Superputin besiegt einen Alptraum

Die fiktive Figur Superputin ist einem Text von Saadi Isakov entnommen. Saadi möge mir den Diebstahl bitte verzeihen. Für inhaltlich und/oder formal Anstößiges oder Misslungenes in meinem Text bin selbstverständlich ich allein verantwortlich.

Was viele Menschen nicht wissen und, wenn man ihnen davon erzählt, oft zuerst gar nicht glauben wollen: selbst Superputin wird gelegentlich in seinem Schlaf von schlechten Träumen geplagt. Einmal verfolgte ihn ein besonders furchterregender sogar über mehrere Wochen. In dem Traum flog Superputin mit Superkräften über sein schönes großes Land und überall winkten ihm die Menschen am Boden fröhlich lachend zu und erwiesen ihm Dankbarkeit und Respekt. Doch dann kam immer der Moment, wo ihn ohne erkennbaren Grund seine Superkräfte verließen und er unaufhaltsam nach unten stürzte. Dieser Sturz nahm die qualvoll längste Zeit des Traumes ein und schien einfach nicht enden zu wollen. Und während er stürzte, wurde das Land unter Superputin im Näherkommen nicht etwa größer, sondern kleiner. Es schrumpfte in sich zusammen, es schrumpfte immer weiter und kurz bevor der stürzende Superputin auf dem Boden aufgeschlagen wäre, war es ganz verschwunden und Superputin stürzte immer noch – er schrie jetzt – und dann erwachte er. Doch statt mit seiner üblichen Supermorgenlatte jedes Mal mit einem schrumpeligen Winzzipfel und in kalten Schweiß gebadet.

Superputin überlegte, woher die schrecklichen Träume kommen könnten. Vielleicht tu ich tagsüber zu wenig und bin deshalb abends nicht müde genug, dachte er sich. Ich sollte mehr Sport treiben, mich so richtig auspowern, dass ich wie tot ins Bett falle und sofort in einen traumlosen Schlaf sinke.

Wegen seiner Superkräfte gestaltete sich dieses Vorhaben relativ schwierig. Denn was für einen normalen Menschen schon Hochleistungssport gewesen wäre, war für Superputin nicht anstrengender als beim Laden gegenüber eine Schachtel Zigaretten kaufen. Aber er bemühte sich. Mit seinem treuen Panzer Emma gewann er überlegen die russische Formel 1. Auf einem wilden Elefanten ritt er zu den höchsten Gipfeln des Ural. In nur zwei Stunden wurde er Weltmeister in Schach, Boxen und Synchronspringen. Mit seinen spektakulären Leistungen begeisterte er die Menschen. Künstler standen Schlange, weil sie Porträts von ihm anfertigen wollten, eine 50 Meter hohe mamorne Reiterstatue – Superputin mit fest entschlossenem Blick auf dem wilden Elefanten – und ein Wandflies, das seinen historischen Sieg im Hallenjojo darstellte, entstanden. Aber es gab ihn auch in kleineren, erschwinglicheren Formaten: als Schlüsselanhänger, als Smartphonehülle, als Kondom mit Erdbeergeschmack. Superputin nahm die Huldigungen seiner Untertanen entgegen, doch sein Gesicht blieb versteinert und in seinem Inneren verzweifelte er beinahe. Denn der Alptraum war trotz all seiner Anstrengungen nicht verschwunden. Also beschloss er für einen Monat auf Einhornjagd in die Taiga zu gehen. Er ging ganz allein (nur ein paar wenige Fotografen, Maler und Bildhauer an seiner Seite), mit nichts mehr als Boxershorts bekleidet. Während der Jagd, in der er ein Dutzend Einhörner für den Moskauer Zoo einfing (und zwei verirrte Yetis als Beifang), ernährte er sich ausschließlich von den Hoden selbsterlegter Sibirischer Tiger. Die Begeisterung der Menschen über Superputins unglaubliche Leistungen erreichte nach seiner Rückkehr einen neuen Höhepunkt, doch sein Alptraum blieb.

Superputin musste sich eingestehen, allein nicht mehr weiter zu wissen, und beschloss, jemanden um Rat zu fragen. Superputin ist trotz seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten zum Glück immer auf dem Boden geblieben und hält große Stücke auf die tiefe Weisheit des einfachen Volkes. Also vertraute er sich mit seinem Problem seiner Putzfrau an, die er für ein besonders lebenskluges und praktisch denkendes Wesen hielt. Die Putzfrau hörte sich Superputins Geschichte an und meinte dann, er bräuchte vielleicht mal Urlaub. Kein Action-Urlaub, sondern einfach so in der Sonne am Strand liegen. Superputin dachte über ihre Empfehlung nach. Sie kam ihm zwar ziemlich banal vor, hatte aber unbestreitbar etwas Einfaches, Bodenständiges und war zweifellos praktisch gedacht.

Superputin genehmigte sich einen Urlaub auf der Krim, all inclusive. Und das Unglaubliche geschah: Er war kaum richtig angekommen, da verschwand auch schon sein fürchterlicher Alptraum. Superputin konnte wieder lachen. Er war so erleichtert und glücklich, dass er richtig ausgelassen herumalberte. Er machte Witze, die, zugegeben, hauptsächlich er selbst lustig fand. Aber wenn seine Kritiker gewusst hätten, was Superputin in den vergangenen Monaten alles durchmachen musste, hätten sie sicherlich weniger sauertöpfisch reagiert, als er im Scherz davon sprach, vielleicht mal einen Kurzausflug ins nahe gelegene Kiew zu machen, mit Emma, ihren Freunden, dem wilden Elefanten und ein paar Atomsprengköpfen zur Absicherung, weil man ja nie wissen kann.

Jedenfalls, Superputin ging es wieder gut und er war unendlich dankbar dafür. Seiner Putzfrau schenkte er ein wunderschönes Geschirrset aus edlem Porzellan mit einem handsignierten Salzstreuer in der Form seines Kopfes und einem Pfefferstreuer in der des Kopfes von Josef Stalin. Aber auch gegenüber seinem Urlaubsland empfand Superputin große Dankbarkeit. Darum schenkte er zunächst einmal der Krim eine ordentlich organisierte Abstimmung mit einem schönen, eindeutigen Ergebnis. Mit solchen Abstimmungen kennt Superputin sich nämlich aus und er weiß auch, dass Wahlen mit weniger eindeutigen Ergebnissen, die Menschen verwirren und unglücklich machen. Außerdem herrschte im Osten dieses Landes gerade eine schwere Hungersnot. Die Bevölkerung war nämlich einem betrügerischen Milchschnittenverkäufer aus dem dekadenten Westen und seinen faschistischen Helfern auf den Leim gegangen. Die ganze Landwirtschaft mit Ausnahme der Milchproduktion wurde infolgedessen vernachlässigt und dem hungernden Volk fehlte es an Brot. Aus Dankbarkeit und weil er dieses Elend nicht mit ansehen konnte, beschloss Superputin die Getreidebauern zu unterstützen. Aus den Beständen seines eigenen Landes schickte er viele moderne Erntemaschinen in das Nachbarland, ganze Kolonnen und Batterien, teilweise neuwertig und noch kaum benutzt. Da die internationale Solidarität in Superputins Land, insbesondere die mit seinen Nachbarländern, von jeher weit mehr als nur ein bloßes Lippenbekenntnis war, fanden sich auch schnell Bauern ein, die freiwillig in das Nachbarland gingen, um den hungernden Menschen dort zu helfen. Dass Superputin ihnen für diesen ehrenamtlichen Einsatz bezahlten Urlaub gewährte, verstand sich von selbst. Und so pflügten Superputins Erntehelfer dort das ganze Jahr über, im Sommer, im Herbst und im Winter den Boden um, dass kein Auge trocken blieb.

Grenzenlos wie Superputins Güte war leider auch die Missgunst seiner Gegner. Sie begannen Lügen über ihn und seine Taten zu verbreiten, die so weit hergeholt und dabei doch so gemein und verletzend waren, dass sie an dieser Stelle auf keinen Fall wiedergegeben werden sollen. Superputin ist bekanntlich alles andere als eine Heulsuse, aber diese Unterstellungen aus den Mündern einzelner fehlgeleiteter Subjekte zu hören, machte ihn sehr, sehr traurig. Traurig besonders für die Verbreiter der Lügen, denn die schadeten sich damit in erster Linie selbst. Menschen, die schlecht über Superputin redeten, erkrankten nämlich häufig schwer an ihrer eigenen Missgunst. Manchmal starben sie sogar – es hatte einige prominente Todesfälle gegeben. Gegen diese seltsame Krankheit konnte Superputin trotz seiner Fähigkeiten nichts ausrichten. Er war schließlich nicht Gott – obwohl ihm sein Freund, der Patriarch den Posten einmal angeboten hatte, aber Superputin fühlte sich damals noch nicht reif genug. Von den Provokationen seiner Gegner ließ Superputin sich zu keinem bösen Wort hinreißen. Er antwortete den faschistischen Kräften der Reaktion sachlich – diesen kapitalistischen Kriegstreibern in ihrem imperialistischen Größenwahn. Seine große Nation, die im Übrigen um einiges größer war, als es ihre derzeitigen Grenzen vermuten ließen, würden sie nicht in ihre blutigen Finger bekommen.

Superputins besonnenen Worte und Taten beeindruckten viele Menschen, nicht nur in seinem eigenen Land. Von überall auf der Welt erhielt er freundliche und aufmunternde Briefe. Ihre Schreiber zeigten sich sehr gerührt von seinen Reden, die sie vage an früher erinnerten, als eben doch Vieles besser war. Sie lobten, wie sehr er trotz harter und unfairer Angriffe auf die Kraft des Wortes vertraute – die ja auch zu Superputins Superkräften gehört, weil sie bei ihm so stark ist, dass er damit fast jede beliebige Tatsache so gut wie verschwinden lassen kann.

Am meisten bedeutete Superputin jedoch der Zuspruch jener Menschen, die seinen Einsatz gegen den Hunger auf der Welt lobten. Er begriff nun, dass sein Alptraum ihn über Umwege erst auf den richtigen Weg gebracht hatte. Die Nächte, in denen er ins Bodenlose gestürzt und danach mit eingeschrumpftem Genital erwacht war, sollten ihn an seine eigentliche Aufgabe erinnern: den Boden unter ihm zu befruchten, damit dort etwas Gutes gedeihen konnte.

Und eines Nachts hatte Superputin wieder einen Traum. Auch in ihm flog er über sein Land, doch er stürzte nicht mehr ab, sondern verspritzte im Überfliegen weiträumig seinen Samen. Und wo der Samen auftraf, wuchsen prachtvolle Früchte. Sie nahmen die tollsten Gestalten an: Sibirische Tiger, Einhörner, Elefanten, Emmas, Atomsprengköpfe – doch alle essbar. Denn hinter ihrem originellen Äußeren waren es Vollkornbrote, Weißbrote, Hefezöpfe, Kuchen, Torten, alles Erdenkliche (außer Milchschnitten). Und die Menschen stürzten sich auf sie, bissen hinein und labten sich an ihnen. Und das ganze Land wuchs, wurde weiter, größer und schöner.

Superputin lachte leise vor Wonne in seinem Schlaf. Dann kam er ein zweites Mal und wachte immer noch nicht auf.

Das große Grübeln

Das große Grübeln (schweizerisch: Das grosse Grübeln) findet dort statt: http://gruebeln.tumblr.com/ Und zwar regelmäßig, das haben Vera und ich uns ganz fest vorgenommen. Bitte klicken, lesen, abonieren, ihr wisst schon.

Falls sich jemand die Frage stellt (oder in den letzten Monaten gestellt hat), ob hier noch etwas stattfindet: doch, doch. Es war zwar zugegebenermaßen wenig los, aber das muss nicht so bleiben. Vielleicht erzeugt der neue Blog ja sogar einen neuen Schub für den alten.

