Predigt

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Das Fußballexpertenblog

Die Konzeption des Rauhaublogs hat sich in den letzten Monaten offensichtlich totgelaufen. Eine ausführliche Würdigung von Blogleichen findet sich hier. Dem muss ich nichts hinzufügen. Ich kann nicht länger in völlig unklaren Formen über Dinge schreiben, von denen ich nichts verstehe, und am Ende immer nur wieder bei mir selbst landen. Davon muss man depressiv werden. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden – und diese Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen –, ab heute hier nur noch über Dinge zu schreiben, von denen ich etwas verstehe. Das heißt erstens, nichts mehr über mich selbst, denn davon verstehe ich nun wirklich nichts. Zweitens, nichts mehr über irgend ein anderes Thema, denn ich verstehe nichts davon. Außer drittens: über Fußball, denn von Fußball versteht jeder etwas, dann ich also auch, denn sonst wäre es ja nicht jeder.

Aus Berliner Sicht muss ich zunächst etwas über Hertha schreiben. Hertha ist letzten Samstag aus der 1. Fußball-Bundesliga abgestiegen, und das ist sehr traurig. Es ist aber auch keineswegs unverständlich, sondern eine logische Folge der letzten Saison. Als Hertha damals überraschend um die Meisterschaft mitspielte, hörte ich einen Berliner Studenten, kein gebürtiger Berliner, also höchstwahrscheinlich ein Anhänger entweder des VfB Stuttgart oder des SC Freiburg, vor der Staatsbibliothek zu seinem Freund folgende Worte sagen: „Wenn es einen Fußballgott gibt, dann steigt Hertha nächstes Jahr ab. Als Ausgleich für das ungeheuerliche Glück, das die diese Saison haben.“ Ich habe bis heute niemandem von diesem mitgehörten Gesprächsfetzen erzählt. Ich hatte eine abergläubische Furcht, es damit erst recht zu beschreien. Jetzt ist es trotz meiner Zurückhaltung geschehen, jetzt kann ich es auch hinschreiben.

Damit sind die Gründe für den Hertha-Abstieg ausreichend ausführlich beleuchtet. Bis auf einen klitzekleinen Fehler in der Argumentation. Denn natürlich gibt es keinen Fußballgott, es gibt nur einen Fußballteufel. Der Beweis dafür ist die Existenz des FC Du-weißt-schon-wer. Der Dunkle Verein kann es sich leisten, alles falsch zu machen, was man falsch machen kann. Dann wird man eben einmal nur Dritter, aber pleite geht man davon nicht, und für nächste Saison packt man einfach noch ein bisschen Geld drauf und schon gewinnt man wieder alles, was zu gewinnen ist. Zu diesem Thema gibt es im Deutschen eine gute alte volkstümliche Spruchweisheit, die da lautet: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“ Hertha ist also mal wieder abgestiegen aus dem gleichen Grund, aus dem Du-weißt-schon-wer Rekordmeister ist: der Fußballteufel findet’s lustig.

Ich fürchte, so langsam steigen hier ein paar meiner Leser aus. „Was soll diese Bitterkeit?“ werden sie sagen. „Es ist doch alles bloß ein Spiel.“ Die Begründung ist natürlich vorgeschoben. Jeder weiß, dass es kein Spiel ist, sondern Krieg mit vergleichsweise humanen und vor allen Dingen kostengünstigen Methoden. Denn ein Stürmer wie Robben mag ganz schön viel Geld kosten, aber mal so richtig nach Lust und Laune bei Lockheed Martin shoppen gehen, ist halt doch noch ein bisschen teurer. Anders ausgedrückt: Wäre der FC Du-weißt-schon-wer nicht Rekordmeister, dann würde eine ulkige Spaßpartei wie die CSU bei keiner Bayerischen Landtagswahl über die 5%-Hürde kommen. Umgekehrt würde niemand es wagen, über das dreckige und asoziale Berlin herzuziehen, wenn Hertha im Champions-League-Finale stünde. Leute, die eine Ausflucht bemühen, die derart durchsichtig ist, wie die, dass Fußball nur ein Spiel sei, wollen in Wahrheit bloß von ihrer eigenen zwielichtigen Todesser-Rolle ablenken. Sie wollen davon ablenken, dass sie dem Dunklen-Verein im Champions-League-Finale vor dem Fernseher, am Ende gar beim Public Viewing, unterstützen werden, einzig und allein aus dem Grund, dass sie ahnen, dass es die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der nächsten WM nicht sonderlich weit bringen wird, und darum ersatzweise die Soldateska des FC Du-weißt-schon-wer als ihre Heerschar im Stellvertreterkrieg betrachten.

Gut, Du-weißt-schon-wem wünsche ich jedenfalls ein erfolgreiches Finale. Hier schon mal ein bisschen Tanzmusik, falls es was zu feiern gibt.

