Zum einjährigen Jubiläum

Dieses Mal werde ich sie auf keinen Fall verpassen. Schließlich bin auch ich langsam in dem Alter, wo man Verantwortung für die Gesellschaft und so übernimmt. Wählen gehen gehört da einfach dazu. Wer nicht wählt, wählt die Extremisten. Dass Extreme nicht so gut sind, wollte ich früher nicht wahrhaben Aber inzwischen habe ich Lernprozesse durchlaufen – auch schmerzvolle. Ich bin geläutert. Und diesmal der Erste vorm Wahllokal. Es ist fünf Uhr früh. Sie haben noch nicht auf. Ich werde warten müssen. Um drei Uhr ist mir klargeworden, dass ich die Wahl wieder verschlafe, wenn ich mich jetzt von dieser Party auf den Weg mache und mich noch ins Bett lege. Deshalb habe ich dann gleich durchgemacht. Ich müsste jetzt mal pissen. Das Problem ist nur, dass ich mich ein bisschen unsicher auf den Beinen fühle und befürchte, da könnte was bei schief gehen. Es wäre mir peinlich mit vollgepisster Hose im Wahllokal zu erscheinen. Ich meine, es ist immerhin die Bundestagswahl.

Die Turnhallenwand ist eine angenehme Stütze. Es ist auch schön, den Kopf gegen zu lehnen. Der fühlt sich gleich etwas besser an. Dafür drückt jetzt die Blase um so schlimmer. Ich muss es halt versuchen. Ich habe keine Wahl. Gut, dass ich eine Jeans mit Knopfverschluss anhabe. Die sind weniger fummelig beim Aufmachen als die mit Reißverschluss. Wenn du den obersten Knopf geschafft hast, dann musst du nur ziehen und die andern gehen von alleine. Scheiße! Die Turnhallenwand spritzt zurück. Ich taumel vor Schreck nach hinten und der Strahl fließt über mein linkes Hosenbein. Scheiße! Pisse! Und dabei habe ich es noch kommen sehen. Aber erst mal geht es jetzt trotzdem besser. Bis die aufmachen trocknet das wahrscheinlich.

Blöder Knopfreißverschluss! Die gehen zwar leichter auf, aber zumachen kannst du echt vergessen. Da muss dann jeder Knopf einzeln gedingst… geknöpft… werden. Wenn ich den obersten schaffe, dann reicht das erst mal. Das wär schon viel. Scheiße! Die Turnhallenwand ist nass, wo ich mich anlehnen wollte! Die ganze beschissene Nacht könnt ich echt streichen aus meinem Leben. Wenn Mistery Man dich einlädt, noch zu einer Party mitzukommen, mach es nicht. Aber im Grunde hast du dann auch keine Wahl. Jedenfalls, wenn du sonst nichts besseres vorhast, dann gehst du eben mit. Mistery Man heißt richtig irgendwie anders, aber alle sagen Mistery Man, weil er so aussieht wie dieser bleiche Zwerg aus Lost Highway. Auf der Party waren vielleicht zehn Leute, darunter Null Frauen, aber wenigstens die Drogen hätten für 100 gereicht. Mach ich aber auch nicht mehr. Nur ein bisschen was geraucht und getrunken habe ich.

Schon 10? Warum ist das auf einmal schon 10 Uhr? Ich könnte kotzen. Ich mach es einfach mal. Ich hab da eh keine Wahl. Es kommt grad einer aus dem Wahllokal und guckt mich böse an.

„Glotz nicht, du Arsch! Ich bin krank, Mann!“

Es gibt mehrere Räume. Den Brief, wo steht, in welchem Raum ich wählen muss, habe ich nicht mehr. Aber meinen Ausweis habe ich dabei, habe ich immer dabei. Ich bin West-Berliner. Nur zur Info für Zugezogene: Wir West-Berliner haben immer unsern Ausweis dabei, weil man in West-Berlin ohne Ausweis dabei nach alliiertem Recht standrechtlich erschossen werden konnte. Haben die in den 80ern in der Praxis zwar nicht mehr ganz so streng gehandhabt, aber ich wollte da lieber nichts riskieren. Daher die Angewohnheit.

Der zweite Raum ist der Richtige. Die im ersten Raum hat mich so blöde angeguckt. Ach ja Scheiße, mein Hosenstall! Ich will ihn schnell zumachen, aber jetzt reicht mir die Frau hier gerade den Wahlzettel. Das dauert zu lange. Ich nehme den Zettel. Sie weist auf eine freie Kabine. Habe ich jetzt überhaupt einen Stift dabei? Das kann nicht wahr sein! Ich habe doch extra noch einen… Ich geh noch mal raus und frage, ob ich sie mir einen leihen kann. Sie sagt, in der Kabine liegt einer. Stimmt. Hatte ich übersehen. Mann, Mann, Mann, Mann. Das sind ja sogar zwei Zettel. Ich darf jetzt beim Schreiben nicht verrutschen. Ich weiß nicht, ob die mir noch einen neuen Zettel geben, wenn ich mich jetzt verhaue. Erst mal setzen. Scheiße, ist mir drieselig. Mein Kreislauf ist echt im Arsch. Ich rück die beiden Zettel nebeneinander. Der eine ist so unglaublich lang, der will immer vorne die Tischkante runterrutschen. Völlig unnötig, dass der so lang ist, da unten stehen eh nur die ganzen Spaßparteien. Ich mach doch nicht extra den ganzen Aufwand mit dem Wählengehen, um dann meine Stimme zu verschenken. Aber oben, wo ich das Kreuz machen will, komm ich jetzt im Sitzen fast nicht mehr ran. Ich beuge mich nach vorn und mache zwei schräge Linien in den richtigen Kreis. Erst von links unten nacht rechts oben, dann noch von rechts unten nach links oben, sodass sie sich in der Mitte kreuzen. Links oben rutscht mir der Kuli weg. Und direkt unter mir rutscht mir der Stuhl weg. Und ich selber rutsche gegen die Wahlkabine. Und die Wahlkabine kippt zusammen mit mir auf den Boden. Was für ein scheiß Lärm. Mein Kopf!

Drei besorgte Gesichter über mir. Zu viel für mich. Mir geht’s gut. Ich knüll den Zettel zusammen. „Werfen Sie den für mich ein. Bitte.“ Dann krieche ich nachhause. Na ja, schwere Geburt. Aber was lange währt, wird endlich gut.

Die schönsten Songs zur Bundestagswahl

Vor einiger Zeit auf der Fête de la musique habe ich „Element of Crime“ gehört. Das war schön. Danach sind auf der gleichen Bühne „Virginia Jetzt!“ aufgetreten. Das war nicht so schön. „Virginia Jetzt!“ habe ich nach diesem Konzerterlebnis endgültig in der Schublade auf der „Bands, die so tun als würden sie Pop/Rock machen, dabei machen sie Schlager“ draufsteht, einsortiert. Wenn ich ihnen damit unrecht tun sollte, täte es mir auch nicht leid.

Neulich habe ich im Radio ein Interview mit Sven Regener, dem Sänger von „Element of Crime“ gehört, in dem er auf die Frage, ob eine Band Wahlkampf machen sollte, mit einer Gegenfrage antwortete: Mal angenommen, sagte er sinngemäß, ich finde eine Band so richtig scheiße und die machen Werbung für eine Partei, die ich eigentlich eher gut finde – soll ich die Partei dann nicht mehr wählen?

Einen Tag später habe ich ein Plakat der Grünen gesehen, das eine große Wahlveranstaltung ankündigte, auf der auch „Virginia Jetzt!“ auftreten werden. Da schließt sich der Kreis.

And now to something completely different:

Unter dem seltsamen Titel “Vorsicht Opposition” (Wieso „Vorsicht“? „Vorsicht Steinschlag!“ verstehe ich ja, aber wieso sollte ich mich vor einer Opposition vorsehen müssen?) schrieb vor ein paar Wochen jemand in der Wochenzeitung „Die Zeit“ in locker-flockiger Geistlosigkeit über eine weit und unscharf umrissene Gruppe aus „Internetrebellen, Nichtwählern, jungen Aktivisten“, die er zu „Vorkämpfern eines neuen politischen Bewusstseins“ erklärte. Diese Leute seien für „die Politik“, nicht aber „für die Parteien“ „zu gewinnen“. Hervorgehoben wurde dort besonders ein Lied, mit dem die Partei „Die Piraten“ Wahlkampf für sich macht. Denn:

„Der Refrain lautet: »Freiheit, Gleichheit, Demokratie, wir haben Werte und kämpfen für sie.« Wann hat man das letzte Mal junge Menschen Hymnen auf »Freiheit und Gleichheit« singen hören? Auf die »Demokratie«?“

Also ich persönlich hatte das vor ein paar Monaten erst. Es war ein prägendes Erlebnis, deshalb fiel es mir sofort wieder ein:

http://www.youtube.com/watch?v=QgfbMVuFr-s

Ja, das hat damals richtig Spaß gemacht, sich das anzuhören. Darum habe ich mir für das heutige Blog vorgenommen, mal die Wahlkampfauftritte der Parteien, die zur Bundestagswahl antreten, nach ähnlich spannendem Songmaterial zu durchforsten. Ein allerletztes Mal Spaßwahlkampf in diesem Blog. Bitte, die Laptoplautsprecher aufdrehen, tanzen und mitsingen!

http://die-violetten.de/images/stories/audio/Die_Violetten_Das_Lied.mp3

Hier präsentiert sich im Gegensatz zum inhaltsarmen und langweiligen Wahlkampf der etablierten Parteien eine politische Bewegung einmal wahrlich sprühend vor neuen Ideen und Energie. Ob die CDU da mithalten kann?

http://www.team2009.de/teamsong.html

Ich bin beeindruckt, das ist tatsächlich noch mehr brainwashed als das Lied der Violetten. Das ist die Merkel-CDU in Reinkultur. Poetischste Zeile: „Der Moment, der Weichen stellt, hier im Strom der Zeit“

Mal ehrlich: Dieser „teamdeutschland“-Schlager ist so ekelig, dass die übliche Peinlichkeit des goldigen CDU-Nachwuchses fast erholsam wirkt:

http://www.youtube.com/watch?v=_3j09mYUXnA&feature=related

Die Jungen Liberalen können’s noch besser. In musikalischer Hinsicht ganz klar mein Favorit. Unglaublich! Natürlich auch mit entsprechend irrem Text. Bitte, das müsst ihr wirklich gehört haben. Sonst glaubt ihr’s nicht.

http://www.julis-mannheim.de/index.php?id=3264

Zur Erholung jetzt erstmal sehr schön bodenständiges Liedgut. Die FDP ist halt auch kommunalpolitisch unschlagbar: „Gibt’s beim Landbau Durcheinander, fragt getrost Hans-Heinrich-Sander. / Der kennt nicht nur rote Früchtchen, nein, auch Schweinemast und Klee! / Wollt ihr Küstenschutz und Kuh, holt euch den Lübbo noch dazu – / wenn ihr fürs Land seid, wählt die FDP!“

http://www.gesine-meissner.de/Unser_Land_braucht_Liberale%5BJazz%20Edit%5D.mp3

Die FDP-Leute brauchen wirklich keine Kultursubventionen. Auch Angela Westfehling hat mich begeistert. Was für ein Refrain!

„Nur Blau-Gelb / Und die Mitte hält / Es wird weiter geh’n / Wenn wir die Farben sehn“

http://www.angela-westfehling.de/

Bei der Linken habe ich dagegen nicht viel mehr als eine sächsische Kommunalpolitikerin gefunden, die ein kurzes Lied singt. Allerdings typisch Linke, macht sie sich’s sehr einfach. Außerdem indoktriniert sie kleine Kinder.

Die Linke scheint ihr Liedgut zu DDR-Zeiten irgendwie schon verbraucht zu haben. Und wie sieht’s mit der DKP aus? Die haben einen eigenen Wahlkampfsong nicht nötig, weil sowieso alle Liedermacher in der DKP sind oder wenigstens waren. Und wenn gar nichts mehr geht, kann man sogar noch Funny van Dannens „Ich will den Kapitalismus lieben (aber ich schaff es einfach nicht)“ unter das Werbevideo legen (7:37) oder gleich zu den mitreißenden Reden tanzen (7:15):

Von den Grünen habe ich nichts gefunden. Es ist wohl schon schlimm genug, wenn „Virginia Jetzt!“ für einen aufspielen.

Schließlich zum Abschluss die ganz originelle Piraten-Bordkapelle. Bitte sehr: „Alle, die mit uns den Bundestag entern, müssen Piraten mit Werten sein. Freiheit, Gleichheit, Demokratie – wir haben Werte und wir kämpfen für sie.“ Diesen Text einfach so lange wiederholen, bis er nicht mehr hohl und beliebig klingt, wahlweise bis man’s nicht mehr aushält (ungefähr nach 1 Minute und 30 Sekunden – tatsächlich ungewöhnlich professionell von den Piraten, dass sie das Lied so kurz halten).

http://www.youtube.com/watch?v=Zzs_9suYC28

Einen hab ich noch, aber der ist außer Konkurrenz:

Dagegen haben die „Atzen“, die Komponisten des Originals („Hey das geht ab. Wir feiern die ganze Nacht.“) geklagt. Aus ihrer Sicht logisch, denn da hat mal ein anonymer Werbeprofi aus ihrem Müll, dadurch dass er ihn in den denkbar absurdesten neuen Kontext gesetzt hat, etwas gemacht, was mühelos als gute zeitgenössische Kunst durchginge. Und allein für den Zusammenschnitt der völlig debil grinsenden Parteispitze wäre ein Echo fürs beste Musikvideo fällig. Ich habe es mir gerade noch mal angehört. Das ist wirklich fantastisch. Das ist kein Wahlkampfsong für irgend eine anscheinend überflüssig gewordene Partei mit einem ideenlosen und zynischen Bürokraten als Vizekanzlerkandidaten, das ist politische Lyrik auf der Höhe der Zeit. Und apropos auf der Höhe der Zeit: Liebe Piratenpartei, so macht man das nämlich. Man scheißt aufs Urheberrecht und stellt das Zeug einfach anonym ins Netz. Als nächsten Schritt wird die SPD den Quellcode für das Programm Steinmeier online stellen.