschrieben und dann verlinken sie halt noch auf irgendwas, was einem nur unnötig Zeit kostet, wenn man es anklickt, weil es ist ja doch wieder nur so ein modischer Internet-Hype-Sparwitz oder eben Altbekanntes. Habe ich ja auch schon gemacht. „Lest lieber nicht mein Zeug hier, schaut euch stattdessen mal diesen lahmen Link an“, habe ich dann so sinngemäß immer geschrieben. Na, da war ich wenigstens noch ehrlich. Dann hatte ich aber auch immer wieder diese langen Texte. Und heute? Nichts, kompletter Ausfall, der reine Scheiß. Da wartet ihr schon so lang, dass hier endlich wieder was kommt und dann ist es so was. Ja, tut mir leid. Dann lest doch die Gülle bei Spiegel-Online! Ich bin auch immer so abfällig anderen gegenüber, die Scheiße sagen oder schreiben, dabei sollte ich mir selbst mal den Mann im Spiegel anschauen, da könnte einem nämlich auch schon mal das Kotzen kommen, so ist es ja nicht. Und trotzdem: Ich bin so negativ gegenüber Leuten eingestellt, die scheiße sind, das wird immer schlimmer, und so schnell im Urteilen. Zum Beispiel war ich mit Maik S. in einer voll szenigen Videothek am U-Bahnhof Gneisenaustraße und nur weil uns der Typ hinterm Tresen völlig grundlos ankackt, denke ich gleich: „Was für eine ultraarrogante Hackfresse! Der denkt wohl im Ernst, er ist King Louie aus dem Affenland, dabei kann er bestimmt nicht mal tanzen, sondern bloß weil er wie Trilliarden andere auch ein paar Hundert Filme gesehen hat. Wahrscheinlich glaubt er auch, er hat die einzige Videothek in Berlin.“ Hätte ich überhaupt nicht denken müssen. Ich meine, wahrscheinlich stimmt es schon, was ich mir da gedacht habe, aber vielleicht war er ja auch einfach überarbeitet. Aber wenn man so negativ eingestellt ist, dann kann es einem passieren, dass man sagt: „Nein, ich sehe gar nicht ein, warum ich mich hier so anpissen lassen muss.“ Und dann muss man zu Videoworld gehen, zu so einem bösen Großkonzern, und den einen Film, den Maik besonders gern gesehen hätte, gibt es da dann natürlich nicht. (Sorry, Maik. Ich würde es zwar wieder machen, aber es tut mir ehrlich leid.) Alles nur, weil ich mich seit neuestem so intolerant gegenüber Arschlöchern verhalten muss. Weil ich aber auch feige, nicht voll durchtrainiert und schlecht bewaffnet bin, ist diese Intoleranz meistens noch stärker, wenn kein direkter Gegner da ist. Zum Beispiel habe ich gestern nach langer Zeit mal wieder im Tagesspiegel geblättert und gleich literweise Magensäure in die Gegend gespuckt wie eine magersüchtige Speikobra. Aber die schlimmste Stelle war ein ganz harmloser Fragebogen, den Leander Hausmann ausgefüllt hatte. Ich hatte bis dahin nie was gegen den gehabt. „Ein Künstler, hat ja zum Teil ganz nette Filme gemacht, Respekt, Alter, Mann, Respekt“, dachte ich bisher. Und dann beantwortet der lumpige 10 Fragen. Ich meine, was soll das bitteschön aussagen über einen Menschen, den man überhaupt nicht kennt? Das sagt doch gar nichts aus, deshalb kann man den doch nicht einfach gleich irgendwie beurteilen, meine ich. Aber ich jedenfalls les die Antworten von dem Hausmann auf die Fragen und bei jeder einzelnen Antwort kotz ich die Wand an. „Uhärgh! Was für ein Arschloch! Was für ein Tonnen-Kubik-Arschloch!“ denke ich nur noch. Zehn Sätze und ein Mensch, den ich nie gesehen habe und gegen den ich bislang nicht den leisesten Groll gehegt habe, ist ein Erste-Klasse-Objekt meines Hasses geworden! Das darf doch nicht wahr sein, so etwas! Ist es aber. Ja, liebe Leute, der Text ist für einen Blogtext so längenmäßig fast schon wieder zu viel. Und es dauert schon seine Zeit, so was rauszuhauen, auch wenn man sich keine Mühe gibt. Ich möchte jetzt zum Abschluss nur schnell noch ein paar Klicks generieren: Fick, Schwanz, Mord, Vergewaltigung, Folter. Das waren, nachdem ich meinen Seelenverkaufstext gepostet habe, die häufigsten Suchen, die zu meinem Blog führten. Kommen auch alle Wörter in dem Text drin vor, so weit ich weiß, nur bei „Schwanz“ bin ich mir unsicher. Finde ich jedenfalls gut, dass es viele Menschen gibt, die diese existenziellen Dinge bewegen und die das Medium Internet für Recherchezwecke auf diesem Gebiet benutzen. Und damit mir keiner vorwerfen kann, ich hätte die Wörter Fick, Schwanz, Vergewaltigung, Mord und Folter hier nur geschrieben, um für diesen Müll-Text Klicks zu generieren, setz ich jetzt noch einen Link, der irgendwie damit zu tun hat, jedenfalls so irgendwie wie hier heute alles irgendwie irgendwie ist, und wenigstens ganz dezidiert mit Schwanz.

