Die Geschichte meiner Träume — 2. Nacht

Raushau-Blog-Leserservice: Ja, ihr kennt das schon. Der nachfolgende Text hat 4344 Zeichen (incl. Leerzeichen) und ist „Ich schreibe wie“-zertifiziert mit dem Gütesiegel:

Ich schreibe wie
Joanne K. Rowling

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

oder vielleicht auch wie ihr deutscher Übersetzer, man weiß es nicht. Jedenfalls ein bisschen erschreckend, festzustellen, dass ich mich so langsam stilistisch bei Rowling einpendele. Für euch, liebe Leser, bedeutet das zunächst einmal, dass der Kram von seiner Lesbarkeit her echt für jeden machbar sein sollte. Ob es für mich bedeutet, dass ich es bald von HartzIV zum Millionär schaffe, da bin ich mir noch nicht so sicher, aber ich werde jedenfalls schon mal überlegen, an wen ich dann gegebenenfalls was spende und an wen nicht. Weiterer Leserservice: Ganz am Ende des Textes ist wieder ein Youtube-Link und irgendwo in der Mitte ein Foto von mir (ohne Bezug zum Text, aber mit Berlin-Bezug). Es folgt der Text.

Meine Träume langweilen mich.

Angst.

Na und?

Verlangen nach Anerkennung und/oder Bewunderung, nach Nähe und/oder Sex.

So what?

Schamgefühle, Peinlichkeiten, ungerechte Wut und gerechte Wut.

Hilft uns das weiter?

Geschichten, die gleich nach dem Anfang, wieder abbrechen – wobei man dazusagen muss, dass sie nie einen Anfang hatten.

Es ist wie im richtigen Leben.

Erinnerungen an mögliche Abläufe von Grund und Folge, die zur gleichen Zeit auftreten, zu der sie verschwinden und vielleicht keine Erinnerungen sind, sondern fehlgeleitete Versuche einer Rekonstruktion.

Weil ich jetzt weiß, dass ich noch schlafe, wenn ich aufwache, wache ich nicht mehr auf, wenn ich spüre, dass ich aufwache. Ich schlafe, so lang es geht. Der Hunger kann mich wecken. Oder die Pflicht. Manchmal auch ein Vorsatz. Wenn ich gut bin gar vorsätzliche Vorfreude. Meine Träume langweilen mich, aber ich schlafe weiter.

Noch unter der Dusche schlafe ich. Es gibt keinen bestimmten Punkt, an dem ich wach bin. Ich fließe vom Schlaf- in den Wachzustand und zurück. So treibe ich durch mein Leben.

Wo der Berg über dem Papiercontainer in sich zusammengebrochen ist, steht jetzt ein Wald. Die Vampire rennen durch den Wald. Wir sind zu dritt. Arian B. und Björn He. sind verschwunden. Die neuen sind Gregor und ein Vampir-Weibchen, das ich nicht kenne. Ihr fahlweißer Ausschnitt leuchtet mir den Weg.

Wir laufen über Bohlen. Unsere Schritte auf den Bohlen sind laut wie unser Atem. Wir rennen, als ginge es um etwas. Immer scheint es um etwas zu gehen in meinen Träumen. Doch um was es geht, dieses Geheimnis geben sie niemals preis. Die Bohlen lenken unseren Weg. Das scheint ihr einziger Zweck zu sein, der Boden unter ihnen jedenfalls ist ganz gewöhnlicher, gut begehbarer Waldboden.

Auf einer bunt illustrierten Informationstafel der Forstverwaltung sind verschiedene Fledermausarten abgebildet. Wir sehen nach, ob wir uns selbst finden. „Sucht euch einfach aus, welche ihr am liebsten sein wollt“, sagt der in Grün gekleidete Förster. „Ist scheißegal, sind eh alle ausgestorben.“ Wir sagen danke, wir töten ihn und wir saugen ihn leer. Ich will am Ausschnitt des Vampir-Weibchens saugen. Doch ich muss vorsichtig sein. Wenn ich es zu sehr will, wache ich auf und alles ist vorbei.

Ich wache auf.

Martin Thoma

Nach dem Aufwachen merke ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Ein Blick aus dem sperrangelweit geöffneten Fenster und ich erkenne, was es ist: Europa ist untergegangen. Das fehlt gerade noch, denke ich.

Ich fahre den PC hoch und sende den aktuellen Text für mein(en) Blog dem übergangsweise regierenden Militärrat zum Gegenlesen. Weil ich so unwichtig bin und mich eh keiner liest, haben sie keine Einwände. Leider dauert die Begutachtung des Textes 300 Jahre – weil ich so unwichtig bin und der übergangsweise regierende Militärrat überlastet ist und sich erst mal um die wichtigen Probleme kümmern muss. Solange kann ich den Text natürlich nicht bloggen.

Um mir die Zeit bis dahin zu vertreiben, schreibe ich noch ein paar andere Texte, die ich auch beim übergangsweise regierenden Militärrat einreiche. Es kommt immer sofort eine freundliche Mail zurück, in der sie mir den Eingang bestätigen und um mein Verständnis bitten, dass die Bearbeitung noch mindestens 300 Jahre in Anspruch nehmen wird, in denen von Nachfragen abzusehen sei. Ich mache mir einen Spaß daraus, einen Text einzureichen, in dem ich den übergangsweise regierenden Militärrat scharf angreife. Weil ich ja weiß, dass sie ihn erst lesen werden, wenn ich schon lange tot bin, habe ich keine Angst. Trotzdem fühle ich mich wohlig rebellisch.

