Heinrich II.

Deutschland, 31. Mai 2010: Vorgestern noch ein Land im kollektiven Freudenrausch, heute am Boden der Tatsachen zerstört. Ein Grund für den Schreiber dieses Fußballblogs, in sich zu kehren und staubzusaugen. Es ist dies nicht mehr die Zeit für lockeres Wortgeplänkel über „König“ Fußball. Es ist nun die Zeit, über Dinge von wirklich nationaler Bedeutung nachzudenken. Der Präsident dieses Landes ist von uns gegangen in den hochdotierten Ruhestand, und unser Volk steht in trauernder Fassungslosigkeit wie ein Pudel im Gegossenen. Die geplante Fußballberichterstattung über die spannende Begegnung zwischen Israel und einem internationalen All-Star-Team muss darum heute leider ausfallen.

„Ich heiße Horst. Und mein Name ist Programm“, pflegte er sich in den Fußgängerzonen des deutschen Mittelstandes einzuführen, wo er gerne und regelmäßig die Nähe zum einfachen Volk suchte. Und das mochte ihn. Seine Bescheidenheit kam an beim kleinen Mann auf der Straße, der in dieser Tugend des höchsten Staatsoberhauptes auch ein wenig sich selbst wiedererkannte. Denn Horst war nicht nur bescheiden im Auftreten, er war es auch in seinen Talenten und Leistungen. Die Überflüssigkeit seines Amtes verkörperte er so gut wie nur wenige vor ihm. Obwohl von Westerwelle und Merkel noch in ihren besten marktgläubigen Tagen ins Amt gesetzt, erlaubten ihm seine erfreulich limitierten Fähigkeiten als Rhetoriker doch nicht ernsthaft, in Hauruck-Reden für den Ausbau der neuen asozialen Marktwirtschaft Initiative zu ergreifen. Horst war wie Troubardix: Wenn er schwieg, ein fröhlicher Geselle und hochbeliebt. Und Horst schwieg häufig.

Eine einzige Sache gab es, bei der der sonst so gelassene Mann die Fassung verlieren konnte: wenn jemand seinen Namen verwechselte. Hin und wieder kam das seltsamerweise vor, und dann reagierte er meist cholerisch: „Horst, verdammt noch mal, Horst, nicht Heinrich, Sie Arschgeige!“

Denn Heinrich, das war derjenige seiner Amtsvorgänger, der einmal auf einer Afrikareise eine Rede mit den Worten „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger“ eingeleitet und sich damit einer gewissen Kritik ausgesetzt hatte, welche damals jedoch anders als heute noch nicht so weit ging, dass das ehrwürdige Amt des Bundespräsidenten ernsthaft beschädigt worden wäre. Da Horst in seinem ganzen Leben noch keinen bemerkenswerten, erinnerungswürdigen oder klugen Satz geäußert hat, quälte ihn verständlicherweise mit zunehmender Amtsdauer mehr und mehr die Angst, er könnte mit einem vergleichsweise ähnlich blöden Satz wie Heinrich in die Geschichte eingehen. Ein hartes Los für jemanden, der sich all die Jahre bemüht hatte, möglichst gar nichts zu sagen.

Hinter Horsts äußerlich makellosen Fassade muss es schon über längere Zeit gegärt haben. Bekannte von ihm erzählen, dass ihm seine Rolle als gutartiges Geschwulst zunehmend zu schaffen gemacht habe. In den letzten Wochen, sickerte aus für gewöhnlich gut informierten Kreisen an die Öffentlichkeit, sei Hotte oft nächtelang durch die dunklen Gänge von Schloss Bellevue gegeistert und habe immer nur den einen Satz vor sich hin gemurmelt: „Ich bin bösartig, ich bin bösartig…“

