Bio

Das dümmste Gemüse an unserer Schule war eine Biologielehrerin. Nicht, dass es nicht auch einige reichlich beschränkte Schüler gegeben hätte, aber Frau Dinckstorrff [Name von der Redaktion vergessen] unterbot sie alle. Ihre Lehrerinstinkte und –reflexe funktionierten jedoch. Zwar machte sich jeder über ihre filmreife Beschränktheit lustig, aber auf der Nase herumtanzen, konnte man ihr nicht. Im Grunde genommen war sie eine perfekt an das Biotop Schule angepasste Lebensform, die im Laufe ihrer persönlichen Evolution den überflüssigen Wurmfortsatz abgelegt hatte, den hier jede Gehirntätigkeit darstellte, die sich über die magische 50-IQ-Grenze hinausbewegte.

Einmal zeigte sie uns einen Film, der die Gefahr durch einen überhöhten Cholesterinspiegel in den schrillsten Farben ausmalte. Der Regisseur hatte es geschafft, in jedem zweiten Bild mehrere Päckchen Margarine eines namhaften Markenherstellers unterzubringen. Normalerweise nahm man im Biokurs bei Frau Dinckstorrff, was auch immer sie einem präsentierte, mit gleichbleibendem Desinteresse auf und stellte weiter keine Fragen. Doch dieser Film riss uns aus unserer Lethargie. Zunächst einmal fesselten das skurrile Thema und die hysterische Machart. Es war ein bisschen so, als würde man sich gerade das nordkoreanische Remake eines alten Spagetti-Westerns ansehen. Außerdem ließ die mit schweren Armeestiefeln laut gröhlend durch das Video stapfende Schleichwerbung noch den Dümmsten sich verwundert den Schlaf aus den Augen reiben . Nach dem Film meldeten sich gleich mehrere Schüler und empörten sich über den soeben erfahrenen Versuch des Margarineherstellers, sie, oder wen auch immer er sich als Zielpublikum gedacht haben mochte, für dumm zu verkaufen. Frau Dinckstorrff verstand nicht, worum es uns überhaupt ging. So viel dazu.

Die Filmesammlung unserer Biolehrer enthielt noch einige weitere echte Highlights, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Ein Film ist allerdings sehr wichtig. Es war einer der ganz alten, die es nicht auf Video gab und die mit einem ratternden und plärrenden Projektor aus den frühen 60er Jahren vorgeführt werden mussten. Er handelte von der Funktion des menschlichen Herzens. In einer Einstellung sah man einen muskulösen, braun gebrannten Bauarbeiter, der mit nacktem Oberkörper in der flirrenden Hitze eines Hochsommertages ganz allein mit seinem Spaten einen riesigen Graben aushob. Dann gab es einen Schnitt und man sah ein großes blutiges Herz, das offen vor der Kamera liegend heftig pochte. Der Sprecher, dessen Stimme man durch den im Projektor eingebauten Lautsprecher unschwer als die des frühen Adolf Hitler erkennen konnte, erklärte dazu, dass es sich hierbei selbstverständlich nicht um ein menschliches Herz, sondern nur um das eines Rindes handele, das hier zu Demonstrationszwecken gezeigt werde. In der Bank vor mir erhob sich Georg [Name von der Redaktion stark verfremdet], zwei Meter lang, 60 Kilo leicht und bleicher als jedes Gespenst, von seinem Stuhl. Er ging auf die Tür des Biologieraums zu, öffnete sie und kippte in den Gang, wo er ein paar Minuten bewusstlos liegen blieb.

Das war der Moment, in dem ich mir – inspiriert wohl auch vom sympathischen Sprecher des soeben gesehenen Filmklassikers – zum ersten mal eine Frage stellte, die mich noch lange beschäftigen sollte: Wenn es möglich war, jemanden mit einem Bild so empfindlich zu treffen, dass er bewusstlos zu Boden ging, müsste es dann nicht auch möglich sein, Bilder zu erschaffen, mit denen man töten konnte? Ich stellte mir vor, dass ein Mensch umso eher mit einem gut gewählten Bild außer Gefecht zu setzen wäre, je sensibler und empfindlicher er seine Umwelt wahrnahm. Dagegen – so meine ad hoc gebildete Arbeitshypothese – würde man einer kognitiv reduzierten Lebensform wie Frau Dinckstorrff mit einem Bild wohl kaum etwas anhaben können. Gerade deshalb würde ich sie zu meiner Testperson machen. Wenn es mir gelänge, Bilder zu schaffen, die schrecklich genug wären, jemanden wie Frau Dinckstorrff zu töten, dann hätte ich eine echte Massenvernichtungswaffe. Und ich wollte die Bombe.

Das Problem war: Ich war nicht der einzige. Die ganze Unterhaltungsindustrie schien bevölkert von Menschen, die Bilder mit dem Ziel schufen, ihre Betrachter zu verletzen. Doch gingen die meisten dabei so platt und ungeschickt vor, dass man sich schon fragen musste, ob nicht noch ganz andere Absichten dahinter steckten. Da wurden die heftigsten Gewaltexzesse auf eine Weise dargestellt, dass man einen ganzen Film, der aus nichts anderem bestand, mit nur wenig Übung hintereinanderweg gucken konnte, als würde man eine Flasche Bier exen. Es vernichtete einen keineswegs, es machte einfach nur breit. Ich hatte einen üblen Verdacht: Am Ende sollten das gar keine visuellen Massenvernichtungswaffen sein, sondern ganz im Gegenteil, das Zeug sollte die Massen gegen eben eine solche Waffe, wie ich sie entwickeln wollte, immunisieren. Hätte Georg damals nur ein paar von den richtigen Filmen geguckt, vielleicht hätte ihm das schlagende Rinderherz nichts anhaben können. Dennoch: Dieser Biologiefilm war auf seine Art wirklich nicht ohne und eine effektivere Waffe, als fast alles, was ich mir im Laufe meiner intensiven Recherchen auf diesem Gebiet sonst noch so ansah. Ich würde ihn genauestens analysieren müssen, um hinter das Geheimnis seiner Wirkung zu kommen.