And now for something completely different:

Für alle Fotografen unter euch. Ich habe zwei etwas längere, aber inspirierierende Filme auf Youtube gesehen. Und falls ihr ein paar Youtube-Filme zum Thema Fotografie kennt, wisst ihr, dass die meisten alles mögliche sind, aber nur sehr selten inspirierend. Hier also zwei sehr erfreuliche Ausnahmen.

Der erste Film ist ein Interview mit dem berühmten Fotografen Andreas Feininger (der  übrigens auch eines der wenigen wirklich guten Fotolehrbücher geschrieben hat). Der zweite ist der erste Teil eines Fotografielehrgangs, in dem es erfrischenderweise nicht darum geht, wie man eine Kamera richtig bedient, sondern tatsächlich darum, wie man ein besserer Fotograf beziehungsweise eine bessere Fotografin wird.

Riesenschlange sorgt sich um Kind

Hach, mir ist so weihnachtlich zumute. Das kommt von der irgendwie weihnachtlichen, rührenden Nachrichtenlage – Upps, nein nicht von dieser. Die Geschichte klingt zwar märchenhaft, aber nicht rührend. Ich meinte diese Geschichte, über die mich taz-online dankenswerterweise auf dem Laufenden hält:

Riesenschlange sorgt sich um Kind

Ein Python schmust am liebsten mit seinem besten Freund Dylan. Der Zehnjährige liegt im Wachkoma. Nun will Brandenburg die Riesenschlange kassieren, weil sie gefährlich sei.

BERLIN dpa | Seit der Geburt liegt der zehn Jahre alte Dylan im Wachkoma. Ein Python ist der beste Freund des Schwerstkranken aus dem brandenburgischen Schönwalde/Glien (Havelland). Videos zeigen: Der sechs Jahre alte Albino Tigerpython Ka züngelt dem Jungen zärtlich über die Wange oder legt ihm seinen gestreiften Schuppenkopf auf den Arm. Aber: In Brandenburg gilt die Schlange als gefährlich. Das zuständige Ordnungsamt will sie aus der Familie nehmen. Dagegen formiert sich zehntausendfacher Widerstand im Internet. Doch es gibt Hoffnung für die beiden ungewöhnlichen Freunde.

Dylan liegt im Wachkoma und wird künstlich beatmet. „Wenn Ka beim ihm liegt, wird der Junge viel ruhiger, Puls und Atmung entspannen sich“, sagt Vater Eckhard Gerzmehle. Das Kriechtier kam als Babyschlange in die Familie, die damals in Berlin lebte. Am Anfang hatte niemand gewusst, zu welcher Rasse es gehört. Als das dann klar war, wurde unter anderem der Sachkundenachweis für die Haltung von Riesenschlangen gemacht.

Mit dem Umzug von Berlin nach Brandenburg vor zwei Jahren änderte sich die Lage. Offiziell ist Ka nun gefährlich. Als sie kürzlich vom Grundstück ausbüchste und einen Hund verletzte, griff das zuständige Ordnungsamt durch. Der Python muss die Familie verlassen. So schreibt es das Gesetz vor. Notfalls sollte er auch beschlagnahmt werden.

Diese Geschichte ließ den Berliner Feuerwehrmann Jürgen Töpfer nicht los. Spontan startete er vor einer Woche eine Aktion im sozialen Netzwerk Facebook. „Innerhalb von zwei Stunden kamen bereits 2000 Likes“, sagt er. Bis Donnerstagmittag waren es rund 84 000. „Ich bin überwältigt“, sagt der 48-jährige, der selbst Vater ist. Seit der Übersetzung der Seite ins Englische kommen auch Kommentare aus England, Amerika und asiatischen Ländern.

Im Ringen um das Bleiberecht für Ka wird die Familie von der Erna-Graf-Stiftung für Tierschutz unterstützt. Vorsitzender Eisenhard von Loeper hofft auf ein Einsehen der zuständigen Behörde. „Der Junge braucht Ka“, betont er.

Die Exotenhaltungsverordnung lässt nach Angaben von Bürgermeister Bodo Oehme (CDU) keinen Spielraum, bietet aber Ausnahmen. Nach Paragraf 15 fallen Tiere für Schlangentanz oder Schlangenbeschwörung darunter. Oehme erwartet nun bis Montag entsprechende Bestätigungen der Familie. „Die Entscheidung über Kas Zukunft wird dann zeitnah getroffen“, kündigt er an.

Das war der Stand am 28.11. Und nun, noch vor Nikolaus, die frohe Botschaft: alles scheint gut zu werden.

Riesenschlange Ka darf wohl bleiben

Zehntausende Bürger und auch Politiker haben dafür gekämpft, dass der Tigerpython bei dem schwer kranken Wachkomakind Dylan bleiben darf. Nun ist eine Lösung da.

BERLIN dpa | Das Drama um das Wachkomakind Dylan aus Schönwalde/Glien (Havelland) und seinen besten Freund, Pythonschlange Ka, steht vor einem guten Ende. Der Vater des schwer kranken Zehnjährigen habe angegeben, dass das Tier offiziell bei einem Verwandten in Berlin angemeldet sei, sagte Bürgermeister Bodo Oehme am Dienstag. „Wenn er uns die Meldebescheinigung bringt, ist die Akte damit für uns geschlossen.“ Das Ordnungsamt der Gemeinde wollte Ka aus der Familie nehmen. In Brandenburg ist die Haltung eines Albino Tigerpython im Gegensatz zu Berlin untersagt, weil das Tier dort als gefährlicher Exot gilt.

Ka kam als Babyschlange in die Familie und wirkt der Familie zufolge beruhigend auf den Jungen, der seit seiner Geburt im Wachkoma liegt. Der Kreislauf werde stabiler und teilweise könne sogar auf künstliche Beatmung verzichtet werden, sagte Vater Eckhard Gerzmehle. Doch nach dem Umzug der Familie von Berlin nach Schönwalde änderte sich die Rechtslage. Als Ka aus der Wohnung ausbüchste und auf der Straße einen Hund verletzte, schickte das Ordnungsamt Ende Oktober die Verfügung, dass der Python die Familie verlassen müsse.

In einem zweiten Schritt will der Vater nun erreichen, dass die Riesenschlange als Therapietier anerkannt wird. „Dafür ist eine entsprechende Ausbildung und Prüfung erforderlich sowie ein Gutachten, dass der Python nicht gefährlich ist“, sagte Oehme. Wenn diese Nachweise erbracht seien, könne Ka auch wieder offiziell bei der Familie leben – und bei seinem Freund Dylan bleiben.

Dafür hatten sich neben Landtagsabgeordneten Zehntausende Menschen im Internet eingesetzt. Die Facebook-Seite „Unterstützt Wachkomakind Dylan und seine Schlange Ka“ hatte bis Dienstagnachmittag mehr als 190.000 Unterstützer-„Likes“.

Die Originalartikel finden sich hier:

http://www.taz.de/!128410/

http://www.taz.de/Wachkomakind-in-Brandenburg/!128693/

Sie wurden für vorliegendes Posting leicht modifiziert und behutsam an die journalistischen Standards des Raushau-Blogs angepasst.

Tod

Gestern Nacht war Reif auf den Autos. Ich setze mich aufs Fahrrad und fahre raus, um zu sehen, was der Herbst macht.  Das Wespenvolk in der Ampel an der Barfusstraße ist nicht mehr dort. Auf der Fahrt am Kanal entlang scheint die Sonne, aber sie wärmt nur wenig . Auch der Hornissenbaum im Spandauer Forst ist entvölkert. An den Steinpilzstellen gibt es Pilze, aber keine Steinpilze mehr. Die Fliegenpilze deuten auf sich selbst. Die Pferde tragen Mäntel. Ich finde einen Schädel.

Etwas liegt im Gras. Ich weiß sofort, was es ist und dass es tot ist. Aber ich denke: vielleicht schläft es nur. Ich fürchte mich etwas, näher heran zu gehen. Einerseits weil ich denke, es könnte aufwachen, wenn ich direkt vor ihm stehe. Andererseits weil ich weiß, dass es nicht aufwachen wird. Es wacht nicht auf.

Die Öko-Kiste — eine wirklich putzige (und wahre!) Bilder-Geschichte

Hier ist die Ökokiste:

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Das tolle Paket enthält einen Steinpilz, eine kleine Zauneidechse (die vielleicht auch eine Waldeidechse sein könnte, wenn es jemand sicher weiß, soll er es mir sagen), eine Libelle und eine Raubfliege. Da fragt man sich doch: Wie geht das zusammen? Oder mehr noch: Wie kommt das zusammen? Das, liebe Kinder, ist eine etwas längere Geschichte.

Nun denn. Ich war einmal wieder im Spandauer Forst unterwegs, wie immer auf der vergeblichen Suche nach Kreuzottern, denn die soll es dort ja geben. Bild berichtete vor 5 Jahren, aber auch in seriösen Zeitungen war davon zu lesen. Dieser Artikel aus der Zeit allerdings ist schon ein paar Jahre älter (ungefähr so viel Jahre, wie es her ist, dass die Zeit eine seriöse Zeitung war), doch es lohnt sich unbedingt, ihn zu lesen, denn offenkundig haben sie damals dort  Leute beschäftigt, die schreiben konnten.

Außer hin und wieder eine junge Eidechse sah ich jedoch keine Kriechtiere. Allerdings fand ich eine ganze Menge Pilze, zum Beispiel solche:

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Oder solche:

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Natürlich auch solche:

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Die ließ ich alle stehen. Schließlich war ich nicht zum Pilzesuchen hier. Außerdem bin ich wählerisch. Und nicht umsonst heißt es: Steinpilz kündigt Fliegenpilz an (oder so):

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Ja, Steinpilze waren auch da.

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Von denen habe ich dann doch mal ein Kilo mitgenommen. Wäre ja sonst schade drum gewesen. Mir scheint, es ist gerade Pilzsaison. Darüber, dass ich wieder keine Kreuzotter gefunden hatte, konnte mich das zumindest ein bisschen hinwegtrösten. Man sucht etwas und findet etwas anderes. So ist das im Leben, liebe Kinder. Auch ich war zu diesem Zeitpunkt nicht gesucht, aber gefunden worden. Das ahnte ich allerdings nicht.

Auf dem Rückweg schaute ich noch einmal beim Hornissennest vorbei (vgl. auch letztes Blogpost), alles wohlauf:

Zum Schluss fotografierte ich einen herbstlichen Zitronenfalter, der spät war und müde und leuchtend:

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Dann fuhr ich mit dem Fahrrad, knappe 14 Kilometer, zurück in den Wedding.

Am Abend wollte ich noch einmal los, um meine Eltern zu besuchen und meine Steinpilze zu teilen (und damit anzugeben). Ich zog meine Jacke an und etwas kribbel-krabbelte meinen Nacken entlang. Ich wischte es hastig weg und dachte dabei nicht viel, aber was ich dachte, ging so in Richtung dicker fetter Käfer. Auf dem Boden vor mir saß dann allerdings eine zierliche, kleine, ganz junge und verdammt weitgereiste Zaun-(oder vielleicht Wald-)eidechse.

Ihre ideale Aktionstemperatur hatte sie bestimmt nicht mehr, sonst wäre sie sicher auf Nimmerwiedersehen hinter den Schrank. So aber schaffte ich es, sie aufzuheben und erst einmal fernab von Schränken, Regalen, Türspalten, Ritzen unter Bodenleisten und was weiß ich noch für Verschwindemöglichkeiten auf dem Küchentisch zu platzieren.

Damit begann der Spaß erst. Nach hektischem Hantieren — immer die Eidechse im Blick — und der Zerstörung diverser Behältnisse beim Versuch, sie mit ausreichend Luftlöchern zu versehen, gelang mir schließlich mithilfe von Schere, Paketkleber und einem Pappkarton das Päckchen mit Eidechse, der Hauptbestandteil von oben abgebildeter Öko-Kiste. Als ich die Eidechse darin eingesperrt hatte, ließ ich sie in meiner Wohnung alleine und fuhr los. Kaum saß ich in der U-Bahn fiel mir ein, dass ich vergessen hatte ein Schälchen Wasser ins Paket zu stellen. Das habe ich dann nach meiner Rückkehr später am Abend, nachgeholt. Der Eidechse ging es den Umständen entsprechend, was weiß ich — sie lebte jedenfalls. Ich sagte Gute Nacht und verschloss ihr Gefängnis wieder sorgsam mit Paketkleber.

