Mein erster Roman

Ich sitze in meinem Kinderzimmer auf dem Schrank. Wobei, „mein Kinderzimmer“ stimmt nicht ganz. Es ist das Kinderzimmer von mir und meiner Schwester. Meine Schwester ist zwei Jahre jünger als ich, aber mutiger. Mama nennt sie gern Anna die Mutige nach der mutigen und klugen kleinen Schwester vom Kleinen Vampir. Der Vergleich verletzt mich. Denn wenn sie Anna die Mutige ist, dann bin ich ihr Bruder Rüdiger – ein Angeber, der sie immer vorschickt, wenn es gefährlich wird. Und genauso meint es Mama auch. Wenn sie meine Schwester Anna die Mutige nennt, will sie mir damit sagen, wie ängstlich ich bin – große Klappe, nichts dahinter, typisch Junge eben. Ich finde meine Schwester auch mutiger als mich. Ich hoffe nur, sie bemerkt es nicht. Doch wenn Mama mit ihrem Anna-die-Mutige-Gerede weitermacht, ist das sicher nur noch eine Frage der Zeit. Trotzdem, ich bin und bleibe immerhin der Ältere. Ein paar wenige Vorrechte ergeben sich daraus. Zum Beispiel darf ich im Hochbett oben liegen. Und vom Hochbett aus kann ich auf den Kleiderschrank klettern. Dort sitze ich jetzt.

Ich sitze gern auf dem Schrank. Einmal weil es schön staubig ist, dann weil das Zimmer von so weit oben so anders aussieht und sich vor allem anders anfühlt. Wenn ich zu lange unten sitze, denke ich manchmal, ich bin nur ein Gegenstand in diesem Zimmer wie der kleine Ikea-Hocker, die lange Schreibtischplatte, die ich mir mit meiner Schwester teile (wobei ich als der Ältere den Platz am Fenster beanspruche), die beiden Klemmlampen an den Regalbrettern darüber, das Bücherregal oder meine rotweiße Schulmappe. Auf dem Schrank fühlt es sich nicht so an. Außerdem kann man vom Schrank runterspringen. Das macht Spaß und das macht Krach und der ärgert Mama. Übrigens glaube ich, dass sie mehr als der Krach ihre eigene Angst ärgert, ich könnte mich beim Runterspringen verletzen. Um vom Schrank zu springen, bin ich nämlich gerade noch mutig genug. In Wahrheit bin ich also immer noch mutiger, als Mama das recht ist.

Jetzt springe ich aber nicht, ich sitze. Ich sitze auf dem Schrank und denke über meinen ersten Roman nach. Er soll hundert Seiten haben. Ich habe einen nagelneuen Block mit hundert Blatt Din/A4-Papier und ich habe mir vorgenommen, jede Seite davon zu beschreiben. Ich weiß zwar noch nicht genau womit, doch ich habe schon überall unten links mit Filzstift eine Zahl geschrieben, von 1 bis 100, und es sind wirklich genau 100 Seiten im Block. Der schwarze Filzstift hat leider nur bis Seite 39 gereicht, dann war er leer und ich musste mit Braun weitermachen. Außerdem habe ich die 64 versehentlich zweimal geschrieben. Das fiel mir erst ganz zum Schluss auf, als nach der 99 keine Seite mehr übrig war. Zuerst dachte ich, die Hersteller des Papierblocks hätten mich um eine Seite betrogen, aber dann bin ich meine Seitenzahlen noch einmal durchgegangen und entdeckte meinen Fehler. Ich hätte fast geheult. Ich hatte mir vorgestellt, dass mein Buch wirklich schön werden würde, ich hatte extra Mama gebeten, mir einen neuen Block Papier mit 100 Seiten zu kaufen, ich hatte ihr extra nicht verraten, wofür ich ihn haben wollte, weil mir mein Plan, ein Buch zu schreiben, so wichtig erschien, dass ich irgendwie gar nicht darüber sprechen wollte, und jetzt konnte ich die letzten 36 Seiten des Blocks wegwerfen. Eigentlich konnte ich sogar den ganzen Block wegwerfen, denn mein Buch sollte 100 Seiten haben, das war ja gerade der Sinn der Sache und außerdem war es das einzige, was ich selbst bisher über mein Buch wusste. Ich versuchte, die falschen Seitenzahlen mit dem Tintenkiller zu löschen. Aber außer dass der Filzstift verschmierte und das Papier sich zu wellen begann, bewirkte er nichts. Schließlich strich ich die zweite 64 durch und schrieb 65 daneben, dann strich ich auf der nächsten Seite die 65 durch und schrieb 66 daneben, dann auf der nächsten Seite die 66 und immer so weiter bis ich die 99 durchstrich und 100 daneben schrieb. Es sah scheiße aus und meine Laune war im Keller, aber was sollte ich machen. Ich quälte mich bis zur letzten Seite, war wütend auf mich selbst und haderte gleichzeitig damit, dass ausgerechnet mir so etwas Doofes passieren musste. Aber ich gab es nicht auf. Mein erstes Buch war ein bedeutendes Projekt und ich würde mich so früh nicht entmutigen lassen.

