Die schönsten Songs zur Bundestagswahl

Vor einiger Zeit auf der Fête de la musique habe ich „Element of Crime“ gehört. Das war schön. Danach sind auf der gleichen Bühne „Virginia Jetzt!“ aufgetreten. Das war nicht so schön. „Virginia Jetzt!“ habe ich nach diesem Konzerterlebnis endgültig in der Schublade auf der „Bands, die so tun als würden sie Pop/Rock machen, dabei machen sie Schlager“ draufsteht, einsortiert. Wenn ich ihnen damit unrecht tun sollte, täte es mir auch nicht leid.

Neulich habe ich im Radio ein Interview mit Sven Regener, dem Sänger von „Element of Crime“ gehört, in dem er auf die Frage, ob eine Band Wahlkampf machen sollte, mit einer Gegenfrage antwortete: Mal angenommen, sagte er sinngemäß, ich finde eine Band so richtig scheiße und die machen Werbung für eine Partei, die ich eigentlich eher gut finde – soll ich die Partei dann nicht mehr wählen?

Einen Tag später habe ich ein Plakat der Grünen gesehen, das eine große Wahlveranstaltung ankündigte, auf der auch „Virginia Jetzt!“ auftreten werden. Da schließt sich der Kreis.

And now to something completely different:

Unter dem seltsamen Titel “Vorsicht Opposition” (Wieso „Vorsicht“? „Vorsicht Steinschlag!“ verstehe ich ja, aber wieso sollte ich mich vor einer Opposition vorsehen müssen?) schrieb vor ein paar Wochen jemand in der Wochenzeitung „Die Zeit“ in locker-flockiger Geistlosigkeit über eine weit und unscharf umrissene Gruppe aus „Internetrebellen, Nichtwählern, jungen Aktivisten“, die er zu „Vorkämpfern eines neuen politischen Bewusstseins“ erklärte. Diese Leute seien für „die Politik“, nicht aber „für die Parteien“ „zu gewinnen“. Hervorgehoben wurde dort besonders ein Lied, mit dem die Partei „Die Piraten“ Wahlkampf für sich macht. Denn:

„Der Refrain lautet: »Freiheit, Gleichheit, Demokratie, wir haben Werte und kämpfen für sie.« Wann hat man das letzte Mal junge Menschen Hymnen auf »Freiheit und Gleichheit« singen hören? Auf die »Demokratie«?“

Also ich persönlich hatte das vor ein paar Monaten erst. Es war ein prägendes Erlebnis, deshalb fiel es mir sofort wieder ein:

http://www.youtube.com/watch?v=QgfbMVuFr-s

Ja, das hat damals richtig Spaß gemacht, sich das anzuhören. Darum habe ich mir für das heutige Blog vorgenommen, mal die Wahlkampfauftritte der Parteien, die zur Bundestagswahl antreten, nach ähnlich spannendem Songmaterial zu durchforsten. Ein allerletztes Mal Spaßwahlkampf in diesem Blog. Bitte, die Laptoplautsprecher aufdrehen, tanzen und mitsingen!

http://die-violetten.de/images/stories/audio/Die_Violetten_Das_Lied.mp3

Hier präsentiert sich im Gegensatz zum inhaltsarmen und langweiligen Wahlkampf der etablierten Parteien eine politische Bewegung einmal wahrlich sprühend vor neuen Ideen und Energie. Ob die CDU da mithalten kann?

http://www.team2009.de/teamsong.html

Ich bin beeindruckt, das ist tatsächlich noch mehr brainwashed als das Lied der Violetten. Das ist die Merkel-CDU in Reinkultur. Poetischste Zeile: „Der Moment, der Weichen stellt, hier im Strom der Zeit“

Mal ehrlich: Dieser „teamdeutschland“-Schlager ist so ekelig, dass die übliche Peinlichkeit des goldigen CDU-Nachwuchses fast erholsam wirkt:

http://www.youtube.com/watch?v=_3j09mYUXnA&feature=related

Die Jungen Liberalen können’s noch besser. In musikalischer Hinsicht ganz klar mein Favorit. Unglaublich! Natürlich auch mit entsprechend irrem Text. Bitte, das müsst ihr wirklich gehört haben. Sonst glaubt ihr’s nicht.