Am nächsten Morgen beim Frühstück öffnete ich das Päckchen, rückte es etwas ins Licht und die Eidechse, die erst völlig reglos dagelegen hatte, taute nach und nach auf und ging auf Erkundungstour:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Als sie begann meinen Arm hochzuklettern, dachte ich noch „Och, wie süß!“, da saß sie schon auf meinem Rücken. Dort saß sie äußerst ungünstig. Ich hatte sie nicht im Blick und nicht unter Kontrolle. Hätte ich sie abgeschüttelt oder wäre sie von allein runtergefallen , wäre sie auf dem Boden, möglicherweise schneller, als ich sie daran hindern gekonnt hätte, hinter irgendeinem Schrank verschwunden. Über die Tischplatte gebeugt zog ich ganz langsam und vorsichtig meinen Pullover aus. Die Eidechse blieb sitzen und ich hatte sie wieder auf dem Tisch.

Zu guter Letzt glückte auch die Operation  Auswilderung. Die Libelle, die Fliege und der Steinpilz gesellten sich am neuen (und ich denke auch alten) Eidechsenstandort wie von selbst dazu. Auf die zweite Rückfahrt habe ich — soweit ich das zum jetzigen Zeitpunkt beurteilen kann — nur Steinpilze mitgenommen.

Der andere Teil dieser doch wirklich super-putzigen Geschichte, wäre der Teil, in dem sie aus Sicht der Eidechse erzählt wird. Den wird es auf dieser Welt nicht geben. Ich gehe mal davon aus, das Tier hat die meiste Zeit ganz instinktiv reagiert und davon abgesehen diese völlig unerklärliche Episode aus seiner Kindheit sofort vergessen. Falls doch nicht, ist es darüber natürlich verrückt geworden.

Einflugschneisen

Achtung Allergiker! Phobiker aufgepasst! Das folgende Video gefällt euch vielleicht nicht.

Lieber Björn, ich habe mir deinen Chuck-Norris-Kommentar unter meinem letzten Blogeintrag zu Herzen genommen. Wespennester in Laternenmasten filmen, ist ja schön und gut, habe ich mir gedacht, aber Chuck Norris würde sich mit so was nicht abgeben. Viel zu harmlos, selbst mit Weitwinkelobjektiv. Nein, das reicht nicht für eine Tier-„Doku“ auf Dmax. Wespennester sind Kinderkacke. I want to go for the real thing. I want to go for: Vespa Crabro aka Hornisse. Sieben Stiche töten ein Pferd, weiß der Volksmund, und das Volk ist weise. (Man  sieht das zum Beispiel daran, dass es ihm nie in den Sinn käme, auch nur in Erwägung zu ziehen, Angela Merkel zu wählen. Aber ich schweife ab.)  Vespa Crabro. Sieben Stiche töten ein Pferd. Glücklicherweise bin ich ja keins. Darum lade ich ein zu einem kleinen filmischen Ausflug in die Einflugschneise bis direkt vor den Hornissenhauseingang. Leider ist der Kamerazoom immer noch nicht repariert. Man kommt ja zu nichts! Darum wieder mit Weitwinkel aufgenommen. Ein durchsichtiger Vorwand, ganz nah ran zu gehen und sinnlos sein Leben zu riskieren. Mitten drin statt nur dabei, Männer! Hier kommt Einflugschneise 1. [Kamerawackeln=Hornissenberührung]

Adrenalin pur auf dem Raushau-Blog!

Nein, nicht pur. Wir mischen es mit Kerosin. Der Ort, an dem es riecht wie tausend Grillanzünder: Einflugschneise 2.

Wedding-Wespen-Nest

Dass die meisten Menschen der Natur heute entfremdet seien, ist wahrscheinlich ein zutreffendes Vorurteil. Dass „wir“ die Natur zerstören, stimmt sowieso. – „Wir“ soll heißen: wir mit den Konsumgüterschrotthalden, den Produktbergen der Lebensmittelindustrie, den 100-Pferde-für-ein-halbes-Mittelklassenarschloch-Wagen. – Schön ist es da, dass sich Teile der Natur nicht von „uns“ entfremden, sondern weiterhin ungerührt Menschennähe suchen, als gäbe es nichts Angenehmeres.

Kommt es dabei auch nur zum allerkleinsten nachbarschaftlichen Konflikt, verhält sich der moderne Mensch gegenüber dem jeweiligen Problemtier in der Regel so aufgeklärt, als hätte es die letzten 10 000 Jahre Menschheitsgeschichte nicht gegeben. Dann wird das Tier zum Dämon, der wahrscheinlich die ganze Welt verschlingen will, wenigstens aber kleine Kinder frisst. Doch anders als vor 10 000 Jahren verehrt der moderne Mensch diesen Dämonen nicht. Er ist abergläubisch, aber heilig ist ihm trotzdem nichts. Die Angst vor dem Tier ist die Angst vor dem Fremden, das das Tier ist. Und die Angst vor dem Fremden ist die Angst vor all dem, das man in das Fremde hinein projiziert. Und das sind immer nur die eigenen Dämonen. Die allerdings sind real.

Ich bin stolz und glücklich, hier auf dem Raushau-Blog sensationelles von mir selbst gedrehtes Filmmaterial präsentieren zu können. Es handelt sich um atemberaubende Nahaufnahmen des gefährlichsten Tiers Deutschlands, der Gemeinen Wespe (Vespula Vulgaris). [Ich habe die Wespe, ihre Gefährlichkeit und meine Sympathien für sie vor einigen Jahren schon einmal auf diesem traditionsreichen Blog gewürdigt: Link] Dieses Volk hat sich sein Nest in einer Verkehrsampel an der Barfusstraße eingerichtet. Das als eine geniale Idee zu bezeichnen, wäre sicherlich eine unzulässige Vermenschlichung wespischer Verhaltensweisen. Ich finde es trotzdem grandios. Es scheint mir überdies ein souverän großstädtisches Verhalten zu sein, wie es nur Wedding-Wespen an den Tag legen können. Die Gentrifizierung dürfte solche Behausungen für solche Bewohner in anderen Teilen Berlins bereits unmöglich gemacht haben. Unerschrocken habe ich mich mit meiner Digiknipse mit kaputtem Zoom bis auf wenige Zentimeter an das Nest heran gewagt. So ist es mir unter Einsatz meines Lebens gelungen, die legendäre Angriffslust unseres schärfsten Nahrungskonkurrenten in den Monaten August bis September zu dokumentieren.

Ein Juli-Nachmittag im Spandauer Forst — Nachtrag

Ich habe noch ein Tier nachzutragen, das mir am Dienstag in Spandau entgangen und erst Mittwochnacht aufgefallen ist. Da hatte es sich an einem eher intimen Körperteil von mir festgesetzt. Daraus lernen wir: Du sollst den Tag nicht vor dem übernächsten Abend loben und die Natur erst dann verklären, wenn du alle Zecken von deinem Körper entfernt hast.

Andererseits war ich mit der Zecke ja noch gut bedient. Wenn ihr mal die oberste Libelle betrachtet, werdet ihr an ihr so kleine rote Punkte erkennen. Das sind Milben. Aber die Libelle soll sich mal nicht beschweren, schließlich frisst sie selber andere Tiere. Von den fotografierten Tieren sind nur der Hase, die Schmetterlinge und der Käfer Vegetarier. Am schlimmsten ist natürlich das süße Killer-Kätzchen (oben links), das frisst sowieso alle anderen oder macht sie zumindest kaputt, wenn es Zeit und Muße dazu findet (und Zeit und Muße finden süße Killer-Kätzchen dazu eigentlich immer). Außer den Hasen. Der ist zu groß fürs Kätzchen. Hasen finde ich ganz lecker.

No animals were harmed in the making of this picture. (Danach allerdings schon.)

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Die Stille danach

Was am 19. März in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ passiert ist, war ein Skandal. Nur hat ihn das sonst so überaus skandalhungrige Publikum nicht bemerkt. Oder einfach nicht bemerken wollen.

Wenn es im unablässigen, lauten Gelaber der unzähligen Talkshows irgendwo zu einem sogenannten Eklat oder Skandal kommt, kann das mediale Echo am nächsten Tag sehr unüberhörbar und hysterisch, der Shitstorm im Internet sehr beleidigend und hasserfüllt ausfallen. Dann bekomme ich beispielsweise – ob ich das will oder nicht – so lange mitgeteilt, wie schlimm und skandalös ein Talkshowauftritt von Katja Riemann gewesen sei, bis meine Neugier und mein Voyeurismus derartig angestachelt sind, dass ich mir die Aufzeichnung der Sendung auf Youtube (inklusive des gedanklich-seelischen Sondermülls in den Kommentaren darunter) ansehe. Und dann stelle ich zwar fest, dass zum Beispiel Frau Riemann in besagter Sendung gar nichts Schlimmes getan hat, außer das bei Auftritten in den Medien vom Publikum als selbstverständlich erwartete Heucheln von guter Laune zu unterlassen und auf peinliche Fragen und peinliche Einspielfilme auch peinlich berührt zu reagieren. Doch gleichzeitig fürchte ich, dass etwas von der Aufregung und dem Hass trotzdem an mir hängen bleibt. Dass etwas in mir denkt, wenn sich so viele Leute empören, dann muss es auch empörend gewesen sein. Denn man habe als Fernsehzuschauer das Recht, mit strahlend freundlichen Stars gefüttert zu werden, die, wenn sie intelligent genug sind, dass ihnen etwas zu blöd werden kann, sich das dann wenigstens nicht anmerken lassen. Ich habe Angst, so stumpf zu werden, dass ich alles, was den Anschein von geringerer Stumpfheit macht, als Skandal empfinde und alles, was wirklich skandalös ist, nicht mehr bemerke.

Nicht der Hauch eines Windstoßes über den großen Scheißeseen der Twitter-Timelines

Wenn in einer der unzähligen Talkshows neben all der scheinbar harmlosen Berieselung einmal tatsächlich skandalöses und wirklich gefährliches Zeug geredet wird, kann es sein, dass es am nächsten Tag in der Medienlandschaft sehr still bleibt und nicht einmal der Hauch eines Windstoßes über die großen Scheißeseen der Twitter-Timelines weht. So habe ich über die Sendung Markus Lanz vom 19. März, in der das ZDF seinen 3-Teiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ bewarb, erst eine Woche später über einen Artikel auf publikative.org erfahren.

Dass der Satz „Akzeptanz durch Penetranz“, mit dem Talkshowgast Dirk Stermann einmal seinen eigenen Erfolg beschrieben haben soll, so viel besser auf Gastgeber Markus Lanz passen würde, war nicht das eigentlich Schlimme an der Sendung, obwohl allein das schon schlimm ist. Auch dass völlig unverhohlen Werbung für den eigenen Fernsehfilm gemacht wurde, hat mich nur am Rande aufgeregt. Wirklich furchtbar waren an dieser Sendung die Inhalte. Das, was dort ganz unverblümt, unverschämt, angstbefreit, seelenvergnügt und fast unwidersprochen gesagt wurde.