Irgend jemand muss ihn dann aber doch vorher gelesen haben, denn wenige Minuten später fliegt ein smarter Marschflugkörper durchs Fenster und explodiert direkt auf meinem smarten Mobiltelefon. Das Mobiltelefon liegt zwar am anderen Ende der Wohnung, doch die Wohnung ist glücklicherweise klein. Daher reicht die Sprengkraft aus, mich so schwer zu verletzen, dass ich schon nach wenigen Minuten sterbe. Ein langes und qualvolles Dahinsiechen bleibt mir erspart. In der kurzen Zeit, die ich noch habe, möchte ich mein Leben so weit in Ordnung bringen, dass ich wenigstens meinen GoogleSuper™-Account lösche, doch ich stelle fest, dass man das bereits für mich getan hat. Na, das funktionierte doch reibungslos, denke ich und sterbe halbwegs versöhnt mit der Welt.

Jetzt auch tot: Georg Kreisler

Werbeanzeigen

Die Geschichte meiner Träume — Nacht 1

Raushau-Blog-Leserservice: Der folgende Text enthält 7653 Zeichen (inkl. Leerzeichen) und ist „Ich schreibe wie“-zertifiziert mit dem Gütesiegel:

Ich schreibe wie
Joanne K. Rowling

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

Am Ende des Textes befindet sich wie immer ein feiner Youtube-Link als Belohnung für den Leser/die Leserin, der/die bis zum Schluss durchgehalten hat. Ausnahmsweise ist es auch erlaubt, in eigener Verantwortung nur den Youtube-Link zu konsumieren und meinen Text wegzulassen. In der Mitte des Textes befindet sich ein Berlin-Foto (oder ist es schon Brandenburg?) (Copyright bei mir), das in keinem näheren Zusammenhang zum Text steht, sondern nur meine Heimatverbundenheit demonstrieren soll. Dem Text vorangestellt ist eine einleitende Audiodatei, deren Zurkenntnisnahme für das richtige Verständnis des Textes essenziell ist.

Es geht um meine Existenz, nicht um mein Leben, denn ich habe keins. Ich bin ein Vampir. Ein Vampir, der sich im Gebirge verirrt hat. Die Lage ist trotzdem nicht ernst. Sie kann es nicht sein, denn Tim und Struppi sind ja dabei. Wo genau sie sind und was sie tun, weiß ich zwar nicht, doch es ist gut, sie ganz allgemein dabei zu wissen. Ich habe deutlich das Gefühl, dass meine irrende Suche letztlich nur ein Spiel ist, ein Kinderspiel, und nichts wird verloren sein, wenn ich verliere. Ich bin ein unsterbliches Kind und spiele: „so tun, als ob ich tot bin“. Ich bin er: ein kleiner Vampir, als Kind gebissen und für immer Kind. Und er spielt: „so tun, als ob er lebendig wäre“.

Mitten im Gebirge steht der Papiercontainer auf einer Almwiese am Fuß eines gewaltigen Geröllhanges. Es ist Sommer, es muss Sommer sein, wir kennen solche Almwiesen nur bei Sommer. Wir sind diese moderne Sorte Vampir, die die Sonne nicht mehr zu fürchten braucht. Im Übrigen ist auch davon auszugehen, dass in unserem Rucksack an technischem Gerät mindestens ein Handy und ein Notebook verstaut sind. Doch wir sind uns ganz sicher, dass sie uns bei unserer Suche nicht helfen würden, wir haben sie nur aus Gewohnheit eingepackt, fast ohne es zu bemerken. Wir würden uns Kühe herwünschen, aber es steht nur der Papiercontainer dort. Vor dem Container stehen wir, außer uns ist niemand hier. Der Schrei einer Alpendohle hallt von einer Felswand wider: tschrri. Selbstverständlich muss es Ruf heißen und nicht Schrei. Es bleibt ihr Ruf, auch wenn er in unseren Ohren zum Schrei wird.

Der Papiercontainer ist alt, von der Art, wie wir ihn schon ein Viertel Menschenleben lang nicht mehr gesehen haben. Die Beschriftung und der hellblaue Lack sind an vielen Stellen abgeblättert. Jemand muss ihn einmal angezündet haben, wir sehen Brandspuren. Der Papiercontainer quillt fast über mit Vampiren. Arme und Hände ragen aus seinen Öffnungen hinaus und winken und zappeln ein bisschen, sodass man meinen könnte, er wäre ein lebendiges Wesen.

Das Winken richtet sich an uns, doch bleibt unklar, was damit gemeint ist. Werden wir herbeigewunken, in den Container zu kommen wie alle anderen Vampire auch, oder soll das Wedeln der Arme und Hände im Gegenteil Abwehr signalisieren, weil der Container schon so voll ist?

Tief in unserem Inneren wissen wir, dass wir dort rein müssen. Doch scheint völlig unmöglich, dass es zwischen den Armen, die aus den Containeröffnungen ragen, ein Hindurchkommen geben könnte. Außerdem wollen wir dort nicht rein. Zwar stehen wir jetzt schon einmal davor und es wäre also der logische nächste Schritt, doch machen uns die vielen Hände und die Uneindeutigkeit ihrer Gesten Angst. Vielleicht sind wir unerwünscht, vielleicht ist es auch eine Falle, vielleicht würden sie uns erwürgen, ersticken oder zerreißen. Und wenn sie uns nur sanft berühren würden – war das unser Ziel in einem engen alten Papiercontainer von tausend und mehr blutleeren Händen befingert zu werden? Wir wollten doch auf den Gipfel. Auch wenn wir uns an den genauen Anlass unserer Suche nicht erinnern können, dass das Ziel der Gipfel und nicht ein Papiercontainer war, stand immer außerfrage.

Wobei – genau genommen war der Papiercontainer das Ziel. Aber wir waren davon ausgegangen, dass er auf dem Gipfel stehen würde, Fenster und eine Terrasse hätte und dass es ein Container für uns alleine wäre. Und eigentlich ging es nie um den Container, sondern immer nur um den Gipfel, den mit einem Gipfelkreuz eindeutig als die höchste Spitze dieses Berges gekennzeichneten Gipfel. Nur dort wollten wir hin. Wir waren dort verabredet, mit unserem Freund Björn He., auch er ein Vampir. Doch dann wollte Björn He. nicht mehr. Verstanden haben wir das nicht. Doch wir forderten keine Erklärung, wir hätten auch kein Recht dazu gehabt. Kein Vampir rechtfertigt sich jemals für sein Verhalten und niemals verlangt ein Vampir von einem anderen eine Rechtfertigung.

