Der Wechselblag

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Der folgende Text hat 4905  Zeichen (incl. Leerzeichen) und ist „Ich-schreibe-wie“-zertifiziert mit dem Gütesiegel:

Ich schreibe wie

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

Am Ende des Textes befindet sich als Belohnung für die Mühen des geneigten Lesers zur Entspannung ein Überraschungs-Youtube-Clip.

Der Text als Premium-Hörbuch:

Der Text als Text:

In einem kleinen Ort im Straucheln (bei Dürsen) lebten ein Mühler (damals sagte man noch richtig Mühler von Mühle und nicht Müller wie heute) und seine Frau. Die hatten drei Söhne (und eventuell eine irrelevante Anzahl unmaßgeblicher Töchter). Zwei der Söhne waren haargenau so, wie man sich das von guten Söhnen nur wünschen konnte. Der älteste Sohn aber war boshaft wie eine böse Stiefschwiegermutter (aus Bayern), garstig wie ein pubertäres Warzenschweinferkel (mit Pickeln), falsch wie eine Schlange (Blindschleiche) und häßlich wie die Nacht bei Neonlicht von einigen 1000 Grad Kelvin.

Da es, wie gesagt, der älteste Sohn war, waren nach ihm noch zwei Söhne nachgekommen, die so wunschgemäß gut ausgefallen waren, daß es nur so eine Art hatte. Man konnte demnach ohne Übertreibung behaupten, daß der Mühler und seine Frau, so gesehen, noch einmal Glück im Unglück gehabt hatten. Dennoch wurde ihnen das Leben mit ihrem ältesten Sohn mehr und mehr zu einer Last, denn er wurde mit jedem Tag, den er älter wurde, nur immer garstiger und noch mehr garstiger. Es war ganz offenkundig, daß es sich bei ihm um ein sog. Wechselblag handelte, d.h. die Unterirdischen waren in der Nacht nach der Geburt des ersten Sohnes in das Kämmerlein mit der Wiege geschlichen, hatten den wirklichen Sohn zu sich in die Unterirde entführt und stattdessen einen der ihren für ihn hineingelegt, auf daß er dem armen Mühler und seiner Frau und auch allen anderen Menschen, mit denen sie verkehrten, möglichst vieles an großem Ungemach bereiten möge. Auch die beiden anderen Söhne (und wahrscheinlich auch einige der ansonsten irrelevanten Töchter) machten ihre Eltern immer wieder darauf aufmerksam, doch diese wollten nicht hören. Immerhin war es ihr Erstgeborener! Und die Mutter hätte außerdem ein viel zu gutes Herz gehabt, als daß sie es über dasselbe gebracht hätte, den Wechselblag zusammen mit einigen Wackersteinen in einen Sack zu tun und im Fluß zu versenken, wie es ihr ihre beiden anderen Söhne immer wieder vorschlugen (und auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl der darüberhinaus aber irrelevanten Töchter).

Lange konnte das nicht mehr gut gehen, denn inzwischen war der garstige Lump seinen Eltern über den Kopf gewachsen und nutzte das auch schamlos aus, indem er ihnen, kaum war er einen Kopf größer als sie, zum Frühstück, Mittagessen und zum Abendbrot ihre Haare direkt vom Kopf weg äste. Im Falle seines Vaters war das nicht weiter der Rede wert, denn sein Haarwuchs konnte schon vorher traditionell nur als spärlich bezeichnet werden. Doch mitanzusehen, wie er die wunderschönen goldenen Locken seiner gutherzigen Mutter auf eine Gabel wickelte und ungewaschen in sein dreckiges Maul stopfte, das war zum Steinerweichen. So beschlossen denn die beiden jüngeren Brüder des Scheusals (auf Drängen ihrer irrelevanten großen Schwester Gudula), dem schaurigen Schauspiel endlich ein Ende zu machen und das Wechselblag bei nächster Gelegenheit an Army Scouts zu verkaufen.

Die Gelegenheit bot sich ihnen schon am nächsten Tage, denn es standen immer einige Army Scouts vor der Schule, in die die Geschwister noch immer gingen (der älteste Bruder war dort schon sieben Mal sitzen geblieben). Aber Pustekuchen! Die Army Scouts nahmen aus Jugendschutzgründen Minderjährige nur dann ab, wenn eine Unterschrift eines Erziehungsberechtigten vorlag und die hatten sie natürlich nicht. Doch glücklicherweise konnte Gudula (die in dieser Geschichte weiter keine Rolle spielt) sehr gut Unterschriften fälschen und erledigte das für sie in der kleinen Pause. So kam es, daß sie den Wechselblag noch in der nächsten großen Pause verkauften.

