Natrix Natrix Natrix

Natrix, Natrix, Natrix – dreimal Natrix heißt die (nördlichere Form der) Ringelnatter auf Biologisch. Mehr Natter geht nicht. Natrix Natrix Natrix ist der Prototyp, in Mitteleuropa die Schlange schlechthin. Auch Ringelnatter ist ein fantastischer Name für eine Schlange. Denn was tut so eine naturgemäß? Sie ringelt sich. Für noch mehr Schlange im Namen müsste sie schon Schlängelschlange heißen, doch das wäre banal. Natrix Natrix Natrix hat zwei Halbmondflecken am Hinterkopf, sodass man denken könnte, sie trüge einen Ring um den Hals wie die Ringeltaube. Ringeltaube – was für ein langweiliger Name für eine Taube!

Früher, ganz früher hieß die Ringelnatter einmal Unke – vom althochdeutschen unkvi, das vom lateinischen anguis kommt, was Schlange bedeutet. Den Namen musste sie dann an die heute noch unter ihm bekannte Krötenart abtreten. Da haben die Sprachpfleger vor Hunderten Jahren offensichtlich mal wieder nicht aufgepasst, denn dass eine Kröte Schlange heißt, so etwas dürfte es in einer ordentlich sortierten Sprache niemals geben!

Die gelben Halbmondflecken am Kopf ließen Natrix Natrix Natrix in alten Märchen und Sagen zur Schlange mit dem Krönchen werden. Außer ihrem Krönchen hat sie meistens noch einen ganzen Berg Schätze bei sich unter der Erde. Manchmal hilft sie dem Helden. Sie mag es, wenn man ihr ein Schälchen mit Milch hinstellt.

Im Märchen von der Unke tut das ein kleines Mädchen. Das Märchen von der Unke gehört zu jenen Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm, die sich besonders alt anfühlen. Nicht wie aus der Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat, sondern wie aus der Zeit noch vor dieser Zeit. Der Zeit, in der Menschen und Dämonen ganz selbstverständlich zusammenlebten, selbstverständlicher selbst als in den anderen Märchen.

Das kleine Mädchen im Märchen von der Unke teilt jeden Tag die Milch, die ihm seine Mutter mitgegeben hat, mit der Schlange und freut sich über ihre Gesellschaft.

„ […] und wenn es mit seinem Schüsselchen dasaß und die Unke kam nicht gleich herbei, so rief es ihr zu:
‚Unke, Unke, komm geschwind,
komm herbei, du kleines Ding,
sollst dein Bröckchen haben,
an der Milch dich laben.’“

Und dann kommt die Schlange und bringt dem Mädchen kleine Geschenke aus ihrem Schatz. Die Mutter hat dem Mädchen aber außer der Milch zum Trinken Weckbrocken zum Essen mitgegeben. Die bietet es der Schlange auch an und versteht nicht, dass sie sie verschmäht. Eines Tages schlägt es ihr deshalb leicht mit seinem Holzlöffelchen auf den Kopf und sagt ihr, sie solle auch von den Brocken essen. Die Mutter sieht ihr Kind mit der Schlange sprechen und wie es ihr mit dem Löffelchen auf den Kopf schlägt, kommt mit einem Holzscheit aus der Küche gelaufen und tötet die Schlange damit. Daraufhin wird das Kind traurig und krank, und schließlich stirbt es bald.

Nicht, dass ich etwas davon verstünde, aber mir kommt das Märchen schamanisch vor, weil es nicht stark zu trennen scheint zwischen den Menschen auf der einen Seite und den Tieren auf der anderen, sondern davon ausgeht, dass unsere Seelen (oder unsere Dämonen) auch in den Tieren sind (und umgekehrt). Für mich ist es eine Geschichte davon, wie eine Mutter die Seele ihres Kindes tötet. Ich denke, es ist eine zeitlose Geschichte.