Vielleicht hing es aber damit zusammen, dass Björn He. viel mehr über den Container wusste als wir. Er wusste zum Beispiel auch, dass der Container voll sein würde, und er hat uns erklärt, wie wir trotzdem hineingelangen könnten. Wir können uns leider nur noch bruchstückhaft daran erinnern. Die Kernaussage lautete: Allein schafft es niemand. Doch der Rest war kompliziert. Man musste wohl zunächst einen Menschen hypnotisieren und dann beißen, danach konnte man zuerst allein in den Container, war dann aber dazu gezwungen, den Gebissenen ebenfalls irgendwie zu sich in den Container zu holen.

Nur wer, fragen wir uns, soll diesen Gebissenen spielen, wenn es offensichtlich im gesamten Gebirge, durch das wir nun schon werweißwie lange herumirren, keinen einzigen Menschen gibt. Ganz abgesehen von der Container-Problematik haben wir ohnehin schon einen wahnsinnigen Durst. Und dennoch zeigt das Wort „spielen“ in dieser leise zu uns selbst gestellten Frage, dass wir die Situation weiterhin nicht ernst nehmen. Im Grunde glauben wir nicht an die Wirklichkeit unserer Existenz, im Grunde glauben wir nicht an Vampire. Wir würden nicht so weit gehen, zu behaupten, dass wir nur geträumt seien, doch dass wir nur eine Figur in einem Film darstellen, das halten wir für wahrscheinlich.

Martin Thoma

Unser Freund Arian B. fällt uns ein. Auch er ein Vampir, auch er wahrscheinlich nur eine Figur, auch er auf der Suche nach dem Papiercontainer mit uns losgezogen. Auch ihn haben wir verloren.

Die fremden Vampirhände haben sich in den Papiercontainer zurückgezogen. Wenn man nicht so genau hinsieht, könnte man ihn jetzt für einen ganz gewöhnlichen alten Papiercontainer halten. Doch plötzlich gibt er ein dupfes Dröhnen von sich, kurz darauf gefolgt von einem weiteren. Es hallt wie Donnergrummeln von den Felswänden wider. Jemand schlägt mit einer Faust von innen gegen die Containerwand. Weitere Schläge folgen, weitere Fäuste schließen sich an, in kurzer Zeit sind es die Fäuste sämtlicher Vampire, die gegen die Containerwand hämmern. Ohne jeden Rhythmus, dicht hintereinander, fast wie das Prasseln eines Feuers, nur dumpfer und lauter, viel lauter. Sie schlagen mit übermenschlichen Vampirkräften gegen das Metall und es beult sich nach allen Seiten hin aus. Zweifellos wird es in wenigen Augenblicken zerreißen wie eine dünne Membran.

Ein mehrere Meter breites Stück löst sich aus der Felswand über uns und rutscht über die Geröllhalde direkt auf uns zu. Mit unseren Vampirkräften treten wir dagegen und es zersplittert in tausend Stücke. Zur gleichen Zeit lösen sich über uns drei neue Brocken. Den ersten zertreten wir wieder, doch die nächsten versuchen wir aufzufangen und, so gut es auf die Schnelle eben geht, ordentlich auf der Almwiese übereinander zu stapeln. Denn es kommen schon wieder neue Felsbrocken und es werden immer mehr und größere und wir wissen, wenn wir sie alle zertreten würden, entstünde dabei so viel Geröll, dass wir darunter begraben werden würden. Der ganze Berg bricht über uns zusammen, vielleicht sogar mehr als nur der Berg. Es kommt uns vor, wie ein gewaltiger Meteoritenhagel. Und wir fangen und sortieren die Teile.

Dann hören wir eine Stimme aus dem Container, die von uns in der dritten Person Singular spricht. Einen Augenblick lang denken wir, das seien wir selbst, dann, es sei Arian, dann kommt sie uns vor wie die Stimme von Björn. Inzwischen glauben wir, dass es bloß eine Tonaufnahme ist, die jemand gemacht hat, lange bevor es uns gab. Die Stimme sagt (und Gott weiß mit wem sie spricht): „Martin Thoma spielt gegen den Computer Space Invaders, was aber in Wahrheit aussieht, wie Tetris.“

Was für ein dämlicher Kommentar, denken wir, und stemmen uns weiter gegen die herabstürzenden Felsbrocken.

Franz Josef Degenhardt (1931-2011)

Zum Kaiser von China

Raushau-Blog Leserservice

Der folgende Text hat 4256 Zeichen (inkl. Leerzeichen) und ist „Ich-schreibe-wie“-zertifiziert mit dem Gütesiegel:

Ich schreibe wie
Sidney Sheldon

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

[Who the fuck ist eigentlich jetzt schon wieder Sidney Sheldon? Und warum kann ich nicht auch mal schreiben wie ein deutschsprachiger Autor? Mit den Übersetzungen gerät da doch so viel Rauschen in die Daten, das kannst du doch wissenschaftlich gar nicht mehr ernst nehmen! Ach was soll’s, die Software wird schon wissen, was sie tut.]

Eine Hörbuch-Variante des Textes gibt es hier nicht mehr, weil sich der Witz verbraucht hat. Falls jemand  anderer Meinung ist, muss er mir das sagen.

Dafür jetzt neu: Ein Berlin-Foto (Copyright bei mir!) in der Mitte des Textes, das keinerlei Zusammenhang zu selbigem aufweist, sondern lediglich meine Heimatverbundenheit dokumentieren soll.

Als Leckerli am Ende des Textes wie immer ein Youtube-Link.

