Die Stille danach

Was am 19. März in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ passiert ist, war ein Skandal. Nur hat ihn das sonst so überaus skandalhungrige Publikum nicht bemerkt. Oder einfach nicht bemerken wollen.

Wenn es im unablässigen, lauten Gelaber der unzähligen Talkshows irgendwo zu einem sogenannten Eklat oder Skandal kommt, kann das mediale Echo am nächsten Tag sehr unüberhörbar und hysterisch, der Shitstorm im Internet sehr beleidigend und hasserfüllt ausfallen. Dann bekomme ich beispielsweise – ob ich das will oder nicht – so lange mitgeteilt, wie schlimm und skandalös ein Talkshowauftritt von Katja Riemann gewesen sei, bis meine Neugier und mein Voyeurismus derartig angestachelt sind, dass ich mir die Aufzeichnung der Sendung auf Youtube (inklusive des gedanklich-seelischen Sondermülls in den Kommentaren darunter) ansehe. Und dann stelle ich zwar fest, dass zum Beispiel Frau Riemann in besagter Sendung gar nichts Schlimmes getan hat, außer das bei Auftritten in den Medien vom Publikum als selbstverständlich erwartete Heucheln von guter Laune zu unterlassen und auf peinliche Fragen und peinliche Einspielfilme auch peinlich berührt zu reagieren. Doch gleichzeitig fürchte ich, dass etwas von der Aufregung und dem Hass trotzdem an mir hängen bleibt. Dass etwas in mir denkt, wenn sich so viele Leute empören, dann muss es auch empörend gewesen sein. Denn man habe als Fernsehzuschauer das Recht, mit strahlend freundlichen Stars gefüttert zu werden, die, wenn sie intelligent genug sind, dass ihnen etwas zu blöd werden kann, sich das dann wenigstens nicht anmerken lassen. Ich habe Angst, so stumpf zu werden, dass ich alles, was den Anschein von geringerer Stumpfheit macht, als Skandal empfinde und alles, was wirklich skandalös ist, nicht mehr bemerke.

Nicht der Hauch eines Windstoßes über den großen Scheißeseen der Twitter-Timelines

Wenn in einer der unzähligen Talkshows neben all der scheinbar harmlosen Berieselung einmal tatsächlich skandalöses und wirklich gefährliches Zeug geredet wird, kann es sein, dass es am nächsten Tag in der Medienlandschaft sehr still bleibt und nicht einmal der Hauch eines Windstoßes über die großen Scheißeseen der Twitter-Timelines weht. So habe ich über die Sendung Markus Lanz vom 19. März, in der das ZDF seinen 3-Teiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ bewarb, erst eine Woche später über einen Artikel auf publikative.org erfahren.

Dass der Satz „Akzeptanz durch Penetranz“, mit dem Talkshowgast Dirk Stermann einmal seinen eigenen Erfolg beschrieben haben soll, so viel besser auf Gastgeber Markus Lanz passen würde, war nicht das eigentlich Schlimme an der Sendung, obwohl allein das schon schlimm ist. Auch dass völlig unverhohlen Werbung für den eigenen Fernsehfilm gemacht wurde, hat mich nur am Rande aufgeregt. Wirklich furchtbar waren an dieser Sendung die Inhalte. Das, was dort ganz unverblümt, unverschämt, angstbefreit, seelenvergnügt und fast unwidersprochen gesagt wurde.

Die deutschen Opfer-Gene

Arnulf Baring war dort. Über „Unsere Mütter, unsere Väter“ sagte er: „Ganz großartig ist ja an dem Film, dass man sieht, dass die Teilung zwischen Opfern und Tätern, von der wir seit Jahrzehnten reden, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer. […] An jeder Person kann man diese Zwiespältigkeit sehen, auch an dem Juden.“

Marina Weisband war ebenfalls dort, guckte unglücklich, sagte aber mal lieber nichts dazu, sondern stellte stattdessen die Frage: „Was können wir tun, um eine Gesellschaft zu gestalten, in der so etwas nicht passieren kann?“

