Literaturkritikkritik

Die Straßen der Stadt sind wie ausgestorben. Kein Mensch ist zu sehen. Nur ein einzelner Graureiher blinzelt verwirrt in die Mittagssonne an der Ecke Müllertrasse/Seestraße. Nervös fragt er sich, was aus dem vuvuzelagleich unablässigen Motorengebrumm geworden ist, an das er sich so sehr gewöhnt hat. Der Grund für die Ruhe wird ihm wohl immer verborgen bleiben. Er weiß so einiges über die Sitten und Gebräuche seiner hominiden Nachbarschaft, aber dies hier geht weit über seinen Horizont. Wie auch sollte er ahnen, dass gerade die ganze Stadt wie gebannt vor den Fernsehgeräten sitzt, weil in einem weiter südlich gelegenen Land die besten ihrer Zunft in einem großen Wettbewerb aufeinander treffen.

Das Klagenfurter Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Pokal, dieses mediale Großereignis des deutschsprachigen Literaturbetriebs, bei dem seine neuen Sterne in den Himmel steigen und erstrahlen für die Ewigkeit oder aber abstürzen und verglühen, vom 24. bis zum 26. Juni fand es zum 34. Mal statt. Und der Sieger in diesem Jahr, es ist: ein Deutscher! JAAAAAHAHHAHAHHAHAHAHAHAHHA! OLEOLEOLEOLE! IHR KÖNNT NACH HAUSE GEHEN, IHR KÖNNT NACH HAUSE GEHEN! DOITSCHLAAAAND, DOITSCHLAAAND!

Ich zitiere aus einem Artikel, der im Online-Angebot einer bekannten Hamburger Wochengazette veröffentlicht wurde. Der Autor des Artikels, (ich schau nachher nach, wie der hieß, falls ich nachher noch dazu komme) schreibt darin u.a. Folgendes:

„Der Bachmannpreis 2010 ging an den 1954 in Rostock geborenen Peter Wawerzinek, der sich wohltuend von den zahlreich angetretenen braven Schreibschulabsolventenstrebern abhob, weil er, wie sofort zu bemerken war, nicht nur über eine gesättigte Lebenserfahrung verfügt, sondern auch weiß, wie er literarisch damit umzugehen hat. Der Siegertext, ein Auszug aus dem im August erscheinenden Roman Rabenliebe, ist die atmosphärisch bedrückende Geschichte einer verlorenen Kindheit in der DDR, intertextuell abgefedert und absolut sicher erzählt. Dass in diesem Fall etwas anders war als bei allen anderen, war deutlich und weithin spürbar, weswegen Wawerzinek auch den per Internetabstimmung vergebenen Publikumspreis gewann.“

Wie das so ist, die besten Texte habe ich wieder mal verpasst (weil ich zu dem Zeitpunkt Fußball geguckt habe, irgend ein drittklassiges Spiel, ich weiß auch nicht wieso). Deshalb kann ich über den Text von Peter Wawerzinek gar nichts sagen. Interessant ist natürlich, dass der Name des Autors auf einen irgendwo osteuropäischen Migrationshintergrund hindeutet, sich Deutschland mit einem solchen Sieger stolz als ein modernes Land mit gut integrierten Migranten präsentiert. Ein doppelter Grund zur Freude also.

Was ich nun leider gelesen habe, ist der Text von Dingens in der ZEIT-Online. Ich halte ihn für auf seine Art sehr aussagekräftig. Allein schon den hier zitierten Ausschnitt. Da wird zunächst höchst subtil ein Gegensatz zwischen einem lebenserfahren Herrn (Wawerzinek ist 54 geboren, also vermutlich 56 Jahre alt) und einer ganzen Anzahl junger Fast-Noch-Schüler, genauer gesagt junger Fast-noch-Schüler des besonderes eklen Typus Streber, aufgemacht. Ich überinterpretiere das mal ein bisschen gemein so: Die Jungen, die sollen doch mal Fußballspielen oder Pornos drehen, das ist das Vorrecht der Jugend! Und wenn sie dafür nicht die Körper haben oder andere Hinderungsgründe vorliegen, dann können sie doch bis sie fünzig sind ein ordentlich kaputtes Leben leben, das gibt dann nämlich später diese „gesättigt“ lebenserfahrenen Texte.

Schön wenn ein Journalist immer ein passendes billiges Klischee im Hirn hat, dann braucht er nämlich nicht denken und kann sich ganz aufs Schreiben konzentrieren. Das ist schließlich schwierig genug.

Wie schwer es gerade Dingens fällt, dieses Schreiben, das kann man seinem Artikel sehr gut entnehmen. Zunächst einmal ist aber positiv hervorzuheben, dass Dingens trotz seiner limitierten Fähigkeiten im schriftlichen Sprachgebrauch ein Rezensent ist, der ganz genau weiß, wie literarisches Schreiben nur gehen kann. Darum lobt er an Wawerzinek, dass das jemand sei, der wisse, wie literarisch mit der eigenen Lebenserfahrung umzugehen sei, d.h. umgegangen werden muss! Nämlich – und jetzt geht es in die pulitzerpreisverdächtigen Regionen journalistischen Sprachempfindens – „intertextuell abgefedert“ und „absolut sicher“ erzählend.

