Der lustige Fremde

„Ich brauche mehr Einsamkeit“, sagte der lustige Fremde und die Mauer widersprach nicht. „Dort, wo ich herkomme, habe ich verlernt zu atmen. An demselben Ort, wo ich es zunächst erst lernte – und zwar ganz und gar mühelos, soweit ich mich erinnern kann. Nie hätte ich gedacht, es könnte möglich sein, etwas so Selbstverständliches wieder zu verlernen. Und dennoch habe ich es verlernt“, sagte der lustige Fremde der Mauer. Und die schwieg. Zum Glück. Denn hätte der lustige Fremde sie sprechen hören, müssten wir uns wohl ernsthafte Sorgen um seine geistige Gesundheit machen, und das wollen wir nicht. Wir wollen uns um niemandes geistige Gesundheit sorgen müssen, am wenigsten um die eines Fremden. Der und sein Leben gehen uns eigentlich gar nichts an, was auch so bleiben sollte. Denn am einzelnen Fremden dran hängt ja auch noch seine fremde Kultur, von der man wenig weiß, doch was man so hört, ist wahrlich nicht nur Gutes. Sie soll insgesamt ungesund sein und – wenn man nicht aufpasst – zum Teil sogar gefährlich.

„Das Verlernen war ein schleichender Prozess“, sprach der Fremde weiter, „heimtückisch wie – ich weiß gar nicht genau wie. Wie ein Strudel in einem Badewannenabfluss für ein kleines Tier – ich weiß nicht, welche Sorte kleines Tier sich in Badewannen aufhält, eine Spinne vielleicht. Und die Spinne, von der ich jetzt mal annehme, dass sie schwimmen kann, treibt ganz ruhig und entspannt auf dem Wasser sitzend zum Abfluss hin und bemerkt die Strömung unter sich kaum. Und als sie sie dann doch bemerkt, ist die Strömung schon ganz gewaltig und reißend und mit einem kurzen Schlürfen verschwindet die Spinne in wenigen Sekundenbruchteilen im Abfluss – und das war es.

Ich habe nicht bemerkt, wie etwas ganz leicht, aber stetig sich steigernd an meinem Atem zog. Er strömte nicht mehr auf und ab in gleichmäßigen Wellen, er strömte Zug um Zug mehr in die eine Richtung, in einem Strudel mehr auf den Mittelpunkt meines Körpers zu, wo er sich sammelte und zu einer Art Klumpen verdichtete, der schwerer und schwerer wurde und immer mehr und schneller Atem sog. Da erst bemerkte ich es langsam. Nicht am Druck, der sich so gleichmäßig erhöht hatte, dass ich außer einem diffusen Unwohlsein nichts von ihm spürte; ich bemerkte es, weil ich mich immer öfter räusperte, in kleinen, lächerlichen Hustenstößen versuchte, etwas von dem Übermaß an Luft in mir wieder auszustoßen. Zu diesem Zeitpunkt war die Luft um mich herum, in der ich selbst mich mein Leben lang bewegt hatte, ganz dünn geworden und der schwere, alle Luft in sich aufsaugende Klumpen in meiner Mitte ganz dick. Es drang nun fast überhaupt kein Atem mehr aus mir heraus, und es schien unausweichlich, dass es mich und meinen ganzen Körper im nächsten Augenblick umkrempeln und ich mit einem kurzen Gurgeln in meinem eigenen Mittelpunkt verschwinden würde.“

Der lustige Fremde brüllte ein kräftiges Lachen gegen die Mauer. „Eine verrückte Vorstellung, oder? Und das Verrückteste ist, dass die Leute um mich herum ganz normal weitermachten. Ihnen schien es nicht an Atemluft zu fehlen und sie wurden auch nicht von mir aufgesogen.“

Der lustige Fremde schwieg und auf uns machte es den Eindruck, als wolle er der Mauer Gelegenheit geben, etwas dazu zu sagen, was natürlich kein gutes Zeichen gewesen wäre. „Ich habe mich immer so sicher gefühlt in meinen Alpträumen“, sagte er dann.