Und Jupp Heynckes hat also gesagt, er habe noch nie eine Mannschaft gesehen, die so gut spielt wie Hertha und absteigt. Das sind ja keine Trostworte, ein Trost könnte das sowieso nicht sein, es ist ja einfach das, was alle gesehen haben. Und man weiß nicht, ist der Abstieg, wenn eine Mannschaft meistens besser spielt, aber nie gewinnt, nun umso verdienter, weil sie es doch gekonnt hätte und nur irgendwie zu blöd war, oder ist er einfach nur ein riesengroßes weltumspannendes Unrecht. Eine typische Frage, über die Fußballexperten, also alle, fruchtlos und geistlos und immer wieder von neuem diskutieren können.

Ich habe mir in den letzten Monaten übrigens auch die ein oder andere Chance erspielt in meinem Leben, und zum Teil sah das sogar ganz gut aus, fand ich. Und ich habe sie auch alle versemmelt. Aber erste Liga bin ich eh nicht, da ist das nicht so wichtig. Den letzten Absatz bitte streichen, diese Art von Bloggerei findet im Raushaublog nämlich nicht mehr statt.

Sondern nur noch Fußball. Nachdem in der letzten Woche die völkischen Beobachter der Bild-Zeitung und ihrer Ableger (also alle anderen Medienerzeugnisse) das Griechenland-Bashing etwas heruntergefahren haben (so kommt es mir jedenfalls vor), muss ich wie ein richtiger Führungsspieler mit echten Kämpferqualitäten noch mal ein bisschen nachtreten. Die Griechen haben uns Deutsche schon einmal übel über den Tisch gezogen. Das am Boden liegende Fußballland flehte damals den Deutschen Fußballbund um Unterstützung an. Großzügig spendete der einen noch gut erhalten Alttrainer, exklusiv mit kleinen Macken.

Der Dank war bekanntlich, dass wir mal wieder in der Vorrunde ausschieden und die Europameister wurden. Damit haben die Griechen auf lange Jahre jeden Kredit verspielt. Und außerdem gilt: Innerhalb Deutschlands sind es die Armen und Kranken, die unser Geld verprassen, das kann man den Mittelreichen im Land erzählen. Innerhalb der EU sind es dann die armen Länder, die unser Geld verprassen, das kann man dann sogar den Armen im Land erzählen, usw.

Und jetzt natürlich noch das großangekündigte Schlagerspiel vom letzten Samstag: die Schwarzen gegen die Grünen. Es war ein unglaublich ödes 0:0. Dabei hatten sich im Vorfeld alle so auf den Pokalfight des Jahres gefreut: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ Einziger Höhepunkt der glanzlosen Vorstellung beider Mannschaften blieb dann aber diese gelbverdächtige Tätlichkeit von Grün, die der Schiedsrichter nicht ahndete.

Vom Platz verwiesen wurde stattdessen Wolfgang Thierse. Thierse war bereits im Vorfeld wegen wiederholter moralischer Integrität verwarnt worden, sodass dem Schiedsrichter am Ende gar nichts anderes übrig blieb, als ihm die Rote Karte zu zeigen. Die Angelegenheit wird für Thierse ein Nachspiel haben. Die Reichsmutterkreuzbeauftragte Chrissie Dingens sprach von einem ganz schlechten Vorbild für die Jugend. „Wenn die Kids sehen, dass da ein erwachsener Mensch einfach so Nazis daran hindert, durch die Reichshauptstadt zu marschieren, dann denken sie am Ende, die Alten halten ja nicht nur Sonntagsreden, die verhalten sich sogar entsprechend. Wie soll ein Jugendlicher, der so etwas sieht, denn bitteschön sich noch rebellisch gegen die Verlogenheit der Elterngeneration auflehnen? Nehmen Sie als Gegenbeispiel Bischof Mixa. Können Sie sich vorstellen, dass dieser ehrenwerte Mann eine Ordnungswidrigkeit begehen würde, um unsere Demokratie zu verteidigen? Natürlich nicht, da wäre er ja schön blöd. Das ist ein Vorbild für die Jugend, wie ich es mir wünsche. So einem Mann würde ich immer wieder aufs neue meine Kinder anvertrauen“, so Chrissie Dingens wörtlich.

Auch Rainer Wendt, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, hat Thierse scharf kritisiert und ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn beantragt: Wer im Verbund mit linksextremistischen Terroristen den Nationalsozialisten ihr Recht auf freie Volksverhetzung abspreche, der trete damit jene Werte der Sozialdemokratischen Partei mit den Füßen, für die sich in der Vergangenheit Politiker wie Wolfgang Clement und Thilo Sarrazin so glaubwürdig stark gemacht hätten.