Dennoch, sein Rücktritt hat wohl jeden überrascht. Jetzt ist guter Rat teuer. Bundespräsidenten mögen in der Haltung zwar billiger sein als gekrönte Häupter, aber anders als diese pflanzen sie sich leider nicht auf natürliche Weise fort. In ihrer Entstehung sind sie das Produkt eines mühsamen demokratischen Prozesses. Normalerweise bestimmt die Partei mit dem größten politischen Einfluss einen Parteibuchhalter aus den eigenen Reihen für das Amt und demonstriert damit ihre Macht. Doch in der wirren politischen Lage nach dem Rücktritt von Horst könnte es diesmal anders ablaufen. Aus den Reihen der Union wurden schon Stimmen laut, man wolle diesmal einen Kandidaten finden, auf den sich alle Fraktionen einigen könnten. Naturgemäß gibt es nicht allzu viele, die sich da aufdrängen: Rudi Völler wäre denkbar, aber eine stabile Mehrheit für Frisur und Schnauzer scheint hier nicht sicher gewährleistet. Weiter in Frage kämen Helmut Schmidt und Mario Barth, wobei letzterer von manchen als zu stark polarisierend und ersterer als zu stark rauchend empfunden werden dürfte. Als einzige realistische Alternative bliebe am Ende wahrscheinlich Lena Meyer-Landrut übrig. Das freilich wäre mehr noch als eine kleine Revolution. Denn eigentlich ist es Frauen nicht gestattet, in Deutschland Bundespräsident zu werden.

Halt, nein, das stimmt ja gar nicht, den letzten Satz bitte streichen. Menschen, die jünger sind als 40 dürfen nicht Bundespräsident werden; das Geschlecht spielt dabei keine Rolle. So ist es richtig.

Doch in der schwierigen Situation, in der wir jetzt gerade stecken, erscheint eine diesbezügliche Grundgesetzänderung nicht als die schlechteste Möglichkeit. Über Grundgesetzänderungen in Bezug auf Paragraf xy „Du sollst keinen Angriffskrieg führen“ hatte sich in den letzten Tagen ja auch gerade der zurückgetretene Bundespräsident einmal halblaut Gedanken gemacht. So eine Änderung hätte diesen gewissen rauen Charme des ehrlich Skrupellosen. Artikel 54,1 GG könnte man bei der Gelegenheit gleich miterledigen. Prominente Politiker jedenfalls haben sich schon parteienübergreifend für unsere Lena ausgesprochen, u.a. Angela Merkel, Christian Wulff und Claudia Roth.

Auch das Raushau-Blog möchte sich ihrer Forderung anschließen. Wir finden Lena nämlich auch nett und möchten es bei dieser Gelegenheit auf keinen Fall versäumen, uns schleimscheißenderweise an sie ranzuhängen; denn wo wir sind, da ist der Hype bzw. auch umgekehrt, wenn es denn sein muss. Und dass das Lied gequirlte Kälberscheiße war, wird nur für einen ernsthaften Einwand halten, wer noch keine Rede von Horst gehört hat. Ein frisches Gesicht für Deutschland! Wir sind dafür! Das wäre so supi für das Ansehen unseres Landes, dass wir uns ganz entspannt wenigstens einen Minderwertigkeitskomplex weniger leisten könnten. Wir müssten nicht mehr ganz so dringend Fußballweltmeister werden zum Beispiel, oder noch viel besser: Vielleicht könnten wir es uns sogar erlauben, nicht mehr Papst zu sein. Das wäre doch was. Lieber Ratzinger, wir wissen zwar, dass so ein Rücktritt als Papst etwas aufwändiger ist, als ein Rücktritt als Horst, aber andererseits sind Sie nicht inzwischen im besten Alter dafür? Überlegen Sie sich’s halt mal.

Lärmbelästigung

Eigentlich bin ja ich die Geräuschesau unter meinen Nachbarn. Ich bin es, der regelmäßig laut Musik macht. Sonst ist es im Haus meistens still, abgesehen von der knallenden Haustür. Irgendwo gegenüber im Hof gibt es noch eine alte Frau, die quartalsweise für einen halben Tag auf arabisch, türkisch, was weiß ich, litaneiartig schimpft über Gott, die Welt oder sich selbst. Vielleicht betet sie auch so. Nach 10 Minuten stimmt meistens ein anderer Nachbar ein, in einem leicht gehässigen, sie nachäffenden Tonfall. Wenn er sich davon erhoffen sollte, sie zum Aufhören zu bewegen, dann irrt er sich. Und schließlich gibt es da noch irgendwo einen, der selten nur, höchstens einmal im Monat für ein bis zwei Stunden in Straßenfestlautstärke Schlager und Marschmusik hört. Zu besonderen Anlässen auch Fernsehübertragungen. Mich stört all das nicht sonderlich, die größte Lärmquelle im Haus bin weiterhin ich, mit dem bisschen Geräusch kann ich leben.

