Politische Bildung (Hermann Scheer)

Diesmal kein Text von mir, sondern ein Link zu einem Gespräch mit Hermann Scheer. Scheer, der vor einigen Wochen gestorben ist, war ein SPD-Politiker (mit einem seltsamen Musikgeschmack). Scheer hat in Deutschland maßgeblich dazu beigetragen, die Energiewende unter Rot-Grün einzuleiten, die die derzeitige Regierung im Interesse der großen Stromkonzerne kompromisslos und mit allen Mitteln versucht rückgängig zu machen. Hermann Scheer war auch designierter Umwelt- und Wirtschaftsminister im Schattenkabinett von Andrea Ypsilanti, die dann bekanntlich nicht zur hessischen Miniserpräsidentin gewählt wurde, weil ihr vier Abgeordnete aus der eigenen Partei — Jürgen Walter, Carmen Everts, Silke Tesch und Dagmar Metzger — die Stimme verweigerten. Als Begründung gaben sie an, dass sie die geplante Koaliton mit der Linkspartei, die Ypsilanti selbst noch im Wahlkampf ausgeschlossen hatte, nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren könnten. Darüber, ob nicht auch die geplante Besetzung des ungewöhnlichen Superministeriums Umwelt und Wirtschaft mit Hermann Scheer ein Grund gewesen sein könnte, wurde in den Medien spekuliert. Hätte Scheer nur das Umweltministerium besetzt und Ypsilanti das Wirtschaftsministerium mit ihrem schärfsten Konkurrenten Jürgen Walter vom rechten Parteiflügel besetzt,  so die Annahme, wäre ihre Regierungsbildung vermutlich nicht gescheitert. Allerdings wären mit Walter als Wirtschaftsminister auch Scheers  ehrgeizige Pläne für die Energiewende in Hessen vermutlich nicht durchsetzbar gewesen. Ausdrücklich wegen der von Ypsilanti und Scheer in Hessen geplanten Energiewende hatte sich jedoch nur der damalige  SPD-Politiker und RWE-Lobbyist Wolfgang Clement öffentlich gegen die Wahl der eigenen Partei ausgesprochen.

Das Interview im Kulturradio ist schon einige Jahre alt, aber nicht veraltet. Es wurde kurz nach dem Angriff der USA und ihrer militärischen Verbündeten auf den Irak geführt, dementsprechend geht es hauptsächlich um Öl.

Zum Hören benötigt man leider, wenn ich das richtig sehe, den beschissenen RealPlayer — ich würde empfehlen bei der Installation zunächst auf Optionen zu klicken und überall, wo da Häkchen gesetzt sind, diese zu deaktivieren.

Interview mit Hermann Scheer

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Das Raushau-Blog wird leserfreundlicher

Die FAZ hat anlässlich der Buchmesse ein schönes unnützliches kleines Programm online gestellt. Nach einer streng geheimen Rezeptur vergleicht es die stilistischen Besonderheiten und Gewöhnlichkeiten jedes beliebigen Textes mit denen bekannter deutschsprachiger Autoren. Mittelschlaue Füchse lassen das Programm  ihre eigenen Texte analysieren und erfahren so in wenigen Sekunden, welcher bekannte Autor sich einmal erdreistet hat, so ähnlich zu schreiben wie sie selbst. Ganz, ganz superschlaue Füchse testen das Programm mit Texten aus dem Projekt Gutenberg und stellen fest, dass Kafka tatsächlich wie Kafka, Goethe aber überraschenderweise wie Fontane schreibt. Das Programm scheint demnach noch nicht ganz ausgereift, aber doch einigermaßen brauchbar zu sein.

Das bestätigt auch seine stichprobenartige Anwendung an einigen Texten des Raushau-Blogs. Wenn ich mich im Schreiben um einen eher lässigen Erzählduktus — ähem — bemühe, der sich der mündlichen Sprache annähert, und zudem ein oder zwei Wörter aus dem Bereich Pippi Kacka einbaue, bestätigt mir die Software, dass ich schreibe wie Charlotte Roche. Wenn ich mich in länglichen Tagebucheinträgen melancholisch mit meinem Seelenzustand beschäftige, den ich in meiner tristen Umgebung gespiegelt sehe, dann schreibe ich wie Peter Handke. Der Blogeintrag vom 11. Januar 2010, den ich ohne zu planen, innezuhalten oder gar nachzudenken in einer halben Stunde runtergehauen habe, ähnelt stilistisch den Romanen von Ildikó von Kürthy. Die Software mag demnach vielleicht nicht immer völlig richtig liegen, komplett daneben liegt sie aber offensichtlich auch nicht. Daher soll sie von nun an hier Anwendung finden und dem geneigten Leser bei der Entscheidung helfen, ob er einen  Blogeintrag selbst lesen oder die Lesearbeit lieber an eine externe Hilfskraft outsourcen möchte.

In punkto Leserfreundlichkeit ist das Raushau-Blog innerhalb der deutschen Blogosphäre immer ganz weit vorn gewesen. Mit der Einführung des Ich-schreibe-wie-Zertifikats  setzt das Raushau-Blog in dieser Hinsicht erneut Maßstäbe.

Klassifizierung der aktuellen Texte:

„Hass-Blog“ liest sich wie Friedrich Nietzsche.

„Zum einjährigen Jubiläum“ liest sich wie Charlotte Roche.