Kurz nachdem ich die falschen Zahlen korrigiert hatte, kam Mama rein und wollte wissen, was ich auf meinem neuen Block denn die ganze Zeit schon so konzentriert Schönes malen würde. Ich mochte ihr eigentlich nicht verraten, was ich tat. Ich hatte sie ganz bewusst in dem falschen Glauben gelassen, ich wolle den Block zum Malen haben und hatte deshalb jetzt ein schlechtes Gewissen. Und sowieso wollte ich irgendwie noch nicht über mein Buch sprechen. Schließlich sagte ich es ihr aber doch. Sie war nicht begeistert:

„Aber dann fang doch erst mal an zu schreiben und schmier da nicht überall schon Seitenzahlen rauf. Das ist doch blöd, wenn du die Seiten nachher für was anderes verwenden willst. Und 100 Seiten vollschreiben, das schaffst du doch nie!“

Ich schmiss den Block mit voller Wucht auf die Schreibplatte, sprang auf mein Hochbett und kletterte auf den Schrank. Sie starrte mich kurz an und verließ dann wortlos das Zimmer.

Ich sitze auf dem Schrank und weiß nicht, was ich schreiben soll. Eigentlich soll es eine Detektivgeschichte werden. Aber jetzt will mir keine richtige Handlung mehr einfallen. Ich denke an einen Zahlencode, mit dem Botschaften verschlüsselt werden. Der Trick würde sein, dass man die Zahlen zum Teil durchstreichen muss, um ihnen eine neue geheime Bedeutung zu geben. Doch an der Frage, wie genau das gehen kann, beiße ich mich fest, sodass ich gar nicht mehr dazu komme, mir Gedanken darüber zu machen, was der Inhalt der verschlüsselten Botschaft sein könnte und ob sich darum herum eine Detektivgeschichte erzählen ließe.

Zu allem Überfluss fällt mir jetzt auch noch der Traum ein, den ich letzte Woche in Reli unvorsichtigerweise erzählt habe. Es war eine Hausaufgabe gewesen, der Klasse von einem Traum, den man gehabt hatte, zu berichten. Das war keine leichte Aufgabe, aber ich wollte unbedingt. Denn ich messe meinen Träumen eine große Bedeutung zu, den normalen Träumen und auch meinen Tagträumen. Träumen ist für mich dasselbe wie nachdenken. Ich kann meine Träume gar nicht richtig unterscheiden von meinen Gedanken. Und meine Gedanken sind sehr wichtig für mich. Ich bin schwächer als die Erwachsenen und ich bin auch schwächer als die meisten Kinder. Ich bin weniger mutig als meine kleine Schwester. Aber niemand hat so große, so reiche Gedanken wie ich. Natürlich weiß ich, dass ich anderen Menschen nicht in ihre Köpfe hineinsehen kann. Aber ich sehe es auch in ihren Gesichtern: Solche Gedanken wie ich hat ganz bestimmt keiner von denen.

Der Traum, den ich erzählen wollte, war ein Alptraum. In dem Traum brannte unser Haus. In dem Traum kam auch ein Mädchen vor, das ich mochte, Katja, die nicht auf meine Schule ging und die keiner meiner Mitschüler kannte. Ich hatte Angst um mich und um sie. Sie war ganz selbstverständlich Teil des Traums und ich bemerkte erst beim Erzählen im Klassenraum, dass ich erklären musste, warum sie dort und wer sie überhaupt war. Und ich bemerkte beim Versuch es zu erklären, dass ich es nicht konnte. Ich begann zu stocken, verhaspelte mich, wollte noch einmal neu ansetzen, da sagte Tarik: „Es ist seine große Liebe. Martin ist verliebt.“
Alle lachten. „Martin liebt Katja!“, riefen sie. Es gab keinen schlimmeren Vorwurf. Ich wollte ihm wütend widersprechen, da fiel mir auf, dass ich auch das nicht konnte. Ich wollte weg. Ich wusste nicht wohin. Ich weinte. Etwas Besseres, um aus der Situation rauszukommen, fiel mir nicht ein. Es funktionierte sogar einigermaßen. Die Reli-Lehrerin sprach in tröstenden Worten zu mir und in tadelnden zu Tarik.

