Die Öko-Kiste — eine wirklich putzige (und wahre!) Bilder-Geschichte

Hier ist die Ökokiste:

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Das tolle Paket enthält einen Steinpilz, eine kleine Zauneidechse (die vielleicht auch eine Waldeidechse sein könnte, wenn es jemand sicher weiß, soll er es mir sagen), eine Libelle und eine Raubfliege. Da fragt man sich doch: Wie geht das zusammen? Oder mehr noch: Wie kommt das zusammen? Das, liebe Kinder, ist eine etwas längere Geschichte.

Nun denn. Ich war einmal wieder im Spandauer Forst unterwegs, wie immer auf der vergeblichen Suche nach Kreuzottern, denn die soll es dort ja geben. Bild berichtete vor 5 Jahren, aber auch in seriösen Zeitungen war davon zu lesen. Dieser Artikel aus der Zeit allerdings ist schon ein paar Jahre älter (ungefähr so viel Jahre, wie es her ist, dass die Zeit eine seriöse Zeitung war), doch es lohnt sich unbedingt, ihn zu lesen, denn offenkundig haben sie damals dort  Leute beschäftigt, die schreiben konnten.

Außer hin und wieder eine junge Eidechse sah ich jedoch keine Kriechtiere. Allerdings fand ich eine ganze Menge Pilze, zum Beispiel solche:

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Oder solche:

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Natürlich auch solche:

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Die ließ ich alle stehen. Schließlich war ich nicht zum Pilzesuchen hier. Außerdem bin ich wählerisch. Und nicht umsonst heißt es: Steinpilz kündigt Fliegenpilz an (oder so):

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Ja, Steinpilze waren auch da.

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Von denen habe ich dann doch mal ein Kilo mitgenommen. Wäre ja sonst schade drum gewesen. Mir scheint, es ist gerade Pilzsaison. Darüber, dass ich wieder keine Kreuzotter gefunden hatte, konnte mich das zumindest ein bisschen hinwegtrösten. Man sucht etwas und findet etwas anderes. So ist das im Leben, liebe Kinder. Auch ich war zu diesem Zeitpunkt nicht gesucht, aber gefunden worden. Das ahnte ich allerdings nicht.

Auf dem Rückweg schaute ich noch einmal beim Hornissennest vorbei (vgl. auch letztes Blogpost), alles wohlauf:

Zum Schluss fotografierte ich einen herbstlichen Zitronenfalter, der spät war und müde und leuchtend:

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Dann fuhr ich mit dem Fahrrad, knappe 14 Kilometer, zurück in den Wedding.

Am Abend wollte ich noch einmal los, um meine Eltern zu besuchen und meine Steinpilze zu teilen (und damit anzugeben). Ich zog meine Jacke an und etwas kribbel-krabbelte meinen Nacken entlang. Ich wischte es hastig weg und dachte dabei nicht viel, aber was ich dachte, ging so in Richtung dicker fetter Käfer. Auf dem Boden vor mir saß dann allerdings eine zierliche, kleine, ganz junge und verdammt weitgereiste Zaun-(oder vielleicht Wald-)eidechse.

Ihre ideale Aktionstemperatur hatte sie bestimmt nicht mehr, sonst wäre sie sicher auf Nimmerwiedersehen hinter den Schrank. So aber schaffte ich es, sie aufzuheben und erst einmal fernab von Schränken, Regalen, Türspalten, Ritzen unter Bodenleisten und was weiß ich noch für Verschwindemöglichkeiten auf dem Küchentisch zu platzieren.