Der Text:

„Du kümmerst dich um den Baum, ja?“

„Ja, klar.“

„Ich meine, wirklich, die wachsen sehr schnell. Das darfst du nicht unterschätzen.“

„Ja, sicher, ist ja klar.“

„Ich weiß noch, als ich klein war, 1950, haben wir auch so eine Kastanie bei uns im Garten gepflanzt. Und als ich in den 70ern weggezogen bin, war es schon ein richtiger Baum. Die wachsen sehr schnell. Ehe man es sich  versieht, sind es schon richtige Bäume.“

„Hmm, in nur 30 Jahren, erstaunlich.“

„30 Jahre? Ach so. Nein, schon eher 20 waren das, vielleicht 25, sehr schnell jedenfalls.“

„Ja, irgendwie schon.“

„Mein Gott, in noch mal 20 Jahren, da werde ich dann schon gar nicht mehr sein.“

„Ach, sag das nicht. Wer weiß. Um die 90 ist doch kein Alter heutzutage.“

„100 Jahre alt werden, war jedenfalls nie mein Ziel. Ich meine, es gibt wohl Menschen, die werden 100 und älter und sind bis zum letzten Tag noch rüstig, aber meistens ist es doch dann nicht mehr schön. Also ein Pflegefall will ich nicht werden. Ich bin ja geistig und körperlich noch ganz beweglich, gerade auch, wenn ich das vergleiche mit anderen Frauen in meinem Alter.“

„Hmm.“

„Na ich hoffe, das bleibt auch so.“

„Hmm.“

„Ich find das ja immer noch komisch zu so Veranstaltungen wie heute zu gehen, wo dann lauter Rentner um dich rum sitzen. Dabei bin ich ja selber eine von denen. Hahaha, die rüstige Rentnerin, hahaha.“

„Hahaha.“

„Wobei, wir sind auch öfter bei Veranstaltungen, wo viele junge Leute sind. Da fallen wir dann immer ganz schön auf. Wir senken den Altersdurchschnitt.“

„Du und dein Mann, ihr seid halt jung geblieben.“

„Na das hoffe ich doch! Ich sah ja auch immer schon jünger aus, als ich wirklich war.“

„Hmm.“

„Das hat den Männern immer gefallen. Hahaha.“

„Hahaha.“

„Also, du passt gut auf den Baum auf?“

„Sicher.“

Martin Thoma

„Wenn wir dann wegfahren. Das ist schon sehr aufregend, in unserem Alter noch mal wegziehen. Das hätte ich irgendwie auch nicht gedacht, das ich das noch mal machen würde, hier wegziehen.“

„Ja, das ist schon mutig, den alten Freundeskreis verlassen und sich ganz woanders noch mal einen neuen aufbauen.“

„Hmm.“

„Aber du hast ja auch noch immer deinen Mann.“

„So viele sind das ja auch gar nicht mehr.“

„So viele wovon?“

„Äh, was? Ach so, Freunde hier meine ich. Viele hat man doch aus den Augen verloren. Wir sind ja jetzt auch nicht so die Hansdampfs in allen Gassen, hahaha.“

„Hahaha, nein, das seid ihr nicht.“

„Nein.“

„China also …“

„Ja, in die Hauptstadt Ping. Das ist eine Initiative des Kaisers von China.“

„Ach?“

„Ja, sie wollen dort die europäische Mentalität kennen lernen. Man hat ja in China großen Respekt vor älteren Menschen. In China bedeutet Alter Weisheit. So denkt man dort. Wir werden gewissermaßen kaiserliche Berater sein. Nicht nur wir natürlich. Tatsächlich kommen wohl mehrere Millionen Rentner aus ganz Europa. Aber das wird sehr konspirativ gehandhabt, das ist alles sehr intransparent. In China wird eben von oben geplant und nicht informiert, mit Demokratie und Mitbestimmung hat das natürlich nichts zu tun. Es ist wohl so, dass da schon kurzfristig für die Europäer enorme Sparpotenziale liegen. Alte kosten eben Geld, das ist bekannt. Und China hat Geld.“

„Das ist ja … warum hört man denn hier gar nichts davon?“

„Wie gesagt, das ist konspirativ gehandhabt. Ich hätte da auch gar nichts von erzählen dürfen. Wenn das rauskäme, stünde da eine enorme Vertragsstrafe drauf. Also bitte nicht weitererzählen.“

„Und gleich so viele Rentner. Meint der Kaiser von China tatsächlich, das ihm das was nutzt, ich kann mir das gar nicht vorstellen.“

„Also, die ursprüngliche Idee, aber das weiß ich auch nur gerüchteweise, soll ja gewesen sein, nur Helmut Schmidt zu holen. Aber Helmut Schmidt wollte dann doch lieber hierbleiben, heißt es. Und da hat man sich dann, gewissermaßen typisch chinesisch, für Masse statt Klasse entschieden. Wobei du das auch in Relation sehen musst: Für chinesische Verhältnisse sind ein paar Millionen eben nicht viel.“

„Ja, so gesehen.“

„Wir sind jedenfalls schon sehr aufgeregt.“

„Aber um den Baum mach dir mal keine Sorgen. Da kümmer ich mich drum.“

„Das ist wirklich sehr nett von dir. Das nimmt mir eine große Last von den Schultern, dass du das machst. Ich hätte nicht gewusst, wen ich sonst fragen sollte. – Das ist schon verrückt, wie schnell die wachsen.“

Der Wechselblag

Raushau-Blog Leserservice:
Der folgende Text hat 4905  Zeichen (incl. Leerzeichen) und ist „Ich-schreibe-wie“-zertifiziert mit dem Gütesiegel:

Ich schreibe wie

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

Am Ende des Textes befindet sich als Belohnung für die Mühen des geneigten Lesers zur Entspannung ein Überraschungs-Youtube-Clip.

