Tod

Gestern Nacht war Reif auf den Autos. Ich setze mich aufs Fahrrad und fahre raus, um zu sehen, was der Herbst macht.  Das Wespenvolk in der Ampel an der Barfusstraße ist nicht mehr dort. Auf der Fahrt am Kanal entlang scheint die Sonne, aber sie wärmt nur wenig . Auch der Hornissenbaum im Spandauer Forst ist entvölkert. An den Steinpilzstellen gibt es Pilze, aber keine Steinpilze mehr. Die Fliegenpilze deuten auf sich selbst. Die Pferde tragen Mäntel. Ich finde einen Schädel.

Etwas liegt im Gras. Ich weiß sofort, was es ist und dass es tot ist. Aber ich denke: vielleicht schläft es nur. Ich fürchte mich etwas, näher heran zu gehen. Einerseits weil ich denke, es könnte aufwachen, wenn ich direkt vor ihm stehe. Andererseits weil ich weiß, dass es nicht aufwachen wird. Es wacht nicht auf.

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Der lustige Fremde

„Ich brauche mehr Einsamkeit“, sagte der lustige Fremde und die Mauer widersprach nicht. „Dort, wo ich herkomme, habe ich verlernt zu atmen. An demselben Ort, wo ich es zunächst erst lernte – und zwar ganz und gar mühelos, soweit ich mich erinnern kann. Nie hätte ich gedacht, es könnte möglich sein, etwas so Selbstverständliches wieder zu verlernen. Und dennoch habe ich es verlernt“, sagte der lustige Fremde der Mauer. Und die schwieg. Zum Glück. Denn hätte der lustige Fremde sie sprechen hören, müssten wir uns wohl ernsthafte Sorgen um seine geistige Gesundheit machen, und das wollen wir nicht. Wir wollen uns um niemandes geistige Gesundheit sorgen müssen, am wenigsten um die eines Fremden. Der und sein Leben gehen uns eigentlich gar nichts an, was auch so bleiben sollte. Denn am einzelnen Fremden dran hängt ja auch noch seine fremde Kultur, von der man wenig weiß, doch was man so hört, ist wahrlich nicht nur Gutes. Sie soll insgesamt ungesund sein und – wenn man nicht aufpasst – zum Teil sogar gefährlich.

„Das Verlernen war ein schleichender Prozess“, sprach der Fremde weiter, „heimtückisch wie – ich weiß gar nicht genau wie. Wie ein Strudel in einem Badewannenabfluss für ein kleines Tier – ich weiß nicht, welche Sorte kleines Tier sich in Badewannen aufhält, eine Spinne vielleicht. Und die Spinne, von der ich jetzt mal annehme, dass sie schwimmen kann, treibt ganz ruhig und entspannt auf dem Wasser sitzend zum Abfluss hin und bemerkt die Strömung unter sich kaum. Und als sie sie dann doch bemerkt, ist die Strömung schon ganz gewaltig und reißend und mit einem kurzen Schlürfen verschwindet die Spinne in wenigen Sekundenbruchteilen im Abfluss – und das war es.

Ich habe nicht bemerkt, wie etwas ganz leicht, aber stetig sich steigernd an meinem Atem zog. Er strömte nicht mehr auf und ab in gleichmäßigen Wellen, er strömte Zug um Zug mehr in die eine Richtung, in einem Strudel mehr auf den Mittelpunkt meines Körpers zu, wo er sich sammelte und zu einer Art Klumpen verdichtete, der schwerer und schwerer wurde und immer mehr und schneller Atem sog. Da erst bemerkte ich es langsam. Nicht am Druck, der sich so gleichmäßig erhöht hatte, dass ich außer einem diffusen Unwohlsein nichts von ihm spürte; ich bemerkte es, weil ich mich immer öfter räusperte, in kleinen, lächerlichen Hustenstößen versuchte, etwas von dem Übermaß an Luft in mir wieder auszustoßen. Zu diesem Zeitpunkt war die Luft um mich herum, in der ich selbst mich mein Leben lang bewegt hatte, ganz dünn geworden und der schwere, alle Luft in sich aufsaugende Klumpen in meiner Mitte ganz dick. Es drang nun fast überhaupt kein Atem mehr aus mir heraus, und es schien unausweichlich, dass es mich und meinen ganzen Körper im nächsten Augenblick umkrempeln und ich mit einem kurzen Gurgeln in meinem eigenen Mittelpunkt verschwinden würde.“

Der lustige Fremde brüllte ein kräftiges Lachen gegen die Mauer. „Eine verrückte Vorstellung, oder? Und das Verrückteste ist, dass die Leute um mich herum ganz normal weitermachten. Ihnen schien es nicht an Atemluft zu fehlen und sie wurden auch nicht von mir aufgesogen.“

Der lustige Fremde schwieg und auf uns machte es den Eindruck, als wolle er der Mauer Gelegenheit geben, etwas dazu zu sagen, was natürlich kein gutes Zeichen gewesen wäre. „Ich habe mich immer so sicher gefühlt in meinen Alpträumen“, sagte er dann.

