Lärmbelästigung

Eigentlich bin ja ich die Geräuschesau unter meinen Nachbarn. Ich bin es, der regelmäßig laut Musik macht. Sonst ist es im Haus meistens still, abgesehen von der knallenden Haustür. Irgendwo gegenüber im Hof gibt es noch eine alte Frau, die quartalsweise für einen halben Tag auf arabisch, türkisch, was weiß ich, litaneiartig schimpft über Gott, die Welt oder sich selbst. Vielleicht betet sie auch so. Nach 10 Minuten stimmt meistens ein anderer Nachbar ein, in einem leicht gehässigen, sie nachäffenden Tonfall. Wenn er sich davon erhoffen sollte, sie zum Aufhören zu bewegen, dann irrt er sich. Und schließlich gibt es da noch irgendwo einen, der selten nur, höchstens einmal im Monat für ein bis zwei Stunden in Straßenfestlautstärke Schlager und Marschmusik hört. Zu besonderen Anlässen auch Fernsehübertragungen. Mich stört all das nicht sonderlich, die größte Lärmquelle im Haus bin weiterhin ich, mit dem bisschen Geräusch kann ich leben.

Vor ein paar Tagen war allerdings wieder ein besonderer Anlass für eine Fernsehübertragung. Marschmusik kam auch darin vor, deshalb dachte ich mir zunächst nichts Böses dabei. Aber dann hörte ich die Redner, und ich merkte sofort, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Von den einzelnen Worten konnte ich nur Bruchstücke wahrnehmen, weil ich die Bässe zwar in voller Lautstärke mitbekam, die Höhen aber recht effizient von den Wänden weggefiltert wurden. Was mir nicht entgehen konnte, war der Tonfall. Er war äußerst ernst, feierlich und salbungsvoll. Jemand, der so redet, daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen, der lügt – egal, was er sagt. Was er so ungefähr sagte, hatte ich bald herausgefunden: Er hielt eine Trauerrede auf drei getötete Soldaten der Bundeswehr. In Trauerreden darf man auch ein bisschen lügen, denke ich, über Tote sagt man eben nur Gutes; das ist eine Frage der Höflichkeit. Aber dieser Tonfall gefiel mir trotzdem nicht. Ich hatte das Gefühl, hier wurde mehr gelogen, als üblich, und gar nicht nur über die Toten.

Die Sendung zog sich in die Länge, und das ging mir mehr und mehr auf die Nerven. Ich begann mich zu fragen, welcher Fernsehsender hier gerade eine Nachricht, das Begräbnis von drei getöteten Soldaten, zu etwas ganz anderem machte, zu einem kulturellen Ereignis, das man in voller Länge verfolgte und auf sich wirken ließ. Ich fragte mich, ob mein Nachbar vor dem Fernseher aufstand, als sie die Nationalhymne spielten, wie es inzwischen viele Leute bei öffentlichen Übertragungen von Fußballländerspielen tun. Ich überlegte, ob es nicht auch genau anders sein konnte. Vielleicht saß da jemand, der vom Zweiten Weltkrieg noch bewusst etwas mitbekommen hatte, wie paralysiert vor den Fernsehbildern dieser traurigen Inszenierung und fragte sich die ganze Zeit nur ängstlich, ob es jetzt bald wieder so weit sei. Vielleicht war es völlig anders. Man müsste seine Nachbarn kennen.