Martin Thoma

Martin Thoma

„Selbt in den allerschlimmsten gab es immer einen Teil von mir, der genau wusste, ich würde in meinem Bett aufwachen, in meinem warmen, weichen Bett, das vielleicht ein bisschen säuerlich, aber für mich angenehm nach mir selbst roch, in meinem sicheren Zuhause. Das war die Wirklichkeit. Das andere waren unterbewusste Fantasien, aber ohne tiefere Bedeutung, einfach Funktionen meines Gehirns zur Regenerierung, wie sie jeder andere Mensch auch hat, so wie jeder Mensch isst und verdaut und ausscheidet. Menschen, die sich über ihre Träume Gedanken machten, waren für mich in einer Phase ihrer Entwicklung stehen geblieben, sie waren wie kleine Kinder, die nach dem Aufsklogehen ihre Kacke begutachten und darin werweißwas Bedeutendes sehen.“

Flüchtig, beinahe wie zufällig berührte der lustige Fremde die Mauer. Einen kurzen Moment stützte er sich mit einer Handfläche gegen sie, verlagerte dann sein Gewicht und ließ die Hand noch ein paar Zentimeter die Ziegeln entlangstreichen, ehe er sie wieder fortnahm. „Die Wahrheit war“, sprach der lustige Fremde weiter, „in diesem Bett würde ich sterben. Nirgends war ich so gefährdet wie dort. Einmal lag der Tod neben mir. Du weißt schon dieses Skelett mit dem schwarzen Mantel und der Sense, ganz klassisch. Der Tod sagte nichts, er hatte bloß seinen Schädel in meine Richtung gedreht und grinste, was aber nichts zu bedeuten hatte, denn es war ja kein echtes Grinsen, sondern nur dieses grinseartige Aussehen, das ein Totenschädel eben hat. Doch dann hörte ich das Geräusch. Ein Knirschen. Nach einer Weile begriff ich, dass es der Tod war, der mit den Zähnen knirschte. Es klang fürchterlich, als knirschten die Wände, die Decke und der Boden mit. Mir war klar, dass das nur ein Traum war, darum hatte ich keine schlimme Angst. Vorsichtshalber wachte ich aber trotzdem lieber auf. Ich lag ganz allein in meinem vertrauten Bett, der Tod war verschwunden, ich atmete auf.

Das wollte ich zumindest. Doch ich konnte nicht. Ein tonnenschwerer Druck hielt meine Kiefer verschlossen und gleichzeitig rieben meine Zähne unablässig gegeneinander. Wenn sie so weitermachten, würden sie sich noch in dieser Nacht zu feinem weißen Pulver zermahlen. Ich versuchte vergeblich, sie auseinander zu bekommen, ich nahm meine Hände zu Hilfe und zerrte an meinem Unterkiefer, aber es ging nicht. Ich bekam Panik. Und dann hörte ich ein Lachen. Es war nicht zu orten, wohl aus irgendeiner der angrenzenden Wohnungen. Es dauerte gar nicht lang, aber es klang unglaublich hämisch. Mir wurde schlecht von diesem Lachen und als meine Zähne schließlich doch noch voneinander abgelassen hatten, hallte es lange in meinem Kopf nach.“

Wir fragten uns langsam, warum der lustige Fremde der Mauer von seinen Alpträumen erzählte, und bemerkten im nächsten Augenblick mit Schrecken, wie absurd diese Frage war. Als wäre es nicht völlig gleichgültig, was er der Mauer erzählte. Als wäre der eigentliche Skandal nicht, dass er überhaupt mit ihr redete. So weit war es mit uns also schon gekommen.

„Eigentlich war es schön zuhause“, sagte der lustige Fremde. „Ich kannte dort alles und jeden, sogar die Mauern. Oder, um genauer zu sein: Alles, was ich nicht kannte, sah ich nicht mehr. Alles, was ich sah, war lange und gut mit mir befreundet. Damals war ich der glücklichste Mensch, den man sich denken kann.“

Der lustige Fremde begann, die Mauer zu streicheln. Mit ein wenig abwesendem Blick, aber anhaltend. Er gab sich jetzt gar keine Mühe mehr, es wie zufällig aussehen zu lassen. Wir überlegten, ob wir einschreiten sollten. Eine Mauer kann sich schließlich nicht wehren. Es kam uns wie Missbrauch vor. Aber wir hatten Angst, uns lächerlich zu machen.

„Und dann hat sich der Tod zu mir ins Bett gelegt. Ich glaube, zur gleichen Zeit muss es mit dem Strudel in meinem Inneren losgegangen sein, doch es dauerte ein paar Jahre, bis er fast alle Luft um mich herum, in mich hinein gesaugt hatte. Da bin ich geflohen, obwohl Frieden und Wohlstand herrschten.“

Der lustige Fremde schwieg. Sollte das seine ganze Geschichte gewesen sein? Wir finden, er sollte wieder zu sich nach Hause gehen. Denn hier bei uns spricht man nicht mit Wänden. Niemand tut das. Es ist eine Beleidigung der Menschen. Nicht nur der Menschen: der Hunde und Katzen und Hamster und Heimchen und Fahrkartenautomaten, ja, sogar der Fahrkartenautomaten!