Die deutschen Opfer-Gene

Arnulf Baring war dort. Über „Unsere Mütter, unsere Väter“ sagte er: „Ganz großartig ist ja an dem Film, dass man sieht, dass die Teilung zwischen Opfern und Tätern, von der wir seit Jahrzehnten reden, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer. […] An jeder Person kann man diese Zwiespältigkeit sehen, auch an dem Juden.“

Marina Weisband war ebenfalls dort, guckte unglücklich, sagte aber mal lieber nichts dazu, sondern stellte stattdessen die Frage: „Was können wir tun, um eine Gesellschaft zu gestalten, in der so etwas nicht passieren kann?“

Doch wenn sie geglaubt haben sollte, die Diskussion damit in sinnvollere Bahnen lenken zu können, hatte sie die Rechnung ohne Arnulf Baring gemacht. Der war mit der Täter-Opfer-Umkehr an diesem Abend nämlich noch lange nicht fertig und fuhr ihr augenblicklich über den Mund. Er wirkte richtig aufgekratzt. Sein folgendes direkt an Weisband gerichtetes Referat geriet etwas schnell und wirr. In etwa erzählte er ihr, dass die traumatischen Erfahrungen vergewaltigter deutscher Frauen in die Gene ihrer Kinder und Enkel eingegangen seien. Baring mochte, weil er nicht über die Schuld von Tätern sprechen wollte, die sich nach seinen Aussagen ohnehin nicht wirklich von Opfern unterscheiden lassen, auch ganz und gar nicht über die Gründe für das, was damals in Deutschland passiert ist, reden und erst recht nicht daraus Lehren für heute ziehen. Er mochte über die Opfer reden und zwar ausdrücklich über die Deutschen unter den Opfern (und damit sind nicht die deutschen Juden gemeint). Baring nahm das Gespräch über den Film umstandslos zum Anlass, auszudrücken, dass die Deutschen Opfer dieses Krieges gewesen seien, in einem Maße, das sie bis heute schwer traumatisiere. Und er sagte das ganz bewusst in Richtung der Jüdin Weisband, damit diese auch kapierte, dass die Juden die Opferrolle nicht für sich gepachtet hätten. Denn genauso wie die Juden auch Täter waren, waren die Deutschen auch Opfer. Das findet Arnulf Baring.

Brigadegeneral Klein lässt die deutschen Gene reichlich unbeeindruckt

Dirk Stermann mochte dem zunächst keineswegs widersprechen, vielmehr hielt er es für nötig, den offenkundigen Blödsinn mit den deutschen Opfer-Genen noch ein weiteres Mal zu wiederholen. Immerhin hatte er anders als der emeritierte Professor für Politikwissenschaft Baring noch gerade so viel Ahnung von Geschichte, um sich dunkel erinnern zu können, dass der Weltkrieg nicht nur in Deutschland stattgefunden hat. Doch auch er betonte, die Deutschen hätten am allermeisten von der Erinnerung daran in ihren Genen gespeichert. Seine These, dass genetisch vererbte Bombennächte, die große Ablehnung des Krieges in Afghanistan erklärten, darf man wohl mit Fug als reichlich kühn bezeichnen. Nicht nur aus Sicht eines Biologen oder Menschen mit halbwegs brauchbarer biologischer Schulbildung, bei dem noch nicht alle Tassen im Schrank zerdeppert sind. Auch weitere Fragen drängen sich auf: Könnte es – abgesehen von genetisch determiniertem Unwohlsein – noch den ein oder anderen guten Grund gegen diesen und andere Kriege geben? Warum war der genetisch verankerte Widerstand doch nicht stark genug, um den Afghanistan-Krieg zu verhindern? Und zeigen sich die Gene der Deutschen nicht auffallend unbeeindruckt beispielsweise davon, dass Georg Klein, Oberst der Bundeswehr, der in Afghanistan knapp 100 Zivilisten ins Jenseits bomben ließ, demnächst zum Brigadegeneral befördert werden soll?

Das „Marina-du-als-Jüdin-Ding“ fand Weisband „nicht so faszinierend“

Die Sendung lief erst eine knappe Viertelstunde. Dafür war schon eine (von mir) kaum für möglich gehaltene Menge Schwachsinn geredet worden. Nun wollte Markus Lanz dann endlich auch einmal Marina Weisband fragen, was sie von ihren jüdischen Großeltern weiß. Wäre doch schön, nachdem wir geklärt hätten, dass die Deutschen die größten Opfer dieses Krieges waren, festzustellen, dass die Juden aber auch schon Opfer waren, wir dann also quitt wären, nichts für ungut und am Ende haben sich alle lieb. Aber Marina Weisband zierte sich. Dieses „’Marina, du als Jüdin’-Ding“, sagte sie, finde sie „nicht so faszinierend“. Solche Art von Verweigerung lässt sich ein Markus Lanz in seiner eigenen Sendung für gewöhnlich nicht bieten. Immerhin gelang es Weisband als in Kiew geborene Jüdin in einem schnellen Satz, bevor Lanz dazwischengrätschen konnte, wenigstens das Allerwichtigste geradezurücken: „Wir hatten nämlich nicht das Trauma, dass wir zugleich Täter und Opfer waren. Wir konnten uns ganz bequem sagen: ja, wir waren die Opfer.“

Die Täter-Opfer-Umkehr wurde „einen Ticken zu vehement“

Da hielt Markus Lanz für einen kurzen Augenblick doch tatsächlich die Klappe und wendete sich lieber an Claus Strunz, der nach einigem Rumgedruckse schließlich das Wort „Auschwitz“ in den Mund nahm. Doch das war eine Richtung, in die Baring die Diskussion nun auf keinen Fall abgleiten lassen wollte. Mit einem jugendlichen Elan und einer Deutlichkeit, die es wirklich verdient hätte, Fernsehgeschichte zu schreiben und nicht bloß still ignoriert zu werden, sagte er, was ihn bedrückt: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern: Die Deutschen sind das Tätervolk und die Juden sind Opfer. Nein, auch viele Juden haben sozusagen – das kann man in dem Film auch sehen – haben andere verraten, um ihre eigene Haut zu retten. Es ist viel komplizierter. Wir werden in den nächsten Jahrzehnten sehen – natürlich wird Hitler trotzdem den Angriffskrieg und die Verbrechen zu verantworten haben, das ist schlimm genug – aber auch die anderen haben furchtbare Dinge getan. Ich hab mal in Dresden bei der 50-Jahrfeier des Untergangs ein Mitglied des englischen Königshauses erlebt, der gesagt hat: ‚Der zweite Weltkrieg hat uns alle entmenscht.’ Alle, nicht nur die Deutschen!“

Strunz sagte dazu: „Ich finde das Zeigen auf die anderen einen Ticken zu vehement.“

Würde ich jetzt auch sagen. Vielleicht sogar ein Tuck mehr als nur einen Ticken, aber ich will nicht kleinlich sein. Ich würde außerdem sagen, dass in dieser in Leserbriefen und Kommentarspalten von Onlinemedien schon oft gelesenen, in einer Talkshow so aber wohl noch nie gehörten Rede wirklich alles drinsteckt, was das Herz begehrt: Die Juden sind doch genauso Täter wie die Deutschen. Wobei die Deutschen eigentlich gar keine Täter sind, denn nicht etwa sie haben, sondern Hitler hat Krieg und Verbrechen zu verantworten. Die anderen kriegführenden Nationen allerdings auch. Die wären also demnach ähnlich schlimm wie Hitler. Bis hierhin sind also die Juden, Hitler und die Alliierten schuld, die Opfer-Deutschen haben eigentlich gar nichts gemacht, aber wir sind ja nicht so, sagen wir einfach: Der Weltkrieg hat uns alle entmenscht. Danke, passt so.

Baring erfüllte alle Erwartungen an den kompletten Geschichtsrevisionisten

Der Vorwurf, er sei hier einen Ticken zu vehement gewesen, ließ Baring noch ein My vehementer werden: „Die Grausamkeit der Russen kommt in dem Film gar nicht vor! Die muss aber eines Tages sein! Weil ein Teil der Brutalität der Deutschen war natürlich auch dadurch zu erklären, dass das ein Vernichtungskrieg auf beiden Seiten war! Auf beiden Seiten!“ Die Grausamkeit der Schlacht von Stalingrad sei doch der beste Beweis dafür.

Und eh jetzt einer auf die Idee kam, das blitzkriegsaubere Relativieren hier etwa relativieren zu wollen oder auch nur zu fragen, ob Stalingrad eigentlich eher auf deutschem oder auf russischem Gebiet gelegen habe, meldete sich Christiane Paul zu Wort und brachte den 1. Weltkrieg ins Gespräch. Und ich hatte schon so eine Vorahnung, was dann gleich folgen würde. Zunächst einmal nannte Lanz den 1. Weltkrieg – angemessen blöde – „die Urkatastrophe“. Denn wenn wir schon den Unterschied zwischen Tätern und Opfern für obsolet erklären, dann wollen wir es auch unbedingt vermeiden, uns in einer Weise auszudrücken, die nahe legen würde, es könnte ein Unterschied bestehen zwischen Weltkrieg und beispielsweise Hochwasser. Etwas überraschend meinte dann Baring, der Frauen offenbar grundsätzlich nicht ausreden lässt, Christiane Paul, bevor sie auch nur irgend etwas sagen konnte, widersprechen zu müssen, „als Historiker“ wie er sagte: „Der erste Weltkrieg ist nicht durch unsere Verantwortung zustande gekommen.“ Und damit hatte er aus Versehen sogar seinen ersten richtigen Satz gesagt, denn selbstverständlich sind weder er noch Christiane Paul für den 1. Weltkrieg verantwortlich zu machen. Da allerdings davon ausgegangen werden kann, dass er mit „uns“ das Deutsche Reich meinte, bleibt auch dieser Satz ähnlich falsch wie die vorausgegangen. Aber – das ist komisch, nicht? – es war genau der Satz, den ich erwartet hatte, nun, da die Rede auf den 1. Weltkrieg gekommen war.

Die deutsche Sehnsucht nach dem Völkermord

Nachdem jedenfalls Baring auch das unwidersprochen geklärt hatte, gelang es Christiane Paul schließlich doch noch zu sagen, was sie eigentlich zum Thema loswerden wollte. Und irgendwie hatte ich die Hoffnung, allein aus statistischen Gründen müsste jetzt mal zur Abwechslung ein vernünftiger Gedanke kommen. Kam aber keiner. Weil die Deutschen bei der Verteilung der Welt in der Kolonialzeit „zu kurz gekommen“ und durch die Niederlage im 1. Weltkrieg gedemütigt gewesen seien, hätten sie „Sehnsucht“ gehabt, die sie glaubten in den „Ideen von Hitler“ erfüllt zu sehen, sagte Paul. Davon abgesehen, dass das schöne Wort ‚Sehnsucht’ selten so missbraucht wurde, wäre diese Beschreibung als Bestandteil einer Erklärung ja noch nicht einmal völlig falsch. Aber anstatt – wenn man schon dabei ist – kurz darauf einzugehen, dass eben genau der Rassismus, der sich im Kolonialismus zeigte, und der nationale Chauvinismus, ohne den der 1. Weltkrieg nicht möglich gewesen wäre, zur Weltanschauung vieler Deutscher gehörte und auch ein ganz zentraler Bestandteil der Nazi-Ideologie war, führt Christiane Paul beides hier voller Empathie als Quasi-Entschuldigung an. In etwas unschönerer Ausdrucksweise von mir auf den Punkt gebracht, sagt sie nichts anderes, als dass man die Deutschen verstehen müsse: Da sie in der Kolonialzeit zu wenig Gelegenheit hatten, Neger umzubringen, mussten sie das später eben mit den Russen und den Juden nachholen.

Mag sein, dass sie sich als Schauspielerin da ein bisschen mit ihrer Figur überidentifiziert hat und höchstwahrscheinlich hat sie es so auch nicht gemeint. Ich nehme dennoch mit großem Unwohlsein zur Kenntnis, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der es offenbar ein Skandal ist, wenn eine Schauspielerin einen Fernsehauftritt mit schlechter Laune absolviert. Es aber nicht einmal bemerkt wird, wenn sich eine andere im öffentlich-rechtlich verordneten Opa-erzählt-vom-Krieg-Erinnerungsbiedermeier um Kopf und Kragen redet. Aber Christiane Paul passte hier eben genau ins Format – in das des ZDF, dieser Sendung und seiner Zuschauer, und wohl leider auch ins geistige Format dieses Landes und seiner Bevölkerung.