Damit begann der Spaß erst. Nach hektischem Hantieren — immer die Eidechse im Blick — und der Zerstörung diverser Behältnisse beim Versuch, sie mit ausreichend Luftlöchern zu versehen, gelang mir schließlich mithilfe von Schere, Paketkleber und einem Pappkarton das Päckchen mit Eidechse, der Hauptbestandteil von oben abgebildeter Öko-Kiste. Als ich die Eidechse darin eingesperrt hatte, ließ ich sie in meiner Wohnung alleine und fuhr los. Kaum saß ich in der U-Bahn fiel mir ein, dass ich vergessen hatte ein Schälchen Wasser ins Paket zu stellen. Das habe ich dann nach meiner Rückkehr später am Abend, nachgeholt. Der Eidechse ging es den Umständen entsprechend, was weiß ich — sie lebte jedenfalls. Ich sagte Gute Nacht und verschloss ihr Gefängnis wieder sorgsam mit Paketkleber.

Am nächsten Morgen beim Frühstück öffnete ich das Päckchen, rückte es etwas ins Licht und die Eidechse, die erst völlig reglos dagelegen hatte, taute nach und nach auf und ging auf Erkundungstour:

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Als sie begann meinen Arm hochzuklettern, dachte ich noch „Och, wie süß!“, da saß sie schon auf meinem Rücken. Dort saß sie äußerst ungünstig. Ich hatte sie nicht im Blick und nicht unter Kontrolle. Hätte ich sie abgeschüttelt oder wäre sie von allein runtergefallen , wäre sie auf dem Boden, möglicherweise schneller, als ich sie daran hindern gekonnt hätte, hinter irgendeinem Schrank verschwunden. Über die Tischplatte gebeugt zog ich ganz langsam und vorsichtig meinen Pullover aus. Die Eidechse blieb sitzen und ich hatte sie wieder auf dem Tisch.

Zu guter Letzt glückte auch die Operation  Auswilderung. Die Libelle, die Fliege und der Steinpilz gesellten sich am neuen (und ich denke auch alten) Eidechsenstandort wie von selbst dazu. Auf die zweite Rückfahrt habe ich — soweit ich das zum jetzigen Zeitpunkt beurteilen kann — nur Steinpilze mitgenommen.

Der andere Teil dieser doch wirklich super-putzigen Geschichte, wäre der Teil, in dem sie aus Sicht der Eidechse erzählt wird. Den wird es auf dieser Welt nicht geben. Ich gehe mal davon aus, das Tier hat die meiste Zeit ganz instinktiv reagiert und davon abgesehen diese völlig unerklärliche Episode aus seiner Kindheit sofort vergessen. Falls doch nicht, ist es darüber natürlich verrückt geworden.

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Natrix Natrix Natrix

Natrix, Natrix, Natrix – dreimal Natrix heißt die (nördlichere Form der) Ringelnatter auf Biologisch. Mehr Natter geht nicht. Natrix Natrix Natrix ist der Prototyp, in Mitteleuropa die Schlange schlechthin. Auch Ringelnatter ist ein fantastischer Name für eine Schlange. Denn was tut so eine naturgemäß? Sie ringelt sich. Für noch mehr Schlange im Namen müsste sie schon Schlängelschlange heißen, doch das wäre banal. Natrix Natrix Natrix hat zwei Halbmondflecken am Hinterkopf, sodass man denken könnte, sie trüge einen Ring um den Hals wie die Ringeltaube. Ringeltaube – was für ein langweiliger Name für eine Taube!

Früher, ganz früher hieß die Ringelnatter einmal Unke – vom althochdeutschen unkvi, das vom lateinischen anguis kommt, was Schlange bedeutet. Den Namen musste sie dann an die heute noch unter ihm bekannte Krötenart abtreten. Da haben die Sprachpfleger vor Hunderten Jahren offensichtlich mal wieder nicht aufgepasst, denn dass eine Kröte Schlange heißt, so etwas dürfte es in einer ordentlich sortierten Sprache niemals geben!

Die gelben Halbmondflecken am Kopf ließen Natrix Natrix Natrix in alten Märchen und Sagen zur Schlange mit dem Krönchen werden. Außer ihrem Krönchen hat sie meistens noch einen ganzen Berg Schätze bei sich unter der Erde. Manchmal hilft sie dem Helden. Sie mag es, wenn man ihr ein Schälchen mit Milch hinstellt.