Die Ringelnattern auf den Fotos sind Berliner Tiere, die ich diesen Sommer im Spandauer Forst fotografiert habe. Ich war einige Male dort und obwohl ich oft, sogar meistens, wenn ich da war, eine Ringelnatter gesehen habe, ist es mir nicht immer gelungen, gute Fotos zu machen – oder auch nur überhaupt welche. Das lag daran, dass mich Natrix Natrix Natrix meistens etwas schneller bemerkte als ich sie, und dann reicht es normalerweise nur noch für Fotos von Schwanzspitzen.

Zum Schluss noch, was beim Thema Schlangen alle als erstes wissen wollen: Natrix Natrix Natrix ist ungiftig und für Mensch, Hund und Katz absolut nicht gefährlich. Wenn man in Deutschland einer Schlange begegnet, ist das normalerweise sie. Wenn sie diese schicken Halbmondflecken hat, ist sie es mit Sicherheit. Die Giftschlange, der man in Deutschland begegnen könnte, ist die Kreuzotter (und in ganz wenigen Gegenden auch die ähnliche Aspisviper). Bissunfälle mit Kreuzottern verlaufen ungefähr einmal in hundert Jahren tödlich. Wenn die Kreuzotter bei einem Abwehrbiss tatsächlich Gift abgibt, was sie keineswegs immer tut, kann das aber, wenn es doof läuft, auch den berühmten gesunden, erwachsenen Menschen ganz ordentlich krank machen. Ein sehr effektiver, in 99 Prozent der Fälle wirksamer Schutz vor Schlangenbissen ist es, keine Schlangen zu fangen oder anzufassen.

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Der Wechselblag

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Der folgende Text hat 4905  Zeichen (incl. Leerzeichen) und ist „Ich-schreibe-wie“-zertifiziert mit dem Gütesiegel:

Ich schreibe wie

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

Am Ende des Textes befindet sich als Belohnung für die Mühen des geneigten Lesers zur Entspannung ein Überraschungs-Youtube-Clip.

Der Text als Premium-Hörbuch:

Der Text als Text:

In einem kleinen Ort im Straucheln (bei Dürsen) lebten ein Mühler (damals sagte man noch richtig Mühler von Mühle und nicht Müller wie heute) und seine Frau. Die hatten drei Söhne (und eventuell eine irrelevante Anzahl unmaßgeblicher Töchter). Zwei der Söhne waren haargenau so, wie man sich das von guten Söhnen nur wünschen konnte. Der älteste Sohn aber war boshaft wie eine böse Stiefschwiegermutter (aus Bayern), garstig wie ein pubertäres Warzenschweinferkel (mit Pickeln), falsch wie eine Schlange (Blindschleiche) und häßlich wie die Nacht bei Neonlicht von einigen 1000 Grad Kelvin.

Da es, wie gesagt, der älteste Sohn war, waren nach ihm noch zwei Söhne nachgekommen, die so wunschgemäß gut ausgefallen waren, daß es nur so eine Art hatte. Man konnte demnach ohne Übertreibung behaupten, daß der Mühler und seine Frau, so gesehen, noch einmal Glück im Unglück gehabt hatten. Dennoch wurde ihnen das Leben mit ihrem ältesten Sohn mehr und mehr zu einer Last, denn er wurde mit jedem Tag, den er älter wurde, nur immer garstiger und noch mehr garstiger. Es war ganz offenkundig, daß es sich bei ihm um ein sog. Wechselblag handelte, d.h. die Unterirdischen waren in der Nacht nach der Geburt des ersten Sohnes in das Kämmerlein mit der Wiege geschlichen, hatten den wirklichen Sohn zu sich in die Unterirde entführt und stattdessen einen der ihren für ihn hineingelegt, auf daß er dem armen Mühler und seiner Frau und auch allen anderen Menschen, mit denen sie verkehrten, möglichst vieles an großem Ungemach bereiten möge. Auch die beiden anderen Söhne (und wahrscheinlich auch einige der ansonsten irrelevanten Töchter) machten ihre Eltern immer wieder darauf aufmerksam, doch diese wollten nicht hören. Immerhin war es ihr Erstgeborener! Und die Mutter hätte außerdem ein viel zu gutes Herz gehabt, als daß sie es über dasselbe gebracht hätte, den Wechselblag zusammen mit einigen Wackersteinen in einen Sack zu tun und im Fluß zu versenken, wie es ihr ihre beiden anderen Söhne immer wieder vorschlugen (und auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl der darüberhinaus aber irrelevanten Töchter).