Kinder, das sind aber auch viele Juden, die wir hier abschlachten müssen!

Doch es ist müßig, sich über die liebe Christiane Paul aufzuregen, wenn Arnulf Baring in der Runde sitzt, meint Marina Weisband über Babyn Jar belehren zu müssen und wortwörtlich Folgendes sagt: „Die Deutschen hatten mit 6000 Juden gerechnet und 36 000 kamen. Und dabei ist den Deutschen klar geworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen eine andere Art machen, als sozusagen da diese Massenerschießungen. Denn diese Massenerschießungen hatten natürlich dazu geführt, dass eine Reihe von Leuten, obwohl sie verwundet waren, rausgekrochen waren und gesagt haben: die Deutschen bringen uns da in Massen um. Mit anderen Worten: Babyn Jar ist das entscheidende Zentrum […] Das ist die Katastrophe, die sozusagen am Vorabend von Auschwitz ist. Die ganze Vernichtung durch Gas ist eine Folge von Babyn Jar.“ Ich formuliere ein bisschen um, damit die gedankliche Struktur noch transparenter wird: Wenn es nicht so viele Juden gegeben hätte, hätte man sie schön zivilisiert erschießen können. Weil es aber so viele Juden gab, musste man sie in Auschwitz vergasen. Ergo: Auschwitz ist eine Folge davon, dass es zu viele Juden gab. Kinder, so diskutiert man Logik und Logistik der Judenfrage im Zweiten Deutschen Fernsehen im Jahr 2013. Wer hätte damit gerechnet?

Nach quälenden 40 Minuten das erste Widerwort

Was nun allerdings gar nicht ging, war, dass die doch extra dafür in die Runde geladene Jüdin auch nach diesem weiteren Versuch, einfühlsam auf das Thema hinzuführen, nichts darüber erzählen wollte, auf welche Weise denn nun ihre Vorfahren von den Deutschen ermordet wurden. Dabei wäre es doch so wichtig gewesen, darüber geredet zu haben, so unter lauter genetisch traumatisierten Opfern im Selbsthilfegruppenstuhlkreis gewissermaßen. Das fand der Arnulf jetzt echt nicht gut von der Marina, dass sie sich den anderen aber auch so gar nicht öffnen mochte. Und endlich – nach bald 40 Minuten Sendezeit – widersprach ihm mal einer. Markus Lanz natürlich nicht. Dem gebot schon das, was er vermutlich für sein Berufsethos hält, das Gegenteil. Aber Dirk Stermann immerhin sagte: „Sie können doch jetzt nicht ernsthaft ihr vorwerfen, dass sie nicht darüber reden möchte, was ihrer Familie passiert ist. Das ist mir zu viel jetzt.“ Eine Handvoll Studiozuschauer, die sich vielleicht auch gerade in Grund und Boden schämten, klatschten erleichtert.

Antisemitismus in Deutschland? Lanz glaubt nicht dran. Nächstes Thema.

Baring ließ sich von diesem Rückschlag nicht allzu lange irritieren und klärte noch über einige weitere verbreitete Irrtümer auf. Zum Beispiel den, dass die meisten Deutschen etwas davon mitbekommen hätten, was mit den Juden geschah. Es sei durchaus möglich gewesen, nichts davon zu merken, schließlich sei die Mehrheit der Juden ja eh schon vorher ausgewandert. Stermann schien es dann doch wirklich zu reichen, er gab plötzlich Contra und siehe da: so schwer war das gar nicht. Doch als Stermann und Weisband sogar auf aktuelle Untersuchungen zu faschistischen und antisemitischen Einstellungen in Deutschland und Österreich zu sprechen kamen, war für Markus Lanz Schluss mit lustig. Österreich mag ja noch angehen, aber Antisemitismus in Deutschland? Glaubt er nicht. Nächstes Thema. Dieser Moderator kann nämlich sehr wohl einen Redner abwürgen – wenn er möchte.

Und dann die Stille danach

Diese Sendung als peinlich zu bezeichnen, würde meiner Meinung nach eine grobe Verharmlosung darstellen. Ich halte sie für schlicht skandalös. Nun kann man natürlich sagen: Das ist Markus Lanz. Dort wurde schon so viel Gülle geredet, das nimmt doch niemand mehr ernst. Man kann auch sagen: Das war Arnulf Baring. Der ist auf seine alten Tage bekannterweise ein bisschen sehr rechstaußen geworden und eignet sich ja gerade deshalb so gut als Talkshowgast auf dieser Position, wenn von den anderen üblichen üblen Verdächtigen mal keiner Zeit hat. Doch dann muss man auch sagen: Das ist ein überaus erfolgreiches Format. Hier findet sich die Mitte der deutschen Gesellschaft zusammen. In dieser trüben Brühe aus Ressentiments, Kurzschlüssen, absoluter Gefühlskälte und sentimentaler Gefühligkeit gefällt es ihr allem Anschein nach ganz gut. Und wenn da einer krassen Geschichtsrevisionismus predigt, widerspricht dem kaum jemand mehr ernsthaft – nicht in der Runde und auch nicht danach. Da herrscht dann plötzlich Stille auf allen Kanälen. Ist es die Stille der peinlich Berührten oder die der heimlich Erfreuten? Ist es das Schweigen der völlig Einverstandenen oder das derjenigen, die nicht mehr aufzubegehren wagen, wenn öffentlich Nationalismus inszeniert wird? Oder ist es das Schweigen der Abgestumpften, die eigenständiges Denken und Fühlen schon lange verlernt haben und die Welt nur noch wahrnehmen, um Haltungsnoten für Prominente zu vergeben?

Berlinale 2013 — 20 Filme ohne Jason Statham

„Nee, wir sind falsch hier. Hier läuft jetzt wieder nur dieser Berlinale-Scheiß!“, sagt die Mitte 50-jährige Frau im Foyer des Cinemaxx zu ihren beiden männlichen Begleitern. Ihren Gesichtsausdruck als schlecht gelaunt zu beschreiben, wäre eine Untertreibung. Hasserfüllt trifft es eher. Ich gehe davon aus, dass sich der Hass nur in zweiter Linie gegen die auf dem Filmfestival gezeigten Filme richtet. In erster Linie richtet er sich gegen ihre Besucher, also auch gegen mich, der in Hörweite mit einem Programmheft in der Hand vor ihr steht. „Nee, den neuen Statham könnwa hier nicht sehen wegen dem Scheiß.“ Weil sie und ihre Begleiter gegenüber dem Berlinale-Publikum eindeutig in der Minderheit sind, verlassen sie das Foyer ohne weitere Worte und ohne mich oder jemand anderen zusammenzuschlagen.

Normalerweise sind sie nicht in der Minderheit. An 355 von 365 Tagen des Jahres stellen die Statham-und Stallone-Freunde auch hier im Cinemaxx am Potsdamer Platz die Mehrheit und nicht nur in fast allen Videotheken und verbliebenen Kinos im Rest der Welt. Die Filme, die sie sehen wollen, sind es, für die enorme Summen ausgegeben werden. Viele andere Filme, von denen manche auf der Berlinale laufen, sind, obwohl sie mit minimalem technischen Aufwand gemacht werden, nur möglich, weil sich alle Beteiligten selbst ausbeuten. Ins Kino kommen diese Filme sonst eher nicht.

Die Mehrheit weiß: ein guter Film muss unterhalten. Das ist alles. Punkt. Mehr gibt es nicht zu verstehen. Das braucht man auch nicht weiter zu erklären.

Trotzdem sind die Statham-Freunde wütend. Leise wütend, wenn sie sich versehentlich in ein Berlinale-Kino verirren, lauter, wenn sie sich in den Internetforen der großen Tages- und Wochenzeitungen über die Berlinale auslassen. Denn dass es gerade letztere Filme sind, die auf der Berlinale gezeigt und gefeiert werden, stellt aus ihrer Sicht die Provokation einer Minderheit dar, einer Minderheit, die sich in ihrer grenzenlosen Arroganz als etwas Besseres fühlt. Zur Berlinale blockiert sie die besten Kinos der Stadt, nur um sich darin durch Filme zu quälen, von denen jeder normal denkende Mensch weiß, dass sie unbeschreiblich langweilig sind. Und dabei kommt sich diese Minderheit werweißwie toll vor. Aber nur dass diese Minderheit vielleicht mehr Filme gesehen hat, darüber klugscheißende Gespräche führt, schreibt oder gar Bücher liest, heißt aus Sicht der Mehrheit noch lange nicht, dass sie Ahnung hätte oder gar irgendetwas begriffen. Die Mehrheit weiß nämlich alles, was man über Filme wissen muss, auch so. Und weil sie die Mehrheit ist, liegt sie damit automatisch richtig. Die Mehrheit weiß: ein guter Film muss unterhalten. Das ist alles. Punkt. Mehr gibt es nicht zu verstehen. Das braucht man auch nicht weiter zu erklären. Unterhalten tut immer das, was man schon kennt und was einem noch Spaß macht, wenn man müde ist und nicht in der Stimmung sich mit Problemen belästigen zu lassen, von denen man glaubt, dass sie einen gar nicht betreffen.

Die Berlinale boomt. 2013 waren fast alle Vorführungen ausverkauft. Die Minderheit, die hier einmal für 10 Tage im Jahr zusammenkommt, ist groß und heterogen. Doch sie sollte besser nicht vergessen, dass sie eine Minderheit bleibt. Eine Minderheit, die sich nicht beklagen braucht – viele Minderheiten haben Schlimmeres zu ertragen als mal ein paar wütende Blicke im Foyer eines Kinos. Aber eben doch eine Minderheit: von den meisten ignoriert, von manchen als störend empfunden, von einigen wahrscheinlich sogar gehasst. Einfach deshalb, weil sie eine Minderheit ist.

Seit 1989 war ich bei jeder Berlinale. Dieses Jahr habe ich – eigentlich ohne dass ich mir das vorgenommen hätte – besonders viele Filme gesehen; wenn ich mich nicht verzählt habe, insgesamt 20. Ich möchte sie hier festhalten. Für mich, denn 20 Filme in 10 Tagen muss man irgendwie festhalten, sonst entgleiten sie einem. Und für den Rest der Welt, denn einige der Filme werden wahrscheinlich nie mehr in einem (deutschen) Kino zu sehen sein.

Das Filmteam „is not in town yet“. Ob sie noch kommen?

Mein erster Film war ein seltsam holpriger Einstieg. Burn it up Djassa von Lonesome Solo (Sektion: Panorama) wurde laut Programmheft von einem Filmteam aus dem Armenviertel Wassakara in der Elfenbeinküste kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs gedreht. Das Filmteam war – anders als bei der Berlinale üblich – bei der Vorführung nicht anwesend. „Warum nicht?“, rief eine Frau aus dem Publikum. „They’re not in town yet“, lautete die lapidare Antwort. Ob sich daraus schließen lässt, dass sie bei der zweiten Vorführung anwesend waren? Es wäre nicht das erste Mal, dass Filmemacher aus der dritten Welt nicht über die deutsche Grenze kommen. Der Film hatte offensichtlich absolut kein Budget – woher sollte er auch? Die Geschichte über eine Familie im Armenviertel, in der das Oberhaupt – der ältere Bruder – Polizist ist, der jüngere Bruder in die Kriminalität abgleitet und die Schwester sich prostituiert, ist sehr simpel gestrickt und klischeehaft. Für eine gewisse Spannung sorgt ein Erzähler, der sich als Herrscher des Ghettos ausgibt und den Verlauf der Handlung als Erzählung vorwegnimmt, wobei das, was er sagt, nicht immer so ganz mit dem übereinstimmt, was man dann hinterher sieht. Ein komplexes Spiel mit der Relativität von verschiedenen „Wahrheiten“ ist es dann aber doch nicht, genauer gesagt: ist es überhaupt nicht.

