Lobhudeleien

Die Dekade. Axel Gundolf nennt sie in der feinen Titanic-Rubrik „Vom Fachmann für Kenner“ das „Millenium des kleinen Mannes“. Und bei allem, was dem kleinen Mann irgend etwas sein könnte, sind die Journalisten nicht weit. Die Filmkritikerzunft veröffentlicht deshalb seit dem 1. Januar dieses Jahres Listen mit den 10 besten Filmen der letzten 10 Jahre, falsch: der letzten Dekade. Ich habe bei meiner geschätzten Filmstartsredaktion selbstverständlich auch meine zehn Dekadenlieblinge eingereicht, und man kann die Liste dort jetzt zwischen vielen anderen nachlesen. Kann man aber auch hier machen. „Muss das sein?“, werdet ihr euch fragen. Ja, es muss sein. Aus folgenden Gründen: 1. Mir fällt immer noch nichts besseres ein, was ich posten könnte. 2. Ich muss unbedingt den Texttyp ‚bedingungslose Lobhudelei’ üben, der gelingt mir nämlich meistens nie. 3. Verdammt noch mal, das sind großartige Filme! Die müsst ihr alle alle gesehen haben. Punkt.

Ich schreibe erst mal ein paar Filme hin, die nicht auf der Liste sind, obwohl sie eigentlich genauso gut drauf sein könnten. Denn 10 Filme aus 10 Jahren, das heißt, man schreibt einfach die auf, die einem als erstes einfallen und hofft, dass das dann so hinkommt, und die, die einem später einfallen, haben eben Pech gehabt. (Die Filme können es verschmerzen, aber mir tut es in der Seele weh, sie ausgelassen zu haben.) Zum Beispiel der vielleicht beste Mafiafilm ever „Gomorrha“ oder mein Lieblings-Scorsese der Dekade, kein Mafiafilm, sondern das Biopic „Aviator“, das all die anderen nicht gerade wenigen Biopics der letzten zehn Jahre um Längen schlägt, einschließlich des ja auch nicht schlechten „Walk the Line“. Deutsche Filme gab es ebenfalls eine ganze Menge hervorragende, die nicht auf meiner Liste stehen, insbesondere „Gegen die Wand“, „Sommer vorm Balkon“, „Requiem“, „Die innere Sicherheit“ (vielleicht auch „Jerichow“), „Der Krieger und die Kaiserin“ (Tykwers bester Film und definitiv Franka Potentes beste Rolle). Auch „Madonnen“ (wie „Requiem“ mit Sandra Hüller, was allein einen Film normalerweise schon sehenswert macht) und „Lenz“ (mit Milan Peschel) würde ich gern noch mal sehen. Das waren vielleicht die wichtigsten deutschen, die nicht auf der Liste stehen. Aus Südkorea natürlich „Old Boy“, auch der fehlt. Die beiden großartigen Japaner Takashi Miike und Takeshi Kitano. Miike hat seinen besten Film „Audition“ 1999 gedreht. Auch Kitanos bester „Kikujiros Sommer“ stammt aus diesem Jahr. „Brother“ oder „Zatoichi“ von Kitano und „Big Bang Love juvenile, A“ von Miike (der in Deutschland, glaube ich, keinen Verleih hatte) wären aber auch Kandidaten gewesen. Apropos Japan: „Lost in Translation“ fehlt ebenfalls. Dann noch Cronenbergs „A History of Violence“, die beste Comic-Verfilmung des Jahrzehnts. Nichts gegen nettes Popcornkino („Spiderman“), und erst recht nichts gegen „Sin City“ und „Watchmen“, das waren gute Filme. Aber „A History of Violence“ hat die erheblich längere Halbwertszeit, die, die Christopher Nolans gehypete Batman-Filme gerne gehabt hätten, so krampfig schwer und düster, wie sie daherkamen. (Die gültigen Batman-Filme sind selbstverständlich die beiden von Tim Burton.) Wo ich gerade Tim Burton erwähne: Sein radikal lichtloses Anti-Musical „Sweeney Todd“ hat meine Top-Ten-Liste ebenfalls knapp verfehlt. Ich müsste noch lange so weiter machen. Ich beende es und starte mit

Platz 10: Nicht so ein Tränendrüsendrücker wie „21 Gramm“ und nicht so überladen wie (der trotzdem großartige) „Babel“, dafür noch intensiver: Hundeleben in Mexiko-Stadt. Erste große Rolle von Gael García Bernal. Größte Szene: Die Töle Richie unter den Dielen des Luxusappartments.

Platz 9: Eine Fantasiewelt baut sich auf, die in sich schlüssig ist, genau im richtigen Tempo werde ich mitgenommen; nach dem ersten Teil wollte ich sofort den zweiten sehen, nach dem zweiten den dritten, und als der dritte draußen war, habe ich sie alle hintereinander gesehen und nie habe ich mich gelangweilt oder kam mir dreist manipuliert vor. Dass ein paar Menschenkönige und Elfenköniginnen genauso steif einherschreiten, wie Tolkien es beschrieben hat, stört nicht, wenn ich zum Ausgleich Ian McKellen als Gandalf erleben kann und Gollum, den eigentlichen Helden der Geschichte. Natürlich sind alle drei Teile als ein Film zu verstehen, auch wenn die Bürokraten in der Filmstartsredaktion das für ihre Listenauswertung nicht akzeptiert haben.