Stefan (Teil 2)

Ich halte die Pistole mit beiden Händen, es fühlt sich nicht schlecht an. In dem Moment, in dem ich meine Finger fest auf den Abzug drücke, kommt mir der Gedanke, dass Stefan ganz genau weiß, dass das Ding geladen ist.

BÄMMM!

Die war geladen, scheiße, die war echt geladen, geil!

Geil!

War das laut, man, war das laut!

Ey, du hast es echt gemacht, du Irrer!

Geil!

Oaaah, ich glaub, ich bin taub!

Geil!

Da kam so ne Flamme vorne raus, soo ne Flamme, und die Patrone ist zur Seite raus geflogen und voll gegen die Wand. Und meine Arme hat’s so richtig weggezogen.

Es klingelt. Ein Moment der Stille.

Kacke, kacke…

Mach mal Fenster zu.

Wieso, ist doch Quatsch jetzt, lass besser auf wegen dem Rauch.

Ach was, den merkt keiner.

Ich mach nicht auf.

Nee, ich mach besser doch auf.

Warte, ich leg sie unter die Bettdecke.

Okay, ich geh hin.

Stefan linst durch den Spion: Die Nachbarin von oben.

Wir stehen in der Kinderzimmertür und quälen uns ein aufmunterndes Grinsen ab. Stefan öffnet in dieser unterwürfigen Körperhaltung, die er so gut beherrscht wie kein zweiter. Es nützt nichts, es nützt nie was, sie keift sofort los.

Ich hab es dir schon 1000 mal gesagt, Stefan, und jetzt reicht es mir, es reicht mir wirklich, dein Benehmen steht mir bis hier, bis Oberlippe Unterkannte. Das sind die einfachsten Regeln des Zusammenlebens, alle halten sich daran, nur Stefan nicht! Das ist eine Zumutung! Jedes mal knallst du diese Wohnungstür hinter dir zu wie ein Irrer von Bonnies Ranch. Ich lass mir das nicht mehr bieten! Es reicht!

Dominic und ich strahlen uns an. Was redet die da von Türenknallen. Sie kapiert gar nichts. Das ist fantastisch: Eine erwachsene Frau kurz vom Nervenkollaps und dabei hat sie keinen Schimmer, was überhaupt los ist. Jetzt die Pistole unter der Bettdecke vorholen, aus dem Zimmer treten, dass sie mich sehen kann, und einmal durchladen, dabei überhaupt nicht zu ihr hingucken, einfach nur dastehen mit der geladenen Waffe. Die Idee geht so schnell, wie sie gekommen ist, aber mein breites Grinsen ist noch da, als Stefan die Nachbarin endlich abgewimmelt hat, es wird immer breiter, und das gleiche Grinsen ist in Dominics Gesicht, und wir könnten uns umarmen – wir klatschen uns ab. Stefan klatscht uns auch ab. Wir schütteln uns vor Lachen. Dann holt Stefan seine Pistole wieder unter seinem Bett hervor und lädt durch.

Jetzt ist wieder eine im Lauf, merkt es euch. Nur ich weiß gar nicht, ob wieder Schreckschuss oder diesmal Tränengas. So’n Pech.