Ein absurder Wiedergänger des sowjetischen Totalitarismus

Mein zweiter Film am ersten Tag Chemi sabnis naketsi, englischer Titel: A Fold in My Blanket (Sektion: Panorama) ist filmisch und erzählerisch ungleich komplexer. Regisseur Zaza Rusadze studierte in Babelsberg, bevor er für diesen Film in sein Herkunftsland Georgien zurückkehrte. Passenderweise ist auch die junge männliche Hauptfigur aus dem Ausland in eine georgische Kleinstadt zurückgekehrt. Allerdings ist das keine reale Stadt zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt, sondern eine Stadt in einer möglichen nahen Zukunft, in der sich wieder ein totalitäres System herausgebildet hat, das wie ein absurder Wiedergänger des sowjetischen Totalitarismus aussieht. Die Hauptfigur freundet sich mit einem anderen jungen Mann an, der auf eher kindisch-trotzige Weise ein wenig gegen das System rebelliert und später wegen Mordes angeklagt wird. Die Hauptfigur könnte ihm ein Alibi verschaffen, weil zum Tatzeitpunkt beide gemeinsam auf Klettertour in den Bergen waren. Doch der Freund streitet die Aussage, die ihn retten könnte, einfach ab. Die Hauptfigur zweifelt nun selbst immer mehr an ihren Erinnerungen. Warum sollte sein Freund lügen? Ein möglicher Grund wird nicht erzählt, aber angedeutet: Die beiden Männer könnten sich an diesem Tag auch sexuell nähergekommen sein, als der angeklagte zuzugeben wagt. A Fold in My Blanket mischt in einer von untergründiger Spannung getragenen Atmosphäre einige schön lakonisch erzählte Absurditäten mit surrealen Momenten und ein bisschen zu viel Symbolismus. Dabei setzt er die georgische Gebirgslandschaft in prächtigen Bildern in Szene.

Ein faschistischer Aufmarsch, der für mich wie Karneval der Kulturen aussieht

Der zweite Tag begann für mich mit einem Dokumentarfilm von 1986 aus Indien, den die Forum-Sektion als „film-politische Pionierarbeit von aktueller Relevanz“ ins Programm genommen hat: Kya hua is shahar ko? (englischer Titel: What Happened to this City?) Es geht um Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems im Jahr 1984. Der Film ist ein sehr dichtes, hartes, relativ ungefiltertes historisches Dokument. Das Filmteam war zum Zeitpunkt der Ausschreitungen direkt vor Ort. Regisseurin Deepa Dhanraj lässt Opfer und religiös-politische Aufhetzer beider Seiten ausführlich zu Wort kommen. Dennoch hielt sich der Erkenntnisgewinn bei mir persönlich in sehr engen Grenzen. Aber etwas ist dann doch hängen geblieben: Ein faschistischer Aufzug in Indien ist für meine europäischen Augen erst einmal kaum von einem Karneval der Kulturen zu unterscheiden – alles so schön bunt und exotisch. Das bestätigt mich immerhin in meiner tiefen Abneigung gegen jede Art von Karnevalsumzügen.

Gruppenbild mit verbrannter Leiche

Der japanische Jugendfilm Capturing Dad von Ryota Nakano lief in der Sektion Generation 14plus. Zwei Schwestern, die eine 17, die andere 20 Jahre alt, leben zusammen mit ihrer Mutter, die sich vor Jahren von ihrem Mann getrennt und ihm jeden Umgang mit seinen Töchtern verboten hat. Sie kennen ihren Vater nur aus frühesten Kindheitserinnerungen. Als die Mutter erfährt, dass er im Sterben liegt und sie gern noch einmal sehen würde, bleibt sie selbst zuhause, schickt aber ihre Töchter. Mit einer kleinen Digitalkamera sollen sie ihn fotografieren, denn sie möchte dem Bild ihres sterbenden Ex-Mannes zum Abschied ins Gesicht lachen können. Der im leichten Tonfall einer Komödie erzählte Film hat mich einigermaßen unterhalten. Oft wurde es mir dann aber auch zu albern. Eine bestimmte Art von Gags funktioniert richtig gut – vermute ich mal – nur in einer Gesellschaft wie der japanischen, in der Verstöße gegen Etikette und zahlreiche formale Vorschriften gesellschaftlichen Umgangs wahrscheinlich noch viel größere Tabubrüche darstellen als hierzulande. (Wobei man natürlich auch in einem deutschen Krematorium eher kein Gruppenbild mit verbrannter Leiche machen würde.) Was mir an dem Film außerdem auf die Nerven ging, war die für meinen Geschmack zu stark ausgestellte Kleinmädchenniedlichkeit der beiden dann doch nicht mehr ganz so kleinen jungen Frauen. Positiv hervor sticht der ambivalente Charakter der Mutter. Die stärksten Szenen des Films sind dann auch die, in denen Mutter und Töchter zusammenspielen.

Sonne, Wolken, Wind und Schuld

Fynbos (Sektion: Forum) von Harry Patramanis, mein dritter Film an diesem Tag. Fynbos heißt ein modernes, nicht ganz fertiggebautes Haus, das auf einem riesigen Privatgrundstück bei Kapstadt inmitten einer fantastischen Landschaft steht. (Wieso das Haus diesen Namen trägt, weiß ich auch nicht.) Die armen Townships von Kapstadt grenzen fast direkt an das kleine Privatparadies. Aus dem Bewusstsein der reichen weißen Protagonisten des Films lässt sich die offenbare, aber auf dem Grundstück völlig unsichtbare Ungerechtigkeit nicht ganz tilgen, ebenso wenig aus dem Bewusstsein von mir als Zuschauer. In den unsagbar schönen Aufnahmen dieses Ortes schwingt zu jeder Zeit eine Atmosphäre von Schuld und Bedrohung mit. Hinter den Glasfassaden des Hauses agieren drei Paare miteinander: Der Immobilienmakler, der das Haus unbedingt verkaufen muss, weil er sich für seinen großkotzigen Lebensstil verschuldet hat, und seine Frau, die ihm das durch ihr unberechenbares Verhalten sehr schwer macht. Neben diesen beiden ein Käuferpaar aus England und der Sohn des Architekten mit seiner Freundin, die es sich als Zwischennutzer in dem Traumhaus gemütlich gemacht haben. Vor allem zwischen dem Immobilienmakler und seiner Frau bestehen Spannungen, die sich mehr und mehr auch auf die anderen Anwesenden übertragen. Ist der Mann ein Gewalttäter oder gibt es andere Gründe für die tiefe Verstörtheit der Frau und die Texte, die sie in ihr Tagebuch schreibt? Als sie dann plötzlich verschwindet, schaltet sich auch die Polizei ein. Fynbos hat mir sehr gut gefallen wegen der Atmosphäre in seinen Bildern. Wegen des Hauses, wegen der Landschaft, wegen der Sonne und der Wolken, wegen des Lichts, der Spiegelungen, der Bäume und des Wassers und wegen des Windes, vor allem wegen des Windes. Regisseur Patramanis nennt Antonioni als sein großes Vorbild – das kommt schon hin.

Die Kinder aus Bullerbü mitten im Nichts

Ödland – Damit keiner das so mitbemerkt, ein Dokumentarfilm aus Deutschland und über Deutschland, der in der Kindersektion Generation Kplus lief (Damit keiner das so mitbemerkt?). Regisseurin Anne Kodura und Kameramann Friede Clausz zeigen hier so etwas wie die Kinder aus Bullerbü mitten im Nichts, und thematisieren damit den seit rund zwei Jahrzehnten in diesem Land erfolgreich verdrängten Skandal des deutschen Asylrechts. Der Film begleitet eine Gruppe Kinder im Grundschulalter aus drei Flüchtlingsfamilien durch ihre Sommerferien – die Kamera immer auf Augenhöhe. Der Film ist schwarz-weiß. Kein dreckiges Schwarzweiß, sondern ein strahlendes, glänzendes, das die Atmosphäre eines heißen, trägen Sommers in überzeitlichen Bildern einfängt. Die verfallene Kaserne, in der sie untergebracht sind, steht im mitteldeutschen Nichts: Wald, Wiesen, kaputte Gebäude hinter Stacheldraht, die Endhaltestelle, an der ein leerer Bus wendet, wilde Schrottplätze, Windräder und immerhin auch irgendwo in Reichweite ein See mit einer Badestelle. Im unbeeinflussten Spiel und in den Gesprächen der Kinder schwingt ein Gefühl von Freiheit mit, doch es überwiegt die Langeweile und das Verlorensein in Leere und Heimatlosigkeit – faktisch sind diese Kinder Gefangene. Einige Kinder wurden noch in den Heimatländern ihrer Eltern geboren, andere in Deutschland. Im Abspann des Films werden im einzelnen die Zahlen aufgeführt, wie viele Jahre die Familien schon ohne sicheren Aufenthaltsstatus im deutschen Ödland wohnen. Die Zahlen sind teilweise zweistellig. Kleiner Hinweis der Regisseurin im Publikumsgespräch nach dem Film: Die vor sich hin rottende Kaserne, in der die Flüchtlinge untergebracht sind, wird privat betrieben. Es gibt Menschen, die damit Geld verdienen. So hat eben doch alles auch seine positiven Seiten für irgendjemanden.

Ein Heulkrampf im rosanen Kleid

Während mir die Bilder von Ödland gar nicht aus dem Kopf wollen, habe ich Maladies von Carter, dem Regisseur ohne Vornamen (Sektion: Panorama) schon fast wieder vergessen. Dabei war der Film doch so um starke Bilder bemüht: Breitwandaufnahmen von einem leeren Strand, eine Villa in schickem 50er-Jahre-Dekor (oder waren das schon die 60er?), Schauspieler mit einprägsamen Gesichtern – und doch irgendwie auch alles egal. Die Geschichte um drei gesellschaftliche Außenseiter wirkt konstruiert, aber unentschlossen und viel zu geschwätzig. Am Ende bleibt mir nur der künstliche Heulkrampf einer Nebendarstellerin nach dem Film auf der Bühne des Friedrichstadtpalasts in Erinnerung, mit dem sie bestimmt ihre große Begeisterung ausdrücken wollte, bei der Berlinale über einen roten Teppich gelaufen zu sein. Und ihr schreiend rosanes Kleid natürlich, das werde ich nicht vergessen.

Beiläufig, ohne falsche Töne und Klischees

I Used to Be Darker (Sektion: Forum) vom us-amerikanischen Independent-Filmemacher Matt Porterfield konnte mich dann wieder vollkommen überzeugen. (Dabei hatte ich mit dem nicht uninteressanten Vorgänger Putty Hill, der vor ein paar Jahren auch auf der Berlinale lief, ziemliche Probleme.) Eine junge Frau aus Nordirland hat es in die USA verschlagen. Unangekündigt steht sie bei Onkel, Tante und Cousine in Baltimore vor der Haustür und quartiert sich dort ein. Der Zeitpunkt könnte ungünstiger kaum sein, denn die Ehe von Onkel und Tante ist am Ende und sie befinden sich gerade im Prozess ihrer Trennung. Was sie außerdem nicht wissen, ist, dass die junge Frau von zuhause abgehauen ist und ihre Eltern keine Ahnung haben, wo sie sich aufhält. Der Film erzählt diese nicht sonderlich ungewöhnliche Geschichte auf beeindruckend beiläufige Weise, ganz ohne falsche Töne, Klischees, dramaturgische Zuspitzungen, aber mit einem extrem genauen Blick auf seine Figuren und ihre persönlichen emotionalen Nöte. Onkel und Tante sind übrigens beide Musiker und Matt Porterfield hat ihre Rollen nicht mit Schauspielern, sondern mit Musikern besetzt. Ganz nebenbei ist ihm so mit I Used to Be Darker auch ein fantastischer Musikfilm gelungen, der insbesondere die große Kunst der Singer-Songwriterin Kim Taylor grandios in Szene setzt.