Doch wenn sie geglaubt haben sollte, die Diskussion damit in sinnvollere Bahnen lenken zu können, hatte sie die Rechnung ohne Arnulf Baring gemacht. Der war mit der Täter-Opfer-Umkehr an diesem Abend nämlich noch lange nicht fertig und fuhr ihr augenblicklich über den Mund. Er wirkte richtig aufgekratzt. Sein folgendes direkt an Weisband gerichtetes Referat geriet etwas schnell und wirr. In etwa erzählte er ihr, dass die traumatischen Erfahrungen vergewaltigter deutscher Frauen in die Gene ihrer Kinder und Enkel eingegangen seien. Baring mochte, weil er nicht über die Schuld von Tätern sprechen wollte, die sich nach seinen Aussagen ohnehin nicht wirklich von Opfern unterscheiden lassen, auch ganz und gar nicht über die Gründe für das, was damals in Deutschland passiert ist, reden und erst recht nicht daraus Lehren für heute ziehen. Er mochte über die Opfer reden und zwar ausdrücklich über die Deutschen unter den Opfern (und damit sind nicht die deutschen Juden gemeint). Baring nahm das Gespräch über den Film umstandslos zum Anlass, auszudrücken, dass die Deutschen Opfer dieses Krieges gewesen seien, in einem Maße, das sie bis heute schwer traumatisiere. Und er sagte das ganz bewusst in Richtung der Jüdin Weisband, damit diese auch kapierte, dass die Juden die Opferrolle nicht für sich gepachtet hätten. Denn genauso wie die Juden auch Täter waren, waren die Deutschen auch Opfer. Das findet Arnulf Baring.

Brigadegeneral Klein lässt die deutschen Gene reichlich unbeeindruckt

Dirk Stermann mochte dem zunächst keineswegs widersprechen, vielmehr hielt er es für nötig, den offenkundigen Blödsinn mit den deutschen Opfer-Genen noch ein weiteres Mal zu wiederholen. Immerhin hatte er anders als der emeritierte Professor für Politikwissenschaft Baring noch gerade so viel Ahnung von Geschichte, um sich dunkel erinnern zu können, dass der Weltkrieg nicht nur in Deutschland stattgefunden hat. Doch auch er betonte, die Deutschen hätten am allermeisten von der Erinnerung daran in ihren Genen gespeichert. Seine These, dass genetisch vererbte Bombennächte, die große Ablehnung des Krieges in Afghanistan erklärten, darf man wohl mit Fug als reichlich kühn bezeichnen. Nicht nur aus Sicht eines Biologen oder Menschen mit halbwegs brauchbarer biologischer Schulbildung, bei dem noch nicht alle Tassen im Schrank zerdeppert sind. Auch weitere Fragen drängen sich auf: Könnte es – abgesehen von genetisch determiniertem Unwohlsein – noch den ein oder anderen guten Grund gegen diesen und andere Kriege geben? Warum war der genetisch verankerte Widerstand doch nicht stark genug, um den Afghanistan-Krieg zu verhindern? Und zeigen sich die Gene der Deutschen nicht auffallend unbeeindruckt beispielsweise davon, dass Georg Klein, Oberst der Bundeswehr, der in Afghanistan knapp 100 Zivilisten ins Jenseits bomben ließ, demnächst zum Brigadegeneral befördert werden soll?

Das „Marina-du-als-Jüdin-Ding“ fand Weisband „nicht so faszinierend“

Die Sendung lief erst eine knappe Viertelstunde. Dafür war schon eine (von mir) kaum für möglich gehaltene Menge Schwachsinn geredet worden. Nun wollte Markus Lanz dann endlich auch einmal Marina Weisband fragen, was sie von ihren jüdischen Großeltern weiß. Wäre doch schön, nachdem wir geklärt hätten, dass die Deutschen die größten Opfer dieses Krieges waren, festzustellen, dass die Juden aber auch schon Opfer waren, wir dann also quitt wären, nichts für ungut und am Ende haben sich alle lieb. Aber Marina Weisband zierte sich. Dieses „’Marina, du als Jüdin’-Ding“, sagte sie, finde sie „nicht so faszinierend“. Solche Art von Verweigerung lässt sich ein Markus Lanz in seiner eigenen Sendung für gewöhnlich nicht bieten. Immerhin gelang es Weisband als in Kiew geborene Jüdin in einem schnellen Satz, bevor Lanz dazwischengrätschen konnte, wenigstens das Allerwichtigste geradezurücken: „Wir hatten nämlich nicht das Trauma, dass wir zugleich Täter und Opfer waren. Wir konnten uns ganz bequem sagen: ja, wir waren die Opfer.“

