Die Stille danach

Was am 19. März in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ passiert ist, war ein Skandal. Nur hat ihn das sonst so überaus skandalhungrige Publikum nicht bemerkt. Oder einfach nicht bemerken wollen.

Wenn es im unablässigen, lauten Gelaber der unzähligen Talkshows irgendwo zu einem sogenannten Eklat oder Skandal kommt, kann das mediale Echo am nächsten Tag sehr unüberhörbar und hysterisch, der Shitstorm im Internet sehr beleidigend und hasserfüllt ausfallen. Dann bekomme ich beispielsweise – ob ich das will oder nicht – so lange mitgeteilt, wie schlimm und skandalös ein Talkshowauftritt von Katja Riemann gewesen sei, bis meine Neugier und mein Voyeurismus derartig angestachelt sind, dass ich mir die Aufzeichnung der Sendung auf Youtube (inklusive des gedanklich-seelischen Sondermülls in den Kommentaren darunter) ansehe. Und dann stelle ich zwar fest, dass zum Beispiel Frau Riemann in besagter Sendung gar nichts Schlimmes getan hat, außer das bei Auftritten in den Medien vom Publikum als selbstverständlich erwartete Heucheln von guter Laune zu unterlassen und auf peinliche Fragen und peinliche Einspielfilme auch peinlich berührt zu reagieren. Doch gleichzeitig fürchte ich, dass etwas von der Aufregung und dem Hass trotzdem an mir hängen bleibt. Dass etwas in mir denkt, wenn sich so viele Leute empören, dann muss es auch empörend gewesen sein. Denn man habe als Fernsehzuschauer das Recht, mit strahlend freundlichen Stars gefüttert zu werden, die, wenn sie intelligent genug sind, dass ihnen etwas zu blöd werden kann, sich das dann wenigstens nicht anmerken lassen. Ich habe Angst, so stumpf zu werden, dass ich alles, was den Anschein von geringerer Stumpfheit macht, als Skandal empfinde und alles, was wirklich skandalös ist, nicht mehr bemerke.

Nicht der Hauch eines Windstoßes über den großen Scheißeseen der Twitter-Timelines

Wenn in einer der unzähligen Talkshows neben all der scheinbar harmlosen Berieselung einmal tatsächlich skandalöses und wirklich gefährliches Zeug geredet wird, kann es sein, dass es am nächsten Tag in der Medienlandschaft sehr still bleibt und nicht einmal der Hauch eines Windstoßes über die großen Scheißeseen der Twitter-Timelines weht. So habe ich über die Sendung Markus Lanz vom 19. März, in der das ZDF seinen 3-Teiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ bewarb, erst eine Woche später über einen Artikel auf publikative.org erfahren.

Dass der Satz „Akzeptanz durch Penetranz“, mit dem Talkshowgast Dirk Stermann einmal seinen eigenen Erfolg beschrieben haben soll, so viel besser auf Gastgeber Markus Lanz passen würde, war nicht das eigentlich Schlimme an der Sendung, obwohl allein das schon schlimm ist. Auch dass völlig unverhohlen Werbung für den eigenen Fernsehfilm gemacht wurde, hat mich nur am Rande aufgeregt. Wirklich furchtbar waren an dieser Sendung die Inhalte. Das, was dort ganz unverblümt, unverschämt, angstbefreit, seelenvergnügt und fast unwidersprochen gesagt wurde.

Die deutschen Opfer-Gene

Arnulf Baring war dort. Über „Unsere Mütter, unsere Väter“ sagte er: „Ganz großartig ist ja an dem Film, dass man sieht, dass die Teilung zwischen Opfern und Tätern, von der wir seit Jahrzehnten reden, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer. […] An jeder Person kann man diese Zwiespältigkeit sehen, auch an dem Juden.“

Marina Weisband war ebenfalls dort, guckte unglücklich, sagte aber mal lieber nichts dazu, sondern stellte stattdessen die Frage: „Was können wir tun, um eine Gesellschaft zu gestalten, in der so etwas nicht passieren kann?“