Martin Thoma

Martin Thoma

„Selbt in den allerschlimmsten gab es immer einen Teil von mir, der genau wusste, ich würde in meinem Bett aufwachen, in meinem warmen, weichen Bett, das vielleicht ein bisschen säuerlich, aber für mich angenehm nach mir selbst roch, in meinem sicheren Zuhause. Das war die Wirklichkeit. Das andere waren unterbewusste Fantasien, aber ohne tiefere Bedeutung, einfach Funktionen meines Gehirns zur Regenerierung, wie sie jeder andere Mensch auch hat, so wie jeder Mensch isst und verdaut und ausscheidet. Menschen, die sich über ihre Träume Gedanken machten, waren für mich in einer Phase ihrer Entwicklung stehen geblieben, sie waren wie kleine Kinder, die nach dem Aufsklogehen ihre Kacke begutachten und darin werweißwas Bedeutendes sehen.“

Flüchtig, beinahe wie zufällig berührte der lustige Fremde die Mauer. Einen kurzen Moment stützte er sich mit einer Handfläche gegen sie, verlagerte dann sein Gewicht und ließ die Hand noch ein paar Zentimeter die Ziegeln entlangstreichen, ehe er sie wieder fortnahm. „Die Wahrheit war“, sprach der lustige Fremde weiter, „in diesem Bett würde ich sterben. Nirgends war ich so gefährdet wie dort. Einmal lag der Tod neben mir. Du weißt schon dieses Skelett mit dem schwarzen Mantel und der Sense, ganz klassisch. Der Tod sagte nichts, er hatte bloß seinen Schädel in meine Richtung gedreht und grinste, was aber nichts zu bedeuten hatte, denn es war ja kein echtes Grinsen, sondern nur dieses grinseartige Aussehen, das ein Totenschädel eben hat. Doch dann hörte ich das Geräusch. Ein Knirschen. Nach einer Weile begriff ich, dass es der Tod war, der mit den Zähnen knirschte. Es klang fürchterlich, als knirschten die Wände, die Decke und der Boden mit. Mir war klar, dass das nur ein Traum war, darum hatte ich keine schlimme Angst. Vorsichtshalber wachte ich aber trotzdem lieber auf. Ich lag ganz allein in meinem vertrauten Bett, der Tod war verschwunden, ich atmete auf.

Das wollte ich zumindest. Doch ich konnte nicht. Ein tonnenschwerer Druck hielt meine Kiefer verschlossen und gleichzeitig rieben meine Zähne unablässig gegeneinander. Wenn sie so weitermachten, würden sie sich noch in dieser Nacht zu feinem weißen Pulver zermahlen. Ich versuchte vergeblich, sie auseinander zu bekommen, ich nahm meine Hände zu Hilfe und zerrte an meinem Unterkiefer, aber es ging nicht. Ich bekam Panik. Und dann hörte ich ein Lachen. Es war nicht zu orten, wohl aus irgendeiner der angrenzenden Wohnungen. Es dauerte gar nicht lang, aber es klang unglaublich hämisch. Mir wurde schlecht von diesem Lachen und als meine Zähne schließlich doch noch voneinander abgelassen hatten, hallte es lange in meinem Kopf nach.“

Wir fragten uns langsam, warum der lustige Fremde der Mauer von seinen Alpträumen erzählte, und bemerkten im nächsten Augenblick mit Schrecken, wie absurd diese Frage war. Als wäre es nicht völlig gleichgültig, was er der Mauer erzählte. Als wäre der eigentliche Skandal nicht, dass er überhaupt mit ihr redete. So weit war es mit uns also schon gekommen.

„Eigentlich war es schön zuhause“, sagte der lustige Fremde. „Ich kannte dort alles und jeden, sogar die Mauern. Oder, um genauer zu sein: Alles, was ich nicht kannte, sah ich nicht mehr. Alles, was ich sah, war lange und gut mit mir befreundet. Damals war ich der glücklichste Mensch, den man sich denken kann.“

Der lustige Fremde begann, die Mauer zu streicheln. Mit ein wenig abwesendem Blick, aber anhaltend. Er gab sich jetzt gar keine Mühe mehr, es wie zufällig aussehen zu lassen. Wir überlegten, ob wir einschreiten sollten. Eine Mauer kann sich schließlich nicht wehren. Es kam uns wie Missbrauch vor. Aber wir hatten Angst, uns lächerlich zu machen.