Die Täter-Opfer-Umkehr wurde „einen Ticken zu vehement“

Da hielt Markus Lanz für einen kurzen Augenblick doch tatsächlich die Klappe und wendete sich lieber an Claus Strunz, der nach einigem Rumgedruckse schließlich das Wort „Auschwitz“ in den Mund nahm. Doch das war eine Richtung, in die Baring die Diskussion nun auf keinen Fall abgleiten lassen wollte. Mit einem jugendlichen Elan und einer Deutlichkeit, die es wirklich verdient hätte, Fernsehgeschichte zu schreiben und nicht bloß still ignoriert zu werden, sagte er, was ihn bedrückt: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern: Die Deutschen sind das Tätervolk und die Juden sind Opfer. Nein, auch viele Juden haben sozusagen – das kann man in dem Film auch sehen – haben andere verraten, um ihre eigene Haut zu retten. Es ist viel komplizierter. Wir werden in den nächsten Jahrzehnten sehen – natürlich wird Hitler trotzdem den Angriffskrieg und die Verbrechen zu verantworten haben, das ist schlimm genug – aber auch die anderen haben furchtbare Dinge getan. Ich hab mal in Dresden bei der 50-Jahrfeier des Untergangs ein Mitglied des englischen Königshauses erlebt, der gesagt hat: ‚Der zweite Weltkrieg hat uns alle entmenscht.’ Alle, nicht nur die Deutschen!“

Strunz sagte dazu: „Ich finde das Zeigen auf die anderen einen Ticken zu vehement.“

Würde ich jetzt auch sagen. Vielleicht sogar ein Tuck mehr als nur einen Ticken, aber ich will nicht kleinlich sein. Ich würde außerdem sagen, dass in dieser in Leserbriefen und Kommentarspalten von Onlinemedien schon oft gelesenen, in einer Talkshow so aber wohl noch nie gehörten Rede wirklich alles drinsteckt, was das Herz begehrt: Die Juden sind doch genauso Täter wie die Deutschen. Wobei die Deutschen eigentlich gar keine Täter sind, denn nicht etwa sie haben, sondern Hitler hat Krieg und Verbrechen zu verantworten. Die anderen kriegführenden Nationen allerdings auch. Die wären also demnach ähnlich schlimm wie Hitler. Bis hierhin sind also die Juden, Hitler und die Alliierten schuld, die Opfer-Deutschen haben eigentlich gar nichts gemacht, aber wir sind ja nicht so, sagen wir einfach: Der Weltkrieg hat uns alle entmenscht. Danke, passt so.

Baring erfüllte alle Erwartungen an den kompletten Geschichtsrevisionisten

Der Vorwurf, er sei hier einen Ticken zu vehement gewesen, ließ Baring noch ein My vehementer werden: „Die Grausamkeit der Russen kommt in dem Film gar nicht vor! Die muss aber eines Tages sein! Weil ein Teil der Brutalität der Deutschen war natürlich auch dadurch zu erklären, dass das ein Vernichtungskrieg auf beiden Seiten war! Auf beiden Seiten!“ Die Grausamkeit der Schlacht von Stalingrad sei doch der beste Beweis dafür.

Und eh jetzt einer auf die Idee kam, das blitzkriegsaubere Relativieren hier etwa relativieren zu wollen oder auch nur zu fragen, ob Stalingrad eigentlich eher auf deutschem oder auf russischem Gebiet gelegen habe, meldete sich Christiane Paul zu Wort und brachte den 1. Weltkrieg ins Gespräch. Und ich hatte schon so eine Vorahnung, was dann gleich folgen würde. Zunächst einmal nannte Lanz den 1. Weltkrieg – angemessen blöde – „die Urkatastrophe“. Denn wenn wir schon den Unterschied zwischen Tätern und Opfern für obsolet erklären, dann wollen wir es auch unbedingt vermeiden, uns in einer Weise auszudrücken, die nahe legen würde, es könnte ein Unterschied bestehen zwischen Weltkrieg und beispielsweise Hochwasser. Etwas überraschend meinte dann Baring, der Frauen offenbar grundsätzlich nicht ausreden lässt, Christiane Paul, bevor sie auch nur irgend etwas sagen konnte, widersprechen zu müssen, „als Historiker“ wie er sagte: „Der erste Weltkrieg ist nicht durch unsere Verantwortung zustande gekommen.“ Und damit hatte er aus Versehen sogar seinen ersten richtigen Satz gesagt, denn selbstverständlich sind weder er noch Christiane Paul für den 1. Weltkrieg verantwortlich zu machen. Da allerdings davon ausgegangen werden kann, dass er mit „uns“ das Deutsche Reich meinte, bleibt auch dieser Satz ähnlich falsch wie die vorausgegangen. Aber – das ist komisch, nicht? – es war genau der Satz, den ich erwartet hatte, nun, da die Rede auf den 1. Weltkrieg gekommen war.