Doch wenn sie geglaubt haben sollte, die Diskussion damit in sinnvollere Bahnen lenken zu können, hatte sie die Rechnung ohne Arnulf Baring gemacht. Der war mit der Täter-Opfer-Umkehr an diesem Abend nämlich noch lange nicht fertig und fuhr ihr augenblicklich über den Mund. Er wirkte richtig aufgekratzt. Sein folgendes direkt an Weisband gerichtetes Referat geriet etwas schnell und wirr. In etwa erzählte er ihr, dass die traumatischen Erfahrungen vergewaltigter deutscher Frauen in die Gene ihrer Kinder und Enkel eingegangen seien. Baring mochte, weil er nicht über die Schuld von Tätern sprechen wollte, die sich nach seinen Aussagen ohnehin nicht wirklich von Opfern unterscheiden lassen, auch ganz und gar nicht über die Gründe für das, was damals in Deutschland passiert ist, reden und erst recht nicht daraus Lehren für heute ziehen. Er mochte über die Opfer reden und zwar ausdrücklich über die Deutschen unter den Opfern (und damit sind nicht die deutschen Juden gemeint). Baring nahm das Gespräch über den Film umstandslos zum Anlass, auszudrücken, dass die Deutschen Opfer dieses Krieges gewesen seien, in einem Maße, das sie bis heute schwer traumatisiere. Und er sagte das ganz bewusst in Richtung der Jüdin Weisband, damit diese auch kapierte, dass die Juden die Opferrolle nicht für sich gepachtet hätten. Denn genauso wie die Juden auch Täter waren, waren die Deutschen auch Opfer. Das findet Arnulf Baring.

Brigadegeneral Klein lässt die deutschen Gene reichlich unbeeindruckt

Dirk Stermann mochte dem zunächst keineswegs widersprechen, vielmehr hielt er es für nötig, den offenkundigen Blödsinn mit den deutschen Opfer-Genen noch ein weiteres Mal zu wiederholen. Immerhin hatte er anders als der emeritierte Professor für Politikwissenschaft Baring noch gerade so viel Ahnung von Geschichte, um sich dunkel erinnern zu können, dass der Weltkrieg nicht nur in Deutschland stattgefunden hat. Doch auch er betonte, die Deutschen hätten am allermeisten von der Erinnerung daran in ihren Genen gespeichert. Seine These, dass genetisch vererbte Bombennächte, die große Ablehnung des Krieges in Afghanistan erklärten, darf man wohl mit Fug als reichlich kühn bezeichnen. Nicht nur aus Sicht eines Biologen oder Menschen mit halbwegs brauchbarer biologischer Schulbildung, bei dem noch nicht alle Tassen im Schrank zerdeppert sind. Auch weitere Fragen drängen sich auf: Könnte es – abgesehen von genetisch determiniertem Unwohlsein – noch den ein oder anderen guten Grund gegen diesen und andere Kriege geben? Warum war der genetisch verankerte Widerstand doch nicht stark genug, um den Afghanistan-Krieg zu verhindern? Und zeigen sich die Gene der Deutschen nicht auffallend unbeeindruckt beispielsweise davon, dass Georg Klein, Oberst der Bundeswehr, der in Afghanistan knapp 100 Zivilisten ins Jenseits bomben ließ, demnächst zum Brigadegeneral befördert werden soll?

Das „Marina-du-als-Jüdin-Ding“ fand Weisband „nicht so faszinierend“

Die Sendung lief erst eine knappe Viertelstunde. Dafür war schon eine (von mir) kaum für möglich gehaltene Menge Schwachsinn geredet worden. Nun wollte Markus Lanz dann endlich auch einmal Marina Weisband fragen, was sie von ihren jüdischen Großeltern weiß. Wäre doch schön, nachdem wir geklärt hätten, dass die Deutschen die größten Opfer dieses Krieges waren, festzustellen, dass die Juden aber auch schon Opfer waren, wir dann also quitt wären, nichts für ungut und am Ende haben sich alle lieb. Aber Marina Weisband zierte sich. Dieses „’Marina, du als Jüdin’-Ding“, sagte sie, finde sie „nicht so faszinierend“. Solche Art von Verweigerung lässt sich ein Markus Lanz in seiner eigenen Sendung für gewöhnlich nicht bieten. Immerhin gelang es Weisband als in Kiew geborene Jüdin in einem schnellen Satz, bevor Lanz dazwischengrätschen konnte, wenigstens das Allerwichtigste geradezurücken: „Wir hatten nämlich nicht das Trauma, dass wir zugleich Täter und Opfer waren. Wir konnten uns ganz bequem sagen: ja, wir waren die Opfer.“