Bis hierhin war es nur eine Vorstufe, wird mir klar, jetzt erst ist Stefan richtig aufgekratzt. Dann macht er meistens komische Dinge. Als es ihm zum Beispiel wieder einmal gelungen war, mich auf dem Heimweg von der Schule zu sich in die leere Wohnung zu lotsen, lagen dort 40 D-Mark. Sein Taschengeld, behauptete er. Er ging mit mir zum Spielzeugladen gegenüber und kaufte sich den „Die-???-Detektiv-Koffer“. Er wusste, dass Dominic und ich Privatdetektive waren und dass Dominic so einen Koffer hatte. Ich sagte ihm mehrmals, er solle es sich überlegen, ob er das Geld wirklich dafür ausgeben will, denn so toll war der Koffer nicht. Aber Stefan ließ sich nicht abhalten. Wieder in seinem Kinderzimmer öffnete er den Karton und das Stempelkissen für Fingerabdrücke, die Lochkamera und die anderen albernen Plastikteile, die sich darin befanden, kullerten ihm entgegen. Er inspizierte alles ganz kurz, kapierte nicht, was man damit machen konnte, fand immerhin die Plastikhandschellen, aber keine Knarre. Binnen fünf Minuten ging er dazu über, die Teile als Wurfgeschosse zu benutzen, die er mit beachtlicher Wucht, aber ohne die nötige Präzision in meine Richtung feuerte. Sie flogen gegen die Wände und gingen kaputt. Er tat mir fast leid, weil die 40 D-Mark ja vielleicht wirklich ihm gehört hatten, aber das war halt Stefan, wenn er aufgedreht war.

Ja, wir gehen dann, sagt Dominic. Seine Mama wartet mit dem Essen.

Ach komm, ne halbe Stunde könnt ihr noch bleiben.

Hätten wir gekonnt. Aber es war immer gut, sich rechtzeitig von Stefan loszumachen, bevor er einem zu sehr auf die Nerven ging, und außerdem ließ sich, was heute passiert war, nicht mehr steigern. Es war Zeit, zu gehen.

Stefan richtet die Pistole auf uns: Ihr bleibt!

Ich erschrecke ein bisschen. Und Stefan fängt an, zu spielen.

Hände hoch! Los, los, Hände hoch!

Wir heben die Hände. Justus Jonas und Peter Shaw sitzen in der Falle.

Vorwärts.

Wir weichen rückwärts ins Wohnzimmer. Stefan macht einen Ausfallschritt nach vorne und wir stolpern um den Tisch herum.

Heheheheh, ich bin der Joker! Hände oben lassen!

Wir stolpern die eine Richtung um den Tisch rum auf der Flucht vor dem Irren mit dem Grinsen, doch der ändert plötzlich seine Richtung, sodass wir unsere auch ändern müssen und fast übereinander fallen. Dabei versucht Justus Jonas, den Verbrecher von der Sinnlosigkeit seines Tuns zu überzeugen.

Jetzt hör doch mal auf mit dem Quatsch, Stefan. Wir wollen gehen.

Wie heißt das Zauberwort?

Bitte, Stefan, komm hör auf damit.

Auf die Knie! Hehehehehe! Hände hinter den Kopf! Ihr müsst betteln.

Wir betteln.

Und dann gehen wir.

Das muss so in der fünften Klasse gewesen sein. Vierte, fünfte Klasse, bilde ich mir ein, war eine der Phasen in meinem Leben, in denen es mir richtig gut ging. Nach der sechsten wechselten Dominic und ich auf unterschiedliche Gymnasien, Stefan, der keine Gymnasial-, auch keine Realschulempfehlung bekommen hatte, auf eine Gesamtschule. Oder war es sogar nur eine Hauptschule? Dominic und ich verloren uns aus den Augen. Stefan kam mir auf meinem neuen Schulweg morgens häufig mit dem Fahrrad entgegen. Er fuhr langsam und – wenn ich mich nicht sehr irrte – nicht in die Richtung, wo seine Schule gewesen wäre, sondern in die entgegengesetzte. Eine Zeitlang habe ich ihm noch zugenickt und „Hallo“ gesagt, doch er sah immer weg, also ließ ich es bleiben. Später habe ich ihn öfter mal in unserer Gegend mit einer Gruppe von Jugendlichen, die alle in etwa zwei, drei Jahre jünger waren, als er, auf Mauern oder Bänken Bier trinken sehen. Manchmal grinste er zu mir rüber, aber ich habe weggeguckt. Was er heute macht, weiß ich nicht.