„Hier nennt man mich den lustigen Fremden“, sagte der lustige Fremde, „weil ich so viel lache. Immer, wenn mir etwas Neues begegnet, lache ich. Weil ich es kann — mein Atem geht wieder ganz leicht. Und immer begegnet mir etwas Neues. Ich weiß, dass mich die meisten hier nicht sonderlich mögen. Sie haben Angst vor mir, denn ich bin nicht von hier und mein Lachen verstehen sie nicht. Das ist gut. Es ist befreiend, sie alle so sehen zu können mit ihrer Angst und ihrer Verkrampftheit. Ich habe sehr viel Verständnis für sie und ihre Gefühle. Manchmal sogar ein bisschen zu viel. Dann denke ich, dass wir im Grunde gleich seien und Freunde sein könnten. Das ist nicht gut. Dann brauche ich dringend mehr Einsamkeit.“

Der Frühling ist da

Vor drei Wochen wollte ich über den Frühlingsanfang schreiben. Mir war so. Ich hatte das Gefühl, da kommt er gerade.

Es begann damit, dass ich, kurz bevor der Tag nicht mehr zu retten gewesen wäre, doch noch vor die Tür gegangen bin. Die Sonne schien, und es war noch hell. Nicht dämmerhell von Restlicht reflektierenden Schneeflächen, sondern geradezu knallhell vom Himmel. Als ich dann vor der Tür bin und die überraschend milde Luft in die geöffnete Winterjacke lasse, hat sich das Bild schon leicht verändert. Direkt über mir drückt eine schwarze Wolkenbank. Doch die Sonne steht tief an einem anderen Ort und lässt alles Reflektierende unter dem dunklen Himmel nur um so heller leuchten.

Scharfe Kontraste geben mir ein Gefühl von Klarheit, das mich glücklich machen kann. Die Dinge vermatschen dann nicht miteinander zu Es-ist-mir-egal-aber-so-will-ich’s-doch-nicht-haben-Gebilden, sondern jedes steht einzeln für sich, einzeln und schön. Und greifbar. Ich stehe irgendwo in Berlin und brauche nur die Hand auszustrecken, um mir den Fernsehturm zu pflücken, ihn nach Hause in meine Wohnung zu nehmen und dort in eine hübsche Porzellanvase zu stellen, wo er sich bei guter Pflege einige Tage halten wird. Das macht die Kantenschärfe. Es gibt Menschen, die bewundern sie auch im übertragenen Sinn an anderen Menschen. Wer sich an allen zwölf Kanten seines Quadratschädels deutlich seinen Gegnern gegenüber abgrenzt, dem unterstellen sie Charakterstärke und klares Denken. Am liebsten würden sie ihn sich pflücken und als Leuchtturm in die Wohnung stellen. Doch, sie benötigen Leuchttürme in ihren Wohnungen, gerade dort. Denn sie haben sich so sehr an sie gewöhnt, dass sie vergessen haben, wie wenig sie sie kennen. Sie stolpern über Schwellen, die dann plötzlich schon immer da waren. Die meisten Unfälle passieren im Haushalt. Gut, wenn man so einen Leuchtturm hätte. Schade, dass die Klarheit von Ansichten Illusion ist. Und die Vorstellung, man könne einen mitnehmen in die eigene Wohnung, ohnehin. Kantenschärfe ist allein eine Frage, in welches Licht sich einer stellt.

