Ein Juli-Nachmittag im Spandauer Forst — Nachtrag

Ich habe noch ein Tier nachzutragen, das mir am Dienstag in Spandau entgangen und erst Mittwochnacht aufgefallen ist. Da hatte es sich an einem eher intimen Körperteil von mir festgesetzt. Daraus lernen wir: Du sollst den Tag nicht vor dem übernächsten Abend loben und die Natur erst dann verklären, wenn du alle Zecken von deinem Körper entfernt hast.

Andererseits war ich mit der Zecke ja noch gut bedient. Wenn ihr mal die oberste Libelle betrachtet, werdet ihr an ihr so kleine rote Punkte erkennen. Das sind Milben. Aber die Libelle soll sich mal nicht beschweren, schließlich frisst sie selber andere Tiere. Von den fotografierten Tieren sind nur der Hase, die Schmetterlinge und der Käfer Vegetarier. Am schlimmsten ist natürlich das süße Killer-Kätzchen (oben links), das frisst sowieso alle anderen oder macht sie zumindest kaputt, wenn es Zeit und Muße dazu findet (und Zeit und Muße finden süße Killer-Kätzchen dazu eigentlich immer). Außer den Hasen. Der ist zu groß fürs Kätzchen. Hasen finde ich ganz lecker.

No animals were harmed in the making of this picture. (Danach allerdings schon.)

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Schmetterlingssammlung

Wir leben in schrecklich politisch korrekten Zeiten. Wunderschöne, altehrwürdige Hobbys wie zum Beispiel das Schmetterlingssammeln finden heutzutage keine Anerkennung mehr. Wer ihnen noch nachginge, würde öffentlich gebrandmarkt, man würde eine wahre Hexenjagd auf ihn veranstalten. Oder um es mit der allwissenden Wikipedia auszudrücken:

„In der Gegenwart würde eine Insektensammlung unter Naturfreunden häufig auf Missgunst treffen, nicht zuletzt der Zunahme bedrohter Arten wegen, auch aufgrund des heute viel weniger anerkannten Tötens der Tiere.“

Wikipedia – Insektensammlung

Die folgende Schmetterlingssammlung ist politisch korrekt weichgespülte Gutmenschenkacke. Keinem einzigen Tierchen wurde beim Anlegen ein Leids getan. Dafür fehlt ihr natürlich auch, was den Charme einer guten Schmetterlingssammlung ausmacht: Dieses Gefühl, etwas Schönes, Buntes, verboten Leichtes und geradezu beleidigend Lebendiges getötet, aufgepießt, konserviert, penibel bestimmt und etikettiert, eng eingefasst, weggeordnet und in staubigen Schränken vergessen zu haben — das in seiner ganzen prachtvollen Schalheit so unglaublich befriedigende Gefühl ultimativer Macht.

Wir leben in schrecklichen Zeiten, wo ein Mann sich solcher Gefühle schämen soll.

Exponate: Admiral, Kleiner Fuchs, Landkärtchen, Brauner Waldvogel/Schornsteinfeger, Spiegelfleck-Dickkopffalter, Braun-Dickkopffalter (?), Tagpfauenauge, ????, Zitronenfalter, ?-Bläuling

Alle im Juli 2012 in und um Berlin fotografiert.

Natrix Natrix Natrix

Natrix, Natrix, Natrix – dreimal Natrix heißt die (nördlichere Form der) Ringelnatter auf Biologisch. Mehr Natter geht nicht. Natrix Natrix Natrix ist der Prototyp, in Mitteleuropa die Schlange schlechthin. Auch Ringelnatter ist ein fantastischer Name für eine Schlange. Denn was tut so eine naturgemäß? Sie ringelt sich. Für noch mehr Schlange im Namen müsste sie schon Schlängelschlange heißen, doch das wäre banal. Natrix Natrix Natrix hat zwei Halbmondflecken am Hinterkopf, sodass man denken könnte, sie trüge einen Ring um den Hals wie die Ringeltaube. Ringeltaube – was für ein langweiliger Name für eine Taube!

Früher, ganz früher hieß die Ringelnatter einmal Unke – vom althochdeutschen unkvi, das vom lateinischen anguis kommt, was Schlange bedeutet. Den Namen musste sie dann an die heute noch unter ihm bekannte Krötenart abtreten. Da haben die Sprachpfleger vor Hunderten Jahren offensichtlich mal wieder nicht aufgepasst, denn dass eine Kröte Schlange heißt, so etwas dürfte es in einer ordentlich sortierten Sprache niemals geben!