Aus dem Traum könnte ich eine gute Geschichte machen. Aber das würde keine Detektivgeschichte werden. Es gibt einen Namen für solche Geschichten: Liebesgeschichten. Liebesgeschichten sind das allerletzte, was ich jemals lesen würde. Ich komme nicht weiter. Ich springe vom Schrank.

Die Geschichte meiner Träume — 2. Nacht

Raushau-Blog-Leserservice: Ja, ihr kennt das schon. Der nachfolgende Text hat 4344 Zeichen (incl. Leerzeichen) und ist „Ich schreibe wie“-zertifiziert mit dem Gütesiegel:

Ich schreibe wie
Joanne K. Rowling

Das Forschungsprojekt von AnwaltMap – anwälte. Ich schreibe wie…

oder vielleicht auch wie ihr deutscher Übersetzer, man weiß es nicht. Jedenfalls ein bisschen erschreckend, festzustellen, dass ich mich so langsam stilistisch bei Rowling einpendele. Für euch, liebe Leser, bedeutet das zunächst einmal, dass der Kram von seiner Lesbarkeit her echt für jeden machbar sein sollte. Ob es für mich bedeutet, dass ich es bald von HartzIV zum Millionär schaffe, da bin ich mir noch nicht so sicher, aber ich werde jedenfalls schon mal überlegen, an wen ich dann gegebenenfalls was spende und an wen nicht. Weiterer Leserservice: Ganz am Ende des Textes ist wieder ein Youtube-Link und irgendwo in der Mitte ein Foto von mir (ohne Bezug zum Text, aber mit Berlin-Bezug). Es folgt der Text.

Meine Träume langweilen mich.

Angst.

Na und?

Verlangen nach Anerkennung und/oder Bewunderung, nach Nähe und/oder Sex.

So what?

Schamgefühle, Peinlichkeiten, ungerechte Wut und gerechte Wut.

Hilft uns das weiter?

Geschichten, die gleich nach dem Anfang, wieder abbrechen – wobei man dazusagen muss, dass sie nie einen Anfang hatten.

Es ist wie im richtigen Leben.

Erinnerungen an mögliche Abläufe von Grund und Folge, die zur gleichen Zeit auftreten, zu der sie verschwinden und vielleicht keine Erinnerungen sind, sondern fehlgeleitete Versuche einer Rekonstruktion.

Weil ich jetzt weiß, dass ich noch schlafe, wenn ich aufwache, wache ich nicht mehr auf, wenn ich spüre, dass ich aufwache. Ich schlafe, so lang es geht. Der Hunger kann mich wecken. Oder die Pflicht. Manchmal auch ein Vorsatz. Wenn ich gut bin gar vorsätzliche Vorfreude. Meine Träume langweilen mich, aber ich schlafe weiter.

Noch unter der Dusche schlafe ich. Es gibt keinen bestimmten Punkt, an dem ich wach bin. Ich fließe vom Schlaf- in den Wachzustand und zurück. So treibe ich durch mein Leben.

Wo der Berg über dem Papiercontainer in sich zusammengebrochen ist, steht jetzt ein Wald. Die Vampire rennen durch den Wald. Wir sind zu dritt. Arian B. und Björn He. sind verschwunden. Die neuen sind Gregor und ein Vampir-Weibchen, das ich nicht kenne. Ihr fahlweißer Ausschnitt leuchtet mir den Weg.

Wir laufen über Bohlen. Unsere Schritte auf den Bohlen sind laut wie unser Atem. Wir rennen, als ginge es um etwas. Immer scheint es um etwas zu gehen in meinen Träumen. Doch um was es geht, dieses Geheimnis geben sie niemals preis. Die Bohlen lenken unseren Weg. Das scheint ihr einziger Zweck zu sein, der Boden unter ihnen jedenfalls ist ganz gewöhnlicher, gut begehbarer Waldboden.