Der Text als Premium-Hörbuch:

Der Text als Text:

In einem kleinen Ort im Straucheln (bei Dürsen) lebten ein Mühler (damals sagte man noch richtig Mühler von Mühle und nicht Müller wie heute) und seine Frau. Die hatten drei Söhne (und eventuell eine irrelevante Anzahl unmaßgeblicher Töchter). Zwei der Söhne waren haargenau so, wie man sich das von guten Söhnen nur wünschen konnte. Der älteste Sohn aber war boshaft wie eine böse Stiefschwiegermutter (aus Bayern), garstig wie ein pubertäres Warzenschweinferkel (mit Pickeln), falsch wie eine Schlange (Blindschleiche) und häßlich wie die Nacht bei Neonlicht von einigen 1000 Grad Kelvin.

Da es, wie gesagt, der älteste Sohn war, waren nach ihm noch zwei Söhne nachgekommen, die so wunschgemäß gut ausgefallen waren, daß es nur so eine Art hatte. Man konnte demnach ohne Übertreibung behaupten, daß der Mühler und seine Frau, so gesehen, noch einmal Glück im Unglück gehabt hatten. Dennoch wurde ihnen das Leben mit ihrem ältesten Sohn mehr und mehr zu einer Last, denn er wurde mit jedem Tag, den er älter wurde, nur immer garstiger und noch mehr garstiger. Es war ganz offenkundig, daß es sich bei ihm um ein sog. Wechselblag handelte, d.h. die Unterirdischen waren in der Nacht nach der Geburt des ersten Sohnes in das Kämmerlein mit der Wiege geschlichen, hatten den wirklichen Sohn zu sich in die Unterirde entführt und stattdessen einen der ihren für ihn hineingelegt, auf daß er dem armen Mühler und seiner Frau und auch allen anderen Menschen, mit denen sie verkehrten, möglichst vieles an großem Ungemach bereiten möge. Auch die beiden anderen Söhne (und wahrscheinlich auch einige der ansonsten irrelevanten Töchter) machten ihre Eltern immer wieder darauf aufmerksam, doch diese wollten nicht hören. Immerhin war es ihr Erstgeborener! Und die Mutter hätte außerdem ein viel zu gutes Herz gehabt, als daß sie es über dasselbe gebracht hätte, den Wechselblag zusammen mit einigen Wackersteinen in einen Sack zu tun und im Fluß zu versenken, wie es ihr ihre beiden anderen Söhne immer wieder vorschlugen (und auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl der darüberhinaus aber irrelevanten Töchter).

Lange konnte das nicht mehr gut gehen, denn inzwischen war der garstige Lump seinen Eltern über den Kopf gewachsen und nutzte das auch schamlos aus, indem er ihnen, kaum war er einen Kopf größer als sie, zum Frühstück, Mittagessen und zum Abendbrot ihre Haare direkt vom Kopf weg äste. Im Falle seines Vaters war das nicht weiter der Rede wert, denn sein Haarwuchs konnte schon vorher traditionell nur als spärlich bezeichnet werden. Doch mitanzusehen, wie er die wunderschönen goldenen Locken seiner gutherzigen Mutter auf eine Gabel wickelte und ungewaschen in sein dreckiges Maul stopfte, das war zum Steinerweichen. So beschlossen denn die beiden jüngeren Brüder des Scheusals (auf Drängen ihrer irrelevanten großen Schwester Gudula), dem schaurigen Schauspiel endlich ein Ende zu machen und das Wechselblag bei nächster Gelegenheit an Army Scouts zu verkaufen.

Die Gelegenheit bot sich ihnen schon am nächsten Tage, denn es standen immer einige Army Scouts vor der Schule, in die die Geschwister noch immer gingen (der älteste Bruder war dort schon sieben Mal sitzen geblieben). Aber Pustekuchen! Die Army Scouts nahmen aus Jugendschutzgründen Minderjährige nur dann ab, wenn eine Unterschrift eines Erziehungsberechtigten vorlag und die hatten sie natürlich nicht. Doch glücklicherweise konnte Gudula (die in dieser Geschichte weiter keine Rolle spielt) sehr gut Unterschriften fälschen und erledigte das für sie in der kleinen Pause. So kam es, daß sie den Wechselblag noch in der nächsten großen Pause verkauften.

Die Army zahlte stattliche Preise für neue Soldaten und so kamen die zwei Söhne in den Besitz von drei ganzen Goldtalern. Da sie aber nur zwei Söhne waren, wußten sie zunächst nicht, wie sie das ganze Gold untereinander aufteilen sollten, doch als gute Söhne beschlossen sie schließlich, von dem einen übrigen Goldtaler ihren Eltern etwas Schönes zu kaufen. Für einen ganzen Goldtaler konnte man eine ganze Menge bekommen. Zum Beispiel einen Tablett-PC, einen Esel für die Mühle, einen Kleinwagen mit Hybridantrieb, zwei Wahlgutscheine für das Bezirksparlament oder eine Eintrittskarte für Günther Jauch. Schließlich entschieden sie sich aber für ein kleines Maschinengewehr, weil in dem Wald, wo die Mühle stand, sich auch viele zwielichtige Gestalten herumtrieben und die ganze Mühlersfamilie in ständiger Angst vor Überfällen lebte.

Ihre Eltern freuten sich über die Maßen darüber, und was das verkaufte Wechselblag anging, so fügten sie sich sehr schnell darein, daß es für alle das Beste war, wenn er bei der Army das Kriegshandwerk lernen und nach einigen erfolgreichen weltweiten Operationen zuguterletzt sein Ende im Friendly Fire finden würde. Und so lebte die Mühlersfamilie glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Nur die Unterirdischen ärgerten sich sehr über diesen Fehlschlag.

Flughafensee

Raushau-Blog-Leserservice:

Gemäß „Ich-schreibe-wie“-Zertifizierung liest sich folgender Text wie ein Text von Joanne K. Rowling. Na, wenn das nichts ist! Der Text ist (mit Leerzeichen) 5003 Zeichen lang.