Die gelben Halbmondflecken am Kopf ließen Natrix Natrix Natrix in alten Märchen und Sagen zur Schlange mit dem Krönchen werden. Außer ihrem Krönchen hat sie meistens noch einen ganzen Berg Schätze bei sich unter der Erde. Manchmal hilft sie dem Helden. Sie mag es, wenn man ihr ein Schälchen mit Milch hinstellt.

Im Märchen von der Unke tut das ein kleines Mädchen. Das Märchen von der Unke gehört zu jenen Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm, die sich besonders alt anfühlen. Nicht wie aus der Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat, sondern wie aus der Zeit noch vor dieser Zeit. Der Zeit, in der Menschen und Dämonen ganz selbstverständlich zusammenlebten, selbstverständlicher selbst als in den anderen Märchen.

Das kleine Mädchen im Märchen von der Unke teilt jeden Tag die Milch, die ihm seine Mutter mitgegeben hat, mit der Schlange und freut sich über ihre Gesellschaft.

„ […] und wenn es mit seinem Schüsselchen dasaß und die Unke kam nicht gleich herbei, so rief es ihr zu:
‚Unke, Unke, komm geschwind,
komm herbei, du kleines Ding,
sollst dein Bröckchen haben,
an der Milch dich laben.’“

Und dann kommt die Schlange und bringt dem Mädchen kleine Geschenke aus ihrem Schatz. Die Mutter hat dem Mädchen aber außer der Milch zum Trinken Weckbrocken zum Essen mitgegeben. Die bietet es der Schlange auch an und versteht nicht, dass sie sie verschmäht. Eines Tages schlägt es ihr deshalb leicht mit seinem Holzlöffelchen auf den Kopf und sagt ihr, sie solle auch von den Brocken essen. Die Mutter sieht ihr Kind mit der Schlange sprechen und wie es ihr mit dem Löffelchen auf den Kopf schlägt, kommt mit einem Holzscheit aus der Küche gelaufen und tötet die Schlange damit. Daraufhin wird das Kind traurig und krank, und schließlich stirbt es bald.

Nicht, dass ich etwas davon verstünde, aber mir kommt das Märchen schamanisch vor, weil es nicht stark zu trennen scheint zwischen den Menschen auf der einen Seite und den Tieren auf der anderen, sondern davon ausgeht, dass unsere Seelen (oder unsere Dämonen) auch in den Tieren sind (und umgekehrt). Für mich ist es eine Geschichte davon, wie eine Mutter die Seele ihres Kindes tötet. Ich denke, es ist eine zeitlose Geschichte.

Die Ringelnattern auf den Fotos sind Berliner Tiere, die ich diesen Sommer im Spandauer Forst fotografiert habe. Ich war einige Male dort und obwohl ich oft, sogar meistens, wenn ich da war, eine Ringelnatter gesehen habe, ist es mir nicht immer gelungen, gute Fotos zu machen – oder auch nur überhaupt welche. Das lag daran, dass mich Natrix Natrix Natrix meistens etwas schneller bemerkte als ich sie, und dann reicht es normalerweise nur noch für Fotos von Schwanzspitzen.

Zum Schluss noch, was beim Thema Schlangen alle als erstes wissen wollen: Natrix Natrix Natrix ist ungiftig und für Mensch, Hund und Katz absolut nicht gefährlich. Wenn man in Deutschland einer Schlange begegnet, ist das normalerweise sie. Wenn sie diese schicken Halbmondflecken hat, ist sie es mit Sicherheit. Die Giftschlange, der man in Deutschland begegnen könnte, ist die Kreuzotter (und in ganz wenigen Gegenden auch die ähnliche Aspisviper). Bissunfälle mit Kreuzottern verlaufen ungefähr einmal in hundert Jahren tödlich. Wenn die Kreuzotter bei einem Abwehrbiss tatsächlich Gift abgibt, was sie keineswegs immer tut, kann das aber, wenn es doof läuft, auch den berühmten gesunden, erwachsenen Menschen ganz ordentlich krank machen. Ein sehr effektiver, in 99 Prozent der Fälle wirksamer Schutz vor Schlangenbissen ist es, keine Schlangen zu fangen oder anzufassen.