Zu erzählen hat er: nullkommanichts

Der Montag war mit zwei Filmen, die mir sehr wenig gesagt haben, mein persönlicher Durchhängertag. Nummer eins, mein erster und einziger Film aus dem Wettbewerb, der dann auch noch irgendwas gewonnen hat, fragt mich nicht wieso: Vic+Flo ont vu un ours (Vic+Flo Saw a Bear). Falls sich jemand schon beim Titel fragen sollte, warum da ein Plus steht und nicht einfach ein Und (bzw. et/and), ist sicher im falschen Film. Das Plus steht da eben, weil es cool ist. Das gleiche gilt für den Bär, der kommt im Film nämlich auch nicht vor, dafür – vorsicht ich spoilere jetzt! – geraten seine beiden Protagonistinnen in eine Bärenfalle, weil das mal ein cooler Regieeinfall ist. In solchen gefällt sich Regisseur Denis Cote nämlich und darin, nur Figuren zu zeigen, die wie ihr eigenes Klischee durch den Film laufen, was sicherlich irgendeine Verbeugung vor irgendeinem coolen, trashigen Genrekino ist und deshalb eben auch cool. Nur zu erzählen hat er leider nullkommanichts.

Preis: Alfred-Bauer-Preis (Silberner Bär)

Unterkühlte Sprache, die sich vergeblich um lakonische Komik bemüht

Auch Das merkwürdige Kätzchen, die Abschlussarbeit des Schweizers Ramon Zürcher aus der Babelsberger Filmklasse des großen Belá Tarr hat mich eher genervt als begeistert. Zugegeben ist der fast ausschließlich in einer Berliner Altbauwohnung gedrehte Film technisch-formal brillant. Auf engstem Raum bewegt sich eine recht große Familie mit Hund, Katze, Kindern und eintreffendem Besuch vor der Kamera, dass es beinahe wie zufällig aussieht, nur eben besser, denn es ist perfekt geplant und choreografiert. Dabei bewegen sich alle Figuren in anderen Geschwindigkeiten, manche sind besonders quirlig, manche eher lethargisch und die Großmutter liegt als Running Gag die ganze Zeit über schlafend in ihrem Zimmer. Das Problem ist nur: Sie agieren unterschiedlich, aber sie reden (fast) alle gleich. In dem Gerede erkennbar werden bloß langweilige Durchschnittsneurosen, die eigentlich alle die Neurosen einer einzelnen Person sein könnten (ich verdächtige den Regisseur und Drehbuchschreiber, aber das weiß ich natürlich nicht). Sie werden in gekünstelt unterkühlter Sprache vorgetragen, die sich angestrengt und vergeblich um so etwas wie lakonische Komik bemüht.

Der Tanz in der stärksten Szene ist ein traditioneller Männertanz

Am Dienstag habe ich dann meinen zweiten georgischen Film gesehen, womit ich das Kino dieses kleinen, nicht sehr reichen Landes, wie es dieses Jahr auf der Berlinale vertreten war, komplett gesehen hätte: Grzeli nateli dgeebi (In Bloom) von Nana Ekvtimishvili und Simon Groß lief in der Sektion Forum. Auch dieser Film ist eine Produktion mit deutscher Beteiligung. Er spielt im Georgien der frühen 90er Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und erzählt die Geschichte von zwei 14-jährigen Freundinnen. Die beiden Hauptfiguren Eka und Natia stehen im Mittelpunkt der Geschichte und ihre jungen Darstellerinnen liefern absolut beeindruckende Leistungen ab. Der Film zeigt eine Gesellschaft, in der Armut, Anarchie, Gewalt und überkommene patriarchalische Traditionen beherrschend sind, es aber trotz allem auch ein Gefühl von jugendlichem Aufbruch gibt. Die beiden Mädchen kämpfen alltäglich um Selbstbestimmung und Freiheit, eine wird schließlich Opfer eines Verbrechens. Der Film ist vielschichtig, emotional, gewalttätig, wirklich stark und darin, wie er sein Thema konsequent aus der Sicht zweier heranwachsender Frauen erzählt, wohl auch neu für das georgische Kino. Der Tanz, den Eka in einer der intensivsten Szenen spontan auf einer Hochzeitsfeier aufführt, ist übrigens, wie die Regisseurin im Publikumsgespräch erklärte, für jeden georgischen Zuschauer offensichtlich ein Männertanz. Das steigert natürlich noch einmal die Wirkung der Szene. Erstaunlich aber, dass sie auch ohne dieses Wissen schon so gut für mich funktioniert hat.

Preis: Preis der C.I.C.A.E. (Forum)

Auch die neue Heimat wird in naher Zukunft versinken

In der Dokumentation …Moddhikhane Char (Char… the No Man’s Island) aus dem Grenzgebiet zwischen Indien und Bangladesch von Sourav Sarangi, die ebenfalls in der Sektion Forum lief, habe ich mich sehr nass gefühlt. Sarangi begleitet eine arme Familie und insbesondere ihren Sohn im Teenageralter ein Jahr lang mit der Kamera im täglichen Kampf ums Überleben. Die Familie lebt auf einer Insel im Grenzfluss zwischen den beiden Ländern, die entstanden ist, nachdem der durch den Bau eines Staudamms in seinem Verlauf veränderte Fluss ihr altes Dorf einfach weggerissen hatte. Doch auch ihre neue Heimat wird in naher Zukunft wieder in den Fluten versinken. Bis dahin erlaubt ihnen die Lage im Grenzgebiet mit der lebensgefährlichen Tätigkeit als Schmuggler das Fehlen anderer Erwerbsquellen auszugleichen. Die geografische, ökologische, klimatische, politische und natürlich auch die menschliche Situation inmitten der sich Sarangi mit seiner Kamera bewegt, ist derartig extrem (und nebenbei auch symbolkräftig), dass es schwerfällt, nicht von diesem Film berührt zu werden. Dazu kommt, dass Sarangi mit dem Sohn der Familie einen Protagonisten vor der Kamera hat, der in seiner ruhigen, sympathischen Art einen tiefen Eindruck hinterlässt. Leider mangelt es dem Film etwas an einer klaren Struktur, die Zusammenhänge nachvollziehbarer machen würde. Außerdem wäre es wünschenswert gewesen, dass der Regisseur die Bedingungen, unter denen er filmen durfte – ohne Genehmigungen der indischen Grenztruppen wäre das Filmen nicht möglich gewesen – transparenter gemacht hätte.

Unsicherheit ausführlich ausgestellt

Mit Kujira no machi (The Town of Whales) der jungen japanischen Filmemacherin Keiko Tsuruoka, der ebenfalls im Forum gezeigt wurde, begann mein Berlinale-Mittwoch in gepflegter Langeweile. Die Sommerferien-Dreiecksgeschichte um einen Jungen und zwei Mädchen, die auf der Suche nach einem verschollenen Bruder in die große Stadt Tokio fahren, lebt von der Unsicherheit der Protagonisten. Die wird in eher uninteressanten Szenen ausführlich ausgestellt. Als ziemlich typischer Vertreter seines Genres hat der Film keine stringente Dramaturgie und hinterlässt viele offene Fragen. So etwas macht aber immer nur dann Spaß, wenn es einen Anreiz gibt, sich mit den offenen Fragen auseinanderzusetzen und die dramaturgischen Leerstellen mit der eigenen Fantasie zu füllen. Der fehlt hier.

Die Liebe der Eltern ist ein beklemmendes Drama

Eines der Highlights meiner diesjährigen Berlinale war dagegen der Schweizer Dokumentarfilm Vaters Garten – Die Liebe meiner Eltern von Peter Liechti (Sektion: Forum). Peter Liechti porträtiert darin seine über achtzigjährigen Eltern. Ein ganzes Jahr lang hat er sie mit der Kamera in ihrem Alltag begleitet und darüber hinaus sehr persönliche Interviews ohne Kamera mit ihnen geführt. Die Aussagen aus letzteren Gesprächen gibt der Film in Form eines Puppentheaters mit Hasen(!)-Puppen wieder. Dass das alles andere als albern wirkt, liegt mit an der Brutalität der gemachten Aussagen. Denn die Liebe von Peter Liechtis Eltern, sie ist beklemmendes Drama. Das Drama von zwei Menschen, die wie geschaffen dafür scheinen, einander alle Möglichkeiten für ein glücklicheres Leben zu nehmen und dabei doch immer zusammen zu bleiben. Es sagt auch etwas aus über die Werte einer früheren Generation, denen man nicht nachtrauert, nach diesem Film weniger denn je. Der nicht gerade unbeteiligte Regisseur erlaubt sich über Tonspur, Soundtrack und andere verfremdende filmische Mittel den ein oder anderen emotionalen Kommentar, der einfach raus muss und auch bei mir als Zuschauer für eine gewisse Erleichterung sorgt. Trotz der familiären Nähe wahrt er aber die nötige Distanz zu seinen Protagonisten und führt sie bei aller Kritik nie vor. Wie selbstverständlich gelingt es ihm nebenbei, die Balance zu halten zwischen sehr bedrückenden und komischen und anrührenden Momenten. Falls jemand ähnlich religiöse Angehörige oder Bekannte haben sollte wie Peter Liechti, übrigens unbedingt mal diese beiden Fragen ausprobieren: „Glaubt ihr, dass ihr in den Himmel kommt?“ und „Glaubt ihr, dass ich in den Himmel komme?“

Preis: Leserpreis des Tagesspiegel

Rotkäppchen und der böse Krieg

Am Donnerstag habe ich mir zwei Filme aus der Sektion Generation 14plus angesehen. Wer bei der Berlinale Filme aus der Sektion Generation sieht, bekommt zwei Filme zum Preis von einem, denn die Karten kosten hier nicht einmal halb so viel wie in den anderen Sektionen. Schlechter sind sie meistens auch nicht. Der türkische Beitrag Jîn von Reha Erdem hat mich allerdings nicht überzeugt. Thematisch geht er zwar richtig in die Vollen, denn er behandelt den Krieg der türkischen Armee gegen kurdische „Terroristen“ konsequent aus der Sicht eines kurdischen Mädchens, doch tut er das auf eher einfältige Weise. Jîn, deren Vater getötet wurde, als sie zwei Jahre alt war, hat sich einer Gruppe kurdischer Kämpfer angeschlossen, desertiert aber zu Beginn des Films und macht sich allein auf den Weg zu ihrer Großmutter, die in einem fernen Ort lebt. Reha Erdem setzt auf prachtvolle Naturaufnahmen, maximales Pathos und minimale erzählerische Komplexität. Wegen der Optik trägt Jîn passend zur olivgrünen Tarnkleidung ein leuchtend rotes Tuch auf dem Kopf. Rotkäppchen und der böse Krieg sozusagen. Sie stolpert durch die wunderschöne Landschaft und damit man auch merkt, dass sie auf der Flucht ist, liefert die Tonspur ständig überlaut ihren keuchenden Atem dazu. In regelmäßigen Abständen wird aus irgendeiner Ecke auf sie geschossen oder gebombt. Zwischendurch begegnet sie wilden Tieren, die ihr aber alle nichts tun, denn die Natur ist gut. Außerdem begegnet sie fremden Männern, die – mit Ausnahme der einen Ausnahme, die bekanntlich die Regel bestätigt – alle ihre Situation ausnutzen wollen, um sie zu Sex zu zwingen, denn der Mann ist böse. Es sei denn, er ist ein schwer verwundeter Soldat, dann muss man ihn pflegen, denn er ist ja auch nur der Sohn einer Mutter. Na ja.