Vor ein paar Tagen war allerdings wieder ein besonderer Anlass für eine Fernsehübertragung. Marschmusik kam auch darin vor, deshalb dachte ich mir zunächst nichts Böses dabei. Aber dann hörte ich die Redner, und ich merkte sofort, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Von den einzelnen Worten konnte ich nur Bruchstücke wahrnehmen, weil ich die Bässe zwar in voller Lautstärke mitbekam, die Höhen aber recht effizient von den Wänden weggefiltert wurden. Was mir nicht entgehen konnte, war der Tonfall. Er war äußerst ernst, feierlich und salbungsvoll. Jemand, der so redet, daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen, der lügt – egal, was er sagt. Was er so ungefähr sagte, hatte ich bald herausgefunden: Er hielt eine Trauerrede auf drei getötete Soldaten der Bundeswehr. In Trauerreden darf man auch ein bisschen lügen, denke ich, über Tote sagt man eben nur Gutes; das ist eine Frage der Höflichkeit. Aber dieser Tonfall gefiel mir trotzdem nicht. Ich hatte das Gefühl, hier wurde mehr gelogen, als üblich, und gar nicht nur über die Toten.

Die Sendung zog sich in die Länge, und das ging mir mehr und mehr auf die Nerven. Ich begann mich zu fragen, welcher Fernsehsender hier gerade eine Nachricht, das Begräbnis von drei getöteten Soldaten, zu etwas ganz anderem machte, zu einem kulturellen Ereignis, das man in voller Länge verfolgte und auf sich wirken ließ. Ich fragte mich, ob mein Nachbar vor dem Fernseher aufstand, als sie die Nationalhymne spielten, wie es inzwischen viele Leute bei öffentlichen Übertragungen von Fußballländerspielen tun. Ich überlegte, ob es nicht auch genau anders sein konnte. Vielleicht saß da jemand, der vom Zweiten Weltkrieg noch bewusst etwas mitbekommen hatte, wie paralysiert vor den Fernsehbildern dieser traurigen Inszenierung und fragte sich die ganze Zeit nur ängstlich, ob es jetzt bald wieder so weit sei. Vielleicht war es völlig anders. Man müsste seine Nachbarn kennen.

Es kann keine Kriegsbegeisterung aufkommen, ohne einen vernünftigen Totenkult, hörte ich die Wand sprechen. Generell will man zwar eigene Tote vermeiden, aber ganz ohne wäre auch kein Krieg vermittelbar. Man muss schon beweisen können, dass es einen bösen Feind gibt und Menschen, die alles, sogar ihr Leben gegeben haben für ihr Land. Ja, da fasst euch mal an die eigenen Nasen, Kinder der Konsumgesellschaft, ihr könnt doch gar nicht mehr geben, ihr wollt doch immer nur nehmen, nehmen, nehmen. Zugegeben, so ein Soldat nimmt auch, sogar Leben von anderen nimmt er. Und ja, damit die Rechnung am Ende aufgeht, sollten die Unsrigen tunlichst mehr Leben genommen, als gegeben haben. Aber die drei Helden, die haben gegeben, und alle unsere Soldaten in Afghanistan sind bereit zu geben. Seid ihr bereit? Keine Angst, ihr müsst nicht alle. Es gibt eine Aufgabenteilung. Was ihr aber alle tun müsst, ist, unsere Jungs unterstützen. Wie beim Fußball. Ihr dürft ihnen nicht in den Rücken fallen. Die können das nur durchstehen, wenn sie wissen, dass ihr unter allen Umständen auf ihrer Seite seid. Das allerdings ist das mindeste. Bei aller Kritik, wie berechtigt sie im Einzelfall auch sein mag, wenn es Tote gibt, muss die Nation hinter der Bundeswehr stehen. Das ist dann nicht die Zeit für politische Streitereien. Das sage ich ganz unpolitisch.