Ich atme die klare Luft vor meiner Haustür, nehme ihre milde Temperatur als Frühling und gehe los, als der Hagel einsetzt. Nicht viel, nicht hart und nicht lang. Nur ein leiser Gruß von der schwarzen Masse über mir. „Ich weiß doch, dass du da bist“, nicke ich ihr zu, „und danke für das Licht. Und siehst du, was gestern mit den Straßen geschehen ist? Nachdem der Schnee getaut war nach diesem langen Winter, nachdem die Überreste der Silvesternacht in Fetzen und Scherben wieder an die Luft kamen zusammen mit dem Duft von aufgetautem Hundekot, nachdem schließlich die Tauwasserlachen langsam in den Gullis verschwunden sind und das Granulat und der Sand mit jedem Schritt knirschten, wenn man nicht gerade versehentlich mit den Füßen Papierfetzen, zerbrochenes Glas oder Hundekot traf? Seit gestern sind sie leergefegt. Nur den Müll, den der Wind in die Sträucher geweht hat, kann man noch sehen. Gestern noch war alles trübe und Matsch, und auf einmal ist alles rein, Erde und Luft gleichermaßen. Ich weiß, dass du da bist, dunkle Wolke; und so wie jetzt die Sonne steht, gefällst du mir.“

Erkan und Stefan kommen mir entgegen. Sie tragen das Gepäck ihrer Oma, einer tonnenförmigen Gestalt mit langem dunkelblauen Mantel und Kopftuch. Sie tragen es hinter eine von Satellitenschüsselbalkons aufgelockerte Betonfassade. Vermutlich sind es nicht Erkan und Stefan, vermutlich sehen sie nur genauso aus. Es sind Imitatoren. Erkan und Stefan waren vor ihnen da. Sie sind nicht der wahre Kern, aus dem das Klischee entstanden ist, sie sind aus dem Klischee entstanden; sie erfüllen es, so gut sie können. Das hat auch etwas mit Klarheit zu tun, und mit Sicherheit. Früher oder später muss man sich entscheiden, wo man hingehört wegen der Kantenschärfe. Und früher oder später ist natürlich gelogen. Die Wahrheit lautet: sofort und jeden Augenblick.

Im Humboldthain spielen ältere Männer Boule. Ihre Rufe hallen durch den Park, und ich sehe mich als Kind an einem Sonntag mit dem Skateboard auf den asphaltierten Wegen des Volksparks Wilmersdorf zwischen den ganzen Fußballplätzen dort. Um mich herum das Rufen von spielenden Männern; in unregelmäßigen Abständen schneiden die Trillerpfeifen der Schiedsrichter dazwischen, und dann hört man wütende Proteste von kleinen Gruppen neben den Spielfeldern. Ich habe ein Skateboard, weil alle eins haben. Weil die Vorstellung, wie ich darauf stehend mich mit einem Bein lässig vom Boden abstoßend über den glatten Asphalt gleite, schnell, kraftvoll und elegant, mich ganz verliebt in mich macht. Um überhaupt ein paar Meter vorwärts zu kommen, knie ich allerdings meistens auf dem Brett, mit gekrümmtem Rücken und mache hastige Bewegungen mit dem rechten Bein. Das macht nur so ein bisschen Spaß. Aber ich habe das Skateboard, und ich habe den Sonntag, und ich möchte schon etwas anfangen damit. Der sonntägliche Frieden im Park ist tief, und so wie ich die Tiefe eines Abgrundes auf einem bunten Urlaubsfoto sehen kann, weil der Fotograf ganz im Vordergrund einen windschiefen kleinen Baum mit aufs Bild genommen hat, kann ich die Tiefe dieses Friedens hören, weil von den umliegenden Fußballplätzen Schlachtrufe hallen, die für einen Moment sehr ernst gemeint sind. Der Kontrast macht alles klarer.