Die deutsche Sehnsucht nach dem Völkermord

Nachdem jedenfalls Baring auch das unwidersprochen geklärt hatte, gelang es Christiane Paul schließlich doch noch zu sagen, was sie eigentlich zum Thema loswerden wollte. Und irgendwie hatte ich die Hoffnung, allein aus statistischen Gründen müsste jetzt mal zur Abwechslung ein vernünftiger Gedanke kommen. Kam aber keiner. Weil die Deutschen bei der Verteilung der Welt in der Kolonialzeit „zu kurz gekommen“ und durch die Niederlage im 1. Weltkrieg gedemütigt gewesen seien, hätten sie „Sehnsucht“ gehabt, die sie glaubten in den „Ideen von Hitler“ erfüllt zu sehen, sagte Paul. Davon abgesehen, dass das schöne Wort ‚Sehnsucht’ selten so missbraucht wurde, wäre diese Beschreibung als Bestandteil einer Erklärung ja noch nicht einmal völlig falsch. Aber anstatt – wenn man schon dabei ist – kurz darauf einzugehen, dass eben genau der Rassismus, der sich im Kolonialismus zeigte, und der nationale Chauvinismus, ohne den der 1. Weltkrieg nicht möglich gewesen wäre, zur Weltanschauung vieler Deutscher gehörte und auch ein ganz zentraler Bestandteil der Nazi-Ideologie war, führt Christiane Paul beides hier voller Empathie als Quasi-Entschuldigung an. In etwas unschönerer Ausdrucksweise von mir auf den Punkt gebracht, sagt sie nichts anderes, als dass man die Deutschen verstehen müsse: Da sie in der Kolonialzeit zu wenig Gelegenheit hatten, Neger umzubringen, mussten sie das später eben mit den Russen und den Juden nachholen.

Mag sein, dass sie sich als Schauspielerin da ein bisschen mit ihrer Figur überidentifiziert hat und höchstwahrscheinlich hat sie es so auch nicht gemeint. Ich nehme dennoch mit großem Unwohlsein zur Kenntnis, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der es offenbar ein Skandal ist, wenn eine Schauspielerin einen Fernsehauftritt mit schlechter Laune absolviert. Es aber nicht einmal bemerkt wird, wenn sich eine andere im öffentlich-rechtlich verordneten Opa-erzählt-vom-Krieg-Erinnerungsbiedermeier um Kopf und Kragen redet. Aber Christiane Paul passte hier eben genau ins Format – in das des ZDF, dieser Sendung und seiner Zuschauer, und wohl leider auch ins geistige Format dieses Landes und seiner Bevölkerung.

Kinder, das sind aber auch viele Juden, die wir hier abschlachten müssen!

Doch es ist müßig, sich über die liebe Christiane Paul aufzuregen, wenn Arnulf Baring in der Runde sitzt, meint Marina Weisband über Babyn Jar belehren zu müssen und wortwörtlich Folgendes sagt: „Die Deutschen hatten mit 6000 Juden gerechnet und 36 000 kamen. Und dabei ist den Deutschen klar geworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen eine andere Art machen, als sozusagen da diese Massenerschießungen. Denn diese Massenerschießungen hatten natürlich dazu geführt, dass eine Reihe von Leuten, obwohl sie verwundet waren, rausgekrochen waren und gesagt haben: die Deutschen bringen uns da in Massen um. Mit anderen Worten: Babyn Jar ist das entscheidende Zentrum […] Das ist die Katastrophe, die sozusagen am Vorabend von Auschwitz ist. Die ganze Vernichtung durch Gas ist eine Folge von Babyn Jar.“ Ich formuliere ein bisschen um, damit die gedankliche Struktur noch transparenter wird: Wenn es nicht so viele Juden gegeben hätte, hätte man sie schön zivilisiert erschießen können. Weil es aber so viele Juden gab, musste man sie in Auschwitz vergasen. Ergo: Auschwitz ist eine Folge davon, dass es zu viele Juden gab. Kinder, so diskutiert man Logik und Logistik der Judenfrage im Zweiten Deutschen Fernsehen im Jahr 2013. Wer hätte damit gerechnet?

Nach quälenden 40 Minuten das erste Widerwort

Was nun allerdings gar nicht ging, war, dass die doch extra dafür in die Runde geladene Jüdin auch nach diesem weiteren Versuch, einfühlsam auf das Thema hinzuführen, nichts darüber erzählen wollte, auf welche Weise denn nun ihre Vorfahren von den Deutschen ermordet wurden. Dabei wäre es doch so wichtig gewesen, darüber geredet zu haben, so unter lauter genetisch traumatisierten Opfern im Selbsthilfegruppenstuhlkreis gewissermaßen. Das fand der Arnulf jetzt echt nicht gut von der Marina, dass sie sich den anderen aber auch so gar nicht öffnen mochte. Und endlich – nach bald 40 Minuten Sendezeit – widersprach ihm mal einer. Markus Lanz natürlich nicht. Dem gebot schon das, was er vermutlich für sein Berufsethos hält, das Gegenteil. Aber Dirk Stermann immerhin sagte: „Sie können doch jetzt nicht ernsthaft ihr vorwerfen, dass sie nicht darüber reden möchte, was ihrer Familie passiert ist. Das ist mir zu viel jetzt.“ Eine Handvoll Studiozuschauer, die sich vielleicht auch gerade in Grund und Boden schämten, klatschten erleichtert.