Die Täter-Opfer-Umkehr wurde „einen Ticken zu vehement“

Da hielt Markus Lanz für einen kurzen Augenblick doch tatsächlich die Klappe und wendete sich lieber an Claus Strunz, der nach einigem Rumgedruckse schließlich das Wort „Auschwitz“ in den Mund nahm. Doch das war eine Richtung, in die Baring die Diskussion nun auf keinen Fall abgleiten lassen wollte. Mit einem jugendlichen Elan und einer Deutlichkeit, die es wirklich verdient hätte, Fernsehgeschichte zu schreiben und nicht bloß still ignoriert zu werden, sagte er, was ihn bedrückt: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern: Die Deutschen sind das Tätervolk und die Juden sind Opfer. Nein, auch viele Juden haben sozusagen – das kann man in dem Film auch sehen – haben andere verraten, um ihre eigene Haut zu retten. Es ist viel komplizierter. Wir werden in den nächsten Jahrzehnten sehen – natürlich wird Hitler trotzdem den Angriffskrieg und die Verbrechen zu verantworten haben, das ist schlimm genug – aber auch die anderen haben furchtbare Dinge getan. Ich hab mal in Dresden bei der 50-Jahrfeier des Untergangs ein Mitglied des englischen Königshauses erlebt, der gesagt hat: ‚Der zweite Weltkrieg hat uns alle entmenscht.’ Alle, nicht nur die Deutschen!“

Strunz sagte dazu: „Ich finde das Zeigen auf die anderen einen Ticken zu vehement.“

Würde ich jetzt auch sagen. Vielleicht sogar ein Tuck mehr als nur einen Ticken, aber ich will nicht kleinlich sein. Ich würde außerdem sagen, dass in dieser in Leserbriefen und Kommentarspalten von Onlinemedien schon oft gelesenen, in einer Talkshow so aber wohl noch nie gehörten Rede wirklich alles drinsteckt, was das Herz begehrt: Die Juden sind doch genauso Täter wie die Deutschen. Wobei die Deutschen eigentlich gar keine Täter sind, denn nicht etwa sie haben, sondern Hitler hat Krieg und Verbrechen zu verantworten. Die anderen kriegführenden Nationen allerdings auch. Die wären also demnach ähnlich schlimm wie Hitler. Bis hierhin sind also die Juden, Hitler und die Alliierten schuld, die Opfer-Deutschen haben eigentlich gar nichts gemacht, aber wir sind ja nicht so, sagen wir einfach: Der Weltkrieg hat uns alle entmenscht. Danke, passt so.

Baring erfüllte alle Erwartungen an den kompletten Geschichtsrevisionisten

Der Vorwurf, er sei hier einen Ticken zu vehement gewesen, ließ Baring noch ein My vehementer werden: „Die Grausamkeit der Russen kommt in dem Film gar nicht vor! Die muss aber eines Tages sein! Weil ein Teil der Brutalität der Deutschen war natürlich auch dadurch zu erklären, dass das ein Vernichtungskrieg auf beiden Seiten war! Auf beiden Seiten!“ Die Grausamkeit der Schlacht von Stalingrad sei doch der beste Beweis dafür.

Und eh jetzt einer auf die Idee kam, das blitzkriegsaubere Relativieren hier etwa relativieren zu wollen oder auch nur zu fragen, ob Stalingrad eigentlich eher auf deutschem oder auf russischem Gebiet gelegen habe, meldete sich Christiane Paul zu Wort und brachte den 1. Weltkrieg ins Gespräch. Und ich hatte schon so eine Vorahnung, was dann gleich folgen würde. Zunächst einmal nannte Lanz den 1. Weltkrieg – angemessen blöde – „die Urkatastrophe“. Denn wenn wir schon den Unterschied zwischen Tätern und Opfern für obsolet erklären, dann wollen wir es auch unbedingt vermeiden, uns in einer Weise auszudrücken, die nahe legen würde, es könnte ein Unterschied bestehen zwischen Weltkrieg und beispielsweise Hochwasser. Etwas überraschend meinte dann Baring, der Frauen offenbar grundsätzlich nicht ausreden lässt, Christiane Paul, bevor sie auch nur irgend etwas sagen konnte, widersprechen zu müssen, „als Historiker“ wie er sagte: „Der erste Weltkrieg ist nicht durch unsere Verantwortung zustande gekommen.“ Und damit hatte er aus Versehen sogar seinen ersten richtigen Satz gesagt, denn selbstverständlich sind weder er noch Christiane Paul für den 1. Weltkrieg verantwortlich zu machen. Da allerdings davon ausgegangen werden kann, dass er mit „uns“ das Deutsche Reich meinte, bleibt auch dieser Satz ähnlich falsch wie die vorausgegangen. Aber – das ist komisch, nicht? – es war genau der Satz, den ich erwartet hatte, nun, da die Rede auf den 1. Weltkrieg gekommen war.