Ich bin ein Kind, das alles in allem so friedlich und zivilisiert herangewachsen ist, wie wahrscheinlich noch kein Kind vor ihm auf der ganzen Erde. Und das inmitten waffenstarrender Festungen, wie es sie in diesem Ausmaß wohl auch noch nie gegeben hat. Und ich spüre das. Und wenn die linken Liedermacher aus der Plattensammlung meiner Eltern von den Kriegen gegen die Völker Lateinamerikas singen, dann singe ich mit. Und wenn ich auf dem Skateboard fahre, gut möglich, dass ich da gerade die Geschichte vom Fischerjungen Pablo, der dabei zusehen muss, wie seine Eltern von Soldaten grauenvoll ermordet werden, als Ohrwurm im Kopf habe: „Ein Bild in der Zeitung, ein Kindergesicht, / indianisch geschnitten das Haar, schwarz und dicht, [genau wie meins] / ein Junge vielleicht zwölf Jahre alt, / die Haut bronzebraun, von zarter Gestalt. / Und in seinen Händen liegt sperrig und schwer, / entsichert, mit glänzendem Lauf ein Gewehr. / Hab dich nie gesehen und doch kenne ich dich / und nenne dich Pablo nur so für mich. / Und frage mich, wie und warum und woher / haben so Jungen wie du ein Gewehr, / in El Salvador oder anderswo? / Ich brauch nicht zu fragen, ich weiß es auch so.“ Es ist aus der Zeit, in der Hannes Wader Lieder schrieb, die man, wenn man Erwachsen war, als Betroffenheitskitsch abtun konnte, obwohl es das Wort dafür wohl noch nicht gab. Und wenn ich, nicht alltäglich, aber ein, zwei mal bei einem Sonntagsausflug zum Grunewald, Panzerkolonnen der Amerikaner vorbeifahren sehe, prägt das Geräusch ihrer Ketten auf dem Asphalt eine Angst, die dadurch nicht geringer wird, dass ich sie kaum verstehe. Oder wenn die Ostgrenzer von den toten Bahnhöfen aus dem grauen Land, durch das wir im D-Zug, im durchfahrenden Zug, von einer schweren lauten Diesellok mit dem stolzen Namen Taiga-Trommel geschleppt werden, mit Schäferhunden in die Abteile kommen. Und Mama, die ihre Angst vor Hunden, wie auch sonst alle ihre Ängste, behutsam an mich weitergibt, sich fast in die Hose macht. Oder in den Sommerferien in Westdeutschland, wo die Bundeswehr über der Rheinebene mit ihren Düsenjägern durch den Schall bricht und Scheinangriffe auf die beiden Kühltürme vom AKW Philippsburg fliegt. Ich habe die Bilder aus Tschernobyl gesehen und die Angst der Erwachsenen gespürt, die in dem Regen, in dem wir gespielt hatten, so etwas wie ein Gespenst sahen mit dem Namen Fallout. Und ich weiß, wir werden alle sterben, wenn einer der Piloten eines Tages das Atomkraftwerk aus Versehen einmal nicht verfehlt.

Wieder im Heute frage ich mich kurz, ob sie das immer noch machen: mit ihren Kampfjets auf die AKWs zuhalten und erst im letzten Moment abdrehen. Vermutlich schon. Kampfpiloten kann man ja nicht nur am Flugsimulator ausbilden; und nichts gegen unsere AKWs, die halten noch 60 Jahre. Und wenn ich Pilot wäre, das würde mir schon Spaß machen.

Ein junges Pärchen besteigt vor mir den Flakturm. Sie sollen weggehen. Ich bin allein, ich möchte die tiefstehende Abendsonne über den Dächern der Stadt auch allein anstarren. Vielleicht nebenbei noch Enten füttern, wenn hier oben welche wären, mit Wackersteinen am besten, wahlweise Tauben oder Ratten vergiften. Wo stecken sie denn die Weddinger Ratten? Die sind doch sonst nicht so schüchtern. Die beiden Süßen schleppen sich vor mir ungeheuer langsam den Kriegstrümmerhügel hoch. Sie quälen sich. Ich könnte sie drei mal überholen, aber ich kann es nicht, denn auf der Treppe ist nicht genug Platz. Das macht mich nervös und unnötig aggressiv. Am nächsten Absatz komme ich doch vorbei. Das Pärchen röchelt, und sie spukt etwas auf den Boden. „Musst du kotzen?“ fragt er näherungsweise zartfühlend. Und statt zu antworten, spuckt sie noch ein bisschen; aber was Rechtes kommt nicht. Ihr Gesicht verwirrt mich: der Kontrast zwischen äußerem Zustand und innerem Ausdruck. Gemessen am Ausdruck würde ich sagen, sie ist zwölf. Vom Zustand her würde ich sie drei mal so alt schätzen. Er müsste Mitte zwanzig sein. Jemand, der jedes Wochenende in einer Fußballfankurve steht — und es ist nicht die Fankurve von St. Pauli oder Freiburg, und von Bayern oder Werder bestimmt auch nicht. Und eine Weile danach liegt er dann irgendwo. Vielleicht bei ihr, und sie stellt ihm einen Eimer hin und fragt, ob er noch mal kotzen muss, und er stöhnt, dass sie einfach nur das Maul halten soll.

Berlin liegt in der Abendsonne. Ganz schön. Ich habe bei Google-Maps gesucht, was dieser große kahle Berg in greifbarer Nähe im Nordosten vor der Stadt ist: eine Art Mülldeponie oder so was. Ich werde bald das Fahrrad nehmen und mal hinfahren. Es ist ja Frühling.

Am nächsten Tag war dann doch wieder Winter.

Aber jetzt.