Es kann keine Kriegsbegeisterung aufkommen, ohne einen vernünftigen Totenkult, hörte ich die Wand sprechen. Generell will man zwar eigene Tote vermeiden, aber ganz ohne wäre auch kein Krieg vermittelbar. Man muss schon beweisen können, dass es einen bösen Feind gibt und Menschen, die alles, sogar ihr Leben gegeben haben für ihr Land. Ja, da fasst euch mal an die eigenen Nasen, Kinder der Konsumgesellschaft, ihr könnt doch gar nicht mehr geben, ihr wollt doch immer nur nehmen, nehmen, nehmen. Zugegeben, so ein Soldat nimmt auch, sogar Leben von anderen nimmt er. Und ja, damit die Rechnung am Ende aufgeht, sollten die Unsrigen tunlichst mehr Leben genommen, als gegeben haben. Aber die drei Helden, die haben gegeben, und alle unsere Soldaten in Afghanistan sind bereit zu geben. Seid ihr bereit? Keine Angst, ihr müsst nicht alle. Es gibt eine Aufgabenteilung. Was ihr aber alle tun müsst, ist, unsere Jungs unterstützen. Wie beim Fußball. Ihr dürft ihnen nicht in den Rücken fallen. Die können das nur durchstehen, wenn sie wissen, dass ihr unter allen Umständen auf ihrer Seite seid. Das allerdings ist das mindeste. Bei aller Kritik, wie berechtigt sie im Einzelfall auch sein mag, wenn es Tote gibt, muss die Nation hinter der Bundeswehr stehen. Das ist dann nicht die Zeit für politische Streitereien. Das sage ich ganz unpolitisch.

Meine Wand ist tückisch unter der weißgestrichenen Raufaser. Das weiß ich. Ich müsste die richtige Rede nachlesen. Ich habe gar keine Lust, doch man sollte wissen, worüber man schreibt. Ich habe nachgesehen, welche Fernsehsender es waren, die das Event in voller Länge übertragen haben: Phoenix und n-tv. Erst bei ARD und ZDF müsste man sich Gedanken machen, denke ich. Ich lese ein Guttenberg-Zitat, sinngemäß: Sein Töchterchen habe ihn gefragt, ob das Helden gewesen seien, die gefallenen Soldaten, und er habe geantwortet: „Ja, das waren Helden.“ Ganz unpolitisch habe er das seinem Töchterchen gesagt.

Warum auch immer wieder harmlose positive Begriffe wie „Heldentum“ hinterfragen? Sind wir hier im Sozialkundeleistungskurs einer linksliberalen West-Berliner Oberschule der 80er Jahre? Warum immer wieder völlig unpolitische Dinge unnötig politisch aufladen? Die Menschen sind das satt. Wir sollten uns besinnen auf Werte, die wirklich zählen, z.B. Kameradschaft und Ehre.

Ich lese auch von der besonderen Perfidie des Feindes, der aus dem Hinterhalt und am heiligen Karfreitag zugeschlagen habe. Eine Verhöhnung einer fremden Kultur durch Fremde, lese ich, in diesem Fall also unserer Kultur, will sagen: auch und gerade nämlich die Fremden verhöhnen Fremde, d.h. also dann, umgangssprachlich gesprochen, uns, und gar nicht nur wir die Fremden, wie die immer behaupten. Und auch in Deutschland gibt es ja Fremde, die keiner eingeladen hat. Es scheint geboten, sich mit aller ebenso gebotenen verbalen Vorsichtigkeit der besonderen Heiligkeit der eigenen christlichen Kultur zu erinnern. Das kann jeder. Er muss dazu nicht genau wissen, was das bedeutet und ob er sich damit wirklich identifizieren könnte. Er muss auch nicht Tag für Tag in der Bibel lesen und in die Kirche rennen. Wichtig ist nur das Bekenntnis. Es darf auch ein verdruckstes sein. Er sollte sich dazu bekennen, dass er einer der Unsrigen ist. Keine Angst, das tut nicht weh, im Gegenteil. Vielleicht mag es sich für den ein oder anderen Ungeübten zunächst ein bisschen komisch anfühlen, aber es tut gut.

Aber Frau Merkel, lese ich, Frau Merkel solle trotzdem auch die getöteten Afghanen miterwähnt haben. Merkel ist lieb, Merkel ist für alle da.

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Alles über die Bundeswehr

Der Bundestag hat hat sich mit großer Mehrheit für mehr Bundeswehr in Afghanistan ausgesprochen.

Alles, was man über die Bundeswehr lieber nicht wissen will, erfährt man in diesem fantastischen Interview mit dem fantastischen Georg Schramm (weil es wirklich alles ist, ist es auch etwas länger):