Ein klassischer Jugendfilm, der alles richtig macht

Der zweite 14plus-Film an diesem Donnerstag war dafür richtig toll: Shopping vom Neuseeländischen Regieduo Mark Albiston und Louis Sutherland. Es war meine erste nicht digitale 35-Millimeter-Projektion auf dieser Berlinale – eine weiter sollte noch folgen, die dann allerdings kein aktueller Film, sondern einer von 1934 aus der Sektion Retrospektive. Eigentlich dachte ich, ich hätte überhaupt nichts gegen digitale Technik. Ich hätte wirklich nie gedacht, wie angenehm es sein würde, nach all den glatten digitalen Bildern mal wieder die Struktur von Filmkorn auf der Leinwand zu sehen. Aber es war so. Das lag sicherlich mit am Film, der in den 70er Jahren spielt und diese Zeit auch in den Details wunderbar einfängt. Dazu gehört dann einfach das Filmkorn. Die Hauptfigur Willy ist Sohn einer Samoanerin und eines weißen Neuseeländers. Er hat einen kleinen Bruder, um den er sich kümmern muss. Sein Vater schärft ihm ein, dass er sich gegen den Rassismus seiner Umgebung nur wehren könne, indem er selbst immer besser sei als die anderen und sich nie etwas zuschulden kommen lasse. Der Vater selbst ist dafür allerdings nicht das ideale Vorbild, denn er ist Alkoholiker und gewalttätig gegen Frau und Kinder. Besonders wenn er glaubt, dass sich sein Sohn nicht vorbildlich verhalten habe, schlägt er brutal zu. Willy begegnet einem Kriminellen, der ihm mehr und mehr zum Vaterersatz wird. Außerdem hat dieser Mann eine Tochter in seinem Alter. Für sie würde Willy seine Familie verlassen. Shopping ist ein geradezu klassischer Jugendfilm mit nachvollziehbaren Konflikten, perfekt in Tonlage, Rhythmus, Figurenzeichnung, glaubwürdig, rau, voll Außenseiterromantik und Gefühl, doch ohne Pathos. Dieser Film macht alles richtig.

Preis: Großer Preis der Internationalen Jury von Generation 14plus

Souveränes und unverkrampftes Spiel mit Geschlechterrollen — deutsche Uraufführung 2013

Am Freitag traten bei mir erste Ermüdungserscheinungen auf, weshalb ich mir nur einen einzigen Film angesehen habe. Es war der zweifellos lustigste Film meiner Berlinale, und der war von 1934: Peter von Hermann Kosterlitz (Sektion: Retrospektive), eine Depressionskomödie, wobei mit Depression in diesem Fall keine psychische Verfasstheit, sondern eine wirtschaftliche gemeint ist. Peter, heißt in Wahrheit Eva, ist also eine Frau. Als sie obdachlos wird, bemerkt sie, dass sie als Mann verkleidet eigentlich besser über die Runden kommt. Der Film wurde nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler hauptsächlich von aus Deutschland geflohenen jüdischen Filmschaffenden in Ungarn und Österreich gedreht, spielen soll er in Berlin. Es bestand damals die Hoffnung, dass er ins deutsche Kino kommen könnte, dazu kam es aber selbst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges nie. Bei der Berlinale 2013 feierte er seine deutsche Uraufführung. Das verwundert nicht sonderlich, denn sein souveränes und unverkrampftes Spiel mit Geschlechterrollen war wohl auch für BRD und DDR zu modern. Regisseur Herman Kosterlitz wenigstens machte unter dem Namen Henry Koster in Amerika Karriere.

Konsequent assoziativ und aufs allerschönste surreal

Am Samstag, dem letzten offiziellen Berlinale-Tag habe ich mit Upstream Color von Shane Carruth (Sektion: Panorama) sicher einen der ungewöhnlichsten Filme dieses Jahrgangs gesehen. Inhaltlich wurden hier ein paar sehr schlechte Träume verarbeitet. Grob gesagt geht es um Würmer, die sich unter unserer Haut einnisten und unsere Beziehungen, unsere Wahrnehmungen, unsere Handlungen und unseren Drogenkonsum negativ beeinflussen – oder umgekehrt, oder vielleicht auch nicht. Die Erzählweise ist konsequent assoziativ und der ganze Film aufs allerschönste surreal. Dabei geizt Shane Carruth nicht mit filmischen Effekten und ausgefallenen Regieeinfällen. Das Tolle an diesem – stellenweise durchaus anstrengenden – Film ist, dass er eben nicht wie irgendsoein David-Lynch-Abklatsch aussieht, sondern wirklich etwas ganz Neues und im besten Sinn Eigenartiges darstellt.

Ein Werk, das es wohl ganz knapp nicht auf die Berlinale geschafft hat

And now to something completely different. Zum krönenden Abschluss des letzten offiziellen Berlinale-Tags bin ich in den Filmrauschpalast Moabit geradelt, eines dieser kleinen, versifften Kinos, die – anders als die Cinestars und -maxxen – auch mal, wenn nicht Berlinale ist, einen ungewöhnlichen Film zeigen. Zur Berlinale hatte es dafür konsequenterweise eine Spielpause eingelegt. Doch Samstagnacht lief hier die Weltpremiere von Rote Kacke 4: Die verlorenen Jahre des Regisseurs Krischan Horn (ich kenne ihn aus einer gemeinsamen Vergangenheit als Filmstartskritiker). Ein Werk, das es wohl ganz knapp nicht auf die Berlinale geschafft hat. Also, nach neun Tagen Kino ohne Pause kommt irgendwann der Moment, wo ein Filmkritiker einfach nicht mehr aufnahmefähig ist. Außerdem kam ich etwas zu spät zur Vorführung und habe die erste Szene verpasst. Deshalb habe ich zu wenig von diesem bestimmt sehr komplexen Film aufnehmen können, um hier eine Kritik zu schreiben. Das ist ganz allein meine Schuld. Außerdem fehlt mir die zum Verständnis sicherlich wichtige Kenntnis der extrem raren ersten drei Teile. Lobend erwähnen muss ich aber unbedingt die perfekt gelungene Joker-Maske des Bösewichts und dass ein echtes Pferd vorkam.

Der Sonntag, der zehnte Berlinale-Tag, zählt nicht richtig, denn das ist der sogenannte Publikumstag, an dem die Bären schon vergeben, die Eintrittspreise günstiger und die Akkreditierten ausgesperrt sind. Ich habe mir trotzdem noch drei Filme angesehen, die ich vorher terminlich einfach nicht unterkriegen konnte.

Der Sohn des Dorfvorstehers ist ein Kriegsverbrecher

Shito no densetsu (A Legend or Was It?) ist kein aktueller Film, sondern stammt aus dem Jahr 1963. Das Forum zeigte ihn in einer Reihe anderer Filme des 1998 gestorbenen Regisseurs Keisuke Kinoshita, der zu den wichtigsten Vertretern des goldenen Zeitalters des japanischen Films der 1950er Jahre gehören soll. Vielleicht fand ich den Film ja deshalb nicht so toll, weil er schon aus den 60ern stammt. Die Handlung beginnt in Japan im Sommer 1945, direkt vor dem Abwurf der Atombomben und kurz vor dem Ende des Krieges. In einem abgelegenen Dorf entwickelt sich eine Art Western um eine aus Tokyo evakuierte Familie. Die junge Frau, die eigentlich den Sohn des Dorfvorstehers heiraten sollte, lehnt die Heirat ab, nachdem sie von ihrem Bruder erfahren hat, dass ihr Bräutigam in spe im Krieg gegen China Frauen vergewaltigt hat. Die Dorfgemeinschaft akzeptiert die Ablehnung nicht, die nationale Demütigung des verlorenen Krieges und die Demütigung ihres Dorfvorstands rufen Hass und Gewalt auf die Fremden aus der Großstadt hervor. Thematisch klingt das spannend, war auch sicherlich mutig, allein schon wegen der Benennung der japanischen Kriegsverbrechen, als Film ist das Werk meiner Meinung nach aber dennoch eher nur von historischem Interesse. Die Figuren sind mir zu holzschnittartig, die Konstellation zu eindeutig, die Handlung zu absehbar und das bestimmt einer altehrwürdigen japanischen Schauspieltradition geschuldete Chargieren der Darsteller der „einfachen“ Dorfbevölkerung überschreitet meine Schmerzgrenze für unfreiwillig Unkomisches. Ach ja, dieser Film lief auch als 35-Millimeter-Kopie, dann waren es insgesamt also doch drei, die ich gesehen habe.

Langsamer heißt nicht langweiliger

Von einigen Kritikern des Wettbewerbs habe ich gehört, dass sie dieses Jahr stark unter Filmen mit langen statischen Einstellungen, in denen fast nichts passiert und wenig geredet wird, gelitten hätten. La Piscina von Carlos Machado Quintela aus Kuba (Sektion: Panorama) war der einzige Film, den ich gesehen habe, auf den diese Beschreibung zutrifft. Gelitten habe ich allerdings nicht darunter. Ich fand es eher erfrischend, mich lange – fast wie bei einem Foto – auf ein einzelnes, schön komponiertes Bild konzentrieren zu können, und schließlich aus der Kombination mehrerer solcher Einstellungen ein ganz anderes Empfinden für den gezeigten Raum zu entwickeln, als das normalerweise in Filmen der Fall ist. Ich mag es auch, wenn in einem statischen Bild dann eben doch eine Bewegung, eine Geste, eine Veränderung des Lichts sichtbar wird. So gekonnt gemacht wie in La Piscina ist ein solches filmisches Erzählen zwar langsamer, als man es gewöhnt ist, aber durchaus nicht langweiliger. Restlos begeistert war ich trotzdem nicht von diesem Film über vier Jugendliche mit unterschiedlichen körperlichen, seelischen und geistigen Beeinträchtigungen und ihren seltsamen Schwimmlehrer an einem Sommertag in einem leeren Schwimmbad. Mein Problem: Obwohl Spannung zwischen den Figuren besteht und auch durchaus geschickt in Szene gesetzt wird, entwickelt sich keine Geschichte. Das ist schade. Auf einmal war der Film zu Ende und ich hatte das Gefühl, er hätte noch gar nicht richtig angefangen.

Bewusstseinsverengender Strom aus nicht enden wollendem Blablablabla

Ganz anders verhielt es sich mit der Berlinale. Mit der war es nach 21 (+1) Filmen an 10 Tagen — wenn ich richtig nachgezählt habe — dann auch mal genug. Dabei haben mir die meisten wieder wirklich Spaß gemacht, auch viele, von denen ich nicht restlos überzeugt war. Der letzte Shirley – Visions of Reality von Gustav Deutsch (Sektion: Forum) allerdings nicht. Das war dann tatsächlich der schlechteste Film meines persönlichen Berlinale-Jahrgangs. Macht nichts, dadurch fiel der Abschied leichter. Der Film stellt in chronologischer Reihenfolge bekannte und weniger bekannte Bilder des Malers Edward Hopper als Filmsets nach. Die Filmsets sehen den Bildern in ihrer ganz eigenen Licht- und Farbgebung tatsächlich verblüffend ähnlich. Dafür gibt es Fleißpunkte. Die kreative Leistung liegt hier allerdings ganz allein bei Edward Hopper. Auf allen nachgestellten Bildern ist eine Frau abgebildet. Diese Frau ist im Film immer dieselbe, wenn ich den Titel richtig interpretiere, dürfen wir sie wohl Shirley nennen. Passend zu den leicht abstrakten, künstlich wirkenden Settings bewegt sich Shirley mit der Anmut und dem Ausdrucksvermögen einer Schaufensterpuppe. Weniger passend dazu ist ihr ständiges Gerede – sowohl aus dem Off als auch in den Bildern – das diese erstens ganz brav durch Anspielungen auf historische Ereignisse in ihren zeitlichen Kontext einordnen soll, zweitens die völlig beliebig wirkende Geschichte einer Frau aus dem Künstlermilieu erzählen möchte und drittens eine Art philosophische Metaebene einbaut. Hölzerner, aufgesetzter, bildungshubernder Käse ist das, wenn ihr mich fragt. Schlimmer, es ertränkt das Geheimnis und den Zauber der Bilder in einem bewusstseinsverengenden Strom aus nicht enden wollendem Blablablabla …

Was für ein Schlusssatz. Den möchte ich so nicht als Zusammenfassung meiner Berlinale-Zusammenfassung stehen lassen. Mein Schlusssatz lautet: Tschüs, Berlinale, bis nächstes Jahr!