Platz 8: Ein Film aus diesem Jahr. Wenn der Eindruck so frisch ist, verschätzt man sich gern. Aber nach dieser Aneinanderreihung grandios geschriebener und irrsinnig umgesetzter Szenen, den fantastischen Schauspielern und dem wahrhaft furiosen Finale, konnte ich dem eindeutig eitelsten Schlusssatz der Dekade nur noch zustimmen: „I think this just might be my masterpiece“

Platz 7: Ein Film, der nach mehrmaligem Sehen immer großartiger wurde. Die Verbindung aus Kriegsdoku, Antikriegsfilm, autobiographischer Traumabewältigung und surrealem Zeichentrick greift so genau und überzeugend ineinander, ist so wahrhaftig und aussagekräftig, trifft mit solcher Wucht, dass… mir die Worte fehlen.

Platz 6: Eine Fantasiewelt besser noch als eine von Tim Burton und besser auch als in del Toros „Laberinto del Fauno“, weil viel, viel radikaler und wahrhaftiger: Jeliza Rose (großartig: Jodelle Ferland), ein Kind ohne Eltern in einer unwirklichen Abgeschiedenheit zusammen mit ihren sprechenden Puppen und zwei irren Außenseitern. Der Film ist die ganze Zeit nur bei ihr. Eine fantastische Romanverfilmung in berückend schönen Bildern. Auch eine der berührendsten Schlussszenen. Kein Verleih in Deutschland.

Platz 5: Erklärt sich von selbst. Einer der wenigen Oscargewinner, der auch gleichzeitig ein hervorragender Film ist. Einer der besten Filme der Coen Brüder und somit automatisch einer der besten Filme aller Zeiten. Ich konnte es nicht fassen, aber ich war der einzige Filmstartsautor, der diesen Film auf der Liste hatte. Es war wohl zu naheliegend.

Platz 4: Bill Murray, Cate Blanchett, Owen Wilson, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Anjelica Huston alle in allerbester Spiellaune in einer Komödie, die zugleich eine liebevolle Hommage an Cousteau ist; fantastisch skurril und schön in jedem Detail, brüllend komisch, aber auf eine verschroben kluge Art und – was das beste ist – dabei wirklich an ihren Figuren interessiert, ganz anders, als es gerade in amerikanischen Komödien die traurige Regel ist, wo immer noch gilt: Je dümmer das Klischee, desto komischer der Witz (neuestes Beispiel für diese Regel: „Hangover“ der unsägliche Komödienhype des letzten Jahres). Mein liebster von Wes Anderson.

Platz 3: Der zweite aus diesem Jahr, den ich mich traue, auf die Liste zu nehmen. Eigentlich mochte ich Hanecke ja nie sonderlich. Aber dieser Film ist atmosphärisch so dicht, so genau in der Darstellung einer kaputten Gesellschaft und dabei eben nicht plakativ. Die Details machen es. Es ist großes kluges Kino, das sich erst einige Zeit nach dem Ende des Films im Kopf ganz entfaltet.

Platz 2: In härtesten Schwarz-Weiß-Kontrasten, in ganz langsamem Tempo, in fantastischen Kamerafahrten, unterlegt von hypnotischer Musik zog mich dieser Film in einen apokalyptischen Alptraum, dessen Bilder einfach nicht mehr aus meinem Kopf gehen. Es ist zugleich die unspektakulärste und die spektakulärste Apokalypse, die man je im Kino gesehen hat. Belá Tarrs einzigartiger Stil ist hier eins mit der erzählten Geschichte, was man von seiner aktuellen Simenon-Verfilmung „The Man From London“ leider nicht sagen kann, auch wenn auch diese immer noch ein spannender Film ist. Während „The Man from London“ einen deutschen Verleih hat, wollte die „Werckmeisterschen Harmonien“ leider keiner haben.

Platz 1: Ich mag mich nicht einmal festlegen, ob es David Lynchs bester Film ist, weil „Blue Velvet“ auch großartig ist und fast jeder andere Lynch-Film (mit Ausnahme seines letzten) gut genug für diese Liste wäre. Aber allein die zwei Gesichter der Naomi Watts, die in keiner Rolle mehr so großartig war wie in dieser, mit der sie ihren Durchbruch hatte, machen den Film unvergessbar. Und in diesem Drama, Trip und Rätsel, diesem späten Klassiker der Postmoderne (eine dreifach in sich widersprüchliche Benennung, die dennoch zutrifft) steckt ja noch so viel mehr. Der Film, den ich von allen am öftesten gesehen habe. „No hay banda…“

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