Meine Wand ist tückisch unter der weißgestrichenen Raufaser. Das weiß ich. Ich müsste die richtige Rede nachlesen. Ich habe gar keine Lust, doch man sollte wissen, worüber man schreibt. Ich habe nachgesehen, welche Fernsehsender es waren, die das Event in voller Länge übertragen haben: Phoenix und n-tv. Erst bei ARD und ZDF müsste man sich Gedanken machen, denke ich. Ich lese ein Guttenberg-Zitat, sinngemäß: Sein Töchterchen habe ihn gefragt, ob das Helden gewesen seien, die gefallenen Soldaten, und er habe geantwortet: „Ja, das waren Helden.“ Ganz unpolitisch habe er das seinem Töchterchen gesagt.

Warum auch immer wieder harmlose positive Begriffe wie „Heldentum“ hinterfragen? Sind wir hier im Sozialkundeleistungskurs einer linksliberalen West-Berliner Oberschule der 80er Jahre? Warum immer wieder völlig unpolitische Dinge unnötig politisch aufladen? Die Menschen sind das satt. Wir sollten uns besinnen auf Werte, die wirklich zählen, z.B. Kameradschaft und Ehre.

Ich lese auch von der besonderen Perfidie des Feindes, der aus dem Hinterhalt und am heiligen Karfreitag zugeschlagen habe. Eine Verhöhnung einer fremden Kultur durch Fremde, lese ich, in diesem Fall also unserer Kultur, will sagen: auch und gerade nämlich die Fremden verhöhnen Fremde, d.h. also dann, umgangssprachlich gesprochen, uns, und gar nicht nur wir die Fremden, wie die immer behaupten. Und auch in Deutschland gibt es ja Fremde, die keiner eingeladen hat. Es scheint geboten, sich mit aller ebenso gebotenen verbalen Vorsichtigkeit der besonderen Heiligkeit der eigenen christlichen Kultur zu erinnern. Das kann jeder. Er muss dazu nicht genau wissen, was das bedeutet und ob er sich damit wirklich identifizieren könnte. Er muss auch nicht Tag für Tag in der Bibel lesen und in die Kirche rennen. Wichtig ist nur das Bekenntnis. Es darf auch ein verdruckstes sein. Er sollte sich dazu bekennen, dass er einer der Unsrigen ist. Keine Angst, das tut nicht weh, im Gegenteil. Vielleicht mag es sich für den ein oder anderen Ungeübten zunächst ein bisschen komisch anfühlen, aber es tut gut.

Aber Frau Merkel, lese ich, Frau Merkel solle trotzdem auch die getöteten Afghanen miterwähnt haben. Merkel ist lieb, Merkel ist für alle da.

Angela und Guido ante Portas

Humor wäre, wenn man trotzdem lachen könnte.

In der Elefantenrunde sah ich zwei Wahlgewinner, die erstaunlich schlecht gelaunt wirkten. Als wären sie überzeugt, gerade einen Pyrrhussieg errungen zu haben. Ich würde es ihnen wünschen, sehe aber eigentlich nichts, was darauf hindeutet. Irgendwie schienen sie neben der großflächigen Verbreitung von Nebelschwaden, die ja schon im Wahlkampf funktioniert hatte, bemüht, allen Zuschauern glaubwürdig zu vermitteln, dass sie, was sie vor 4 Jahren wollten, aber nicht konnten, jetzt, obwohl sie es könnten, nicht mehr wollen würden, nämlich so richtig brutalstmöglich neo-con-liberal „durchregieren“ (A. Merkel 2005). Man versuchte, um das Vertrauen derjenigen zu werben, die einen mit gutem Grund nicht gewählt hatten. Nichtsdestotrotz: Wenn ich Vertrauen zu verschenken hätte, ich würde es lieber ihm (dem sympathischen Python) geben:

Die Größte anzunehmende Koalition

Mir ist aufgefallen, dass sehr viele Blogger, ganz anders als ich, intensiv die Tagespolitik kommentieren. Das heißt nicht zwingend, dass sie politisch informiert wären. Der beliebteste deutsche Blog bei WordPress.com ist z.B. von einem Bundesvizevorsitzenden einer Partei mit dem einprägsamen Namen „Piraten“, der von sich sagt, ein unpolitischer Mensch zu sein, und das sogar eindrucksvoll belegen kann: Vor vier Tagen hat er einer Zeitung mit dem – wie er meinte – doch eigentlich liberal klingenden Namen „Junge Freiheit“ ein Interview gegeben und zeigte sich hinterher verwundert, warum die so komische Fragen bezüglich der Zensur rechtsradikaler Internetseiten gestellt haben. (Eine kurze Google-Recherche nach der Interviewanfrage hatte er trotz doch sicher stark ausgeprägter Internetaffinität seltsamerweise nicht hingekriegt. Aber vielleicht wäre die Information, dass es sich um ein rechtsextremes Blatt handelt ja ohnehin wegen irgendwelcher Zensurgesetze unauffindbar gewesen.)