Antisemitismus in Deutschland? Lanz glaubt nicht dran. Nächstes Thema.

Baring ließ sich von diesem Rückschlag nicht allzu lange irritieren und klärte noch über einige weitere verbreitete Irrtümer auf. Zum Beispiel den, dass die meisten Deutschen etwas davon mitbekommen hätten, was mit den Juden geschah. Es sei durchaus möglich gewesen, nichts davon zu merken, schließlich sei die Mehrheit der Juden ja eh schon vorher ausgewandert. Stermann schien es dann doch wirklich zu reichen, er gab plötzlich Contra und siehe da: so schwer war das gar nicht. Doch als Stermann und Weisband sogar auf aktuelle Untersuchungen zu faschistischen und antisemitischen Einstellungen in Deutschland und Österreich zu sprechen kamen, war für Markus Lanz Schluss mit lustig. Österreich mag ja noch angehen, aber Antisemitismus in Deutschland? Glaubt er nicht. Nächstes Thema. Dieser Moderator kann nämlich sehr wohl einen Redner abwürgen – wenn er möchte.

Und dann die Stille danach

Diese Sendung als peinlich zu bezeichnen, würde meiner Meinung nach eine grobe Verharmlosung darstellen. Ich halte sie für schlicht skandalös. Nun kann man natürlich sagen: Das ist Markus Lanz. Dort wurde schon so viel Gülle geredet, das nimmt doch niemand mehr ernst. Man kann auch sagen: Das war Arnulf Baring. Der ist auf seine alten Tage bekannterweise ein bisschen sehr rechstaußen geworden und eignet sich ja gerade deshalb so gut als Talkshowgast auf dieser Position, wenn von den anderen üblichen üblen Verdächtigen mal keiner Zeit hat. Doch dann muss man auch sagen: Das ist ein überaus erfolgreiches Format. Hier findet sich die Mitte der deutschen Gesellschaft zusammen. In dieser trüben Brühe aus Ressentiments, Kurzschlüssen, absoluter Gefühlskälte und sentimentaler Gefühligkeit gefällt es ihr allem Anschein nach ganz gut. Und wenn da einer krassen Geschichtsrevisionismus predigt, widerspricht dem kaum jemand mehr ernsthaft – nicht in der Runde und auch nicht danach. Da herrscht dann plötzlich Stille auf allen Kanälen. Ist es die Stille der peinlich Berührten oder die der heimlich Erfreuten? Ist es das Schweigen der völlig Einverstandenen oder das derjenigen, die nicht mehr aufzubegehren wagen, wenn öffentlich Nationalismus inszeniert wird? Oder ist es das Schweigen der Abgestumpften, die eigenständiges Denken und Fühlen schon lange verlernt haben und die Welt nur noch wahrnehmen, um Haltungsnoten für Prominente zu vergeben?

Halloween mit Sarrazin (eine Gruselgeschichte)

Um kurz vor sieben fällt draußen in der Dunkelheit nicht weit von meiner Wohnung ein Schuss. Wenige Sekunden darauf ein zweiter. Ich habe mich, so gut es eben ging, auf mein erstes Halloween in dem Berliner Problemviertel, in das ich dieses Frühjahr leichtsinnigerweise gezogen bin, vorbereitet, doch jetzt zittern mir die Knie. Jetzt wird es ernst. Die Süßigkeitenvorräte habe ich schon vor Wochen an einem sicheren Ort im Berliner Umland deponiert, das große Küchenmesser liegt griffbereit in der Diele. Wenn die sechsjährigen türkischen und arabischen jugendlichen Intensivtäter, wie zu befürchten steht, Halloween zum Anlass nehmen, mich in meiner Wohnung zu überfallen, dann soll es ihnen nicht zu leicht gemacht werden.

