niederwertig vs. widerwärtig

Manchmal höre ich seltsame Dinge, die so nie gesagt wurden. Zum Beispiel letzten Samstag in den Nachrichten: Roland Koch über Hartz-IV-Empfänger. Für die solle es einen Arbeitszwang geben; ein Hartz-IV-Empfänger müsse im Zweifelsfall auch zur Übernahme einer widerwärtigen Arbeit verpflichtet werden können. So habe ich die Nachrichtensprecherin verstanden und mir überhaupt nichts weiter dabei gedacht, außer vielleicht: Ja, das ist nur logisch, das macht Sinn aus der Sicht vom Koch, eine voll normale Aussage für seine Verhältnisse.

Ich hatte an dem Tag sehr lange das Radio laufen wegen – das ist jetzt etwas peinlich, aber ich will hier nichts verschweigen – Hertha. Es war der Sender Inforadio, der seine Nachrichten alle 20 Minuten wiederholt. Erst beim sechsten Durchlauf der Meldung fiel mir auf, dass Koch ja gar nicht von widerwärtigen, sondern von niederwertigen Tätigkeiten gesprochen hatte. Ich war irritiert. niederwertig was für ein ungewöhnliches Kompositum! Widerwärtig ist zweifellos viel geläufiger. Unter einer widerwärtigen Tätigkeit kann ich mir auch sofort etwas vorstellen. Zahnarzt von Roland Koch zum Beispiel. Aber was wäre eine niederwertige Tätigkeit? Gemeint ist wahrscheinlich eine Arbeit, die nicht einfach nur schlecht bezahlt, sondern die zurecht schlecht bezahlt ist, weil sie eine bessere Bezahlung gar nicht wert wäre. Genau genommen könnte es sogar eine Arbeit sein, die wenig wert ist, aber aus irgendwelchen Gründen trotzdem gut bezahlt. Also im Prinzip jede Tätigkeit, wenn man sie nur schlecht genug ausführt, zum Beispiel auch die als Ministerpräsident eines Bundeslandes. Demnach hätte Koch gefordert, dass Hartz-IV-Empfänger zu einer Arbeit gezwungen werden sollen, die sie nicht gut ausführen können oder wollen und die sie deshalb so schlecht ausführen, dass sie nur wenig wert ist. Das klingt plausibel. Denn die Rechnung ist ja einfach: Immer noch besser einer macht seine Arbeit so richtig mies, als wenn er gar nicht arbeitet und nur Dinge tut, die ihm Freude bereiten. Angenommen zum Beispiel, einer hasst es, Roland Kochs Zahnarzt zu sein, wurde aber vom Job Center dazu verpflichtet, weshalb er inkompetent und übellaunig ein wahres Blutbad und Trümmerfeld in Roland Kochs Fresse Mund anrichtet. So wäre das doch viel besser, als wenn er tatenlos zuhause rumhängen und sich im Internet-Live-Stream sämtliche Plenarsitzungen des hessischen Landtags ansehen würde. Doch auch wenn diese Interpretation von Kochs Worten zunächst einleuchtend erscheinen mag, gibt es gewichtige Gründe, die dagegen sprechen. Roland Koch würde seinen Zahnarzt nämlich bestimmt sofort wechseln und sich von dem neuen ein schönes frisches Gebiss mit zwei glitzernden Diamantschneidezähnen und vier scharf geschliffenen Eckzähnen aus Edelstahl maßschneidern lassen. Dann wäre unser Hartz-IV-Empfänger wieder ohne Beschäftigung und würde, wie es nun einmal seine Natur ist, vorm Computer hängen und sich diese furchtbaren Plenarsitzungen reinziehen. Nichts wäre gewonnen. Man müsste folglich nicht nur den Hartz-IV-Empfänger in die niederwertige Zahnarzttätigkeit zwingen, man müsste auch Roland Koch dazu verpflichten, sein Patient zu bleiben. Das wäre theoretisch eine denkbare Lösung, denn in bestimmten Bereichen gibt es das ja schon, dass man sich seinen Arzt nicht selbst aussuchen darf. Aber ich bin fast sicher, dass Koch es so nicht gemeint hat.

Ich glaube vielmehr, dass Koch nach einer missratenen Zahnbehandlung viele Konsonanten nicht mehr ordentlich artikulieren konnte und sein schrecklich vernuscheltes iderärtig vom Interviewer fälschlich als niederwertig interpretiert wurde. Denn es ist doch so: Wenn man erst mal beginnt darüber nachzudenken, was etwas nur ungenau Verstandenes genau heißen könnte, fallen einem immer zuerst die abwegigen Erklärungen ein. Ich sah neulich zum Beispiel ein Schild, auf dem ich inrichtungen lesen konnte – der erste Buchstabe war verdeckt. Nach langem Nachdenken ergänzte ich ein sehr weit hergeholtes H für Hinrichtungen, dabei wäre ein E für Einrichtungen doch viel naheliegender gewesen. Bestimmt hat Koch ganz normal widerwärtig gesagt, nur dass er aufgrund einer ärztlichen Fehlleistung eben nicht eindeutig zu verstehen war. Denn das kann funktionieren: Man macht einen Menschen einfach so klein und runter und erklärt ihn für so niederwertig, dass er schließlich eine richtig widerwärtige Tätigkeit voller Demut, Freude und Dankbarkeit annehmen und sie mit vollem Einsatz, unter großen Mühen und nach bestem Wissen und Gewissen sorgfältig ausführen wird. Dann bekäme Roland Koch seine Diamantschneidezähne und seine Edelstahleckezähne zum Hartz-IV-Satz und zu seiner vollsten Zufriedenheit. Und allen wäre geholfen.