Am Ende des Textes befindet sich wieder ein, nein, diesmal sogar zwei Youtube-Links, zu denen gerne auch vorscrollen kann, wer keine Lust auf Lesen hat.

Als brandneuen Leserservice bietet das Raushau-Blog auch eine automatisch vorgelesene Version des Textes an:

Oh, das ist ja ein englischsprachiger Vorleseroboter. Der braucht natürlich auch einen englischen Text zum Vorlesen, damit man ihn etwas besser versteht. Also lasse ich meinen deutschen Text vom Google-Übersetzerroboter in einen englischen umwandeln und erneut vorlesen:

Das ist ja überraschend poetisch geworden. Aber vielleicht suche ich besser doch noch mal nach einem deutschsprachigen Vorleseroboter:

Und jetzt zum Selberlesen:

Hinter dem Wasser liegt die Startbahn. Ich sehe die glänzenden Maschinen vorbeifahren und abheben. Ich bin müde. Kann sein, dass ihr stetiges dumpfes Dröhnen und ihr an- und abschwellendes schrilles Pfeifen einschläfernd wirken. Ich habe mich hinter einer Düne dicht am eingezäunten Vogelschutzgebiet in den Sand gesetzt. Von hier aus sehe ich keine Menschen und obwohl ich ein Stück weiter weg welche plantschen und kreischen höre, bilde ich mir ein, ich wäre mit den Flugzeugen allein.

Der Himmel ist eine blaue Kuppel über Wasser, Sanddünen und Wald, eine Halbkugel über einer im ganzen ziemlich flachen Erde. Auf Bildern der Erde in Schulbüchern und im Internet sieht man, dass sie eine Kugel ist mit dem Himmel als äußere Hülle. Was stimmt wirklich? Ich sollte lieber glauben, was ich mit eigenen Augen hier draußen sehe. Bilder im Internet können gefälscht sein. Das bringen sie einem sogar in der Schule bei. Aber die Bilder, die sie selbst einem zeigen, meinen sie damit natürlich nicht.

Ein Schatten fällt auf mich. Es ist kein Flugzeug. Die Flugzeuge werfen ihre Schatten nicht bis hierher. Es ist Mama. Mama sagt, ich soll aufhören, mit der Plastikflasche gegen die Birke zu schlagen. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich das tue. „Bei ALDI gibt es noch 25 Cent dafür. Das waren einmal 50 Pfennig“, behauptet sie vollkommen ernst. „Aber für eine kaputte Flasche gibt es gar nichts.“ Ich lasse die leere Flasche neben mich in den Sand fallen.

„Der geht hoch“, sagt Mama. Es ist ein Airbus 320 von British Airways. Das Dröhnen nimmt kaum zu, während er beschleunigt, nur das schrille, hohe Pfeifen. Ich folge der Maschine mit den Augen, sehe sie steil nach oben steigen und schnell kleiner werden. Ihre Flugbahn wird flacher und bevor sie gegen die Kuppel stoßen würde, fliegt sie parallel zu ihr weiter und ist sehr schnell außer Sicht.

Ich könnte mir das stundenlang angucken, ohne eigentlich etwas Bestimmtes zu denken. Dabei fühle ich mich trotzdem auf eine gute Weise so, als würde ich mir ganz viele Gedanken machen über die Dinge, die wirklich wichtig sind. Warum riesige schwere Maschinen fliegen können, aber ich nicht zum Beispiel, oder warum ich lebe und nicht tot bin. „Träumst du wieder vor dich hin?“, sagt Mama oft, wenn ich auf diese Weise denke. Aber hier am Flughafensee schaut sie genauso den Flugzeugen hinterher. „Träumst du wieder vor dich hin?“, frage ich, um sie ein bisschen zu ärgern, und sie ärgert sich ein bisschen: „Ach Quatsch!“ Im Weggehen sagt sie, dass wir in einer Viertelstunde aufbrechen werden.

Auf einer Boje sitzt ein großer schwarzer Vogel mit einem langen Schnabel. Er hat seine Flügel weit ausgebreitet. Um sie in der Nachmittagssonne des warmen Spätsommertages trocknen zu lassen, nehme ich an. Ich überlege, ob ich noch einmal ins Wasser gehe und versuche zu ihm hin zu schwimmen. Das wäre aufregend, weil es ja ein ziemlich großer Vogel ist und auch kein halbzahmer wie ein Schwan. Er hat eher etwas von einem pechschwarzen Flugsaurier.

Noch ein A 320, diesmal von Air Berlin, startet, während gleichzeitig direkt dahinter eine gerade gelandete McDonell Douglas ausrollt. Bald machen sie den Flughafen zu. Ich weiß nicht, ob wir dann noch hierher kommen werden. Mama sagt, dann wird es bestimmt noch voller werden und dann hätte sie wirklich keine Lust mehr, sich das anzutun. Aber bis dahin wäre ich ja auch groß genug, um alleine mit meinen Freunden zu gehen. Ich werde aber bestimmt nicht mehr kommen, wenn keine Flugzeuge mehr starten. Im Fernsehen haben sie neulich ein paar Anwohner interviewt, die gegen die Schließung sind. „An das Geräusch der Maschinen gewöhnt man sich doch“, hat einer gesagt und ist dann richtig wütend geworden. „Sonst hat man kein Geld, aber für einen neuen Flughafen ist auf einmal welches da. Und auch wenn man schon meint, dass man einen neuen bauen muss. Dann muss man den alten noch lange nicht zumachen. Als ob der nicht mehr gut genug sei.“ Ich bin auch dagegen. Wenn ich erwachsen bin, will ich entweder Koch oder Bundeskanzler werden. Wenn ich Bundeskanzler werde, mache ich den Flughafen wieder auf.

Mama ruft, dass wir losgehen. Ich glaube der schwarze Vogel hat sich die ganze Zeit nicht ein Stück bewegt. Ich habe mal mit einem Freund gewettet, wer am längsten mit ausgebreiteten Armen stehen kann. Er konnte länger. Aber wenn der Vogel mitgemacht hätte, hätte der Vogel locker gewonnen.