Es klopft. Sie hätten auch klingeln können, aber sie klopfen lieber, die Klingel ist ihnen nicht effektvoll genug. Ich habe nur wenig Lärm im Treppenhaus gehört, vielleicht ist es nur einer allein, mit dem könnte ich unter Umständen fertig werden. Besser ist es, wenn ich gleich die Tür öffne, denn früher oder später kriegen sie einen ja doch. Das Messer in meiner schweißnassen Rechten hinter dem Rücken verborgen, drücke ich vorsichtig die Türklinke herunter. Ich hoffe inständig, es ist wirklich nur einer und seine Verkleidung nicht gar zu gruselig.

Er steht in ganzer Größe im Türrahmen. Ich taumle in den Flur zurück und lasse das Messer fallen. Es ist Thilo Sarrazin.

„Dir geb ich Saures, asoziales Pack!“ sagt er seinen Spruch auf. „Was bist denn du für ein Landsmann? Nicht dass es wichtig wäre, alle Asozialen sind gleich wertlos, da mach ich keine Unterschiede, bin ja kein Rassist, aber ich will es wissen. Jetzt rede! Los, los mach schon!“

„Ich bin Deutscher“, sage ich schnell, in der Hoffnung, dass es mir vielleicht doch ein bisschen was nützt, obwohl natürlich auch mir klar ist, dass Thilo Sarrazin gar kein Rassist sein kann.

„So, so, Deutscher. Hast du ne Badewanne?“

„Ob ich was?“

„Bist du blöde? B-A-D-E-W-Anne. Gibt es so was in diesem Haus oder reibst du dich zur Körperpflege nur mit Knoblauch ein?“

„Eine Dusche, dort“, sage ich und Thilo drängt sich sofort in mein Badezimmer und begutachtet die Duschkabine.

„Ist in Ordnung“, sag er dann, „wollte nur mal kurz nachschauen, ob du Hammelkeulen in der Badewanne lagerst. Kann man ja nie wissen. Die Türken machen das. Das ist keine Satire jetzt, das ist die bittere Realität. Da hätte ich dann erst mal das Gesundheitsamt vorbeigeschickt.“

„Eine ganze Hammelkeule“, lache ich auf, erleichtert, weil ich diesen ersten Test anscheinend bestanden habe, „das wäre zu viel für mich, ich lebe hier allein.“

„Was heißt denn hier eine, mehrere Dutzend sind Usus. Bei 70% der Türken und 90% der Araber ist das so.“ Kopfschüttelnd fährt er fort: „Du hast keine Ahnung, was sich hier abspielt, oder? Dich hat so eine zugezogene 68er-Schlampe auf die Welt gebracht, habe ich recht?“

„Na ja, also Schlampe würde ich so jetzt nicht sagen“, verteidige ich tapfer die Ehre meiner Mutter, „und mit den 68ern hat sie auch eher nur so von weitem sympathisiert.“

„Große Scheiße“, stöhnt Thilo auf, „so eine! Aber die beiden Schüsse eben, die hast du gehört?“

Ich nicke zaghaft.

„Das war der Herr Reinhardt. Sympathischer alter Herr, ehemaliger Wehrmachtsoffizier. Vier arabische Jugendliche hatte er gegen sich. Wie die Daltons aufgereiht standen sie in ihrem Halloween-Horror-Aufzug vor seiner Wohnung. Er hat sie alle erwischt. Mit einem einzigen Schuss durch die Tür. Er sah keine andere Möglichkeit mehr. Es war Notwehr. Mit dem zweiten Schuss hat er sich selbst gerichtet. Herr Reinhardt hatte seit über 64 Jahren kein Kind mehr getötet. Was ist nur aus dieser Stadt geworden?“

„Das … das stimmt wirklich, was Sie da erzählen?“

„Quatsch, war ein Scherz, Mann! Manchmal klopp ich halt gerne mal ein paar lustige Sprüche. Ihr kennt mich doch. Ich bin nicht so ein dröger Berufspolitiker. Kann sein, dass mir auch die ein oder andere Formulierung mal nicht so ganz glückt.

Das sind natürlich nur Sylvesterböller. Die Türken und die Araber kennen sich ja nicht so aus mit unserer westlichen Kultur. Wenn Halloween ist, denken sie, es ist Sylvester, und wenn Sylvester ist, denken sie, es ist Krieg. Auf 90% der Araber trifft das zu. Es ist eben ganz schön bescheuert, Leute aus Kriegs- oder Krisengebieten hier nach Deutschland einwandern zu lassen, typische Gutmenschenidee so was. Muss man abstellen. Besonders, wenn die Leute aus den Krisengebieten, was ihre ganze Kultur und was ihre Gene angeht, eher …“ Er unterbricht sich und mustert mich misstrauisch. „Du bist aber wirklich richtiger Deutscher, ja? Nicht etwa vielleicht Ost-Jude?“

„Nein, ganz bestimmt nicht“, versichere ich ihm.