Die deutsche Sehnsucht nach dem Völkermord

Nachdem jedenfalls Baring auch das unwidersprochen geklärt hatte, gelang es Christiane Paul schließlich doch noch zu sagen, was sie eigentlich zum Thema loswerden wollte. Und irgendwie hatte ich die Hoffnung, allein aus statistischen Gründen müsste jetzt mal zur Abwechslung ein vernünftiger Gedanke kommen. Kam aber keiner. Weil die Deutschen bei der Verteilung der Welt in der Kolonialzeit „zu kurz gekommen“ und durch die Niederlage im 1. Weltkrieg gedemütigt gewesen seien, hätten sie „Sehnsucht“ gehabt, die sie glaubten in den „Ideen von Hitler“ erfüllt zu sehen, sagte Paul. Davon abgesehen, dass das schöne Wort ‚Sehnsucht’ selten so missbraucht wurde, wäre diese Beschreibung als Bestandteil einer Erklärung ja noch nicht einmal völlig falsch. Aber anstatt – wenn man schon dabei ist – kurz darauf einzugehen, dass eben genau der Rassismus, der sich im Kolonialismus zeigte, und der nationale Chauvinismus, ohne den der 1. Weltkrieg nicht möglich gewesen wäre, zur Weltanschauung vieler Deutscher gehörte und auch ein ganz zentraler Bestandteil der Nazi-Ideologie war, führt Christiane Paul beides hier voller Empathie als Quasi-Entschuldigung an. In etwas unschönerer Ausdrucksweise von mir auf den Punkt gebracht, sagt sie nichts anderes, als dass man die Deutschen verstehen müsse: Da sie in der Kolonialzeit zu wenig Gelegenheit hatten, Neger umzubringen, mussten sie das später eben mit den Russen und den Juden nachholen.

Mag sein, dass sie sich als Schauspielerin da ein bisschen mit ihrer Figur überidentifiziert hat und höchstwahrscheinlich hat sie es so auch nicht gemeint. Ich nehme dennoch mit großem Unwohlsein zur Kenntnis, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der es offenbar ein Skandal ist, wenn eine Schauspielerin einen Fernsehauftritt mit schlechter Laune absolviert. Es aber nicht einmal bemerkt wird, wenn sich eine andere im öffentlich-rechtlich verordneten Opa-erzählt-vom-Krieg-Erinnerungsbiedermeier um Kopf und Kragen redet. Aber Christiane Paul passte hier eben genau ins Format – in das des ZDF, dieser Sendung und seiner Zuschauer, und wohl leider auch ins geistige Format dieses Landes und seiner Bevölkerung.

Kinder, das sind aber auch viele Juden, die wir hier abschlachten müssen!

Doch es ist müßig, sich über die liebe Christiane Paul aufzuregen, wenn Arnulf Baring in der Runde sitzt, meint Marina Weisband über Babyn Jar belehren zu müssen und wortwörtlich Folgendes sagt: „Die Deutschen hatten mit 6000 Juden gerechnet und 36 000 kamen. Und dabei ist den Deutschen klar geworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen eine andere Art machen, als sozusagen da diese Massenerschießungen. Denn diese Massenerschießungen hatten natürlich dazu geführt, dass eine Reihe von Leuten, obwohl sie verwundet waren, rausgekrochen waren und gesagt haben: die Deutschen bringen uns da in Massen um. Mit anderen Worten: Babyn Jar ist das entscheidende Zentrum […] Das ist die Katastrophe, die sozusagen am Vorabend von Auschwitz ist. Die ganze Vernichtung durch Gas ist eine Folge von Babyn Jar.“ Ich formuliere ein bisschen um, damit die gedankliche Struktur noch transparenter wird: Wenn es nicht so viele Juden gegeben hätte, hätte man sie schön zivilisiert erschießen können. Weil es aber so viele Juden gab, musste man sie in Auschwitz vergasen. Ergo: Auschwitz ist eine Folge davon, dass es zu viele Juden gab. Kinder, so diskutiert man Logik und Logistik der Judenfrage im Zweiten Deutschen Fernsehen im Jahr 2013. Wer hätte damit gerechnet?