Dem Konzept des Raushau-Blogs entspricht es, Dinge zu kommentieren, ganz egal, ob man was davon versteht oder nicht. Es geht ja ums Raushauen. Also warum nicht auch mal was z.B.  zum Merkel-Steinmeier-Gespräch schreiben, wenn es halt dringend raus muss. Bei vielen Bloggern musste es raus, und auch bei mir entstand das Bedürfnis, was darüber zu bloggen. Es wurde zwar nicht direkt ausgelöst durch die Fernsehsendung, sondern durch das Gefühl, sonst irgendwie mal wieder nicht dazuzugehören, aber als Bedürfnis ist es jetzt halt mal da.

Ja gut, also ich sag mal: Das Gespräch zwischen Kanzlerin und Vizekanzlerin (nee Quatsch: Vizekanzler, wobei: „Kanzlerin und Vizekanzler“ haut jetzt so rein sprachlogisch auch nicht ganz hin, oder?), also das Gespräch zwischen der Kanzlerin und ihrem Vize verlief ja nun der politischen Sachlage entsprechend eher reibungslos. Die Kanzlerin kündigte zwar an, mit der FDP zu koalieren, weil man dann mehr Atomkraft und weniger Steuern machen könnte. Aber halt nur, wenn das denn von den Mehrheiten her gehen sollte. Wenn nicht, dann halt nicht, auch nicht weiter schlimm. Der Vizekanzler fand, es sei schlimm, wenn sie mit der FDP koalieren würde, wegen der Atomkraft und der Finanzierung der Steuersenkungen, deshalb solle man halt besser ihn wählen. Das war’s eigentlich schon. Einige Analysten fanden noch toll, dass der Vizekanzler auch mal gelächelt habe.

Ich habe mir, um mich umfassend zu informieren, auch noch das Gespräch mit den Fraktionsvorsitzenden der Opposition am darauffolgenden Tag angesehen. Hier war das Journalisten-Politiker-Verhältnis beinahe umgekehrt: Während sich Merkel und Steinmeier gleich vier Journalisten gegenüber sahen, hatte man hier mit Westerwelle, Trittin und Lafontaine drei Politiker, denen nur zwei Journalisten gegenüberstanden. Hat erstaunlicherweise aber auch funktioniert: Obwohl sie in der Überzahl waren, haben sich die Politiker anständig benommen und nicht mit Papierkügelchen geschmissen oder mit Tinte gespritzt. Die Konstellation auch dieses Gesprächs hatte etwas interessant Uninteressantes. Waren sich die Kanzlerin und ihr Vize logischerweise einig darin, alles richtig gemacht zu haben, waren sich die Vorsitzenden der Oppositionsfraktionen logischerweise einig darin, dass die das meiste falsch gemacht hatten. Man sieht, es kommen komische Ergebnisse heraus, wenn man versucht, etwas wie die Präsidentschaftskanditatendebatte aus den USA 1:1 für die BRD zu übernehmen, obwohl hier ganz andere Verhältnisse bestehen. Doch können einen solche komischen Ergebnisse auch auf interessante Ideen bringen.

Grüne, Linke und FDP hatten mehr gegen die große Koalition als gegeneinander vorzutragen. Obwohl natürlich gewisse weltanschauliche Differenzen zwischen Lafontaine und Westerwelle nicht zu übersehen waren, bestand doch in vielen Punkten durchaus Einigkeit, und die ganze Rhetorik wirkte nicht unerbitterlich konfrontativ. Westerwelle sah sich genötigt, an einigen Stellen ausdrücklich zu betonen, dass hier ein Unterschied zwischen Linkspartei und FDP bestehe, während Lafontaine wiederholt darauf bestand, dass dieser und jener – tatsächlich nicht sonderlich FDP-ähnlich klingende – Vorschlag aus dem Munde des FDP-Vorsitzenden von der Linken abgekupfert worden sei, der einzigen Partei, die schon vor der Finanzkrise gefordert habe, was jetzt mehr oder weniger alle fordern würden.