„Na gut“, meint er, „siehst auch nicht so aus. Da muss man nämlich vorsichtig sein. Der ist schlau der Ost-Jude, 15% höherer IQ als der Deutsche sogar. Da muss man schon aufpassen, was man sagt. Habe ich ja nichts gegen, wenn einer schlau ist, im Gegenteil, solche Einwanderer hätte man ja gerne, aber Vorsicht, trau ihnen nicht so einfach über den Weg. Du verstehst mich schon. Los, zieh dir deine Jacke an, wir gehen jetzt raus.“

„O mein Gott, im Dunkeln, an Halloween, in meinem Problemviertel“, entfährt es mir, „das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“

Aber Thilo meint es bitterernst. Er will mich mit den harten Realitäten konfrontieren, vor denen ich schon viel zu lange die Augen verschließe und in meinem tiefsten Innern weiß ich, dass er recht hat. Er stößt mich vor sich her auf die Straße. Ich habe Glück, die Sylvesterböllerer sind schon vor einiger Zeit vorbeigezogen und offenbar kommen zunächst erst mal keine weiteren nach. Thilo macht mich auf einen Mann und eine Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufmerksam, die sich offenbar auf türkisch unterhalten. Der Mann hält einen billigen Schokoladenadventskalender in der Hand. „Siehst du das? Sie können kein Deutsch, unterjochen ihre Frauen nach alten islamischen Riten, aber das christliche Weihnachtsfest, das wird natürlich groß mitgefeiert. Auf 70% der Türken trifft das zu.“

Ich versuche Thilo ein wenig nach dem Mund zu reden: „Und natürlich die billigsten Kalender mit der billigsten Schokolade. Und dann kommen diese Gören in den Kindergarten, 20 Kilo Übergewicht und haben schon keinen einzigen gesunden Zahn mehr im Mund. Von Anfang an vollgestopft mit Billigfraß.“

„Hehe, da kommt dir glatt der Matetee hoch, was?“ keckert Thilo gut gelaunt und wird dann doch dieses eine Mal unnötig polemisch: „Zieh du doch mal besser auf den Prenzelberg.“

Ich sage nichts mehr. Fürs Sprücheklopfen ist hier eindeutig nur einer zuständig, und das bin nicht ich. Auf dem Nettelbeckplatz sitzen ein paar wenige Gestalten in der Kälte auf den Bänken. Ich weiß nicht, ob ihre Gespensterhaftigkeit Verkleidung ist, und ich will es auch nicht wissen.

„Weißt du, was hier im Sommer los ist?“ fragt Thilo. „Wie die ganzen türkisch-arabischen Jugendgangs hier vor der Spielhölle auf den Bänken abhängen.“

„Ja“, sage ich leise. „Ich habe gesehen, wie sie da ihre Mathehausaufgaben gemacht haben.“

„Anstatt dass sie erst mal ordentlich Deutsch lernen!“ ruft Thilo erregt aus. „Stattdessen Wahrscheinlichkeitsrechnung, für die Spielhölle wahrscheinlich. Muss ich mir aber notieren“, murmelt er leise zu sich selbst, „keine produktive Funktion außer für Spielhöllen – 70% der Türken, 90% der Araber.“

Und dann wieder laut zu mir: „So und jetzt hol mir mal ne Flasche Bier, sonst streik ich hier!“

„Das war jetzt nur ein Zitat?“ frage ich hoffnungsvoll.

„Ja klar, von Stalin“, raunzt er mich an. „Los, geh Bier holen!“

Es ist ein übler Test, den Thilo mir hier abverlangt. Ich habe sofort gesehen, dass es sich um einen islamistischen Fundamentalistenladen handelt, der keinen Alkohol verkauft.

„Nein, Bier haben wir leider nicht“, sagt der junge Mann hinter der Theke. „Tut mir leid.“ Erleichtert verlasse ich die Brutstätte des Moslemterrors unverletzt.

„Schwein gehabt, was?“ feixt Thilo. „Oder besser gesagt, kein Schwein, sondern irgend ein anderes Tier, was bei denen nicht als unrein gilt. Es ist eine Schande, wie die unsere Kultur verachten. 90% der Islamistenkioske, wo einem Ungläubigen, der dort Bier kaufen will, nicht gleich die Kehle aufgeschlitzt wird, sind Tarnunternehmen von Al Quaida, die müssen sich natürlich unauffällig verhalten. Die meisten Moslemkioske verkaufen sogar Bier“, erläutert Thilo weiter, „70%, weil sie bigotte Heuchler sind und 90%, weil sie wollen, dass alle Ungläubigen Alkoholiker werden.“

Sein profundes Wissen beeindruckt mich. „Und das lässt sich alles empirisch belegen?“ frage ich staunend.