„Und dann hat sich der Tod zu mir ins Bett gelegt. Ich glaube, zur gleichen Zeit muss es mit dem Strudel in meinem Inneren losgegangen sein, doch es dauerte ein paar Jahre, bis er fast alle Luft um mich herum, in mich hinein gesaugt hatte. Da bin ich geflohen, obwohl Frieden und Wohlstand herrschten.“

Der lustige Fremde schwieg. Sollte das seine ganze Geschichte gewesen sein? Wir finden, er sollte wieder zu sich nach Hause gehen. Denn hier bei uns spricht man nicht mit Wänden. Niemand tut das. Es ist eine Beleidigung der Menschen. Nicht nur der Menschen: der Hunde und Katzen und Hamster und Heimchen und Fahrkartenautomaten, ja, sogar der Fahrkartenautomaten!

„Hier nennt man mich den lustigen Fremden“, sagte der lustige Fremde, „weil ich so viel lache. Immer, wenn mir etwas Neues begegnet, lache ich. Weil ich es kann — mein Atem geht wieder ganz leicht. Und immer begegnet mir etwas Neues. Ich weiß, dass mich die meisten hier nicht sonderlich mögen. Sie haben Angst vor mir, denn ich bin nicht von hier und mein Lachen verstehen sie nicht. Das ist gut. Es ist befreiend, sie alle so sehen zu können mit ihrer Angst und ihrer Verkrampftheit. Ich habe sehr viel Verständnis für sie und ihre Gefühle. Manchmal sogar ein bisschen zu viel. Dann denke ich, dass wir im Grunde gleich seien und Freunde sein könnten. Das ist nicht gut. Dann brauche ich dringend mehr Einsamkeit.“

Lärmbelästigung

Eigentlich bin ja ich die Geräuschesau unter meinen Nachbarn. Ich bin es, der regelmäßig laut Musik macht. Sonst ist es im Haus meistens still, abgesehen von der knallenden Haustür. Irgendwo gegenüber im Hof gibt es noch eine alte Frau, die quartalsweise für einen halben Tag auf arabisch, türkisch, was weiß ich, litaneiartig schimpft über Gott, die Welt oder sich selbst. Vielleicht betet sie auch so. Nach 10 Minuten stimmt meistens ein anderer Nachbar ein, in einem leicht gehässigen, sie nachäffenden Tonfall. Wenn er sich davon erhoffen sollte, sie zum Aufhören zu bewegen, dann irrt er sich. Und schließlich gibt es da noch irgendwo einen, der selten nur, höchstens einmal im Monat für ein bis zwei Stunden in Straßenfestlautstärke Schlager und Marschmusik hört. Zu besonderen Anlässen auch Fernsehübertragungen. Mich stört all das nicht sonderlich, die größte Lärmquelle im Haus bin weiterhin ich, mit dem bisschen Geräusch kann ich leben.

Vor ein paar Tagen war allerdings wieder ein besonderer Anlass für eine Fernsehübertragung. Marschmusik kam auch darin vor, deshalb dachte ich mir zunächst nichts Böses dabei. Aber dann hörte ich die Redner, und ich merkte sofort, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Von den einzelnen Worten konnte ich nur Bruchstücke wahrnehmen, weil ich die Bässe zwar in voller Lautstärke mitbekam, die Höhen aber recht effizient von den Wänden weggefiltert wurden. Was mir nicht entgehen konnte, war der Tonfall. Er war äußerst ernst, feierlich und salbungsvoll. Jemand, der so redet, daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen, der lügt – egal, was er sagt. Was er so ungefähr sagte, hatte ich bald herausgefunden: Er hielt eine Trauerrede auf drei getötete Soldaten der Bundeswehr. In Trauerreden darf man auch ein bisschen lügen, denke ich, über Tote sagt man eben nur Gutes; das ist eine Frage der Höflichkeit. Aber dieser Tonfall gefiel mir trotzdem nicht. Ich hatte das Gefühl, hier wurde mehr gelogen, als üblich, und gar nicht nur über die Toten.

Die Sendung zog sich in die Länge, und das ging mir mehr und mehr auf die Nerven. Ich begann mich zu fragen, welcher Fernsehsender hier gerade eine Nachricht, das Begräbnis von drei getöteten Soldaten, zu etwas ganz anderem machte, zu einem kulturellen Ereignis, das man in voller Länge verfolgte und auf sich wirken ließ. Ich fragte mich, ob mein Nachbar vor dem Fernseher aufstand, als sie die Nationalhymne spielten, wie es inzwischen viele Leute bei öffentlichen Übertragungen von Fußballländerspielen tun. Ich überlegte, ob es nicht auch genau anders sein konnte. Vielleicht saß da jemand, der vom Zweiten Weltkrieg noch bewusst etwas mitbekommen hatte, wie paralysiert vor den Fernsehbildern dieser traurigen Inszenierung und fragte sich die ganze Zeit nur ängstlich, ob es jetzt bald wieder so weit sei. Vielleicht war es völlig anders. Man müsste seine Nachbarn kennen.