Im Märchen von der Unke tut das ein kleines Mädchen. Das Märchen von der Unke gehört zu jenen Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm, die sich besonders alt anfühlen. Nicht wie aus der Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat, sondern wie aus der Zeit noch vor dieser Zeit. Der Zeit, in der Menschen und Dämonen ganz selbstverständlich zusammenlebten, selbstverständlicher selbst als in den anderen Märchen.

Das kleine Mädchen im Märchen von der Unke teilt jeden Tag die Milch, die ihm seine Mutter mitgegeben hat, mit der Schlange und freut sich über ihre Gesellschaft.

„ […] und wenn es mit seinem Schüsselchen dasaß und die Unke kam nicht gleich herbei, so rief es ihr zu:
‚Unke, Unke, komm geschwind,
komm herbei, du kleines Ding,
sollst dein Bröckchen haben,
an der Milch dich laben.’“

Und dann kommt die Schlange und bringt dem Mädchen kleine Geschenke aus ihrem Schatz. Die Mutter hat dem Mädchen aber außer der Milch zum Trinken Weckbrocken zum Essen mitgegeben. Die bietet es der Schlange auch an und versteht nicht, dass sie sie verschmäht. Eines Tages schlägt es ihr deshalb leicht mit seinem Holzlöffelchen auf den Kopf und sagt ihr, sie solle auch von den Brocken essen. Die Mutter sieht ihr Kind mit der Schlange sprechen und wie es ihr mit dem Löffelchen auf den Kopf schlägt, kommt mit einem Holzscheit aus der Küche gelaufen und tötet die Schlange damit. Daraufhin wird das Kind traurig und krank, und schließlich stirbt es bald.

Nicht, dass ich etwas davon verstünde, aber mir kommt das Märchen schamanisch vor, weil es nicht stark zu trennen scheint zwischen den Menschen auf der einen Seite und den Tieren auf der anderen, sondern davon ausgeht, dass unsere Seelen (oder unsere Dämonen) auch in den Tieren sind (und umgekehrt). Für mich ist es eine Geschichte davon, wie eine Mutter die Seele ihres Kindes tötet. Ich denke, es ist eine zeitlose Geschichte.

Die Ringelnattern auf den Fotos sind Berliner Tiere, die ich diesen Sommer im Spandauer Forst fotografiert habe. Ich war einige Male dort und obwohl ich oft, sogar meistens, wenn ich da war, eine Ringelnatter gesehen habe, ist es mir nicht immer gelungen, gute Fotos zu machen – oder auch nur überhaupt welche. Das lag daran, dass mich Natrix Natrix Natrix meistens etwas schneller bemerkte als ich sie, und dann reicht es normalerweise nur noch für Fotos von Schwanzspitzen.

Zum Schluss noch, was beim Thema Schlangen alle als erstes wissen wollen: Natrix Natrix Natrix ist ungiftig und für Mensch, Hund und Katz absolut nicht gefährlich. Wenn man in Deutschland einer Schlange begegnet, ist das normalerweise sie. Wenn sie diese schicken Halbmondflecken hat, ist sie es mit Sicherheit. Die Giftschlange, der man in Deutschland begegnen könnte, ist die Kreuzotter (und in ganz wenigen Gegenden auch die ähnliche Aspisviper). Bissunfälle mit Kreuzottern verlaufen ungefähr einmal in hundert Jahren tödlich. Wenn die Kreuzotter bei einem Abwehrbiss tatsächlich Gift abgibt, was sie keineswegs immer tut, kann das aber, wenn es doof läuft, auch den berühmten gesunden, erwachsenen Menschen ganz ordentlich krank machen. Ein sehr effektiver, in 99 Prozent der Fälle wirksamer Schutz vor Schlangenbissen ist es, keine Schlangen zu fangen oder anzufassen.