Ich werfe einen Blick auf die aktuelle Forsa-Umfrage zur Bundestagswahl. Demnach kämen CDU (35%) und SPD (21%) zusammen gerade einmal auf 56 % der Stimmen. FDP (14%), Linke (14%) und Grüne (10%) hätten zusammen immerhin 38%. Dann sind da noch 6% Sonstige. Eine erheblich geschwächte große oder eine schwarz-gelbe Koalition wären möglich. Da ist aber noch Bewegung drin, wie der Fachmann sagt. In letzter Zeit höre ich von allen möglichen Seiten, diese abstruse Partei namens „Piraten“ könne vielleicht die 5% Hürde schaffen. Ich nehme hier einfach mal an, das klappt. Weiter nehme ich an, dass sie keiner der im Bundestag vertretenen Parteien viele Stimmen wegnehmen wird, da sie sich ja als eine Bewegung der Unpolitischen versteht, und die wären sonst vermutlich gar nicht zur Wahl gegangen. Ich rechne also noch mal 5% Piraten dazu. Dann wäre eine große Koalition mit 56% zu 43 % möglich. Aufgrund des langweiligen TV-Duells zwischen Merkel und Steinmeier, nehme ich an, wird es weder CDU noch SPD gelingen, in den nächsten zwei Wochen noch zusätzliche Wähler zu mobilisieren. Ich glaube im Gegenteil, sie werden noch ein kleines bisschen mehr in der Wählergunst sinken. Steinmeier, heißt es, habe ein wenig besser ausgesehen, als Merkel, sagen wir also, die CDU verliert weitere 4%, die SPD 3%. Die CDU verliert natürlich an die FDP, die damit endlich, endlich, was haben wir darauf gewartet, ihr Projekt 18 verwirklicht hat. Die SPD auch, denn sie verliert noch ein weiteres Prozent an die Linke und 2% an die Grünen. Dann ergibt sich folgende Konstellation: CDU: 31%, SPD: 18%, FDP: 18%, Linke: 15%, Grüne: 12%, Piraten: 5%.

Damit wäre eine Koalition mit nur zwei Parteien rechnerisch nicht mehr möglich (nur eine Duldung einer solchen Koalition wäre denkbar). Jetzt würden natürlich sofort die üblichen Überlegungen einsetzen: Jamaika, Ampel oder Rot-Rot-Grün?

Die Ampel hat Westerwelle kategorisch ausgeschlossen. Allerdings könnte er bei dieser Konstellation das Kanzleramt für sich beanspruchen, denn die FDP hätte genauso viel Stimmen wie die SPD. Unter diesen Umständen, würde er es sich vielleicht noch mal überlegen, aber da die SPD ja dazu neigt, das höchste Amt selbst dann für sich zu beanspruchen, wenn sie weniger Stimmen als der Koalitionspartner hat (vgl. Schröder 2005 und jetzt Matschie in Thüringen) kann man diese Variante wohl ausschließen.

Jamaika wird am Atomausstieg scheitern. Das dürfte die allereinzigste Frage sein, die für die Grünen wirklich nicht verhandelbar ist. Umgekehrt kann man wohl ausschließen, dass Union und FDP, wenn sie zusammen regieren würden, gegen die geballte Kraft ihrer Lobbygruppen am Atomausstieg festhalten könnten.

Rot-Rot-Grün? Haha! Wäre bei dem desaströsen SPD-Ergebnis rein rechnerisch nicht möglich. Steinmeier und Münte müssten sich also keine Sorgen machen, von ihrer Partei abgesägt zu werden, damit der Weg für das Linksbündnis frei wäre.

Also was machen wir jetzt? CDU+SPD+x? x=FDP? Ausgeschlossen. Das kann sich die SPD nach der Wahlniederlage nicht antun, dann lieber Opposition. x=Linke? Im Vorfeld gleich von beiden Parteien ausgeschlossen. x=Grüne? Das könnte vielleicht gehen. Andere Möglichkeiten für die SPD? Nö. Mit 18% abgestraft und dann noch in irgendwelchen wackeligen Konstellationen, in denen auch immer noch die Linkspartei drin wäre? Das klappt nicht. Andere Möglichkeiten für die CDU? Nur unter Beteiligung der Linken oder der Piraten, da glaube ich nicht dran.