Die Army zahlte stattliche Preise für neue Soldaten und so kamen die zwei Söhne in den Besitz von drei ganzen Goldtalern. Da sie aber nur zwei Söhne waren, wußten sie zunächst nicht, wie sie das ganze Gold untereinander aufteilen sollten, doch als gute Söhne beschlossen sie schließlich, von dem einen übrigen Goldtaler ihren Eltern etwas Schönes zu kaufen. Für einen ganzen Goldtaler konnte man eine ganze Menge bekommen. Zum Beispiel einen Tablett-PC, einen Esel für die Mühle, einen Kleinwagen mit Hybridantrieb, zwei Wahlgutscheine für das Bezirksparlament oder eine Eintrittskarte für Günther Jauch. Schließlich entschieden sie sich aber für ein kleines Maschinengewehr, weil in dem Wald, wo die Mühle stand, sich auch viele zwielichtige Gestalten herumtrieben und die ganze Mühlersfamilie in ständiger Angst vor Überfällen lebte.

Ihre Eltern freuten sich über die Maßen darüber, und was das verkaufte Wechselblag anging, so fügten sie sich sehr schnell darein, daß es für alle das Beste war, wenn er bei der Army das Kriegshandwerk lernen und nach einigen erfolgreichen weltweiten Operationen zuguterletzt sein Ende im Friendly Fire finden würde. Und so lebte die Mühlersfamilie glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Nur die Unterirdischen ärgerten sich sehr über diesen Fehlschlag.

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Flughafensee

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Gemäß „Ich-schreibe-wie“-Zertifizierung liest sich folgender Text wie ein Text von Joanne K. Rowling. Na, wenn das nichts ist! Der Text ist (mit Leerzeichen) 5003 Zeichen lang.

Am Ende des Textes befindet sich wieder ein, nein, diesmal sogar zwei Youtube-Links, zu denen gerne auch vorscrollen kann, wer keine Lust auf Lesen hat.

Als brandneuen Leserservice bietet das Raushau-Blog auch eine automatisch vorgelesene Version des Textes an:

Oh, das ist ja ein englischsprachiger Vorleseroboter. Der braucht natürlich auch einen englischen Text zum Vorlesen, damit man ihn etwas besser versteht. Also lasse ich meinen deutschen Text vom Google-Übersetzerroboter in einen englischen umwandeln und erneut vorlesen:

Das ist ja überraschend poetisch geworden. Aber vielleicht suche ich besser doch noch mal nach einem deutschsprachigen Vorleseroboter:

Und jetzt zum Selberlesen:

Hinter dem Wasser liegt die Startbahn. Ich sehe die glänzenden Maschinen vorbeifahren und abheben. Ich bin müde. Kann sein, dass ihr stetiges dumpfes Dröhnen und ihr an- und abschwellendes schrilles Pfeifen einschläfernd wirken. Ich habe mich hinter einer Düne dicht am eingezäunten Vogelschutzgebiet in den Sand gesetzt. Von hier aus sehe ich keine Menschen und obwohl ich ein Stück weiter weg welche plantschen und kreischen höre, bilde ich mir ein, ich wäre mit den Flugzeugen allein.

Der Himmel ist eine blaue Kuppel über Wasser, Sanddünen und Wald, eine Halbkugel über einer im ganzen ziemlich flachen Erde. Auf Bildern der Erde in Schulbüchern und im Internet sieht man, dass sie eine Kugel ist mit dem Himmel als äußere Hülle. Was stimmt wirklich? Ich sollte lieber glauben, was ich mit eigenen Augen hier draußen sehe. Bilder im Internet können gefälscht sein. Das bringen sie einem sogar in der Schule bei. Aber die Bilder, die sie selbst einem zeigen, meinen sie damit natürlich nicht.

Ein Schatten fällt auf mich. Es ist kein Flugzeug. Die Flugzeuge werfen ihre Schatten nicht bis hierher. Es ist Mama. Mama sagt, ich soll aufhören, mit der Plastikflasche gegen die Birke zu schlagen. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich das tue. „Bei ALDI gibt es noch 25 Cent dafür. Das waren einmal 50 Pfennig“, behauptet sie vollkommen ernst. „Aber für eine kaputte Flasche gibt es gar nichts.“ Ich lasse die leere Flasche neben mich in den Sand fallen.

