Stefan (Teil 2)

Ich halte die Pistole mit beiden Händen, es fühlt sich nicht schlecht an. In dem Moment, in dem ich meine Finger fest auf den Abzug drücke, kommt mir der Gedanke, dass Stefan ganz genau weiß, dass das Ding geladen ist.

BÄMMM!

Die war geladen, scheiße, die war echt geladen, geil!

Geil!

War das laut, man, war das laut!

Ey, du hast es echt gemacht, du Irrer!

Geil!

Oaaah, ich glaub, ich bin taub!

Geil!

Da kam so ne Flamme vorne raus, soo ne Flamme, und die Patrone ist zur Seite raus geflogen und voll gegen die Wand. Und meine Arme hat’s so richtig weggezogen.

Es klingelt. Ein Moment der Stille.

Kacke, kacke…

Mach mal Fenster zu.

Wieso, ist doch Quatsch jetzt, lass besser auf wegen dem Rauch.

Ach was, den merkt keiner.

Ich mach nicht auf.

Nee, ich mach besser doch auf.

Warte, ich leg sie unter die Bettdecke.

Okay, ich geh hin.

Stefan linst durch den Spion: Die Nachbarin von oben.

Wir stehen in der Kinderzimmertür und quälen uns ein aufmunterndes Grinsen ab. Stefan öffnet in dieser unterwürfigen Körperhaltung, die er so gut beherrscht wie kein zweiter. Es nützt nichts, es nützt nie was, sie keift sofort los.

Ich hab es dir schon 1000 mal gesagt, Stefan, und jetzt reicht es mir, es reicht mir wirklich, dein Benehmen steht mir bis hier, bis Oberlippe Unterkannte. Das sind die einfachsten Regeln des Zusammenlebens, alle halten sich daran, nur Stefan nicht! Das ist eine Zumutung! Jedes mal knallst du diese Wohnungstür hinter dir zu wie ein Irrer von Bonnies Ranch. Ich lass mir das nicht mehr bieten! Es reicht!

Dominic und ich strahlen uns an. Was redet die da von Türenknallen. Sie kapiert gar nichts. Das ist fantastisch: Eine erwachsene Frau kurz vom Nervenkollaps und dabei hat sie keinen Schimmer, was überhaupt los ist. Jetzt die Pistole unter der Bettdecke vorholen, aus dem Zimmer treten, dass sie mich sehen kann, und einmal durchladen, dabei überhaupt nicht zu ihr hingucken, einfach nur dastehen mit der geladenen Waffe. Die Idee geht so schnell, wie sie gekommen ist, aber mein breites Grinsen ist noch da, als Stefan die Nachbarin endlich abgewimmelt hat, es wird immer breiter, und das gleiche Grinsen ist in Dominics Gesicht, und wir könnten uns umarmen – wir klatschen uns ab. Stefan klatscht uns auch ab. Wir schütteln uns vor Lachen. Dann holt Stefan seine Pistole wieder unter seinem Bett hervor und lädt durch.

Jetzt ist wieder eine im Lauf, merkt es euch. Nur ich weiß gar nicht, ob wieder Schreckschuss oder diesmal Tränengas. So’n Pech.

Bis hierhin war es nur eine Vorstufe, wird mir klar, jetzt erst ist Stefan richtig aufgekratzt. Dann macht er meistens komische Dinge. Als es ihm zum Beispiel wieder einmal gelungen war, mich auf dem Heimweg von der Schule zu sich in die leere Wohnung zu lotsen, lagen dort 40 D-Mark. Sein Taschengeld, behauptete er. Er ging mit mir zum Spielzeugladen gegenüber und kaufte sich den „Die-???-Detektiv-Koffer“. Er wusste, dass Dominic und ich Privatdetektive waren und dass Dominic so einen Koffer hatte. Ich sagte ihm mehrmals, er solle es sich überlegen, ob er das Geld wirklich dafür ausgeben will, denn so toll war der Koffer nicht. Aber Stefan ließ sich nicht abhalten. Wieder in seinem Kinderzimmer öffnete er den Karton und das Stempelkissen für Fingerabdrücke, die Lochkamera und die anderen albernen Plastikteile, die sich darin befanden, kullerten ihm entgegen. Er inspizierte alles ganz kurz, kapierte nicht, was man damit machen konnte, fand immerhin die Plastikhandschellen, aber keine Knarre. Binnen fünf Minuten ging er dazu über, die Teile als Wurfgeschosse zu benutzen, die er mit beachtlicher Wucht, aber ohne die nötige Präzision in meine Richtung feuerte. Sie flogen gegen die Wände und gingen kaputt. Er tat mir fast leid, weil die 40 D-Mark ja vielleicht wirklich ihm gehört hatten, aber das war halt Stefan, wenn er aufgedreht war.

Ja, wir gehen dann, sagt Dominic. Seine Mama wartet mit dem Essen.

Ach komm, ne halbe Stunde könnt ihr noch bleiben.

Hätten wir gekonnt. Aber es war immer gut, sich rechtzeitig von Stefan loszumachen, bevor er einem zu sehr auf die Nerven ging, und außerdem ließ sich, was heute passiert war, nicht mehr steigern. Es war Zeit, zu gehen.

Stefan richtet die Pistole auf uns: Ihr bleibt!

Ich erschrecke ein bisschen. Und Stefan fängt an, zu spielen.

Hände hoch! Los, los, Hände hoch!

Wir heben die Hände. Justus Jonas und Peter Shaw sitzen in der Falle.

Vorwärts.

Wir weichen rückwärts ins Wohnzimmer. Stefan macht einen Ausfallschritt nach vorne und wir stolpern um den Tisch herum.

Heheheheh, ich bin der Joker! Hände oben lassen!

Wir stolpern die eine Richtung um den Tisch rum auf der Flucht vor dem Irren mit dem Grinsen, doch der ändert plötzlich seine Richtung, sodass wir unsere auch ändern müssen und fast übereinander fallen. Dabei versucht Justus Jonas, den Verbrecher von der Sinnlosigkeit seines Tuns zu überzeugen.

Jetzt hör doch mal auf mit dem Quatsch, Stefan. Wir wollen gehen.

Wie heißt das Zauberwort?

Bitte, Stefan, komm hör auf damit.

Auf die Knie! Hehehehehe! Hände hinter den Kopf! Ihr müsst betteln.

Wir betteln.

Und dann gehen wir.

Das muss so in der fünften Klasse gewesen sein. Vierte, fünfte Klasse, bilde ich mir ein, war eine der Phasen in meinem Leben, in denen es mir richtig gut ging. Nach der sechsten wechselten Dominic und ich auf unterschiedliche Gymnasien, Stefan, der keine Gymnasial-, auch keine Realschulempfehlung bekommen hatte, auf eine Gesamtschule. Oder war es sogar nur eine Hauptschule? Dominic und ich verloren uns aus den Augen. Stefan kam mir auf meinem neuen Schulweg morgens häufig mit dem Fahrrad entgegen. Er fuhr langsam und – wenn ich mich nicht sehr irrte – nicht in die Richtung, wo seine Schule gewesen wäre, sondern in die entgegengesetzte. Eine Zeitlang habe ich ihm noch zugenickt und „Hallo“ gesagt, doch er sah immer weg, also ließ ich es bleiben. Später habe ich ihn öfter mal in unserer Gegend mit einer Gruppe von Jugendlichen, die alle in etwa zwei, drei Jahre jünger waren, als er, auf Mauern oder Bänken Bier trinken sehen. Manchmal grinste er zu mir rüber, aber ich habe weggeguckt. Was er heute macht, weiß ich nicht.

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