Ich stehe auf, drehe mich um und sehe nur noch aus den Augenwinkeln, ein landendes Flugzeug über die Bahn hinausschießen in ein Gebiet, wo ich es nicht mehr sehen kann. Der schwarze Vogel fliegt erschrocken auf und ich höre Hunderte Tonnen Metall zerkrumpeln und Bäume splittern. Es klingt wie nichts, was ich kenne. Zwei Explosionen folgen dicht aufeinander und ich falle zurück in den Sand. Ich weiß nicht, ob es der Schreck ist oder tatsächlich der Druck, der sich einen Augenblick so anfühlt, als käme die Luft als eine Wasserwand auf mich zu. Dann brennt der Wald in einem ähnlichen Orangerot wie die Sonne.

Ähem, hallo Entschuldigung, ich …

Raushau-Blog Leserservice: Der folgende Text liest sich gemäß „Ich-schreibe-wie“-Zertifizierung [http://ich-schreibe-wie.de/4kW] wie ein Text von Stieg Larsson [ob übersetzt oder im schwedischen Original, bleibt offen]. Der Text hat eine Länge von 8192 Zeichen (Leerzeichen eingeschlossen). Am Ende des Textes ist zusätzlich ein Youtube-Video eingefügt, zu dem gerne auch vorscrollen kann, wer den Text nicht lesen möchte.

… ich wollte was sagen. Unnötig, das anzukündigen, eigentlich. Ich meine, wenn du was sagen willst, dann sagst du es einfach, oder? Du sagst, was du sagen willst und nicht eben vorher, dass du es jetzt gleich sagen willst. Du machst das so. Höchstens, dass du mal etwas sagst wie „jetzt will ich aber auch mal was sagen“, aber damit sagst du dann ja auch schon was, nämlich, dass man dich die ganze Zeit nicht zu Wort kommen lassen hat. So ist das bei dir. Aber ich, ich muss erst ankündigen, dass ich was sage, ich bin gerade immer noch dabei, es anzukündigen, noch habe ich nichts gesagt. Es fällt schwer zu reden, wenn man lange geschwiegen hat.

Ich kann doch nicht einfach nach monatelangem Schweigen hingehen und sagen: „Schönes Wetter heute. Ich mag es, wenn die Sonne scheint.“ Wie lächerlich das wäre! Dass ich gerade jetzt mein Schweigen breche, das muss schließlich einen Grund haben. Es muss etwas wirklich Wichtiges sein, was ich zu sagen habe. Denn alles was ich hätte sagen können in der Zeit, als ich geschwiegen habe, muss weniger wichtig gewesen sein. Sonst hätte das Schweigen ja keinen Sinn gehabt. Und dafür, dass es keinen Sinn gehabt haben sollte, hat es zu lange gedauert, nicht wahr? Vielleicht sage ich deshalb lieber weiter nichts. Ich spüre die Möglichkeit der Unwichtigkeit dessen, was ich sagen wollte. Mehr noch, es droht mir zu entgleiten. Wie ein Traum, der dir eben noch so real und wichtig erschien, als wenn er die einzige Wirklichkeit im ganzen Universum wäre, und kaum bist du aufgewacht, selbst in seinen groben Umrissen nur noch verschwommen erkennbar ist. Es ist vielleicht besser, wenn ich doch nichts sage. Jedenfalls heute noch nicht. Vielleicht morgen, wenn mir wieder einfällt, was genau ich eigentlich wollte. Andererseits: Dass ich was sagen wollte, habe ich schon gesagt. Und wer A sagt muss auch B sagen. Das ganze Alphabet verlangt ja keiner, obwohl ich finde, wenn, dann sollte es eigentlich das ganze Alphabet sein. Aber B nach A reicht dir ja schon, nicht wahr? Wenn einer erst A sagt und dann B, dann hat alles eine Ordnung für dich, du fühlst dich nicht hängengelassen und du kannst gegebenenfalls getrost vergessen, was er gesagt hat, ohne schlechte Gefühle. So ist das doch, oder?

Hörst du mich eigentlich? Ich bin nicht ganz sicher, wie weit meine Stimme noch trägt. War sie nicht schon immer leise, vernuschelt, brüchig, unsicher? Und meine Sätze, waren sie nicht schon immer verworren, nicht auf den Punkt, widersprüchlich, unfertig, abgebrochen? Das dürfte ja wohl kaum besser geworden sein. Als ich ein Kind war, trug meine Stimme noch hundert Meter und weiter. Das weiß ich. Ob jemand sie hören wollte, war eine andere Frage, aber die Stimme war da und wollte gehört werden. Das war auch schon nicht mehr so, bevor ich dann ganz verstummt bin.

Nimm eine viel befahrene Straße, auf der einen Straßenseite du und auf der anderen jemand, den du kennst und der dich nicht sieht, nicht zu sehen scheint. Und du merkst, du willst, dass er oder sie dich sieht, du willst gesehen werden von ihr oder ihm – gern gesehen. Was sie oder er umgekehrt will, wirst du niemals wissen. Du öffnest den Mund, um den Namen der Person auf der anderen Straßenseite zu rufen, 20 Meter ungefähr durch den Lärm der vorbeifahrenden Autos. Tust du es? Trägt deine Stimme? Meine nicht, schon lange nicht mehr, schon bevor ich ganz stumm wurde. Ich kann mich nicht auf die Straße stellen und rufen, es kommt kein Ton. Wer tut so was schon? Bauarbeiter, Proleten, Kinder, aufgekratzte Jugendliche in größeren Gruppen unter Alkoholeinfluss. Und du? Du bist ja nicht stumm. Aber hast du die Stimme dafür? Wenn nicht dafür, wofür dann? Vielleicht bist du auch schon verstummt, nur du weißt es noch nicht. Aber du redest. Ich schweige.