Es kann keine Kriegsbegeisterung aufkommen, ohne einen vernünftigen Totenkult, hörte ich die Wand sprechen. Generell will man zwar eigene Tote vermeiden, aber ganz ohne wäre auch kein Krieg vermittelbar. Man muss schon beweisen können, dass es einen bösen Feind gibt und Menschen, die alles, sogar ihr Leben gegeben haben für ihr Land. Ja, da fasst euch mal an die eigenen Nasen, Kinder der Konsumgesellschaft, ihr könnt doch gar nicht mehr geben, ihr wollt doch immer nur nehmen, nehmen, nehmen. Zugegeben, so ein Soldat nimmt auch, sogar Leben von anderen nimmt er. Und ja, damit die Rechnung am Ende aufgeht, sollten die Unsrigen tunlichst mehr Leben genommen, als gegeben haben. Aber die drei Helden, die haben gegeben, und alle unsere Soldaten in Afghanistan sind bereit zu geben. Seid ihr bereit? Keine Angst, ihr müsst nicht alle. Es gibt eine Aufgabenteilung. Was ihr aber alle tun müsst, ist, unsere Jungs unterstützen. Wie beim Fußball. Ihr dürft ihnen nicht in den Rücken fallen. Die können das nur durchstehen, wenn sie wissen, dass ihr unter allen Umständen auf ihrer Seite seid. Das allerdings ist das mindeste. Bei aller Kritik, wie berechtigt sie im Einzelfall auch sein mag, wenn es Tote gibt, muss die Nation hinter der Bundeswehr stehen. Das ist dann nicht die Zeit für politische Streitereien. Das sage ich ganz unpolitisch.

Meine Wand ist tückisch unter der weißgestrichenen Raufaser. Das weiß ich. Ich müsste die richtige Rede nachlesen. Ich habe gar keine Lust, doch man sollte wissen, worüber man schreibt. Ich habe nachgesehen, welche Fernsehsender es waren, die das Event in voller Länge übertragen haben: Phoenix und n-tv. Erst bei ARD und ZDF müsste man sich Gedanken machen, denke ich. Ich lese ein Guttenberg-Zitat, sinngemäß: Sein Töchterchen habe ihn gefragt, ob das Helden gewesen seien, die gefallenen Soldaten, und er habe geantwortet: „Ja, das waren Helden.“ Ganz unpolitisch habe er das seinem Töchterchen gesagt.

Warum auch immer wieder harmlose positive Begriffe wie „Heldentum“ hinterfragen? Sind wir hier im Sozialkundeleistungskurs einer linksliberalen West-Berliner Oberschule der 80er Jahre? Warum immer wieder völlig unpolitische Dinge unnötig politisch aufladen? Die Menschen sind das satt. Wir sollten uns besinnen auf Werte, die wirklich zählen, z.B. Kameradschaft und Ehre.

Ich lese auch von der besonderen Perfidie des Feindes, der aus dem Hinterhalt und am heiligen Karfreitag zugeschlagen habe. Eine Verhöhnung einer fremden Kultur durch Fremde, lese ich, in diesem Fall also unserer Kultur, will sagen: auch und gerade nämlich die Fremden verhöhnen Fremde, d.h. also dann, umgangssprachlich gesprochen, uns, und gar nicht nur wir die Fremden, wie die immer behaupten. Und auch in Deutschland gibt es ja Fremde, die keiner eingeladen hat. Es scheint geboten, sich mit aller ebenso gebotenen verbalen Vorsichtigkeit der besonderen Heiligkeit der eigenen christlichen Kultur zu erinnern. Das kann jeder. Er muss dazu nicht genau wissen, was das bedeutet und ob er sich damit wirklich identifizieren könnte. Er muss auch nicht Tag für Tag in der Bibel lesen und in die Kirche rennen. Wichtig ist nur das Bekenntnis. Es darf auch ein verdruckstes sein. Er sollte sich dazu bekennen, dass er einer der Unsrigen ist. Keine Angst, das tut nicht weh, im Gegenteil. Vielleicht mag es sich für den ein oder anderen Ungeübten zunächst ein bisschen komisch anfühlen, aber es tut gut.

Aber Frau Merkel, lese ich, Frau Merkel solle trotzdem auch die getöteten Afghanen miterwähnt haben. Merkel ist lieb, Merkel ist für alle da.