Hass-Blog

Ich suche mir einen Hass. Ich bemühe mich nämlich um Integration. Und Hass verbindet. Hass verbindet fester und länger als Geld, Lifestyle-Accessoires, Religion und Fußball zusammen. Es wird Zeit, dass ich einen passenden Hass für mich finde. Denn leider war ich nie in eine Gesellschaft integriert. Ich war stets bemüht, mich in meine Familie zu integrieren (ich, drei enge Verwandte und eine Katze) und meistens in meinen ebenso übersichtlichen Freundeskreis, wenn ich mal einen hatte. Das ist mir einigermaßen gelungen, mehr aber nicht. Ich bin behindert, was die Fähigkeit, sich zu integrieren angeht. Das kann man so sagen. Dadurch dass ich es inzwischen so sagen kann, habe ich ein Mindestmaß an Freiheit gewonnen. Vor wenigen Jahren hätte ich das nicht gekonnt. Die Scham wäre zu groß gewesen. Und die Scham nahm mir meine Handlungsfreiheit und ließ mich zurück mit der Freiheit meiner Gedanken, der ich manchmal gern einen Riegel vorgeschoben hätte.

Jetzt nehme ich einen neuen Anlauf, mich in eine Gesellschaft zu integrieren. Die meisten Menschen müssen sich ihren Hass ja nicht erst lange suchen. Sie haben ihn ganz schnell bei der Hand, oft sogar gleich in verschiedenen Sorten zur Auswahl. Bei mir ist das eigentlich nicht anders, auch mir stehen ausreichend Hasssorten zur Verfügung, doch leider sind es nur eingeschränkt funktionstüchtige. Entweder sie sind zu allgemein oder sie sind zu spezifisch. Diese Sorten Hass taugen nicht viel, wenn man sich integrieren möchte.

Ich bin wie der Penner in der Fußgängerzone, dessen Standardfluch für alles und jeden „Scheiß Menschheit“ lautet. So ein Hass führt in die Isolation oder ist in der Isolation gewachsen oder beides – vermutlich beides. Jedenfalls wollte ich dem Penner Recht geben, als er mich mit „Scheiß Menschheit“ beschimpfte. „Ja“, hätte ich fast gesagt, „als Teil der Menschheit bin ich scheiße, weil die Menschheit es nun einmal ist. Es ist nicht meine Schuld, es ist eher so etwas Ähnliches wie die Erbsünde. Nur indem ich mich aus der Menschheit ausschließe, kann ich es schaffen, weniger scheiße zu werden. Das ist der einzige Weg. Ein langer Weg. Doch wir beide sind ihn schon ein Stück vorangekommen, du etwas weiter als ich, ich etwas weniger weit als du. Die Richtung jedenfalls stimmt. Nur in der totalen Integrationsverweigerung kann das Heil liegen. Heilig ist der Eremit und sonst keiner. Diese Weltsicht mag Teil unserer christlich-jüdischen Kultur sein oder die absolute Wahrheit oder beides – als gute Deutsche sollten wir sagen: beides. Unwiderlegbar jedenfalls ist sie, die Wahrheit von der Schlechtigkeit der gesamten Menschheit.“

Der zu allgemeine Hass des Penners in der Fußgängerzone – ich und der Penner, wir könnten belegen, dass wir mit ihm im Recht sind, dass auch die Bibel uns Recht gibt, trotzdem oder gerade deswegen desintegriert er uns. Er desintegriert uns getrennt voneinander. Wir würden uns schnell in Widersprüchen verfangen, wenn wir versuchen würden, in unserem Hass zueinander zu finden.

Die zweite Sorte Hass, die zu spezifische, steht im offenen Widerspruch zur ersten. Wenn der allgemeine Hass konsequent und voll entwickelt wäre, dürfte es sie gar nicht geben. Sie geht gegen Individuen, die Dinge sagen oder tun, von denen ich aus irgend welchen Gründen überzeugt bin, dass sie sehr schlecht sind, und die, warum auch immer, etwas in mir auslösen, was mich bis ins Mark erschüttert. Dieser Hass kann nur ganz wenig integrierend wirken. Er bleibt meistens schwach und klein, an bestimmte Situationen gebunden, relativierbar, vereinzelt und ohne wirkliche Bindungskraft. Wirkung kann er nur dann entfalten, wenn das Individuum in Wahrheit nur ein Exempel ist. Wenn es mit seiner besonders hässlichen, weil fast schon entmenschten Fratze, beispielhaft für die Verdorbenheit einer ganzen Gruppe steht. Das Feuer, mit dem wir Lisa verbrennen, kann uns nur Wärme geben, wenn es für jeden klar erkennbar die Hexe Lisa ist, die wir gemeinsam töten für das höhere Gut unserer Gemeinschaft, die wir schützen müssen vor ihrer schwarzen Kunst, auch wenn es diese unsere Gemeinschaft als solche erst in dem Moment gibt, in dem die Hexe Lisa brennt.

Diese letzte Sorte Hass ist es, die ich brauche, um mich in eine Gesellschaft zu integrieren. Ich suche jetzt nach ihr. Ich habe sie längst gefunden. Es war nicht schwer. Sie war schon da. Sie wartet nur darauf, dass ich den ersten Schritt tue, die Arme öffne, sie in Empfang nehme. Es wäre fast mehr ein Zulassen als ein Tun. Einen kleinen Widerstand müsste ich überwinden und dann liefe es wie von allein, ich würde mich treiben lassen, sie würde mich tragen. Und sie könnte mich gesund machen. Sie hat nicht den besten Ruf, doch sie hat schon viele glücklich gemacht. Und nur wenige, die mit ihr geschwommen sind — sagt man –, haben es jemals bereut.