http://www.julis-mannheim.de/index.php?id=3264

Zur Erholung jetzt erstmal sehr schön bodenständiges Liedgut. Die FDP ist halt auch kommunalpolitisch unschlagbar: „Gibt’s beim Landbau Durcheinander, fragt getrost Hans-Heinrich-Sander. / Der kennt nicht nur rote Früchtchen, nein, auch Schweinemast und Klee! / Wollt ihr Küstenschutz und Kuh, holt euch den Lübbo noch dazu – / wenn ihr fürs Land seid, wählt die FDP!“

http://www.gesine-meissner.de/Unser_Land_braucht_Liberale%5BJazz%20Edit%5D.mp3

Die FDP-Leute brauchen wirklich keine Kultursubventionen. Auch Angela Westfehling hat mich begeistert. Was für ein Refrain!

„Nur Blau-Gelb / Und die Mitte hält / Es wird weiter geh’n / Wenn wir die Farben sehn“

http://www.angela-westfehling.de/

Bei der Linken habe ich dagegen nicht viel mehr als eine sächsische Kommunalpolitikerin gefunden, die ein kurzes Lied singt. Allerdings typisch Linke, macht sie sich’s sehr einfach. Außerdem indoktriniert sie kleine Kinder.

Die Linke scheint ihr Liedgut zu DDR-Zeiten irgendwie schon verbraucht zu haben. Und wie sieht’s mit der DKP aus? Die haben einen eigenen Wahlkampfsong nicht nötig, weil sowieso alle Liedermacher in der DKP sind oder wenigstens waren. Und wenn gar nichts mehr geht, kann man sogar noch Funny van Dannens „Ich will den Kapitalismus lieben (aber ich schaff es einfach nicht)“ unter das Werbevideo legen (7:37) oder gleich zu den mitreißenden Reden tanzen (7:15):

Von den Grünen habe ich nichts gefunden. Es ist wohl schon schlimm genug, wenn „Virginia Jetzt!“ für einen aufspielen.

Schließlich zum Abschluss die ganz originelle Piraten-Bordkapelle. Bitte sehr: „Alle, die mit uns den Bundestag entern, müssen Piraten mit Werten sein. Freiheit, Gleichheit, Demokratie – wir haben Werte und wir kämpfen für sie.“ Diesen Text einfach so lange wiederholen, bis er nicht mehr hohl und beliebig klingt, wahlweise bis man’s nicht mehr aushält (ungefähr nach 1 Minute und 30 Sekunden – tatsächlich ungewöhnlich professionell von den Piraten, dass sie das Lied so kurz halten).

http://www.youtube.com/watch?v=Zzs_9suYC28

Einen hab ich noch, aber der ist außer Konkurrenz:

Dagegen haben die „Atzen“, die Komponisten des Originals („Hey das geht ab. Wir feiern die ganze Nacht.“) geklagt. Aus ihrer Sicht logisch, denn da hat mal ein anonymer Werbeprofi aus ihrem Müll, dadurch dass er ihn in den denkbar absurdesten neuen Kontext gesetzt hat, etwas gemacht, was mühelos als gute zeitgenössische Kunst durchginge. Und allein für den Zusammenschnitt der völlig debil grinsenden Parteispitze wäre ein Echo fürs beste Musikvideo fällig. Ich habe es mir gerade noch mal angehört. Das ist wirklich fantastisch. Das ist kein Wahlkampfsong für irgend eine anscheinend überflüssig gewordene Partei mit einem ideenlosen und zynischen Bürokraten als Vizekanzlerkandidaten, das ist politische Lyrik auf der Höhe der Zeit. Und apropos auf der Höhe der Zeit: Liebe Piratenpartei, so macht man das nämlich. Man scheißt aufs Urheberrecht und stellt das Zeug einfach anonym ins Netz. Als nächsten Schritt wird die SPD den Quellcode für das Programm Steinmeier online stellen.