Dass es kein sonderlich sicherer Gebrauch von stilistischen Registern ist, wenn ein literaturwissenschaftliches Fachwort wie „Intertextualität“ einer sehr alltagssprachlichen Formulierung wie „absolut sicher“ begegnet, das sei hier nur am Rand bemerkt. Dieses Dingsda mit diesen stilistischen Register da, das ist so ne Sache, wenn du auf der einen Seite schon so voll klugscheißermäßig rüberkommen willst, dann aber doch so diese Lockerheit verströmen, dann passiert das halt. Mach ich ja auch meistens so. Unsere Gesellschaft ist da ja auch viel lockerer geworden bis hinein ins Zeit-Feuletong, äh Kulturteil. Besser ist es natürlich trotzdem, wenn sich bei Lektüre eines Artikels noch ein Bewusstsein erahnen lässt, das den Phrasengebrauch gesteuert haben könnte. Na ja, absolut nicht toll, aber auch kein Weltuntergang.

Aber über das mal eben da so hingeworfene und nicht weiter ausgeführte „intertextuell abgefedert“, komme ich einfach nicht hinweg. Was bloß könnte Intertextualität (also die Bezüge zwischen Texten) mit einer Federung zu tun haben? Dinges erklärt es nicht, ich kann nur raten.

Fahren Sie doch einmal die neue S-Klasse von Wawerzinek zur Probe! Selbst bei Tempo 250 auf Kopfsteinpflaster in der verkehrsberuhigten Zone gleiten Sie noch sanft dahin. Denn während sein gesättigt lebenserfahrener Motor Sie kraftvoll voranbringt, sorgt die perfekt abgestimmte Federung des innovativen Intertextualitätskonzepts des neuen Wawerzinek für ein absolut sicheres Lesevergnügen bei jeder Erzähl- und Straßenlage.

Natürlich erwartet niemand von einem Für-Zeit-Online-Schreiber, dass er so mit Sprache umgehen kann, wie einer der Autoren beim Klagenfurter Wettlesen. Darum ist er ja Kritiker und nicht Schriftsteller. Aber wer so schreibt wie Dingens, der wird einen sprachlich guten nicht von einem schlechten Text unterscheiden können, unter keinen Umständen.

Auch darüber würde ich mich normalerweise nicht weiter aufregen. Doch in diesem Fall löste der bewusstlose Sprachgebrauch in mir Fantasien über die Beschaffenheit des Nichtbewusstseins dieses Schreibers aus. Und vor denen grauste es mir plötzlich. [Zugegeben, das ist mal wieder typisch ich: Wenn mir vor den Vorstellungen in meinem eigenen Kopf graust, dann werde ich sauer auf die Welt da draußen. Selbst dann, wenn die gar nichts Schlimmeres tut, außer eben abgrundtief dumm sein.]

Normalerweise ärgert man sich ja nur über schlechte Kritiken zu Dingen, die man selbst gut findet. In diesem Fall kenne ich den Gegenstand der Kritik gar nicht und außerdem wurde der Autor sogar ausdrücklich gelobt. Doch ich leide mit dem, der so gelobt wird.

Ich wollte als 56-jähriger Autor jedenfalls nicht für meine Lebenserfahrung gelobt werden. Denn ich glaube nicht, dass das etwas wäre, worauf ich besonders stolz sein müsste, und mit Sicherheit täte es nichts zur Sache. Und schon mal gar nicht wollte ich dafür gelobt werden, dass ich wisse, wie man diese Lebenserfahrung literarisch zu verarbeiten habe. Denn es könnte doch sein, dass ich sie in meinem nächsten Werk auf ganz andere Weise zu verarbeiten beabsichtigen würde. Als halbwegs sensibler Autor wüsste ich ja, dass es da unzählige Möglichkeiten gibt. Und wenn dann noch ein Lob der Art käme, dass sich meine Erzählung so schön sicher und abgefedert anfühle, dass man sich gewissermaßen als Leser auch ein bisschen schlau fühlen könne, weil auch Intertextualität drin sei, das Ganze aber trotzdem nie unbequem werde, dann wäre mir endgültig schlecht. Und wenn ich dann noch gegen alle anderen ausgespielt würde, als der einzige halbwegs Begabte unter Deppen (die bekloppte Jury eingeschlossen), dann müsste ich mich schämen, ohne dass ich etwas dafür könnte.

Davon müsste ich mich erst erholen, doch nach einiger Zeit würde ich wohl begreifen: Ich bin ein ganz normaler Tagessieger im geistlosen Medienbetrieb. Vielleicht würde ich darin Trost finden.

Nur dass es Menschen gibt, die zwar so viel gute kluge Literatur gelesen haben müssen, dass sie kein Problem haben, die Intertextualität in meinem Werk zu erkennen, aus derem bewusstlosen Geschreibe sich am Ende aber bloß herauslesen lässt, dass sie ihre Lektüre gerne sanft abgefedert hätten, das würde mir ein wenig angst machen und mich vor allem desillusionieren, was die positive Wirkung von Literatur betrifft.

Ach was soll’s, würde ich mir dann wahrscheinlich denken. Und Fußballgucken gehen.

Sämtliche Beiträge der 34. Literaturtage in Klagenfurt (und auch die der vorangegangenen Jahre) kann man sich übrigens hier ansehen, voraussichtlich auch noch nach dem Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft. Das finde ich gut. (Ich habe zwischen den Fußballspielen sogar schon mal angefangen. aAuf den Text von Peter Wawerzinek hatte ich allerdings erst mal keine Lust. Das ist nicht seine Schuld, sondern die von Dingens, der für Zeit-Online schreibt.)