Nach quälenden 40 Minuten das erste Widerwort

Was nun allerdings gar nicht ging, war, dass die doch extra dafür in die Runde geladene Jüdin auch nach diesem weiteren Versuch, einfühlsam auf das Thema hinzuführen, nichts darüber erzählen wollte, auf welche Weise denn nun ihre Vorfahren von den Deutschen ermordet wurden. Dabei wäre es doch so wichtig gewesen, darüber geredet zu haben, so unter lauter genetisch traumatisierten Opfern im Selbsthilfegruppenstuhlkreis gewissermaßen. Das fand der Arnulf jetzt echt nicht gut von der Marina, dass sie sich den anderen aber auch so gar nicht öffnen mochte. Und endlich – nach bald 40 Minuten Sendezeit – widersprach ihm mal einer. Markus Lanz natürlich nicht. Dem gebot schon das, was er vermutlich für sein Berufsethos hält, das Gegenteil. Aber Dirk Stermann immerhin sagte: „Sie können doch jetzt nicht ernsthaft ihr vorwerfen, dass sie nicht darüber reden möchte, was ihrer Familie passiert ist. Das ist mir zu viel jetzt.“ Eine Handvoll Studiozuschauer, die sich vielleicht auch gerade in Grund und Boden schämten, klatschten erleichtert.

Antisemitismus in Deutschland? Lanz glaubt nicht dran. Nächstes Thema.

Baring ließ sich von diesem Rückschlag nicht allzu lange irritieren und klärte noch über einige weitere verbreitete Irrtümer auf. Zum Beispiel den, dass die meisten Deutschen etwas davon mitbekommen hätten, was mit den Juden geschah. Es sei durchaus möglich gewesen, nichts davon zu merken, schließlich sei die Mehrheit der Juden ja eh schon vorher ausgewandert. Stermann schien es dann doch wirklich zu reichen, er gab plötzlich Contra und siehe da: so schwer war das gar nicht. Doch als Stermann und Weisband sogar auf aktuelle Untersuchungen zu faschistischen und antisemitischen Einstellungen in Deutschland und Österreich zu sprechen kamen, war für Markus Lanz Schluss mit lustig. Österreich mag ja noch angehen, aber Antisemitismus in Deutschland? Glaubt er nicht. Nächstes Thema. Dieser Moderator kann nämlich sehr wohl einen Redner abwürgen – wenn er möchte.

Und dann die Stille danach

Diese Sendung als peinlich zu bezeichnen, würde meiner Meinung nach eine grobe Verharmlosung darstellen. Ich halte sie für schlicht skandalös. Nun kann man natürlich sagen: Das ist Markus Lanz. Dort wurde schon so viel Gülle geredet, das nimmt doch niemand mehr ernst. Man kann auch sagen: Das war Arnulf Baring. Der ist auf seine alten Tage bekannterweise ein bisschen sehr rechstaußen geworden und eignet sich ja gerade deshalb so gut als Talkshowgast auf dieser Position, wenn von den anderen üblichen üblen Verdächtigen mal keiner Zeit hat. Doch dann muss man auch sagen: Das ist ein überaus erfolgreiches Format. Hier findet sich die Mitte der deutschen Gesellschaft zusammen. In dieser trüben Brühe aus Ressentiments, Kurzschlüssen, absoluter Gefühlskälte und sentimentaler Gefühligkeit gefällt es ihr allem Anschein nach ganz gut. Und wenn da einer krassen Geschichtsrevisionismus predigt, widerspricht dem kaum jemand mehr ernsthaft – nicht in der Runde und auch nicht danach. Da herrscht dann plötzlich Stille auf allen Kanälen. Ist es die Stille der peinlich Berührten oder die der heimlich Erfreuten? Ist es das Schweigen der völlig Einverstandenen oder das derjenigen, die nicht mehr aufzubegehren wagen, wenn öffentlich Nationalismus inszeniert wird? Oder ist es das Schweigen der Abgestumpften, die eigenständiges Denken und Fühlen schon lange verlernt haben und die Welt nur noch wahrnehmen, um Haltungsnoten für Prominente zu vergeben?