Auf einer bunt illustrierten Informationstafel der Forstverwaltung sind verschiedene Fledermausarten abgebildet. Wir sehen nach, ob wir uns selbst finden. „Sucht euch einfach aus, welche ihr am liebsten sein wollt“, sagt der in Grün gekleidete Förster. „Ist scheißegal, sind eh alle ausgestorben.“ Wir sagen danke, wir töten ihn und wir saugen ihn leer. Ich will am Ausschnitt des Vampir-Weibchens saugen. Doch ich muss vorsichtig sein. Wenn ich es zu sehr will, wache ich auf und alles ist vorbei.

Ich wache auf.

Martin Thoma

Nach dem Aufwachen merke ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Ein Blick aus dem sperrangelweit geöffneten Fenster und ich erkenne, was es ist: Europa ist untergegangen. Das fehlt gerade noch, denke ich.

Ich fahre den PC hoch und sende den aktuellen Text für mein(en) Blog dem übergangsweise regierenden Militärrat zum Gegenlesen. Weil ich so unwichtig bin und mich eh keiner liest, haben sie keine Einwände. Leider dauert die Begutachtung des Textes 300 Jahre – weil ich so unwichtig bin und der übergangsweise regierende Militärrat überlastet ist und sich erst mal um die wichtigen Probleme kümmern muss. Solange kann ich den Text natürlich nicht bloggen.

Um mir die Zeit bis dahin zu vertreiben, schreibe ich noch ein paar andere Texte, die ich auch beim übergangsweise regierenden Militärrat einreiche. Es kommt immer sofort eine freundliche Mail zurück, in der sie mir den Eingang bestätigen und um mein Verständnis bitten, dass die Bearbeitung noch mindestens 300 Jahre in Anspruch nehmen wird, in denen von Nachfragen abzusehen sei. Ich mache mir einen Spaß daraus, einen Text einzureichen, in dem ich den übergangsweise regierenden Militärrat scharf angreife. Weil ich ja weiß, dass sie ihn erst lesen werden, wenn ich schon lange tot bin, habe ich keine Angst. Trotzdem fühle ich mich wohlig rebellisch.

Irgend jemand muss ihn dann aber doch vorher gelesen haben, denn wenige Minuten später fliegt ein smarter Marschflugkörper durchs Fenster und explodiert direkt auf meinem smarten Mobiltelefon. Das Mobiltelefon liegt zwar am anderen Ende der Wohnung, doch die Wohnung ist glücklicherweise klein. Daher reicht die Sprengkraft aus, mich so schwer zu verletzen, dass ich schon nach wenigen Minuten sterbe. Ein langes und qualvolles Dahinsiechen bleibt mir erspart. In der kurzen Zeit, die ich noch habe, möchte ich mein Leben so weit in Ordnung bringen, dass ich wenigstens meinen GoogleSuper™-Account lösche, doch ich stelle fest, dass man das bereits für mich getan hat. Na, das funktionierte doch reibungslos, denke ich und sterbe halbwegs versöhnt mit der Welt.

Jetzt auch tot: Georg Kreisler

Ähem, hallo Entschuldigung, ich …

Raushau-Blog Leserservice: Der folgende Text liest sich gemäß „Ich-schreibe-wie“-Zertifizierung [http://ich-schreibe-wie.de/4kW] wie ein Text von Stieg Larsson [ob übersetzt oder im schwedischen Original, bleibt offen]. Der Text hat eine Länge von 8192 Zeichen (Leerzeichen eingeschlossen). Am Ende des Textes ist zusätzlich ein Youtube-Video eingefügt, zu dem gerne auch vorscrollen kann, wer den Text nicht lesen möchte.

… ich wollte was sagen. Unnötig, das anzukündigen, eigentlich. Ich meine, wenn du was sagen willst, dann sagst du es einfach, oder? Du sagst, was du sagen willst und nicht eben vorher, dass du es jetzt gleich sagen willst. Du machst das so. Höchstens, dass du mal etwas sagst wie „jetzt will ich aber auch mal was sagen“, aber damit sagst du dann ja auch schon was, nämlich, dass man dich die ganze Zeit nicht zu Wort kommen lassen hat. So ist das bei dir. Aber ich, ich muss erst ankündigen, dass ich was sage, ich bin gerade immer noch dabei, es anzukündigen, noch habe ich nichts gesagt. Es fällt schwer zu reden, wenn man lange geschwiegen hat.