Wer nichts sagt, kann wenigstens auch nichts Falsches sagen, nicht wahr? Du riskierst mit jedem Satz, den du sprichst, dich lächerlich zu machen, dein Ansehen zu verlieren, deine Würde. Und ich, ich halte mich da fein raus und denke mir wahrscheinlich meinen Teil, ich trauriges Arschloch. Manchmal widersprichst du dir bei vollem Bewusstsein, aus Opportunismus. Manchmal widersprichst du dir aus Opportunismus, ohne dass es dir bewusst wäre. Manchmal widersprichst du dir, weil du einfach nur ehrlich bist. Du zahlst den Preis dafür, ein soziales Wesen sein zu wollen. Ich zahle gar nichts und folglich kriege ich auch nichts. Mich quälen Erinnerungen aus der Zeit, als ich noch gesprochen habe. Die hundert dümmsten Sätze meines Lebens, plötzlich wie Panikattacken stechen sie zu. Es sind nur die dummen Sätze geblieben. Wenn ich jemals etwas Kluges gesagt haben sollte, habe ich es vergessen. Ich will nicht noch mehr solche Dummheiten sagen, es ist zu peinlich. Und du glaubst im Ernst, ich mache es mir in meinem risikolosen Nichtssagen bequem. Du, der du doch täglich völlig schmerzfrei einen Mist redest, als wärst du Journalist oder lebenslanger Talkshowgast.

Ich muss unbedingt etwas wirklich Kluges sagen, wenn ich mit dem Sprechen noch einmal wieder anfangen sollte. Was ich gerade denke, werde ich nicht sagen. Ich denke, dass die Zeit sehr schnell vergeht. Das ist ein äußerst banaler Gedanke, den nur denkt, wer sich sehr alt fühlt. Ich habe ihn schon so oft gedacht, dass ich gar nicht mehr sagen kann, vor wie vielen Jahrzehnten zum ersten Mal.

Ich schwieg und unterdessen wurde in Deutschland der Wehrdienst abgeschafft, in Tunesien ein Diktator gestürzt, in Libyen ein anderer mit Hilfe der NATO weggebombt, und in Syrien blieb einer im Amt, weil er Tausende Demonstranten zusammenschießen ließ. In Russland machte Putin Chodorkowskij den Prozess, in Ungarn wurde die Meinungsfreiheit aus der Verfassung gestrichen und in der Schweiz behielt weiterhin jeder ehemalige Wehrdienstleistende ein eigenes Sturmgewehr bei sich zuhause im Schrank. Ich schwieg. In Deutschland spekulierte man darüber, wann der schneidige zu Guttenberg Kanzler werden würde und der ehemalige Ministerpräsident Koch stieg in den Vorstand des Baukonzerns Bilfinger und Berger auf, was mancher geneigt war, korrupt zu nennen, aber eigentlich keinen mehr interessierte. Ich schwieg. Und zu Guttenberg wurde als Hochstapler entlarvt und aus dem Land gejagt, meine Schwester brachte ein gesundes Mädchen zur Welt, in Japan gab es eine Flutkatastrophe und einen Super-GAU und 15 Jahre nach Tschernobyl lernten alle einen neuen Ortsnamen: Fukushima. Angela Merkel steuerte eine Patenthalse in ihrer Atompolitik und beschloss den deutschen Ausstieg, Stefan Mappus flog über Bord und in Baden-Württemberg wurde erstmals ein Grüner Ministerpräsident. Auch in der Elfenbeinküste geschah irgendwas, wie eigentlich in Afrika ja immer irgendwas geschieht, im Mittelmeer ertranken weiter die Flüchtlinge, wichtiger war in Deutschland wie immer der alljährliche Lebensmittelskandal, der dieses Mal EHEC hieß, und die SPD entschied sich nach langem Ringen zwischen grundsätzlicher Haltung und pragmatischem Opportunismus wie immer am Ende für Letzteres und schmiss Thilo Sarrazin doch nicht aus der Partei. Ich schwieg. Obama ließ in Pakistan einen lange gesuchten islamistischen Top-Terroristen exekutieren, in Deutschland wurde erstmals eine Frauenfußball-WM aufgezogen, als sei sie ein vergleichbares Ereignis wie die Fußball-WM der Männer und Westerwelle gab den FDP-Vorsitz ab. Ich schwieg. In Norwegen sprengte ein Terrorist das Regierungsviertel in die Luft und erschoss an die hundert Jugendliche und alle schienen überrascht und erleichtert, dass er kein Islamist, sondern ein Rechtsradikaler war. Griechenland, hörte man, sei pleite, und Europa und ebenso die USA in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit man-weiß-nicht-wann. In Berlin wurde Wowereit zum dritten Mal zum Bürgermeister gewählt und die junge Internetpartei Piraten zog zum ersten Mal in ein Parlament ein und im Wedding gab es mir ein beinahe heimeliges Gefühl, dass politisch aktive Leute jedes Plakat von Nazi-Parteien mit brauner Farbe übermalt hatten. Ich schwieg und mir fiel auf, dass ich gar nicht mehr genau wusste, wie lange ich jetzt schon im Wedding wohne.

Und dann war Herbst. Und schönes Wetter. Die Sonne scheint. Ich mag das.

Standing Ovations beim RSDS-Finale

Jetzt habe ich dieses schöne Blog schon wieder eine ganze Weile verwaisen lassen und dann melde mich nur mit einem doofen Link zurück. Ja, tut mir leid, aber der hier muss sein. (Auch weil wir gestern beim Weihnachtstreffen so schön Guitar Hero gespielt haben, passt er irgendwie, aber auch davon abgesehen, ist das leaken derartiger Videodokumente natürlich im besten Sinne aufklärererisch.)

http://www.spreeblick.com/2010/12/18/wladimir-putin-blueberry-hill/

Und wenn ich schon dabei bin, zur Erholung für ästhetisch Zartbesaitete, ein etwas weniger gruseliger Auftritt auf musikalisch höherem Niveau: