Literaturkritikkritik

Die Straßen der Stadt sind wie ausgestorben. Kein Mensch ist zu sehen. Nur ein einzelner Graureiher blinzelt verwirrt in die Mittagssonne an der Ecke Müllertrasse/Seestraße. Nervös fragt er sich, was aus dem vuvuzelagleich unablässigen Motorengebrumm geworden ist, an das er sich so sehr gewöhnt hat. Der Grund für die Ruhe wird ihm wohl immer verborgen bleiben. Er weiß so einiges über die Sitten und Gebräuche seiner hominiden Nachbarschaft, aber dies hier geht weit über seinen Horizont. Wie auch sollte er ahnen, dass gerade die ganze Stadt wie gebannt vor den Fernsehgeräten sitzt, weil in einem weiter südlich gelegenen Land die besten ihrer Zunft in einem großen Wettbewerb aufeinander treffen.

Das Klagenfurter Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Pokal, dieses mediale Großereignis des deutschsprachigen Literaturbetriebs, bei dem seine neuen Sterne in den Himmel steigen und erstrahlen für die Ewigkeit oder aber abstürzen und verglühen, vom 24. bis zum 26. Juni fand es zum 34. Mal statt. Und der Sieger in diesem Jahr, es ist: ein Deutscher! JAAAAAHAHHAHAHHAHAHAHAHAHHA! OLEOLEOLEOLE! IHR KÖNNT NACH HAUSE GEHEN, IHR KÖNNT NACH HAUSE GEHEN! DOITSCHLAAAAND, DOITSCHLAAAND!

Ich zitiere aus einem Artikel, der im Online-Angebot einer bekannten Hamburger Wochengazette veröffentlicht wurde. Der Autor des Artikels, (ich schau nachher nach, wie der hieß, falls ich nachher noch dazu komme) schreibt darin u.a. Folgendes:

„Der Bachmannpreis 2010 ging an den 1954 in Rostock geborenen Peter Wawerzinek, der sich wohltuend von den zahlreich angetretenen braven Schreibschulabsolventenstrebern abhob, weil er, wie sofort zu bemerken war, nicht nur über eine gesättigte Lebenserfahrung verfügt, sondern auch weiß, wie er literarisch damit umzugehen hat. Der Siegertext, ein Auszug aus dem im August erscheinenden Roman Rabenliebe, ist die atmosphärisch bedrückende Geschichte einer verlorenen Kindheit in der DDR, intertextuell abgefedert und absolut sicher erzählt. Dass in diesem Fall etwas anders war als bei allen anderen, war deutlich und weithin spürbar, weswegen Wawerzinek auch den per Internetabstimmung vergebenen Publikumspreis gewann.“

Wie das so ist, die besten Texte habe ich wieder mal verpasst (weil ich zu dem Zeitpunkt Fußball geguckt habe, irgend ein drittklassiges Spiel, ich weiß auch nicht wieso). Deshalb kann ich über den Text von Peter Wawerzinek gar nichts sagen. Interessant ist natürlich, dass der Name des Autors auf einen irgendwo osteuropäischen Migrationshintergrund hindeutet, sich Deutschland mit einem solchen Sieger stolz als ein modernes Land mit gut integrierten Migranten präsentiert. Ein doppelter Grund zur Freude also.

Was ich nun leider gelesen habe, ist der Text von Dingens in der ZEIT-Online. Ich halte ihn für auf seine Art sehr aussagekräftig. Allein schon den hier zitierten Ausschnitt. Da wird zunächst höchst subtil ein Gegensatz zwischen einem lebenserfahren Herrn (Wawerzinek ist 54 geboren, also vermutlich 56 Jahre alt) und einer ganzen Anzahl junger Fast-Noch-Schüler, genauer gesagt junger Fast-noch-Schüler des besonderes eklen Typus Streber, aufgemacht. Ich überinterpretiere das mal ein bisschen gemein so: Die Jungen, die sollen doch mal Fußballspielen oder Pornos drehen, das ist das Vorrecht der Jugend! Und wenn sie dafür nicht die Körper haben oder andere Hinderungsgründe vorliegen, dann können sie doch bis sie fünzig sind ein ordentlich kaputtes Leben leben, das gibt dann nämlich später diese „gesättigt“ lebenserfahrenen Texte.

Schön wenn ein Journalist immer ein passendes billiges Klischee im Hirn hat, dann braucht er nämlich nicht denken und kann sich ganz aufs Schreiben konzentrieren. Das ist schließlich schwierig genug.

Wie schwer es gerade Dingens fällt, dieses Schreiben, das kann man seinem Artikel sehr gut entnehmen. Zunächst einmal ist aber positiv hervorzuheben, dass Dingens trotz seiner limitierten Fähigkeiten im schriftlichen Sprachgebrauch ein Rezensent ist, der ganz genau weiß, wie literarisches Schreiben nur gehen kann. Darum lobt er an Wawerzinek, dass das jemand sei, der wisse, wie literarisch mit der eigenen Lebenserfahrung umzugehen sei, d.h. umgegangen werden muss! Nämlich – und jetzt geht es in die pulitzerpreisverdächtigen Regionen journalistischen Sprachempfindens – „intertextuell abgefedert“ und „absolut sicher“ erzählend.

Dass es kein sonderlich sicherer Gebrauch von stilistischen Registern ist, wenn ein literaturwissenschaftliches Fachwort wie „Intertextualität“ einer sehr alltagssprachlichen Formulierung wie „absolut sicher“ begegnet, das sei hier nur am Rand bemerkt. Dieses Dingsda mit diesen stilistischen Register da, das ist so ne Sache, wenn du auf der einen Seite schon so voll klugscheißermäßig rüberkommen willst, dann aber doch so diese Lockerheit verströmen, dann passiert das halt. Mach ich ja auch meistens so. Unsere Gesellschaft ist da ja auch viel lockerer geworden bis hinein ins Zeit-Feuletong, äh Kulturteil. Besser ist es natürlich trotzdem, wenn sich bei Lektüre eines Artikels noch ein Bewusstsein erahnen lässt, das den Phrasengebrauch gesteuert haben könnte. Na ja, absolut nicht toll, aber auch kein Weltuntergang.

Aber über das mal eben da so hingeworfene und nicht weiter ausgeführte „intertextuell abgefedert“, komme ich einfach nicht hinweg. Was bloß könnte Intertextualität (also die Bezüge zwischen Texten) mit einer Federung zu tun haben? Dinges erklärt es nicht, ich kann nur raten.

Fahren Sie doch einmal die neue S-Klasse von Wawerzinek zur Probe! Selbst bei Tempo 250 auf Kopfsteinpflaster in der verkehrsberuhigten Zone gleiten Sie noch sanft dahin. Denn während sein gesättigt lebenserfahrener Motor Sie kraftvoll voranbringt, sorgt die perfekt abgestimmte Federung des innovativen Intertextualitätskonzepts des neuen Wawerzinek für ein absolut sicheres Lesevergnügen bei jeder Erzähl- und Straßenlage.

Natürlich erwartet niemand von einem Für-Zeit-Online-Schreiber, dass er so mit Sprache umgehen kann, wie einer der Autoren beim Klagenfurter Wettlesen. Darum ist er ja Kritiker und nicht Schriftsteller. Aber wer so schreibt wie Dingens, der wird einen sprachlich guten nicht von einem schlechten Text unterscheiden können, unter keinen Umständen.

Auch darüber würde ich mich normalerweise nicht weiter aufregen. Doch in diesem Fall löste der bewusstlose Sprachgebrauch in mir Fantasien über die Beschaffenheit des Nichtbewusstseins dieses Schreibers aus. Und vor denen grauste es mir plötzlich. [Zugegeben, das ist mal wieder typisch ich: Wenn mir vor den Vorstellungen in meinem eigenen Kopf graust, dann werde ich sauer auf die Welt da draußen. Selbst dann, wenn die gar nichts Schlimmeres tut, außer eben abgrundtief dumm sein.]

Normalerweise ärgert man sich ja nur über schlechte Kritiken zu Dingen, die man selbst gut findet. In diesem Fall kenne ich den Gegenstand der Kritik gar nicht und außerdem wurde der Autor sogar ausdrücklich gelobt. Doch ich leide mit dem, der so gelobt wird.

Ich wollte als 56-jähriger Autor jedenfalls nicht für meine Lebenserfahrung gelobt werden. Denn ich glaube nicht, dass das etwas wäre, worauf ich besonders stolz sein müsste, und mit Sicherheit täte es nichts zur Sache. Und schon mal gar nicht wollte ich dafür gelobt werden, dass ich wisse, wie man diese Lebenserfahrung literarisch zu verarbeiten habe. Denn es könnte doch sein, dass ich sie in meinem nächsten Werk auf ganz andere Weise zu verarbeiten beabsichtigen würde. Als halbwegs sensibler Autor wüsste ich ja, dass es da unzählige Möglichkeiten gibt. Und wenn dann noch ein Lob der Art käme, dass sich meine Erzählung so schön sicher und abgefedert anfühle, dass man sich gewissermaßen als Leser auch ein bisschen schlau fühlen könne, weil auch Intertextualität drin sei, das Ganze aber trotzdem nie unbequem werde, dann wäre mir endgültig schlecht. Und wenn ich dann noch gegen alle anderen ausgespielt würde, als der einzige halbwegs Begabte unter Deppen (die bekloppte Jury eingeschlossen), dann müsste ich mich schämen, ohne dass ich etwas dafür könnte.

Davon müsste ich mich erst erholen, doch nach einiger Zeit würde ich wohl begreifen: Ich bin ein ganz normaler Tagessieger im geistlosen Medienbetrieb. Vielleicht würde ich darin Trost finden.

Nur dass es Menschen gibt, die zwar so viel gute kluge Literatur gelesen haben müssen, dass sie kein Problem haben, die Intertextualität in meinem Werk zu erkennen, aus derem bewusstlosen Geschreibe sich am Ende aber bloß herauslesen lässt, dass sie ihre Lektüre gerne sanft abgefedert hätten, das würde mir ein wenig angst machen und mich vor allem desillusionieren, was die positive Wirkung von Literatur betrifft.

Ach was soll’s, würde ich mir dann wahrscheinlich denken. Und Fußballgucken gehen.

Sämtliche Beiträge der 34. Literaturtage in Klagenfurt (und auch die der vorangegangenen Jahre) kann man sich übrigens hier ansehen, voraussichtlich auch noch nach dem Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft. Das finde ich gut. (Ich habe zwischen den Fußballspielen sogar schon mal angefangen. aAuf den Text von Peter Wawerzinek hatte ich allerdings erst mal keine Lust. Das ist nicht seine Schuld, sondern die von Dingens, der für Zeit-Online schreibt.)

Michael und ich – das Sprachexpertenblog

Das Fußballexpertenblog ist irgendwie durch. Im Nachhinein weiß ich, dass es nicht anders kommen konnte. Es gibt ja nur drei Arten mit Fußball umzugehen: Man kann ihn spielen, gucken oder schimpfen. Spielen und gucken geht in einem Blog schon mal nicht. Und Schimpfen in schriftlicher Form ist ein absolutes Nogo/ no go /no-Go / noGO / no Go (in jedem Fall aber absolut). Manche labeln / etikettieren / beaufklebern niedergeschriebene Schimpfe zwar als Polemik, doch damit offenbaren sie nur ihre Ahnungslosigkeit. Denn Polemik hat Witz, Geschimpfe aber ist geistlos. Fußball kann intelligent gespielt werden, durchaus auch von Leuten, die in anderen Bereichen nicht durch intelligentes Verhalten auffallen. (Aber bitte keine unzulässigen Umkehrschlüsse jetzt! Danke.) Und Fußball kann intelligent geguckt werden. Wer Fußball intelligent spielt, guckt ihn auch meist intelligent: Er liest das Spiel, hat den Überblick, wie man sagt. Michael Ballack zum Beispiel ist in diesem Sinn ein intelligenter Fußballspieler. Könnte Marcel Reif Fußball spielen, wäre er vielleicht auch ein intelligenter Spieler. Wer weiß. Marcel Reif als Fußballkommentator aber ist ein Idiot. Doch das liegt in der Natur der Sache. Auch ich als Fußballkommentator bin ein Idiot (vielleicht ein nicht ganz so großer, vielleicht…). Darum beende ich mit einem gewissen Bedauern das Fußballexpertenblog, denn ich möchte mich nicht daran gewöhnen, ein Idiot zu sein. Es wäre ja peinlich, wenn ich in ein paar Jahren, mit 70, eine Art Franz Beckenbauer geworden wäre, mit dem Unterschied, mit 30 kein intelligenter Fußballspieler gewesen zu sein.

Zum Glück ist mir aber eingefallen, dass ich ja doch noch von etwas anderem etwas verstehe außer von Fußball, nämlich von Sprache. Die meisten haben Sprechen, Lesen und Schreiben gelernt. Ich auch. Aber darüber hinaus habe ich auch noch Sprache gelernt. Das macht mich zu etwas Seltenem, vielleicht auch zu etwas Seltsamen (doch hier ist Vorsicht geboten, sonst konstruiert man vorschnell einen falschen Ursache-Wirkung-Zusammenhang). Vor allem aber macht es mich zu jemandem, der sich locker selbst zum Experten machen könnte, wenn er wollte. Ich will. Ab jetzt finden hier nur noch Sprachkolumnen statt.

Das heißt, einen Fußballartikel muss ich noch machen. Anlässlich von Michael Ballacks ja nun wirklich unglücklichem Ende als Fußballnationalspieler möchte ich ein wenig über unsere Beziehung erzählen, denn er war eine wichtige Person in meinem Leben.

Kennengelernt habe ich Michael, da gehörte er noch zu den Guten. Da spielte er bei einem eher uninteressanten Verein namens Bayer Leverkusen, den ich zu diesem Zeitpunkt allerdings notgedrungen hochinteressant finden musste, weil er sich gerade anschickte vor dem FC Du weißt schon wer deutscher Meister zu werden. Dazu hätte Leverkusen nur noch ein letztes Spiel gewinnen müssen und zwar gegen einen nicht allzu starken Gegner. Leverkusen aber verlor das Spiel, und der Dunkle Verein gewann die Meisterschaft. Der junge Michael trug einen nicht unwesentlichen Teil zu der Niederlage bei: Er köpfte unbedrängt und unhaltbar ins eigene Tor.

Ich lernte Michael also in einer für uns beide sehr peinsamen Situation kennen. Mein erster Impuls wäre gewesen, ihn ein wenig mit mittelschweren Pflastersteinen zu bewerfen. Doch dazu hätte ich in seine Nähe reisen müssen, und das dann auch noch mit einem Rucksack voller Steine. Das hätte meinem Rücken geschadet. Außerdem verflog meine Wut recht schnell. Noch vor Beginn der nächsten Spielzeit erschien mir Michael als eher tragische Figur. Mit tragischen Figuren konnte ich mich immer am besten identifizieren, weil ich stets bemüht war, entgegen aller Evidenz, mich selbst als eine solche zu sehen.

Beim Sportgucken geht es ja ums Identifizieren. Mir ging es jedenfalls immer darum. Da machen diese Typen da etwas vor einem riesigen jubelnden Publikum und man selbst, der in der großen Pause Fußball spielt, träumt sich in den Avatar einer solchen Person hinein, wie sie im weltweiten Freudentaumel von Millionen einen hässlichen Pokal in den Abendhimmel reckt. Das Schräge daran ist, dass dieses ganze Publikum vermutlich auch nur jubelt, weil sie sich vorstellen, dass sie selbst das wären, dort unten auf dem Rasen. Das heißt, wenn man einen (oder elf) bejubelt, stellt man sich vor, man würde von Tausenden bejubelt, und vergisst dabei, dass die, vorausgesetzt sie ticken ähnlich, ja auch dann noch, wenn man selbst der Bejubelte wäre, nur sich selbst bejubeln würden, man wäre gar nicht wirklich gemeint. Im Endeffekt ist das natürlich alles eins, wir alle eins, Bier und Schweiß, Deutschland ist Weltmeister, Orgasmus.

In gewisser Weise lassen Fußballfantasien mit dem Alter ein wenig nach. Allerdings glaube ich kaum, dass nachlassender Narzissmus oder ein erfüllteres Leben der Grund dafür wären. Eher liegt es wohl daran, dass einem als Grundschüler eben noch alle Wege offen zu stehen scheinen. Wenn man erst mal in mein Alter gekommen ist, ist das nicht mehr ganz so. In manchen Bereichen merkt man das weniger, aber an der nachlassenden Qualität der Fußballtagträumereien kann man recht gut an sich selbst fühlen, dass es Türen gibt, die sich bereits für immer vor einem verschlossen haben. Mit der Profifußballerkarriere jedenfalls wird das nichts mehr. Und man fragt sich, wie viele der verdammten Türen nur und einzig und allein für einen selbst dagewesen sein mögen. Mit den Figuren in Kafkas Erzählungen mochte ich mich übrigens nie identifizieren. Mit Michael immer wieder.

In der Saison nach seinem missratenen Einstand kam Michael mit Leverkusen ins Finale der europäischen Champions League. Leverkusen. Europa. Ich stelle die beiden Worte hier einmal unkommentiert nebeneinander. Das war natürlich sensationell und natürlich verlor Leverkusen das Finale. Eher sang- und klanglos, und Michael war das ganze Spiel lang abgemeldet. In der Nationalmannschaft spielte er inzwischen auch, er trug die Trikotnummer 13 und machte der Unglückszahl auf seinem Rücken alle Ehre. Michael war der beste deutsche Fußballer, und er spielte im Mittelfeld. In der guten alten Zeit hätte er die 10 getragen, die Nummer, die im Fußball traditionell den Leitwolf kennzeichnet. Doch Michael wollte anscheinend kein Leitwolf sein. Stattdessen kokettierte er mit der Tatsache, dass er seinen Vereinen in den wichtigen Spielen bislang nicht unbedingt Glück gebracht hatte. Das blieb auch so. Michael schaffte das Triple: Zweiter in der Bundesliga, Zweiter in der Champions League, und kurz darauf tatsächlich auch Zweiter mit der Nationalmannschaft bei der WM 2002. Im letzten Fall musste er sich die Finalniederlage seiner Mannschaft hilflos von der Bank aus ansehen, weil er nach einer Gelben Karte im Halbfinale für das Finale gesperrt war. Michaels Fußballerkarriere hatte noch gar nicht richtig angefangen, und er sah schon aus, wie ein ewiger Verlierer. Doch statt zur Spottfigur machte ihn das nationale Publikum zum tragischen Helden. Ich auch.

War das jetzt nationale Bescheidenheit oder dieses Denken, als Zweiter ja eigentlich der moralische Sieger zu sein, gegen den sich dummerweise alle Schicksalsmächte verschworen hätten? Ich gehe von mir selbst aus und behaupte: echte Bescheidenheit, die gibt es doch gar nicht. Jedenfalls blieb uns allen auch gar nicht viel übrig, als Michael weiter zu vergöttern, denn es gab ja keinen anderen, der ähnlich gut gewesen wäre.

Doch dafür, dass sie einen vergöttert, will die Öffentlichkeit auch etwas zurückhaben. Sie hält es für ihr gutes Recht, von ihrem Idol bestimmte Dinge einfordern zu können. In diesem Fall wollte sie von Michael: Kämpfernatur und Siegermentalität und natürlich Führungsstärke, denn wenn du der Beste bist, dann musst du auch führen. (Im Sport soll das nach diesem einfachen Prinzip funktionieren, weil es im Restleben eben gerade nie so funktioniert: die „Besten“ sind ja meistens Spezialisten und die Führer sind Organisatoren und/oder Darsteller, die eigentlich nichts so richtig können.)

Letztendlich tat Michael immer, was man ihm sagte. Und obwohl es ihm spürbar nicht entsprach, wurde er zum Führungsspielerdarsteller. Für mich war er jetzt nicht mehr der Gute, doch ich konnte nicht anders, als ihn weiter zu bewundern. Er ging zum Dunklen Verein – das deutsche Publikum wollte sehen, wie er ihn wieder an die europäische Spitze führte – und gewann dort keinen einzigen internationalen Titel. Dann ging er zu einem Spitzenclub der englischen Liga – das deutsche Publikum wollte hören, dass ein deutscher Fußballer auch im Ausland gefragt ist, auch in der, wie es hieß, „härtesten Liga der Welt“ – und gewann dort keinen einzigen internationalen Titel. Auf den Tabellen, die die Fußballfans doch sonst so gerne mit großen Augen bestaunen, blieb Michael, zumindest gemessen an seinen Möglichkeiten, der Verlierer, der er schon immer gewesen war. Doch in seinem besonderen Fall sah man nicht so genau hin. Michael schnitt sich für England seine Jünglingsfrisur wieder ab und verpasste sich einen männlichen Kampfhaarschnitt. Er, der, wenn er wollte, Fußball fast wie körperlos interpretieren konnte, spielte sich nun als das Alpha-Tier auf dem Platz auf, drängelte und schubste, pöbelte und schrie, lernte einen Blick, als sei er Oliver Kahn persönlich, und verteilte auch schon mal Ohrfeigen an lästige jüngere Spieler. Gebracht hat es ganz genau gar nichts. Im Finale der EM 2008 durfte Michael anders als bei der WM 2002 mitspielen. Doch Deutschland verlor klar und deutlich, und Michael war das Spiel über abgemeldet. Danach war er der einzige, der so gar keine Lust hatte, den zweiten Platz zu feiern.

In meinen schwachen Momenten, in denen ich mich, obwohl inzwischen viel zu alt dafür, doch wieder wie ein Grundschüler mit meinem Lieblingsspieler identifizieren wollte, versuchte ich seine Metamorphose an mir nachzuträumen. Ich blieb immer wieder nur an der Unwilligkeit hängen, mit der Michael sie, wie es mir zumindest schien, an sich selbst vollzogen hatte. Anders als Michael hatte ich keine Erwartungen eines Millionenpublikums zu erfüllen. Vielleicht wäre ich an ihnen zerbrochen, und doch: ich beneidete ihn darum. Viel Sinn ergab das nicht. Ich wusste nicht, was ich wollte, und ich sah einen Star, von dem ich wusste, dass er es auch nicht wusste, obwohl der Rest des Publikums das nicht zu bemerken schien.

Am Ende hat sein mühsam antrainiertes Aggressive-Leader-Verhalten Michael dann doch etwas gebracht, wenn auch nicht im positiven Sinn. Die letzte Ohrfeige, die er austeilte, traf einen prolligen Deutsch-Ghanaer aus dem Wedding. Der rächte sich, indem er Michael bei nächster Gelegenheit mit Vollgas auf die Füße stieg. Die Verletzung war so schwer, dass Michael die WM absagen musste, die seine letzte Chance gewesen wäre, doch noch mal einen internationalen Titel zu gewinnen. Er hätte ihn ohnehin nicht gewonnen.

Die Wege von Michael und mir trennen sich hier, und ich denke, das ist auch gut so. Ich wünsche ihm für seinen weiteren Lebensweg alles Gute. Adieu Michael, du warst der mit Abstand beste deutsche Fußballer deiner Generation. Und was immer auch aus uns wird, solange wir es schaffen, nicht bei Lebzeiten zu mumifizieren, solange wir niemals wie Franz Beckenbauer werden, solange ist wahrscheinlich alles in Ordnung.

Ich werde also nicht mehr über Fußball bloggen. Denn ich finde, dass ich alles gesagt habe zum Thema. Nun also das angekündigte Sprachexpertenblog:

Ach nöö, ist zu heiß…

Willst du Sprachexperte, guckst du hier.

Wird Deutschland untergehen?

Der Beginn meiner neuen Tätigkeit als Fußballblogger fällt in eine Zeit, in der Fußballdeutschland geradewegs auf den Abgrund zuzutaumeln scheint. Die Hauptstadt ist heruntergewirtschaftet und nunmehr nur noch zweitklassig, dagegen schickt sich der Verein aus dem ulkigen kleinen südlichen Nachbarland an, den Pokal als beste Mannschaft Europas zu holen.  Doch diese Schreckensmeldungen, sie verblassen im Angesicht der neuesten Hiobsbotschaft: Unser Leitwolf Michael Ballack, er wird unser Team nicht bei der Weltmeisterschaft auf dem dunklen Kontinent anführen. Ballack, der nach langen Jahren, auf der britischen Insel endlich das Andy-Möller-Syndrom abgelegt hatte und zum echten Mann herangereift war. Dieser beste Fußballer, den wir haben, er wurde brutal außer Gefecht gesetzt von ausgerechnet einem Berliner Intensivtäter mit afrikanischem Migrationshintergrund. Ein Gangster, der sofort des Landes verwiesen gehörte, wenn er nicht  schon in England spielen würde.

Unter solch düsteren Vorzeichen ist der dank Ballack sicher geglaubte Vizeweltmeistertitel wohl kaum mehr zu holen. Deutschland wird kleinere Brötchen backen müssen. Wichtig ist jetzt, dass wir uns einigermaßen ehrenvoll aus der Vorrunde verabschieden. Nichts wäre fataler für das internationale Ansehen der Bundesrepublik, als wenn unsere Jungs von den Gruppengegnern mit drei dreistelligen Zu-Null-Klatschen nach Hause geschickt würden. Doch die Gefahr, das wird wohl niemand abstreiten, besteht.

Konkret kann das für die verbleibenden Wochen bis zum Beginn der Spiele nur eines bedeuten: Rückbesinnung auf die deutschen Tugenden, das heißt: Kampfgeist, Willenstärke und taktisches Foulspiel. Doch sind die Jogi Löw verbliebenen Spieler wirklich dazu in der Lage das abzurufen? Viele Menschen bezweifeln es. Was jetzt nötiger erscheint denn je, vielleicht so nötig wie noch nie in der Geschichte des deutschen Fußballs, ist ein knallhartes Trainingsprogramm. Jeder dieser jungen Profispieler, die das Trikot mit dem Adler tragen, muss bis an seine Schmerzgrenze gehen. In einer Situation wie der, in der wir uns jetzt befinden, können wir als einstmals große Fußballnation es uns nicht leisten, jemanden mitzuschleppen, der dazu nicht bereit ist. Für den DFB kann das nur eins bedeuten:  Es muss ein tabuloses Training aufgezogen werden. Oder wenn nicht tabulos, dann wenigstens gnadenlos, wie Anne Will gestern in einem ähnlichen Zusammenhang verlautbaren ließ.

Doch trotz aller düsterer Prognosen noch besteht Hoffnung. Und wer weiß, vielleicht naht die Rettung aus einer Ecke, aus der sie niemand vermutet hätte: „Wenn Jogi Löw anfragt, ich bin bereit für den Michael einzuspringen, und Verantwortung für den deutschen Fußball zu übernehmen“, so Lothar Matthäus heute gegenüber BILD.