„Der geht hoch“, sagt Mama. Es ist ein Airbus 320 von British Airways. Das Dröhnen nimmt kaum zu, während er beschleunigt, nur das schrille, hohe Pfeifen. Ich folge der Maschine mit den Augen, sehe sie steil nach oben steigen und schnell kleiner werden. Ihre Flugbahn wird flacher und bevor sie gegen die Kuppel stoßen würde, fliegt sie parallel zu ihr weiter und ist sehr schnell außer Sicht.

Ich könnte mir das stundenlang angucken, ohne eigentlich etwas Bestimmtes zu denken. Dabei fühle ich mich trotzdem auf eine gute Weise so, als würde ich mir ganz viele Gedanken machen über die Dinge, die wirklich wichtig sind. Warum riesige schwere Maschinen fliegen können, aber ich nicht zum Beispiel, oder warum ich lebe und nicht tot bin. „Träumst du wieder vor dich hin?“, sagt Mama oft, wenn ich auf diese Weise denke. Aber hier am Flughafensee schaut sie genauso den Flugzeugen hinterher. „Träumst du wieder vor dich hin?“, frage ich, um sie ein bisschen zu ärgern, und sie ärgert sich ein bisschen: „Ach Quatsch!“ Im Weggehen sagt sie, dass wir in einer Viertelstunde aufbrechen werden.

Auf einer Boje sitzt ein großer schwarzer Vogel mit einem langen Schnabel. Er hat seine Flügel weit ausgebreitet. Um sie in der Nachmittagssonne des warmen Spätsommertages trocknen zu lassen, nehme ich an. Ich überlege, ob ich noch einmal ins Wasser gehe und versuche zu ihm hin zu schwimmen. Das wäre aufregend, weil es ja ein ziemlich großer Vogel ist und auch kein halbzahmer wie ein Schwan. Er hat eher etwas von einem pechschwarzen Flugsaurier.

Noch ein A 320, diesmal von Air Berlin, startet, während gleichzeitig direkt dahinter eine gerade gelandete McDonell Douglas ausrollt. Bald machen sie den Flughafen zu. Ich weiß nicht, ob wir dann noch hierher kommen werden. Mama sagt, dann wird es bestimmt noch voller werden und dann hätte sie wirklich keine Lust mehr, sich das anzutun. Aber bis dahin wäre ich ja auch groß genug, um alleine mit meinen Freunden zu gehen. Ich werde aber bestimmt nicht mehr kommen, wenn keine Flugzeuge mehr starten. Im Fernsehen haben sie neulich ein paar Anwohner interviewt, die gegen die Schließung sind. „An das Geräusch der Maschinen gewöhnt man sich doch“, hat einer gesagt und ist dann richtig wütend geworden. „Sonst hat man kein Geld, aber für einen neuen Flughafen ist auf einmal welches da. Und auch wenn man schon meint, dass man einen neuen bauen muss. Dann muss man den alten noch lange nicht zumachen. Als ob der nicht mehr gut genug sei.“ Ich bin auch dagegen. Wenn ich erwachsen bin, will ich entweder Koch oder Bundeskanzler werden. Wenn ich Bundeskanzler werde, mache ich den Flughafen wieder auf.

Mama ruft, dass wir losgehen. Ich glaube der schwarze Vogel hat sich die ganze Zeit nicht ein Stück bewegt. Ich habe mal mit einem Freund gewettet, wer am längsten mit ausgebreiteten Armen stehen kann. Er konnte länger. Aber wenn der Vogel mitgemacht hätte, hätte der Vogel locker gewonnen.

Ich stehe auf, drehe mich um und sehe nur noch aus den Augenwinkeln, ein landendes Flugzeug über die Bahn hinausschießen in ein Gebiet, wo ich es nicht mehr sehen kann. Der schwarze Vogel fliegt erschrocken auf und ich höre Hunderte Tonnen Metall zerkrumpeln und Bäume splittern. Es klingt wie nichts, was ich kenne. Zwei Explosionen folgen dicht aufeinander und ich falle zurück in den Sand. Ich weiß nicht, ob es der Schreck ist oder tatsächlich der Druck, der sich einen Augenblick so anfühlt, als käme die Luft als eine Wasserwand auf mich zu. Dann brennt der Wald in einem ähnlichen Orangerot wie die Sonne.