Bleibt neben Schwarz-Rot-Grün nur noch folgende reizvolle Variante, ich nenne sie die Größte anzunehmende Koalition: FDP, Grüne, Linke und Piraten. Das klingt erst mal unmöglich, aber genau so wird es kommen. Warum?

Aus der Sicht der FDP ist es klar. In dieser Konstellation würde Guido Westerwelle Kanzler werden. Dafür wird er bereit sein, die ein oder andere Kröte zu schlucken (Lafontaine als Superminister für Wirtschaft und Finanzen). Für die Grünen könnte Schwarz-Rot-Grün zunächst attraktiver erscheinen: In Rot-Grün hat man Übung, die CDU ist kein Schreckgespenst mehr, und man hätte es mit zwei Wahlverlierern zu tun, könnte also theoretisch auftrumpfen. Andererseits man käme in eine geschwächte, aber doch in eine „große“ Koalition rein, wäre da immer noch der kleinste Partner. Alle würden sagen: Die Grünen sind die Partei, die dafür sorgt, dass die abgewählte große Koalition weitermachen kann. Das klingt nicht attraktiv. Dagegen wäre die Größte anzunehmende Koalition die Koalition, die die abgewählte große Koalition auch wirklich ablösen würde. Zudem hat man mit der Linken viele programmatische Gemeinsamkeiten, und man würde in die Geschichte eingehen als eine Partei, die den ersten schwulen deutschen Kanzler mitgewählt hat. Auch wenn es leider Westerwelle wäre, das würden sich die Grünen nicht entgehen lassen. Für die Linke wird es natürlich schwieriger, Guido Westerwelle als Kanzler zu akzeptieren. Lafontaine müsste unbedingt das Superministerium für Wirtschaft und Finanzen für sich beanspruchen. Das wäre natürlich ein Déjàvu-Erlebnis. Wenn er schon unter Schröder als Kanzler hingeschmissen hat, wie sollte er es dann unter Westerwelle aushalten? Hier muss man allerdings in Rechnung stellen, dass die Zeiten sich geändert haben: Schröder war der Kanzler der Wirtschaftsblase, der als Sozialdemokrat – seinem Vorbild Tony Blair hinterherhinkend – den neoliberalen Zeitgeist in entsprechende Politik umgesetzt hat. Westerwelle könnte umgekehrt der wirtschaftsliberale Kanzler werden, der unter dem Druck des gewandelten Zeitgeistes eine Regulierung der Finanzmärkte angeht. So gesehen könnte es Lafontaine unter ihm leichter haben, als unter Schröder. Da ihm auch international der Wind nicht mehr so scharf entgegenweht, dürfte er weniger Grund für trotzige Reaktionen haben und dementsprechend auch kompromissbereiter sein. Ach ja, dann wären da noch die Mehrheitsbeschaffer von der Piratenpartei: Gebt ihnen ein Ministerium für Internet und Gedöns dann freuen sie sich einen Kullerkeks und sind ruhig. Sonst zieht sie bei den Koalitionsverhandlungen über den Tisch. Gegen euch stimmen werden sie ohnehin nicht, denn dann müssten sie mit CDU und SPD stimmen, den beiden Parteien gegen deren Politik sie angetreten sind.

Schlussstatement: Unter dem Eindruck der beiden Fernsehsendungen, dem Regierungsduett und dem Oppositionsterzett, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass eine Größte anzunehmende Koalition der drei von ihrer Herkunft und Geschichte so verschiedenen Oppositionsparteien (+ die twitternde Berufsjugend) der ultimative Konsens ist, der unser Land in den Zeiten der Krise voranbringen wird. Jenseits ideologischer Grabenkämpfe sollten sich hier verantwortungsvolle Macher und Entscheider zusammen finden und einen neuen Weg gehen. Die Chancen, dass nach dem 27. September ein wirklicher Ruck durch unser Land geht, sind größer, als manch einer vielleicht heute noch glauben mag.