Lange konnte das nicht mehr gut gehen, denn inzwischen war der garstige Lump seinen Eltern über den Kopf gewachsen und nutzte das auch schamlos aus, indem er ihnen, kaum war er einen Kopf größer als sie, zum Frühstück, Mittagessen und zum Abendbrot ihre Haare direkt vom Kopf weg äste. Im Falle seines Vaters war das nicht weiter der Rede wert, denn sein Haarwuchs konnte schon vorher traditionell nur als spärlich bezeichnet werden. Doch mitanzusehen, wie er die wunderschönen goldenen Locken seiner gutherzigen Mutter auf eine Gabel wickelte und ungewaschen in sein dreckiges Maul stopfte, das war zum Steinerweichen. So beschlossen denn die beiden jüngeren Brüder des Scheusals (auf Drängen ihrer irrelevanten großen Schwester Gudula), dem schaurigen Schauspiel endlich ein Ende zu machen und das Wechselblag bei nächster Gelegenheit an Army Scouts zu verkaufen.

Die Gelegenheit bot sich ihnen schon am nächsten Tage, denn es standen immer einige Army Scouts vor der Schule, in die die Geschwister noch immer gingen (der älteste Bruder war dort schon sieben Mal sitzen geblieben). Aber Pustekuchen! Die Army Scouts nahmen aus Jugendschutzgründen Minderjährige nur dann ab, wenn eine Unterschrift eines Erziehungsberechtigten vorlag und die hatten sie natürlich nicht. Doch glücklicherweise konnte Gudula (die in dieser Geschichte weiter keine Rolle spielt) sehr gut Unterschriften fälschen und erledigte das für sie in der kleinen Pause. So kam es, daß sie den Wechselblag noch in der nächsten großen Pause verkauften.

Die Army zahlte stattliche Preise für neue Soldaten und so kamen die zwei Söhne in den Besitz von drei ganzen Goldtalern. Da sie aber nur zwei Söhne waren, wußten sie zunächst nicht, wie sie das ganze Gold untereinander aufteilen sollten, doch als gute Söhne beschlossen sie schließlich, von dem einen übrigen Goldtaler ihren Eltern etwas Schönes zu kaufen. Für einen ganzen Goldtaler konnte man eine ganze Menge bekommen. Zum Beispiel einen Tablett-PC, einen Esel für die Mühle, einen Kleinwagen mit Hybridantrieb, zwei Wahlgutscheine für das Bezirksparlament oder eine Eintrittskarte für Günther Jauch. Schließlich entschieden sie sich aber für ein kleines Maschinengewehr, weil in dem Wald, wo die Mühle stand, sich auch viele zwielichtige Gestalten herumtrieben und die ganze Mühlersfamilie in ständiger Angst vor Überfällen lebte.

Ihre Eltern freuten sich über die Maßen darüber, und was das verkaufte Wechselblag anging, so fügten sie sich sehr schnell darein, daß es für alle das Beste war, wenn er bei der Army das Kriegshandwerk lernen und nach einigen erfolgreichen weltweiten Operationen zuguterletzt sein Ende im Friendly Fire finden würde. Und so lebte die Mühlersfamilie glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Nur die Unterirdischen ärgerten sich sehr über diesen Fehlschlag.