Ich kann doch nicht einfach nach monatelangem Schweigen hingehen und sagen: „Schönes Wetter heute. Ich mag es, wenn die Sonne scheint.“ Wie lächerlich das wäre! Dass ich gerade jetzt mein Schweigen breche, das muss schließlich einen Grund haben. Es muss etwas wirklich Wichtiges sein, was ich zu sagen habe. Denn alles was ich hätte sagen können in der Zeit, als ich geschwiegen habe, muss weniger wichtig gewesen sein. Sonst hätte das Schweigen ja keinen Sinn gehabt. Und dafür, dass es keinen Sinn gehabt haben sollte, hat es zu lange gedauert, nicht wahr? Vielleicht sage ich deshalb lieber weiter nichts. Ich spüre die Möglichkeit der Unwichtigkeit dessen, was ich sagen wollte. Mehr noch, es droht mir zu entgleiten. Wie ein Traum, der dir eben noch so real und wichtig erschien, als wenn er die einzige Wirklichkeit im ganzen Universum wäre, und kaum bist du aufgewacht, selbst in seinen groben Umrissen nur noch verschwommen erkennbar ist. Es ist vielleicht besser, wenn ich doch nichts sage. Jedenfalls heute noch nicht. Vielleicht morgen, wenn mir wieder einfällt, was genau ich eigentlich wollte. Andererseits: Dass ich was sagen wollte, habe ich schon gesagt. Und wer A sagt muss auch B sagen. Das ganze Alphabet verlangt ja keiner, obwohl ich finde, wenn, dann sollte es eigentlich das ganze Alphabet sein. Aber B nach A reicht dir ja schon, nicht wahr? Wenn einer erst A sagt und dann B, dann hat alles eine Ordnung für dich, du fühlst dich nicht hängengelassen und du kannst gegebenenfalls getrost vergessen, was er gesagt hat, ohne schlechte Gefühle. So ist das doch, oder?

Hörst du mich eigentlich? Ich bin nicht ganz sicher, wie weit meine Stimme noch trägt. War sie nicht schon immer leise, vernuschelt, brüchig, unsicher? Und meine Sätze, waren sie nicht schon immer verworren, nicht auf den Punkt, widersprüchlich, unfertig, abgebrochen? Das dürfte ja wohl kaum besser geworden sein. Als ich ein Kind war, trug meine Stimme noch hundert Meter und weiter. Das weiß ich. Ob jemand sie hören wollte, war eine andere Frage, aber die Stimme war da und wollte gehört werden. Das war auch schon nicht mehr so, bevor ich dann ganz verstummt bin.

Nimm eine viel befahrene Straße, auf der einen Straßenseite du und auf der anderen jemand, den du kennst und der dich nicht sieht, nicht zu sehen scheint. Und du merkst, du willst, dass er oder sie dich sieht, du willst gesehen werden von ihr oder ihm – gern gesehen. Was sie oder er umgekehrt will, wirst du niemals wissen. Du öffnest den Mund, um den Namen der Person auf der anderen Straßenseite zu rufen, 20 Meter ungefähr durch den Lärm der vorbeifahrenden Autos. Tust du es? Trägt deine Stimme? Meine nicht, schon lange nicht mehr, schon bevor ich ganz stumm wurde. Ich kann mich nicht auf die Straße stellen und rufen, es kommt kein Ton. Wer tut so was schon? Bauarbeiter, Proleten, Kinder, aufgekratzte Jugendliche in größeren Gruppen unter Alkoholeinfluss. Und du? Du bist ja nicht stumm. Aber hast du die Stimme dafür? Wenn nicht dafür, wofür dann? Vielleicht bist du auch schon verstummt, nur du weißt es noch nicht. Aber du redest. Ich schweige.

Wer nichts sagt, kann wenigstens auch nichts Falsches sagen, nicht wahr? Du riskierst mit jedem Satz, den du sprichst, dich lächerlich zu machen, dein Ansehen zu verlieren, deine Würde. Und ich, ich halte mich da fein raus und denke mir wahrscheinlich meinen Teil, ich trauriges Arschloch. Manchmal widersprichst du dir bei vollem Bewusstsein, aus Opportunismus. Manchmal widersprichst du dir aus Opportunismus, ohne dass es dir bewusst wäre. Manchmal widersprichst du dir, weil du einfach nur ehrlich bist. Du zahlst den Preis dafür, ein soziales Wesen sein zu wollen. Ich zahle gar nichts und folglich kriege ich auch nichts. Mich quälen Erinnerungen aus der Zeit, als ich noch gesprochen habe. Die hundert dümmsten Sätze meines Lebens, plötzlich wie Panikattacken stechen sie zu. Es sind nur die dummen Sätze geblieben. Wenn ich jemals etwas Kluges gesagt haben sollte, habe ich es vergessen. Ich will nicht noch mehr solche Dummheiten sagen, es ist zu peinlich. Und du glaubst im Ernst, ich mache es mir in meinem risikolosen Nichtssagen bequem. Du, der du doch täglich völlig schmerzfrei einen Mist redest, als wärst du Journalist oder lebenslanger Talkshowgast.