Das tat ich. Sehr schnell fand ich heraus, dass das Rinderherz nicht ohne den Bauarbeiter und beide zusammen nicht ohne die Kommentatorenstimme denkbar waren und dass auch der schnelle Schnitt von Bauarbeiterbrust auf blutbesudelten pochenden Muskel, einen unverzichtbaren Bestandteil des wirkmächtigen Ganzen bildete. Nachdem ich die Struktur des Films bis ins kleinste Detail untersucht hatte, versuchte ich sie mit den mir gegebenen Mitteln zu imitieren. Ich arbeitete jedoch ausschließlich mit Sprache, weil es sich dabei um einen billigen und nahezu unbeschränkt verfügbaren Bildträger handelt. Als ich glaubte, das Imitieren sicher zu beherrschen, ging ich dazu über eigene Texte zu verfassen, die noch grausamer werden sollten, als der Film aus dem Biounterricht. Diese Texte testete ich, indem ich sie heimlich den Farbmäusen meiner kleinen Schwester vorlas. Ich versprach mir nicht allzu viel davon, denn ich vermutete, dass ein Tier wie eine Maus nicht die geistigen und seelischen Voraussetzungen mitbrachte, um sich von meinen kleinen Schreibübungen aus der Bahn werfen zu lassen. Tatsächlich starben die Mäuse bis auf eine einzige innerhalb weniger Wochen. Das kann natürlich auch andere Ursachen gehabt haben. In meiner nächsten Bioklausur testete ich meine neuerarbeitete Sprachgewalt an Frau Dinckstorrff. Das Ergebnis war eine glatte Fünf, aber Frau Dinckstorrffs Zustand blieb völlig unverändert. Ich versuchte es noch bei zwei weiteren Klausuren, mit dem gleichen unbefriedigenden Ergebnis. Danach beendete ich die Versuchsreihe und bemühte mich, in Bio wieder auf eine Vier zu kommen. Ich verlor das Interesse an der Sache. Ich hatte wichtigere Sorgen

Vor einigen Wochen habe ich auf der Suche nach Kinderfotos von mir in der Wohnung meiner Eltern hinter der Rückwand eines Bücherregals einen alten Biologiehefter gefunden. Er enthielt eine der besagten Klausuren. Natürlich habe ich einen Blick darauf geworfen. Der Text erschien mir unglaublich fremd, als wäre er gar nicht von mir. Es war wirklich alles andere als ein schöner Text. In der Nacht darauf hatte ich schlimme Magenkrämpfen. Fünf mal musste ich mich übergeben, zwei mal schaffte ich es nicht die paar Meter bis ins Bad.

Die nächsten drei Tage wurde es schlimmer. Ich bekam zusätzlich hohes Fieber, Durchfall und Kopfschmerzen. Außerdem hustete ich in einem fort und aus meiner Nase lief ein beständiger Strom grünlichen Schleims. Der Notarzt zuckte nur hilflos mit den Achseln, meinte dann aber tröstend, dass man nach meinem Ableben ganz gewiss eine gerichtsmedizinische Obduktion durchführen werde, „und dann kriejn wa schon raus, wat dit war.“

Am Tag darauf war ich wieder gesund. Ich nahm mir sofort vor, das Erlebte oder besser: das Überlebte niederzuschreiben, aber es ging nicht. Wenn ich nur mit der Spitze eines Fingers die Tastatur berührte, überfiel meinen ganzen Körper ein unkontrollierbares Zittern. Nahm ich einen Stift in die Hand, war es sogar noch schlimmer, dann fiel ich auf der Stelle zu Boden und lag in epileptischen Zuckungen, bei denen mir so viel Spucke aus den Mundwinkeln lief, dass ich mir noch in meinem erbärmlichen Zustand die absurde Frage stellte, wo die ganze Flüssigkeit eigentlich auf einmal herkam.

Seit einer Woche kann ich wieder schreiben. Aber ich bin verunsichert. Was einmal geschrieben ist, das weiß ich jetzt, kann einen noch Jahre später wieder einholen, und dann kann es sich gegen den eigenen Verfasser richten. Damals hatte ich schlimme Absichten mit dem, was ich schrieb, für die ich mich heute zutiefst schäme. Wenn ich heute einen Text verfasse, dann tue ich das nicht mehr mit der Absicht, eine Massenvernichtungswaffe zu entwickeln, sondern weil ich hoffe, der Menschheit einen Dienst zu erweisen, indem ich etwas von meinem Wissen und meinen Erfahrungen an alle weitergebe. Doch es bleibt eine Unsicherheit. Ich kann nur hoffen, dass ich in Zukunft immer die richtigen Worte schreiben werde. Gott steh mir bei!

Die alte Bioklausur habe ich verbrannt. Leider weiß ich nicht, wo die beiden anderen abgeblieben sind. Ich weiß auch nicht, was aus den bestimmt weit über 100 Versuchstexten geworden ist, die ich vor den Klausuren geschrieben habe. Ich kann nur hoffen, dass sie längst verbrannt oder zu Toilettenpapier recyclet wurden.

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