„Empirisch belegen!“ schnaubt Thilo verächtlich. „Deinen Arsch kannst du dir empirisch belegen! Wie soll das denn gehen? Widerlegen sollen die mir das erst mal. Wer als Moslem hier unsere Gastfreundschaft in Anspruch nimmt, ist da in der Bringeschuld, verstehst du?“

„Ja, ist ja logisch“, pflichte ich ihm bei. „Wir können es uns wirklich nicht leisten, weiterhin so gutgläubig zu sein.“

„So sieht das aus, Junge. Und jetzt gehst du mit mir durch den Humboldthain.“

„Aber … aber“, stottere ich, „es ist doch schon dunkel und im Internet steht, dass man das im Dunkeln nicht machen kann, weil es gefährlich ist.“

„Exakt. Und welche Ethnien sind das, die dafür sorgen, dass es dort gefährlich ist. Das spricht man mal besser nicht öffentlich aus.“

Schwach protestierend folge ich Thilo auf einen unbeleuchteten Parkweg. Es riecht nach Gras, nach Gras zum Rauchen natürlich. Der Geruch kommt von zwei Gestalten, die auf einer Bank sitzen. „Bete, dass es Türken sind“, flüstert mir Thilo zu, dann wird die Begegnung nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 70% tödlich.“

Es sind offenbar Türken. Sie beachten uns nicht weiter. Die Droge hat sie apathisch gemacht. Schweigend laufen wir durch den Park. Nichts ist zu hören und zu sehen. Dann plötzlich kommen zwei Schatten in schnellem Tempo auf uns zu.

„O nein!“ zum ersten mal meine ich wirklich Angst in Thilos Stimme zu hören. „Das sind welche von drüben“, krächzt er heißer.

„Von wo?“

„Jogging-Weiber aus Prenzelberg. Die machen alle Kampfsport. Alle Kampfsportarten, die es gibt. Die zerren dich in die Büsche, vergewaltigen dich, schneiden dir die Eier ab und … Steh doch nicht rum, Junge, renn! Renn weg, schnell!“

In wilder Panik fliehen wir. Es hält uns nichts mehr auf den Wegen, wir nehmen die Abkürzung querfeldein über die weite Rasenfläche. Plötzlich höre ich Thilo neben mir laut aufschreien.

„Aaaargh, mein Knöchel, aaargh, verdammt!“ Er ist in ein Loch im Boden getreten, was in der Dunkelheit natürlich nicht zu sehen war. Es ist gefährlich im Dunkeln durch den Humboldthain zu laufen. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, hier ist er.

„Sieh zu, dass wenigstens du durchkommst, mich kannst du nicht mehr retten, Junge“, zeigt Thilo kurz vor seinem Ende wahre Größe. Ich stehe da wie angewurzelt, nicht fähig mich zu rühren. Dann löst Sarrazin sich in Luft auf, und auch der Park verschwindet.

Ich sitze bei mir in der Wohnung am Küchentisch. Langsam wird mir klar, dass das nicht der echte Thilo Sarrazin gewesen sein kann. Es war offensichtlich nur ein Geist. Damit hätte ich an Halloween eigentlich rechnen müssen. Ich denke an Dickens Weihnachtsgeschichte und frage mich, ob mir noch mehr solche Geister bevorstehen. Doch ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie sich dieser Schrecken noch steigern lassen sollte. Da klopft es an der Wohnungstür.

Was auch immer es sein mag, ich reiße die Tür auf. In zwei Metern Abstand, schon halb auf dem Treppenabsatz nach oben steht ein schwarzhaariger Junge im Grundschulalter. Ich glaube, er wohnt zwei Etagen über mir. Hastig rattert er seinen Spruch herunter: „Süßes oder Saures!“

„Hab nichts Süßes“, sage ich.

Er dreht sich um und rennt schleunigst die Treppe hoch.

„Ja hau doch ab!“ rufe ich ihm hinterher. „Geh doch zu deiner Kopftuchmama, die Blagen wie dich am Fließband produziert, damit wir alle islamisiert werden und weil es für jeden neuen Bastard wie dich wieder mehr Geld vom deutschen Staat gibt!“

Dann knalle ich die Tür hinter mir zu. Das hier ist einfach zu hart für mich. Ich werde aufs Land ziehen, irgendwo nach Bayern oder Baden-Württemberg. Da soll es schön sein.