Ich muss unbedingt etwas wirklich Kluges sagen, wenn ich mit dem Sprechen noch einmal wieder anfangen sollte. Was ich gerade denke, werde ich nicht sagen. Ich denke, dass die Zeit sehr schnell vergeht. Das ist ein äußerst banaler Gedanke, den nur denkt, wer sich sehr alt fühlt. Ich habe ihn schon so oft gedacht, dass ich gar nicht mehr sagen kann, vor wie vielen Jahrzehnten zum ersten Mal.

Ich schwieg und unterdessen wurde in Deutschland der Wehrdienst abgeschafft, in Tunesien ein Diktator gestürzt, in Libyen ein anderer mit Hilfe der NATO weggebombt, und in Syrien blieb einer im Amt, weil er Tausende Demonstranten zusammenschießen ließ. In Russland machte Putin Chodorkowskij den Prozess, in Ungarn wurde die Meinungsfreiheit aus der Verfassung gestrichen und in der Schweiz behielt weiterhin jeder ehemalige Wehrdienstleistende ein eigenes Sturmgewehr bei sich zuhause im Schrank. Ich schwieg. In Deutschland spekulierte man darüber, wann der schneidige zu Guttenberg Kanzler werden würde und der ehemalige Ministerpräsident Koch stieg in den Vorstand des Baukonzerns Bilfinger und Berger auf, was mancher geneigt war, korrupt zu nennen, aber eigentlich keinen mehr interessierte. Ich schwieg. Und zu Guttenberg wurde als Hochstapler entlarvt und aus dem Land gejagt, meine Schwester brachte ein gesundes Mädchen zur Welt, in Japan gab es eine Flutkatastrophe und einen Super-GAU und 15 Jahre nach Tschernobyl lernten alle einen neuen Ortsnamen: Fukushima. Angela Merkel steuerte eine Patenthalse in ihrer Atompolitik und beschloss den deutschen Ausstieg, Stefan Mappus flog über Bord und in Baden-Württemberg wurde erstmals ein Grüner Ministerpräsident. Auch in der Elfenbeinküste geschah irgendwas, wie eigentlich in Afrika ja immer irgendwas geschieht, im Mittelmeer ertranken weiter die Flüchtlinge, wichtiger war in Deutschland wie immer der alljährliche Lebensmittelskandal, der dieses Mal EHEC hieß, und die SPD entschied sich nach langem Ringen zwischen grundsätzlicher Haltung und pragmatischem Opportunismus wie immer am Ende für Letzteres und schmiss Thilo Sarrazin doch nicht aus der Partei. Ich schwieg. Obama ließ in Pakistan einen lange gesuchten islamistischen Top-Terroristen exekutieren, in Deutschland wurde erstmals eine Frauenfußball-WM aufgezogen, als sei sie ein vergleichbares Ereignis wie die Fußball-WM der Männer und Westerwelle gab den FDP-Vorsitz ab. Ich schwieg. In Norwegen sprengte ein Terrorist das Regierungsviertel in die Luft und erschoss an die hundert Jugendliche und alle schienen überrascht und erleichtert, dass er kein Islamist, sondern ein Rechtsradikaler war. Griechenland, hörte man, sei pleite, und Europa und ebenso die USA in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit man-weiß-nicht-wann. In Berlin wurde Wowereit zum dritten Mal zum Bürgermeister gewählt und die junge Internetpartei Piraten zog zum ersten Mal in ein Parlament ein und im Wedding gab es mir ein beinahe heimeliges Gefühl, dass politisch aktive Leute jedes Plakat von Nazi-Parteien mit brauner Farbe übermalt hatten. Ich schwieg und mir fiel auf, dass ich gar nicht mehr genau wusste, wie lange ich jetzt schon im Wedding wohne.

Und dann war Herbst. Und schönes Wetter. Die Sonne scheint. Ich mag das.